Kattowitz 2017

Flugverbindung von Köln oder Dortmund nach Kattowitz mit Wizzair

„POETUS LITERARUS“. Heinrich Böll zum 100. Geburtstag

Konferenzreise – Vom 18. bis zum 21. Oktober hatte ich die Möglichkeit, finanziert durch ein Reisestipendium im Programm a.r.t.e.s. international – for all der a.r.t.e.s. Graduate School for the Humanities Cologne, meine erste Konferenzreise seit Projektbeginn im letzten Herbst 2016 aufzunehmen. Anlass der Reise war die von der Schlesischen Universität Katowice organisierte Tagung POETUS LITERARUS“. Heinrich Böll zum 100. Geburtstag, die am 19. und 20. Oktober in der Biblioteka Śląska stattfinden konnte und an der ich mit meinem Beitrag Der private ›Böll‹ als Autor der Öffentlichkeit aktiv gestaltend teilnahm. Der Vortrag mit anschließender Diskussion (sowie Publikation 2018) bot einerseits die Möglichkeit, einem Fachpublikum erste Ergebnisse meiner Arbeit vorzustellen, andererseits war es für mich ein erster erreichter Meilenstein in der Projektarbeit. Besonders das Kennenlernen durch intensive Gespräche mit Kollegen*innen aus Deutschland und Polen sowie die Kontaktaufnahme mit wichtigen Vertreter*innen der Böll-Forschung und verschiedener Interessengruppen (Heinrich-Böll-Stiftung, Erbengemeinschaft) waren, neben den zahlreichen Vorträgen, grundlegend für weitere Kooperationsmöglichkeiten.  Damit war das Ereignis insgesamt nicht nur inhaltlich erfolgreich, sondern bleibt als positive Erfahrung in Erinnerung.

Erste Eindrücke aus Kattowitz

Die Stadt Kattowitz liegt im Süden Polens und ist mit ca. 300.000 Einwohnern als Hauptstadt der polnischen Woiwodschaft Schlesien ein vom ständigen Wandel geprägtes, wirtschaftliches und kulturelles Zentrum. Die Anreise ist dank einer kostengünstigen Verbindung von Köln oder Dortmund mit der Airline Wizzair und einem ebenso preiswerten wie unkompliziertem Bus-Transfer vom etwas abgelegenen Kattowitzer Flughafen in das Stadtzentrum (ca. 40 Minuten Fahrt) völlig unkompliziert. Preise für Unterkunft und Lebenshaltung sind insgesamt etwas günstiger als in Deutschland.

Schlesisches Museum (Katowice) – Der Neubau des 2014 fertiggestellten Museums wurde von den Architekten Riegler und Riewe aus Graz geplant und liegt in der Kulturzone der Stadt. Das neue Museum wurde auf dem Gelände des alten Bergwerks errichtet und umfasst Ausstellungen u.a. zur Malerei von Künstlern*innen aus Polen von 1800 bis in die Gegenwart und eine herausragende Ausstellung zur historischen Entwicklung und Geschichte Oberschlesiens (zur Website des Museums).

Die Stadt ist etwas kleiner als Köln und weist, neben einer deutlichen Atmosphäre der Gastfreundschaft, besonders in ihrer Architektur eine spürbare Spannung des Übergangs und des beständigen Wandels auf. An fast jeder Ecke wird irgendwo neu gebaut oder Altes restauriert. Als ehemalige Bergbaustadt ist das Stadtbild geprägt von der vergangenen Industrie- und Arbeiterkultur einerseits, andererseits hat auch hier die Zeit des Sozialismus ihre architektonische Handschrift hinterlassen. Bergbau und Schwerindustrie sind heute Vergangenheit. Es entwickeln sich neue Strukturen der Dienstleistungsbranche, Elektroindustrie und Informationstechnik. Gleichzeitig ist Kattowitz als Studentenstadt auch ein universitäres  Zentrum.

Universitäre Zusammenarbeit

Die Germanistik der Schlesischen Universität Katowice und das Institut für deutsche Sprache und Literatur I an der Universität zu Köln arbeiten seit diesem Jahr im Rahmen von ERASMUS zusammen. Da die gesamte Tagung in der Biblioteka Śląska stattfand, hatte ich während dieser Reise leider (noch) nicht die Möglichkeit, die Universität selbst und das Institut der Germanistik zu besuchen. Wir haben uns aber während der Veranstaltung gegenseitig darauf verständigt, dies zu einem späteren Zeitpunkt nachzuholen. Insgesamt zeigten sich bereits im Verlauf der Tagung Potentiale des Standortes sowie einer möglichen wissenschaftlichen Zusammenarbeit auf europäischer Ebene.

Tagungsort: Die Schlesische Bibliothek (Biblioteka Śląska)

Allgemeines zur Tagung

Die Tagung begann am Donnerstag zunächst mit der obligatorischen Begrüßung sowie der Ausstellungseröffnung. Nach den üblichen einleitenden Worten des Dankes wurde die Tagung durch Leszek Żyliński (Toruń) mit dem Vortrag „Der ethische Realismus Heinrich Bölls“ eröffnet. Żyliński  betonte die besondere Form des Böllschen Realismus, indem er zeigte, dass dieser über seine eigene Faktizität hinausreiche und dadurch eben kein Realismus im klassischen Verständnis sei. Darüber hinaus betonte er die besondere Gebundenheit der Autorschaft Bölls. Als Autor habe dieser das Schreiben als „demokratische[n] Vorgang“ und den Schriftsteller als „Bruder“ in Abhängigkeit des „gesamten Personals“ verstanden. Einmischung sei entsprechend eine ständige humanitäre Verpflichtung. Dadurch wurde m.E. nach auch deutlich, dass die Zeitgenossenschaft Bölls keine Räume für einen Rückzug des Einzelnen vorsieht.

