Foto Köln XY-Z?

29. Juli 2019

Köln XY-Z? // Ende Juli / abseits der Datenbank / Word Dokumente geschlossen / Tabellen für morgen farbig markiert / nur noch mal eben / auf einen Sprung / ans Wasser / nicht ins / – zum Abschied. // Abgesang / solo. // Stille. // Verabschiedung vom alten Proberaum / ein paar Jahre / sind dann doch / eine (verdammt lang her) lange Zeit. // Eben dann auch das letzte Mal / am Kiosk gewesen / der am Herzen verwachsen ist / bei allen / wie alles hier / wo Montagabende / es geschafft haben / dem Kater zu trotzen / bevor es dann wirklich ernst wurde / mit allem / gemeinsam / – mit der Band / zusammen- /gewachsen. // Furchen graben sich / nun / als die Noten zu langer Nächte / in das weiche Gesicht / zu lang nur / wenn es / wieder / hell wird / aber das Ende noch dauert / … // … manchmal wird das Ende dann unerwartet / ganz konkret / dann folgt der Abschied / das letzte „Goodbye“ – auf unbestimmte Zeit / Gaslight Anthem erzählen im Hintergrund sie seien „older now“ / und wir sind es jetzt auch / eine Tür geht auf / eine andere zu / das war es für heute / ist es für jetzt / der Raum ist klimatisiert / die Wärme dennoch schwer zu ertragen / die Vorstadt zieht um / muss / aber / hart zu ertragen. // Zusammen ist man / wenigstens / weniger allein / nie so sehr / wie heute / und zusammen ist man / was die Musik erst so richtig erfordert / nicht nur eine Band / sondern Charakter. // Auf in das nächste letzte Gefecht! das so dem Leben sogar irgendwie Freude bereitet. // Und das Wasser fließt, die Sonne geht unter – / Züge passieren die Brücke und die KVB kommt noch immer „sofort“ / in einer Minute / oder in fünfzehn. // Ist aber eigentlich auch egal / denn „als Gott die Zeit schuf, hat er genug davon gemacht“ / das merkt man an Tagen wie diesen / und das gilt / besonders / für Köln.

#köln #cgn #rheinboulevard #rhein #poetrylove #poetryisnotdead #strassengedicht #gebrauchslyrik #gedichte #clefu

Kölner Dom, Sonne, et cetera / Rheinboulevard (05. Juli 2019)

Kölner Dom, Sonne, et cetera / Rheinboulevard (05. Juli 2019)

06. Juli 2019

Kölner Dom, Sonne, et cetera // Im Sommer zieht es die Menschen aus der Stadt ans Wasser / in Köln an den Rhein / mit Blick auf zwei Spitzen / die im Sonnenuntergang / sich wie Dornen gegen den Himmel stellen / um noch etwas zu bleiben / heute / dann Nacht. // Wir sitzen am Ufer / morgen schon wieder/ mitten im Sommer / wie die Termiten / wenn die Schicht uns nicht bindet / und der Alltag mal zwei Minuten egal ist. // Sie reden miteinander / im Hintergrund läuft ihre Musik / Generationen vermischen sich / genau wie Milieus / vereint in kalten Getränken / und in dem Bedürfnis nach Sprache / die nicht digital korrigiert wird. // Clickbait sind heute Brezeln für Tauben / gefällt schon 300 / Liebe gekauft / nebenan ‚kennen‘ sich Menschen von Tinder / gefällt schon / *___* / Lückentexte als Integrationsprogramm / deutsche Sprache / will geübt sein. // Sie finden Antworten / gegen den jeweiligen Dornröschenschlaf / Männerquote im Märchen / manchmal lieber Prinzessin… // Sie finden sich kostümiert im Missverständis / und gehen heute nicht auseinander / erst morgen – / anders. // Eine durchgeführte Aktion nennt sich ‚entfolgen‘ / eine andere ‚blockieren‘ / man trifft sich wieder und kennt sich noch immer nicht / aber am Wasser wartet schon die neue Chance / jeden Tag / jedes Jahr / jedes Leben / und sogar noch eins länger. // Gefällt schon / *___* 