Im Anschluss an den Eröffnungsvortrag folgte der erste Vortragsblock der Tagung. Paweł Zimniak (Zielona Góra) sprach auf Grundlage einer systemtheoretischen Vorlage (Luhmann) unter dem Titel „Leidende Körper“ zum Körper als systematischen Grenz- und Erfahrungsraum. Arletta Szmorhun (Zielona Góra) sprach zum Thema „Kirche und Gewalt. Heinrich Bölls De(kon)struktion des institutionellen Katholizismus“ und entwickelte ihre Ausführungen zur Darstellung von Weiblichkeit und struktureller Gewalt auf einem Gewaltbegriff nach Johan Galtung. Daran anschließend hatte ich zum Abschluss des ersten Vortragsblocks die Möglichkeit, meinen etwa 20-minütigen Vortrag vorzustellen. Im Abendprogramm wurden die jüngst erschienen Kriegstagebücher (Manchmal möchte man wimmern wie ein Kind, Kiepenheuer & Witsch: Köln 2017) durch René Böll einführend kommentiert und von Volker Venohr auszugsweise gelesen.

Eigener Vortrag

Wie schon im Schreib- und Arbeitsprozess während meiner Examensarbeit, war auch die Zeit zur Genese des Vortrags wieder eine sehr intensive. Ich hatte dieses Mal das Glück, in den zwei Wochen vor der Tagung vergleichsweise frei von Nebengeräuschen schreiben und arbeiten zu können. Dadurch war es gut möglich, in strukturierten Etappen effizient, aber ohne Hetze ans Ziel zu kommen. So war mein Skript bereits am Wochenende vor der Tagung grundlegend fertiggestellt und konnte noch zwei Tage ruhen. Montags konnte ich dann in die redaktionelle Korrektur einsteigen, sodass vor Kattowitz noch die notwendigen Leseübungen und Kürzungen erfolgen konnten. Dadurch war das Skript zum (ersten) Vortrag von präziser Länge, ausreichend strukturiert, sprachlich anspruchsvoll und dabei gleichsam verständlich. Mein Thema sowie meine ersten Ergebnisse konnte ich entsprechend zumindest skizzenhaft in wichtigen Punkten präsentieren. Hilfreich war es, dass mir das Lesen wie der Umgang mit Stimme und Mikrofon bereits aus anderen (auch literarischen) Kontexten vertraut war.

Eingang mit Tagungsplakat (Biblioteka Śląska)

Zweiter Tagungstag

Den zweiten Tag eröffnete ein Beitrag René Bölls zur Geschichte und historischen Entwicklung der Familie Böll im Spiegel der globalen und insbesondere bundesdeutschen Öffentlichkeit. Thema waren hier u.a. die zahlreichen Diffamierungen im Kontext des Deutschen Herbst. Im Anschluss erfolgten zwei parallele Vortragsstränge (Deutsch, Polnisch). Im deutschsprachigen Teil wurde von Elsbeth Zylla (Berlin, Heinrich-Böll-Stiftung) die Verbindung zu Lew Kopelew auf Grundlage des Briefwechsels vorgestellt. Daran anschließend sprachen Paweł Piszczatowski (Warszawa) zu „Heinrich Böll und Paul Celan: zur Geschichte einer komplizierten Freundschaft“, Grażyna B. Szewczyk (Katowice) zum Gespräch zwischen „Heinrich Böll und Horst Bienek“ und zum Begriff der „Heimat“. Astrid Shchekina-Greipel (Freiburg) stellte in ihrem rezeptionsgeschichtlichen Ansatz „Heinrich Böll in den Augen des sowjetischen Kulturapparats“ dar. Ebenfalls zur Rezeptionsgeschichte trug Michal Skop (Katowice) vor und legte dabei den Fokus auf die Zeit in Polen nach 1989.

Leider fielen im Verlauf des Nachmittags zwei Vorträge kurzfristig aus. Der Beitrag von Krzysztof Okoński (Bydgoszcz) „’Wir müssen uns in Polen einmischen‘. Das Werk Heinrich Bölls und der gegenwärtige polnische Erinnerungsdiskurs“ schaffte es aufzuzeigen, dass man Böll durchaus auch mit neueren kulturtheoretischen Ansätzen produktiv diskutieren und neue Perspektiven generieren kann. In ähnlicher Weise schaffte es Bruno Arich-Gerz (Wuppertal) in seinem Beitrag „Von Wundern und Wirkungsmacht. Haus ohne Hüter (1954) und Sönke Wortmanns Spielfilm [Das Wunder von Bern; CF]“  in der Gegenüberstellung zu zeigen, wie sich die historische Perspektive in der Auseinandersetzung mit dem Thema Verlust der Vaterrolle im Zuge der Nachkriegszeit entwickelt und verändert hat. Tobiasz Janikowski (Kraków) beschloss den Vortragsteil mit seinem Beitrag „Die Gerichtsverhandlung als turbulentes Familientreffen. Die Eigen- und Fremdbilder in Bölls Erzählung Ende einer Dienstfahrt“. Im Anschluss folgte zur Veröffentlichung des Bandes Böll i Polska eine Lesung.

Fazit und Ausblick für das eigene Projekt

Der Besuch der Tagung in Kattowitz war insgesamt gewinnbringend. Es war wirklich sehr gut, einmal vor einem unbekannten Publikum mein Thema und erste Ergebnisse vorstellen und zur Diskussion bringen zu können. Ich bin mit meinem Vortrag gut in der Zeit geblieben und konnte auf Rückfragen entsprechende Antworten geben. Das Feedback im Anschluss war insgesamt positiv und ich konnte erste Kontakte knüpfen (u.a. René Böll, Erbengemeinschaft; Elsbeth Zylla, Heinrich-Böll-Stiftung; Ulrich Freitag, Köln-Kattowitz-Verein; Leszek Żyliński, Warschau und natürlich mit dem Tagungsteam rund um Renata Dampc-Jarosz vom Institut der Universität Kattowitz). Das Tagungsprogramm war inhaltlich zwar nicht so progressiv, wie ich es mir aus Sicht der Böll-Forschung erhofft hatte, aber insgesamt waren die beiden Tage anspruchsvoll, thematisch vielfältig, sehr gut organisiert und liebevoll gestaltet. Insbesondere der Eröffnungsvortrag war besonders aufschlussreich, wenngleich man für Details natürlich noch einmal in die Lektüre muss. Bis Ende des Jahres werden alle Beiträge dazu in schriftlicher Form gesammelt und im kommenden Jahr in deutscher und polnischer Sprache veröffentlicht.

Durch die Förderung seitens der a.r.t.e.s. international – for all Förderprogramms wurde mir so eine große persönliche Chance eröffnet, die für meine wissenschaftliche Arbeit einen Meilenstein darstellt. Darüber hinaus steht diese interkulturelle Erfahrung für ein Europa der Herzlichkeit und Gastfreundschaft. Als Erinnerung wird mich dies ein Leben lang in jeder weiteren Unterhaltung als Beispiel der Kostbarkeit des Friedens unserer Gemeinschaft grundlegend und über die Wissenschaft hinaus begleiten.

Foto Ehrenfeld (03. November 2017, by Tine Hutzel)

Kattowitz.Tanz.-Ehrenfeld_2x

An einem Sonntag wie heute geht nicht viel. Tagebuch schreiben geht aber mal wieder. Weil schreiben immer eine ganz gute Option ist, „finde ich.“1 Habe das jetzt auch ganz klar erkannt – für mich – musste dafür einmal in den Berg. Unter Tage und wieder zurück mit einem Rucksack voll Liebe und einer Lore voll Lettern. Die Druckerschwärze im Gesicht, weiß ich nicht, wohin mit all dem, was gerade so gut ist. Aber wir stehen im Kreis und halten die Hände; – und schweigen uns an. Ganz kurz und sehr laut – – – und dann auch schon nicht mehr, weil dann können wir nicht mehr und das ist auch gut so. Pressen eifrig Luft durch die Lungen und sprechen und atmen und erzählen und lachen und das alles ganz lebhaft und einfach zwecks totaler Unterhaltung. Und zwar so guter, dass sie einfach vergeht und dadurch zu kurz ist. Immer.

Foto Ehrenfeld (03. November 2017, by Tine Hutzel)

by Tine Hutzel

Man sucht sich seine Crew nicht aus, sondern findet sich (fast) ganz einfach (bei etwas Geduld)

Verschiedene Ortswechsel. Im Raum und draußen. Vor der Tür und durch sie. Diverse Personen. Im Kern immer verbunden als Einheit durch viel. Repräsentatives Kollektiv. Gute Gesellschaft.

„Es ist manchmal alles sehr viel, aber ich sag‘ das jetzt auch immer dazu.“ – Heute ist Freitag oder Samstag; oder war beides. Das ist gar nicht so relevant für die Erzählung, denn die Zeit ist heute keine Kategorie; nur macht sie uns besser. Das steht außer Frage. Ist viel passiert. Wirklich. Das merkt man in jeder Minute. Gute Musik im Hintergrund. Die Sekunden verrinnen wie Sand ohne Getriebe. Kein Fehler: Im Spiel sind wir heute zusammen zu Hause und jede*r weiß das (ohne zu sprechen). Trotzdem tun wir es. Gemeinsam. Das ist eine Qualität, besonders. Macht jeden Raum zum klingenden Körper und voller kann eine Kneipe durch Menschen tatsächlich nicht werden.2

Wir sehen gut aus, wenn wir tanzen

Das Tanzen war vor einiger Zeit schon mal Thema in einer Küche in Leipzig. Geburtstag. Käsespieße mit Fähnchen (Europa, verschiedene Nationen) und Nudelsalat. Gespräche – dies Mal nicht über Ryan Gosling, aber ähnlich lange und wild. Leidenschaftlich laut, bei offenem Fenster (dies Mal konnte die Nachbarin schlafen). Da war einer, der wollte nicht und die anderen immer. Gibt es da wohl keine Kompromisse?