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Frei zu sein, heißt, frei zu singen (2019)

In einem eintägigen Workshop an der Universität zu Köln werden ausgewählte Lieder der Gegenwart in Gruppen thematisch analysiert und inhaltlich ausgewertet. Die Gruppen setzen sich aus deutschen und polnischen Studierenden zusammen. Lieder können in deutscher und polnischer Sprache verfasst sein. Die Arbeit erfolgt vergleichend für beide Länder. Es soll herausgearbeitet werden, welche öffentlichen Reaktionen, Kommentare oder Diskurse sich im Umfeld der Veröffentlichungen entwickelt haben. Die abschließende Diskussion der Gruppenergebnisse erfolgt zum Ende des Workshops unter der Berücksichtigung der gemeinsamen Leitfragen: (a) Welcher Freiheitsbegriff wird in den Liedern formuliert und durch sie artikuliert? (b) Gibt es eine gemeinsame, liberal-bürgerliche Öffentlichkeit im Europa der Gegenwart?

Es wird ein thematisches Rahmenprogramm organisiert. Ergebnisse werden in einem Bericht über die Zeitschrift „Wortfolge“ und online über die Institutsseiten veröffentlicht.

Frei zu sein, heißt, frei zu singen (2019)

Thema

Bis heute ist die Musik einer der wenigen verbliebenen kollektivbildenden Plätze, die Menschen in der globalisierten Welt und im digitalen wie analogen Raum über Grenzen hinweg verbindet – aber auch zur Ausdifferenzierung der eigenen Identität oder Gruppenzugehörigkeit genutzt wird. Aber wie weit darf sie gehen?

Verbote und Zensur sind sicher nicht die Lösung, aber ich hoffe, dass wir durch solche Auseinandersetzungen wie heute wieder zu einem anderen Bewusstsein finden, im Bezug darauf, was als Provokation noch erträglich ist und was nicht. (Campino, Sänger Die Toten Hosen)

Seit dem Eklat beim Echo 2018, in dessen Mittelpunkt die Frage stand, wie weit die Grenzen der Kunstfreiheit gesteckt werden können und seit der Absetzung des Preises seitens des BMVI in der Folge ist die öffentliche Debatte keineswegs zur Ruhe gekommen. Nach den Protesten in Chemnitz treten Bands wie Kraftklub, K.I.Z. oder Die Toten Hosen bei der Veranstaltung #WIRSINDMEHR gegen Fremdenfeindlichkeit und für die Werte der freiheitlichen Demokratie und für die Menschenrechte an und fordern die Bevölkerung zum Engagement gegen rechte Gewalt auf. Ein Engagement das bei der Band Feine Sahne Fischfilet erst zur Konzertabsage, dann bis zur Bombendrohung führte.

Das politische Lied ist seit jeher nicht nur der Ausdruck des politischen Denkens, sondern es steht in der Schnittstelle des Sagbaren und vermittelt so die soziale Grenzerfahrung durch Sprache. Wie frei ist man wirklich und wie kommt die Unabhängigkeit in der Sprache der Lieder zum Ausdruck? Dieser Leitfrage wollen wir in einem gemeinsamen Workshop mit deutschen und polnischen Studierenden nachgehen.

Frei zu sein, heißt, frei zu singen (2019)

Frei zu sein, heißt, frei zu singen (2019)

 

Bildquelle: Jose Sa, 9. November 2014, URL: https://www.flickr.com/photos/ups/15727882176 (19.05.2019), License CC BY 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/)

Foto Kalk 19-I (im Sommer)

Foto Kalk 19-I (im Sommer)

22. Juni 2019

Kalk 19-I (im Sommer)