Neulich wurde auch ich wieder aufgefordert: aktiv zu tanzen. Das ist zum Wochenende immer ein sehr großes Thema. So einfach ist die Sache aber nicht. Treffen Tänzer*innen auf ihre stillen Begleiter*innen als stehende Schatten, wird selten so deutlich, wie sehr man sich im Sprechen verliert, wenn man sich einfach nur und gar nicht versteht. Treffen sich Sprache und Bewegung nicht in der Musik des gemeinsamen Seins im Moment als natürliche Haltung, geht es um alles und nichts, aber nicht bloß ums Tanzen.

Denn: Tanzen ist ja eine sehr persönliche Sache. Wenn man es ernst meint.

Bin für Radikalität /
In der Beziehung /
Gebundene Harmonie/
Nur wenn alles passt /
Ist der Tanz /
 ein gültiges Instrument.

Und irgendwie tanzen wir heute ganz ohne Bewegung. Stehen zusammen und schauen uns an und sprechen und hören und verstehen ohne zu sprechen und plötzlich fragt ein junges Mädchen in die Gruppe: „Wisst ihr, wo das Buhmann & Sohn ist?“ – „Gleich neben dem Artheater“, sage ich und da sind sie auch schon wieder weg. Hattens sehr eilig. Ist gut, wenn Leute so dringende Dinge zu tun haben, denn dann ist es sehr wichtig. Ich möchte ihnen nachrufen, dass sie sich nicht so hetzen sollen und aufpassen müssen, denn die Straßen und Nächte sollen sehr wild sein in Köln in letzter Zeit und dann ist da ja auch noch der ganze Verkehr. Da ist schon mancher unter die Räder gekommen und nicht wieder hoch. Ich denke die Fürsorge väterlich und komme mir alt vor. Vielleicht muss das so sein. Sie hören es ja nicht, dann ist es auch gar nicht nicht so schlimm, dass man sich Sorgen um jemanden macht. Manchmal auch viel (& mal auch zu viel). Aber besser in Sorge gebunden, als ohne zusammen.

Nach der kurzen Unterbrechung geht es weiter. Wir sprechen über alles und es bleibt immer zu wenig. Intensivieren den Dialog, lassen Sätze aus und springen in der Sprache, aber nicht in der Handlung und halten die Stringenz über gemeinsames Denken. Ziehen das Tempo an und stehen zusammen. Worte fallen wie Schritte auf dem schwarzen Parkett und der Teer unter uns? Fängt an zu kochen. Nur durch die Sprache, auf ganz heißen Sohlen. Aber nicht in Eile. Kommen nicht unter die Räder; kümmern uns drum. Gegenseitig. Peripheres Verstehen. Umeinander. Miteinander. Füreinander da. Den Anderen sehen und wissen, was Mehrklang wirklich bedeutet, weil Harmonie eben doch geht: Wenn man sich traut; und wenn man sich findet. Und wenn man die Angst verliert. Die Angst davor, dass Verbindlichkeit groß ist und eben nicht nur Gerede über eine utopische Kraft. Sondern ganz da, im Gegenüber und über die Sprache hinaus.

Drei kann doch Gruppe sein. Gut sein. Ohne Probleme. Keine Dissonanz: „Quod erat demonstrandum“, sagt der weise Meister unter dem Parkett und singt still seine Lieder. Pragmatischerweise wiederholt – hier als der Bericht keines Lehrlings.

ÜBERGänge – Nicht nur was für Germanisten

Am Ende des Abends, der in solcher Sache immer zu früh kommt, hole ich die Drucksache aus der Tasche. Für eine Mutter. Es beginnt zu regnen. Tochter sucht Stift; Kugelschreiber: dunkelblau (in meiner Erinnerung). Ich suche Worte und schreibe ohne zu denken. Intuitiv führt die Hand zwischen Tropfen auf dem Papier. Bin etwas in Eile, gleich Bahn und dann ab nach Hause. Aber nicht ohne Widmung. Morgens um 2 oder 3. Google wird’s wissen. Gehe. Gleich – noch ein paar wilde Worte. Wenn das der Wunsch ist. Auflage jetzt zweistellig. Größer kann die Sache nicht werden. Stark seine Leser*innen wirklich zu kennen.

Und dann regnet es stärker, kurz bevor ich die Treppen an der Leyendeckerstraße hinabsteige. Wir übergeben noch eben die Sprache und uns in die Nacht. Verabschiedung. Zwei gehen auf G, ich die Treppe hinunter. Ab auf den Mittelsteg zwischen Schienen im Neonlicht. Warte noch 5 Minuten (oder 6 oder 7) vor dem Graffiti auf die Straßenbahn. Bahn Richtung Holweide. Linie 3 bis Waldeckerstraße. Dann Fußweg. Alles zu. Keine Geschäfte. Kurz Küche. Käse. Dann Bett. 150% können so schnell noch besser sein, wenn und durch solche Erholung. In guter Gesellschaft. Woche vergessen. Kämpfe gegen die Müdigkeit um und durchs Leben. Was für eine gute Nacht.3

Foto Ehrenfeld (04. November 2017, by Tine Hutzel)

by Tine Hutzel

Anmerkungen

  1. Zitat mitgebracht aus Ehrenfeld in der letzten Woche gegen 21 Uhr. Sprache übernommen. Klang ganz wunderbar. Nach einem Satz; persönlich, ganz nah und sehr ehrlich. Hinweis: Gute Erfahrung.