Ich komme in die Kneipe / unverhofft / höre Musik / bin eigentlich längst auf dem Weg nach Hause / also wollte eigentlich gar nicht mehr raus / aber der Sommer ist warm / endlich / und der Sport steckt mir auch noch in den Knochen / die Straßenbahn kommt / als ich doch noch mal aufbreche / ich bin wieder in Deutz / ich bin wieder dort / wo ich… / wie gestern / nur ohne Backstreet Boys / heute ist Phil Collins am anderen Ende der Stadt / das merkt man als ich / den Rhein wieder verlasse / es ist doch etwas kalt / 18° und T-Shirt / „Pussy“ / = sexistische Sprache / „Fuck“ / = das auch / Aus dem Hintergrund: „Wie soll man denn…, darf man denn überhaupt… noch irgendwo und wie denn dann fluchen. Heidewitzka! Oder ist das auch…“ / Die Antwort: Versuch es doch einfach in cool und ganz ohne Beleidigung. / Ich verlasse Deutz / die Fans von heute steigen noch vor mir aus / dann Kalk Kapelle / eigentlich reicht’s auch / der Spaziergang / durch die Nacht / ganz unverhofft. // Hopla / Leute davor / auf dem Heimweg / der Junge kommt heut später nach Hause / Jazz / unerwartet / gegen die Planung / im Sinne der Spontaneität / gegen die Vernunft / bei halbem Gewissen – immerhin. // Dann ist wahrscheinlich bald morgen / wir werden sehen…

#strassengedicht #gebrauchslyrik#lyrik #gedichte #sommer #stadt#köln #rhein #deutz #kalk #jazz #philcollins #backstreetboys

Foto/Bild Blut (05.06.2019)

Der Aschenbecher ist schon gut voll mit Kippen und allem Möglichen. Und noch das Bier drauf, eine schöne Suppe ist das. Tampon-Günter schaut Herbert an und krächzt: «UND JETZT MAL ORDENTLICH DURCHSPÜLEN!» Herbert […] weiß, was kommt. Günter setzt den Aschenbecher an und trinkt den Inhalt in einem Zug aus. Dann schüttelt er sich. […] Ab und an muss Güter sich und den anderen beweisen, dass er der Härteste ist, immer noch. 1

In den letzten Tagen habe ich Heinz Strunks‘ Der goldene Handschuh gelesen und dabei hat mich mehrere Male wiederholt der Ekel gepackt. Mir sind Männer wie Frauen, Handlungen, Vorstellungen oder Phantasien und Verhaltensweisen dieser Geschichte so fremd, dass ich manchmal am Ende der eigenen Sprache war. Dann habe ich den Menschen gesucht und versucht zu verstehen. Eine gewisse Betroffenheit hat sich in empathischen Momenten durchaus eingestellt. Was dargestellt wird, geht dennoch über das einfache Verständnis hinaus. Zur Entspannung habe ich dann, in den Pausen, zur Lektüre ein Bild gemalt. Dass es den Titel „Blut“ trägt, ist dem Schicksal der Parallelität geschuldet. Der Rest ist – glücklicherweise – nur ein Spiel mit Werkzeugen und der Materialität der Farbe. Ganz frei von Gewalt.

Werkzeuge, Gerüche und Ölfarben

Vor etwa zwanzig Jahren gerieten das erste Mal Ölfarben in meine Hände. Ich wollte nicht Maler werden, aber malen. Probieren, was mit der Leinwand passiert, wie man Ideen aus dem Kopf in die Wirklichkeit bringt. Sehr schnell scheiterte ich an meinem regulierten Denken und dem fehlenden Talent zur realistischen Darstellung. Kein Bild aus dem Kopf wurde Wirklichkeit. Ich war frustriert. Dann entdeckte ich den Spachtel als Werkzeug für mich. Überschritt die Grenze des voreingenommenen Denkens und entdeckte: Metall war mir der bessere Pinsel. Damals schon.

Vor einem Jahr habe ich die Farben und Werkzeuge dann wieder entdeckt. In einer Phase, in der alles zu viel war. Ich brauchte etwas Ruhe, private Ablenkung und Geduld mit mir selbst. Deshalb machte ich wieder, was ich früher schon genoss. Den Geruch von Terpentin hatte ich sehr vermisst. Die Viskosität der bunten Masse faszinierte mich wieder – genauso wie damals. Ich malte drauf los und fing natürlich zunächst wieder mit Formen und Bildern des Alltags an und dachte: Ja, mal doch mal dies oder das. Wahrscheinlich bleibt das auch die nächsten Jahre so. Die Idee, ein wirklich schönes Portrait oder eine Landschaft zu malen, die strahlt wie ein Hopper und aus sich selbst heraus leuchtet – es ist eine schöne Vorstellung so etwas selbst zu können.