  2. Das ist eine nüchterne Weisheit.

  3. Die eigentlich zwei war.

Zeichnung Keine Stunde später

Keine Stunde später

Zeichnung Keine Stunde später

Ich bekomme einen Anruf. / “Keine Stunde später”, / heißt es aus der unsichtbaren Leitung. / Ich denke an Führung / des Wortes wegen / allein erkenne sie nicht. / Finde Hysterie. / Empfinde Ekel. / Übe Selbstkritik vor der Entgleisung und stelle mir vor, / ich könnte den Drahtseilakt:

– / – ohne Sicherheit – / – ohne Netz – / – ohne Fall – / / –

*** frei schwebend ***

Es klingelt . .. . / schon wieder / hebe ab. / “Keine Stunde später”, / heißt es aus der Leitung und ich möchte dieses Mal etwas sagen / erbitten / fragen. / Ob / vielleicht / nur eine / und bekomme die Antwort akustisch / als negativ / Gespräch gekappt.

Ich erwäge den Rückruf / greife zum Hörer / mein Hals stockt / und ich höre mich atmen. / Versuche mit den Fingern zu wählen / die kurze / einfache / Tastenkombination “Rückruf” / doch der Finger versagt mir die Führung. / Lege die Hand ab. / Nüchtern.

Ich versuche es noch einmal mit der anderen Hand. / Gleiche Geschichte / nur etwas später. / Halte den Arm mit der anderen / und siehe da: / Es geht / aber langsam. / Ich erreiche die Tasten / Nummer unterdrückt? / Nummer unterdrückt.

Versuche es noch einmal / – über die Zentrale. / Vermittlung & / versuche zu sprechen, / doch die Stimme gibt es nicht her. / Bleibe stumm – / “Hallo?” / heißt es nach kurzer Begrüßung.

Formale Automatismen / sie greifen / denke ich keine Stunde später / gehe wieder an die Arbeit. / Stille Revolution? / Heute nicht.

Foto: Zwischen den Zeiten: Schuhe vom Konzert vor Aquarium (30. April 2012)

Zwischen den Zeiten: Schuhe vom Konzert vor Aquarium

Foto: Zwischen den Zeiten: Schuhe vom Konzert vor Aquarium (30. April 2012)

Es ging heute im 2. Teil des Tages theoretisch um „Öffentlichkeit“, nachdem ich sie im 1. Teil des Tages praktisch im Feldversuch erprobt hatte.
 
Die heutige Hannah-Arendt-Sekundärlektüre im theoretischen Teil hat mich zwar weniger geschafft, als der Einkauf beim Herrenausstatter, aber ich kann noch immer nicht schlafen und bin bei der Durchsicht durch alte Fotos zu folgender – später, wenngleich nicht weniger wichtiger – Erkenntnis gelangt, die ich nun im 3. Teil des Tages an die Öffentlichkeit (nach Arendt/H. Bajohr 2011 – nach bestem Wissen und Erinnern im Anschluss an die erste Lektüre – die „spontan emergente“ Form) trage:
 
Erkenntnis als Be-Ding-ung:
a) Ich hatte 2012 noch die original Schuhe vom original Konzert 2007, die ich bis heute vermisse. Ich vermisse euch wirklich – es war die erste wirklich große Liebe. #ichliebediesefarbe
 
b) Ich habe – was auf diesem Foto nicht, aber auf einem anderen im selben Ordner auf meiner Festplatte (Laufwerk F:) oder auch in der Cloud zu sehen ist – im gleichen Jahr mein Aquarium eingerichtet. Beides hätte ich der Empfindung nach nicht im selben Jahr vermutet.
 
c) a²+b²=c²
 
d) Nicht alles, was an die Öffentlichkeit gelangt, ist wichtig – noch weniger überdauert diese.

e) wie Ende.

p.s.: es wird wieder scharf geschossen. nehmt euch in Acht und achtet auf euch. #derPappi

 
Foto Schweigender Philosoph an einer Ampel

Schweigender Philosoph an einer Ampel

Foto Schweigender Philosoph an einer Ampel

1) Man sprach davon, er hätte schweigen sollen, um Philosoph zu bleiben. 

2) Andere sagten (als Opa), es sei keiner dümmer, als sein Geschwätz. 

3) In dem Text von heute stand, dass man, ohne zu sprechen, gar nicht ‚ist‘ – danach bin ich auf dem Flur in ein Gespräch verwickelt worden und musste feststellen: auch sprechend ‚ist‘ man nicht immer.

Daher stelle ich weiter fest:
In guter Gesellschaft ist keiner so dumm, sich zum schweigenden Philosophen zu bestimmen, sondern man spricht mit dem, der sinnhaft zum Hören und Verstehen sich dank seiner Leidenschaft und Empathie müht und Dich im eigenständigen Sprechen nicht nur bestätigt, sondern fordert.