Foto/Bild Blut (05.06.2019)

Ich werde kein Hopper und das ist ja irgendwie auch gut so.

Nun male ich also in sehr seltenen Abständen wieder. Einfach drauf los. Wenn der Kopf eine Pause braucht, und wenn Herz und Bauch schüchtern danach schreien. Die Bilder werden sehr oft nicht fertig oder bleiben in Arbeitsstadien. Und auch jedes „fertige“ Bild durchläuft meist mehrere Zyklen. Nicht immer freiwillig. Erst gestern wollte ich Pollen von einer ersten Version mit einem Pinsel entfernen. Die Farbe war noch nicht so trocken, wie ich vermutete – das geschlossene Bild wurde gebrochen. Ich habe mich dann ganz kurz geärgert, versucht den Zustand zu retten, es wurde aber natürlich alles nur noch schlimmer. Auch der Ärger, dann die Verzweiflung. Es hilft nichts, dachte ich – ich muss warten und eine weitere Schicht suchen, die dem Bild eine neue Chance gibt.

Mir geht es meist um den Prozess der Entstehung. Diesen sollen die Bilder auch zeigen. Und von ihrer eigenen Materialität handeln. Manchmal ist ein zweites oder drittes Stadium sehr viel weniger gelungen, als der erste Anstrich. Doch es gibt natürlich nie ein Zurück, sondern nur ein Vorwärts und man kann nur wieder und weiter versuchen. Jedes Bild muss im Handeln an seine eigene Grenze geführt werden. Das ist ein Fortgang ohne Ende. Kann es sein. Mittlerweile zwinge ich mich dazu, Bilder im frühen Stadium auch mal so zu belassen oder ich lege sie einfach für eine Weile weg. Dieses Bild – oben im Anfangsstadium, unten in der nun trocknenden Version – braucht nur noch einen dezenten Rahmen. Einer der  nach Holz riecht und den Raum weiter mit Leben füllt.

Foto/Bild Blut (05.06.2019)

Gedicht aus dem Kontext der Entstehung und Reflexion über die Darstellung (als öffentlicher Dialog)

Blut //

wahrscheinlich musste sie irgendwo hin / die tiefe Zerrissenheit / mit Empathie / scheiternd am „stelle mir vor“ [Rede des*der Erzählers*in und/oder Protagonisten*in] / gelesene Abgründe der Phantasie / der Geilheit / der Gewalt //

tierische Natur wider sich selbst / psychologischer Wahnsinn / unbegreiflich auch Tage danach / und über die Sprache und in der Erzählung //

fortdauernd der Ekel vor dem Geruch der Verwesung / natürlicher Reflex / der nicht greifbar wird / nie / Trotz der Hilflosigkeit eines Lebens am Abgrund / und darunter / und darüber hinaus / und doch lange und / längst im freien Fall / ohne Hoffnung / doch nur den Aufprall als Ende zu suchen / und, um das „Ruhe in Frieden“ noch einmal zu spüren / und um einmal nur: sozial den Menschen abseits der Norm wieder zu finden / und um zu erleben, sich selbst / gemein und verträglich zu dulden. //

Ich arbeite zur Kneipe #dergoldenehandschuh / traurige Kulisse in der „wahren“ Erzählung von #heinzstrunk / beklemmender Schauplatz im Film von #fatihakin / und historisches Zeugnis dafür, dass Menschen Grenzen überschreiten, die mir im Versuch des nachvollziehenden Verstehens noch so fremd sind, dass mir die Sprache versiegt und nichts bleibt, außer hilflose Leere und die Gewissheit, wie normal es sich lebt und wie gut es mir geht, nur mit dem ästhetischen Blick auf die Grenze / aus der Entfernung / mit genügend Distanz / und ausreichend Sicherheit.