4) M.a.W.: Egal wo Opa und Philosoph sich entsprechend heute noch treffen, ich wünsche ihnen eine ganz ehrlich gemeinte Unterhaltung, denn alles andere wäre verlorene Lebenszeit – dachte der Philosoph und sprach mit dem alten Mann an der Ampel.

5) Zusammenfassung:

Foto Trier im September 2009

Springen

Ich springe in Pfützen und trage ein Messer bei mir
Mutter hat gesagt: „Vorsicht mit der offenen Klinge nicht laufen.“
Das Kind testet sich aus; macht es trotzdem
Wenn der Regen ganz doll wird, Freude
Die Waschung beginnt und reinigt und mischt
Angst habe ich keine, entweicht dem Körper
Die Grenzen verschwimmen zu Nichts mehr
Wasser fließt hinein und hinaus; heroisches Rinnsal
Die Pfützen spritzen Antwort dem Sprung
Rote Stiefel aus Plastik schützen nicht vor der Befreiung
Nur Sprache kann das genau so scharf fließen
Körper zu öffnen, zu schließen UND: lebendig zu bleiben
Hohe Kunst ist nicht zu verletzen —
Im Spiel bestehen gegen und mit Erziehung
Dafür oder dagegen?
Die Stiefel liegen am Bordstein
Bürgersteig auf in den ewigen Himmel
Jesus Christus blutet wie ein Schwein
Ohne Betäubung, täusche mich nicht
Die Pfützen spritzen – wenn ich springe – mir bis ins Gesicht
Und ich lasse mich nicht bekehren
Kann doch nur das Kind mich wirklich lehren
Durch das Leben zu gehen um aufrecht zu stehen

Grafik Der private ›Böll‹ als Autor der Öffentlichkeit

Vortragsankündigung: Der private ›Böll‹ als Autor der Öffentlichkeit

Grafik Der private ›Böll‹ als Autor der Öffentlichkeit

Obwohl als einzelner schreibend, ausgestattet nur mit einem Stoß Papier, einem Kasten gespitzter Bleistifte, einer Schreibmaschine, habe ich mich nie als einzelnen empfunden, sondern als Gebundenen. […] Gebunden […] an die Zeit und Zeitgenossenschaft, doch  ohne Verbündete – natürlich zählt private Freundschaft, auch Leserschaft, aber sie ersetzt nicht das Bündnis; für einen, der veröffentlicht, ist nur der ein Verbündeter, der so öffentlich ist wie er selbst.(Frankfurter Vorlesungen, 1964, KA 14, S. [139]f.)

Der Vortrag überträgt das Konzept der ›Fortschreibung‹ aus der Autorschaft Heinrich Bölls auf die Disziplin der Literaturwissenschaft. Aus vergangener „Zeitgenossenschaft“ wird so eine veränderte Form der ›Zeitgenossenschaft‹, die auf Grundlage einer historischen, eine neue Wirklichkeit schafft. Welches aber ist dieses Bild eines „neuen“ ›Böll‹, das sich durch jemanden konstruieren lässt, der als Forscher und Autor einerseits ebenso „Gebundener“, andererseits aber selbst kein wirklicher „Zeitgenosse“ des gelesenen Autors mehr ist und wie setzt es sich zusammen? – Mit dem Einführen einer polyphonen Lesart auf sprachlicher Ebene und der Unterscheidung des ›Privaten‹ gegenüber dem ›Öffentlichen‹(Vgl. z. B. HANNAH ARENDT: Vita activa.) soll dies an ausgewählten Beispielen werk- und gattungsübergreifend gezeigt werden. Dabei wird die Autorschaft ›Böll‹ gezielt als ein „ästhetisches Produktionsverhältnis“(RALF SCHNELL: Der Dichter als Ärgernis. Heinrich Böll und die deutsche Öffentlichkeit, in: JÜRGEN BROKOFF (Hrsg.): Spielräume. Ein Buch für Jürgen Fohrmann, Aisthesis, Bielefeld 2013, S. [211]-221.) im Zusammenspiel von Literatur und Politik begriffen. Aus diesem entwickelt sich in der Rolle als Autor in eigenständiger Suche nach Ausdruck ein demokratischer Beitrag zur pluralen Stimmhaftigkeit  einer Gesellschaft, deren ›Öffentlichkeit‹ sich im Konzept des freien und mündigen Miteinander und im verantwortlichen Sprechen und Handeln konstituiert.

 

Veranstaltung am 19. und 20. Oktober 2017

Schlesische Universität Kattowitz
Germanistisches Institut
1. ul.  gen. StefanaGrota-Roweckiego5
41-200 Sosnowiec
Polen

Tagungsankündigung unter: http://www.boell100.com/2017/02/19/poetus-literarus/

Foto Bei Jagdgewitter

Bei Jagdgewitter

Foto Bei Jagdgewitter

Ist der Himmel noch so düster
bleibt bei mir die Laune froh
denn wer laufen kann wie ich
den kriegt der Jäger sowieso
-nur mit der Flinte
-oder nich‘
***
– …und wenn er kommt?
— Der braune Mann?
– Dann lauf auch du!
— So schnell ich kann?

…ein bisschen schneller &
sei achtsam bei dem Fallensteller
denn bei uns bleibt das gewiss
den Mensch gibt’s ohne Jäger nicht
nur Waffen kann er keine tragen
wenn wir ihm den Lauf abjagen.

Foto Lieber Martin

Meine Stimme wählt, jede Stimme zählt

Lieber Martin,

ich bin seit längerer Zeit Mitglied der SPD, überzeugter Demokrat, Europäer und verstehe mich irgendwie auch als Weltbürger.1 Seit dem Parteitag in Dortmund bin ich auch noch mehr Sozialdemokrat als vorher. Die SPD befindet sich auf einem guten Weg. Aber gewonnen ist damit noch nichts: Wir stehen an einem Neuanfang. Das können die Menschen wissen. Darüber müssen wir nicht schweigen. Wir als Partei müssen uns neu erfinden, weil wir es als nationale wie globale Gesellschaft müssen. 

Wir müssen ›uns‹ wieder finden.

Foto Lieber Martin

Die ganze Welt ist vernetzt. Viele der Probleme, die sich hier und heute vor unserer Haustür, in unseren Häusern und auf unseren Straßen abspielen, sind hausgemacht. Aber hausgemachte Probleme sind eben auch solche, die die ganze Weltgemeinschaft betreffen. Heute steht alles mit allem im Zusammenhang, jeder mit jedem im Kontakt. Das überfordert uns. Täglich. Aber wir sind als Einzelne nicht nur passiver Teil einer Weltgesellschaft, sondern stehen in der Verantwortung im Miteinander – gleichermaßen durch unser Handeln wie durch Nicht-Handeln.

Den guten Menschen macht nicht die Politik, sondern jeder mit sich selbst aus.

Gute Politik fängt bei uns allen zu Hause und auf der Arbeit, im Alltag und im Umgang miteinander an – analog und digital

Ich verfolge Deinen Wahlkampf nun das ganze Jahr über schon intensiv. So intensiv wie keinen vorher. Nicht, weil ich einem Hype folge, sondern weil ich in zentralen Punkten unseres Programms übereinstimme. Mir war in der Vergangenheit lange nicht klar, warum keine Partei nicht wenigstens den Versuch unternimmt, auch progressiv nach vorne zu denken, Probleme anzusprechen und gesellschaftliche Veränderungen durch freiheitliches Denken offen als Möglichkeit in die Debatte trägt. Das passiert in Ansätzen gerade – endlich. Aber es ist noch mehr Potential vorhanden. Die Politik kann hier ebenso wie die Gesellschaft noch Meter gut machen und Gräben überwinden. Du kämpfst und zeigst, wie engagiert Politik betrieben werden kann. Das schätze ich sehr und es begeistert mich als Person, die zugunsten der Rhetorik eigentlich immer um Nüchternheit und eine kühle Ratio bemüht ist.

Foto Lieber Martin

Es geht um Handlungsfähigkeit und -freiheit.

Blickt man in die Welt, zeigt sich eine schwierige Lage – innen wie außen. Auch ich bin dieser Tage besorgt und das nicht wegen nur einer Baustelle. Und doch geht es mir sehr gut. So gut, wie es vielen Menschen insbesondere in Deutschland geht. Das ist ein Geschenk. Aber wenn wir ehrlich sind: Wir sind zugleich sehr wenige. Es spaltet unsere Gesellschaft nicht nur Politikverdrossenheit, sondern eine “Schere zwischen arm und reich”, die mehr als nur Kapital, Besitz oder den Kontostand meint. Wir müssen endlich feststellen: Die Politik des ständigen Wachstums ist nicht nur in der Krise, sondern an ein Ende gelangt und wir stehen vor der Frage, wohin sich die Spannungen entladen.

Es bieten sich zwei Alternativen: Entspannung durch alternative Lösungen für und durch die Weltgemeinschaft oder es werden mehr Konflikte entstehen und wohl unvermeidbar ausgetragen werden. Dabei hoffe ich, dass die Welt von morgen eine andere ist, weil wir uns gegen Gewalt entschieden und unsere Aufgabe als Menschheit erkannt und angenommen haben werden. Ich möchte mit unserer Generation in der Zukunft für ein neues Denken von ›Fortschritt‹ im friedlichen Miteinander als Wohlstand stehen.

Nur im Kollektiv kann man die großen Probleme langfristig lösen und gemeinsam erfolgreich sein.

Ich habe Zeit und Freiheit, diese Worte im Frieden zu verfassen und mich zu äußern. Das ist längst keine Selbstverständlichkeit. Und wenn einem das Wasser bis zum Halse steht, man in einer schwierigen Situation steckt oder schlichtweg Angst vor Veränderung hat, dann ist diese Sorge mehr als vorhanden und doch nicht immer sichtbar. Man muss das ernst nehmen und hinschauen. Auch das ist die Aufgabe von Politik. Jede Angst ist berechtigt und genau genommen hat jeder ganz eigene Ängste und wenige von uns sind so gefestigt, dass sie darüber offen sprechen können und wollen. Dabei schützt uns unsere Angst. Sie schützt uns davor, nicht ins offene Messer zu laufen, und es ist gut, hin und wieder Vorsicht walten zu lassen. Aber es ist falsch zu glauben, das Tabu schütze die Demokratie.

Lasst uns in Ruhe gemeinsam darüber sprechen und besonnen in den Dialog treten. Denn: In einer solidarischen Gesellschaft sind Ängste gesellschaftsfähig! Lasst uns alle miteinander darüber sprechen, wie die Gesellschaft von morgen keine ewig bessere, sondern eine bedingungslos eine gute wird.

 

Viele Grüße, Kraft und Erfolg für die letzten Tage im Kampf für ein demokratisches und sozial gerechtes Deutschland im solidarischen Miteinander in Europa und der Welt!

Solidarisch
Clemens

P.S.: Wir sehen uns morgen in Köln, um 17:30 Uhr am Heumarkt!
https://www.facebook.com/events/471685716532004/

Anmerkungen

  1. Grundsätzlich ist die Welt allerdings etwas groß, um sie als Einzelner als Ganzes zu denken, fürchte ich.

Foto Brotgedicht

Brotgedicht

                                 14. Juni 2017
Brotgedicht

Oder:
     Keine toten Enten
                      mehr…
                          d.i. Keine moralische Erinnerung,
                          nur und doch
                          zum freien Grillen
                          im Schrebergarten verfasst.

Als ich klein war, sammelten wir das alte Brot in einem Beutel
– – – bis der voll war, dann gingen wir zum Teich
und fütterten die Enten.
                    (hier bitte geräuschlose
                     Abbildung von Enten vorstellen)

Heute esse ich das alte Brot selbst auf.1

Ich frage mich, ob ich eine Ente bin,
 komme mir dafür aber zu groß vor.
Natürlich: die Enten kamen mir früher groß vor
 weil ich noch klein war und ich bin immerhin so viel gewachsen,
 dass sich die Enten relativiert haben;
-physisch-proportional.

                                             (gilt übrigens
                                             auch für das Brot!)

                     ***

Aber sympathisch wie ich die Tierchen damals fand
 finde ich mich auch und mehr noch als Brot fressende Ente,
 weil das für deutlich mehr Humor spricht und Humor ist,
 Wenn man Tragik kann und das klingt komisch, ist aber so.

[Hinweis]
          An dieser Stelle darf gleichermaßen gelacht
          und geweint werden. Bestenfalls gleichzeitig
          und aus gutem Grund. Hoch leben die Enten!
[Ende]


Wenn ich das trockene Brot selber esse
 brauche ich etwas, das ich früher nicht kannte – – –
-Geduld.
   Denn:
         egal wie viele Zähne man noch oder nicht mehr hat
         trockenes Brot ist wirklich sehr hart.

Kein Wunder also, dass ich das Brot heute in eine Schüssel aus Wasser tauche, damit es weich wird. Die Schüssel ist quasi der Teich an dem ich sitze und mich füttere, weil ich Enten gerne mal etwas gönne. Und auch ich habe mir das trockene Brot redlich verdient, Ente die ich bin.

                  (An dieser Stelle Entengeräusch
                   mit Glasschüssel, Wasser ca. 1,3 cm
                   unter Rand gefüllt.
                   Sprecher hält ganzen Brotleib
                   – nur scheinbar eintunkend – darüber.
                   Es folgt keine Information, warum der
                   Brotleib weder geschnitten noch
                   angerührt ist. Er ist unversehrt zur
                   Starre gekommen – als
                    gäbe es den Hungrigen nicht.

                   Die Weichwerdung des Brotes dauert
                   schließlich sehr lange, Tunken wäre
                   ein kurzer Vorgang, doch der Prozess
                   Hier und Heute – Bedarf der…
                   Kondition.
                        Während des Sprechens:
                        Arme wechseln – sonst:
                                              Enten-
                                              Muskelkater)

Früher hat man mir gesagt, du musst das Brot brechen. In kleine Stücke – das ging sogar bei Trockenbrot, wenn es maschinell in Scheiben geschnitten war, sehr gut. Fast zu gut. Aber ich hab es vergessen! Man muss das Brot besser brechen, solange es frisch ist und gut bekömmlich. Dann schmeckt es. Alles ist dann intensiver – außer das Entenfüttern, aber für die Enten ist das Brot sowieso ungesund; sagte man mir (neuste Erkenntnis!).


[un-(nötiger) Abgesang:

Bestenfalls auf Entisch vortragen inkl.
flatterndem Geschnatter.

Während des Vortrags Brot ausspeien wie ein
Drache das Feuer! (Heureka, 2017)

[Folgendes Gleichzeitig]

Sprecher 1:
Schade eigentlich, wenn die Kinder heute keine Enten füttern, können sie später gar nicht denken, sie wären Enten, die sich etwas Gutes tun und aus Langeweile statt Not am trocken Brot lutschen.

Sprecher 2:
Es geht nichts über Enten, aber wenn man das Brot teilt mit den Jüngern, dann sind alle ganz satt und fressen sie nicht, die Enten vom Teich – gleich in die Friteuse.

Sprecher 3:
Halt endlich die Klappe.

Sprecher 4:
Genau, Du versaust mir den Abschuss!

[Gleichzeitig Ende]

***
Kurze Stille
***

Ende]

Anmerkungen

  1. Nur manchmal. Der Sprecher kokettiert hier keinesfalls mit einer vegetarischen oder gar veganen Lebenshaltung zur Besserung des Welthungers, -klimas und -friedens. Es ist alles nur ein kurzes Spiel zur Erheiterung an einem Sommertag – und ja: es duftet nach gebratenem Fleisch. Hmmm…