#strassengedicht #gebrauchslyrik#gedichte #sprache #bild #farbe#theorie #wissenschaft #literatur#clefu

Foto/Bild Blut (05.06.2019)

Parallelen mit und ohne Einfluss (und hier gezielt produzierte)

Eine seltsame Entdeckung habe ich gemacht. Sie schien einen Ersteindruck zu bestätigen, der mich vor wenigen Wochen beunruhigte. Ich hatte natürlich die ersten Seiten des Handschuhs kurz nach dem Kauf vor circa ein oder zwei Jahren „angelesen“, wie man so schön sagt. Der L-förmige Tresen von Seite fünfzehn2 kam dann auch zu Beginn in meinem Experiment vor. Meinen Text habe ich daraufhin geändert. In einer urigen Kneipe meinte ein Freund dann neulich erst zu mir – als ich den Sachverhalt anführte -, dass eigentlich fast alle Tresen in Kneipen L-förmig seien. Strunk und ich begegneten uns also in der Einfältigkeit der sich doch so häufig stupide wiederholenden Wirklichkeit.
„Fiete beobachtet gerne Schlägereien. Aus sicherer Entfernung.“ 3
Als ich dann gestern an die Szene der Kneipenschlägerei kam und las, dass auch dieser seltsame Protagonist und Serienmörder ein Beobachter in der Kneipe war und den sicheren Ort suchte, wurde ich erneut unruhig. Auch mein Held sucht die Kneipen auf, auch er wird dort nicht nüchtern bleiben und nicht zuletzt sucht er in der Kneipe eine soziale Kontur, damit er wenigstens irgendwo mit seinem Talent etwas anfangen kann. Und an diesem Punkt, stelle ich dann fest, wie Strunk, Fiete und mein Text sich in sehr unterschiedliche Richtungen entwickeln und entwickeln werden. Erstaunlich bleibt dennoch, dass Fiete und der Held meiner Erzählung sich durchaus ähnlich bleiben werden – aber auf sehr unterschiedliche Art und Weise. Und: Ich habe zwar das letzte Kapitel noch nicht geschrieben – aber ein Serienmörder zu werden, getrieben von Geilheit, Alkohol und sozialem Selbstverlust – das ist keine Option für ein Ende, das den Titel tragen soll: Offen nach Bar (o.ä.) und dazu dient, den Fortgang des Lebens stets als soziale Chance zu begreifen.

Anmerkungen

  1. Heinz Strunk: Der goldene Handschuh, Rohwolt: Hamburg 2018 (2016), S. 176.

  2. Ebd.,  S. 15.

  3. Ebd.,  S. 197.

Foto Hamburg, 8. Januar 2011

Schreiben funktioniert in zwei Richtungen: Vorwärts, so wie man liest.1 Rückwärts, so wie man denkt. Hin und wieder blättere ich durch alte Dateien und finde Fotos von früher. Weiter unten sieht man eins aus Hamburg im Januar 2011. Wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht – dafür würde ich die Hand nicht ins Feuer legen,… ich bin mir eigentlich sicher, dass es um Silvester entstanden sein muss. Wir trafen uns Diebsteich, Türen wurden ausgehängt als der Gastgeber schon auf der Reeperbahn war, aber seine Gäste*innen noch nicht. Irgendwo dazwischen war ich dabei und – jetzt hat sie mich doch getäuscht! Es war ein anderes Jahr: In der Firma des Freundes, in einem Hochhaus neben der Alster. Das müsste stimmen…,- glaube ich!

Über die Jahre verfolge ich den eigenen Blick und seitdem ich an meiner Doktorarbeit sitze und die Sprache noch genauer untersuche als früher, das Sprechen und Schreiben beobachte und darüber analytisch grüble, seitdem suche ich manchmal zwischen meinen Dateien und Datenbanken die Anfänge des Schreibens. Manche davon sind befremdlich, andere Texte oder Worte sind nach Meinung der Experten*innen qualitativ „schlecht“. Literatur ist es irgendwie trotzdem. Masse gegen das Vergessen und für das Erschaffen einer ganz eigenen Welt, deren Wirklichkeit uns vor und zurück führt und dabei begleitet, in unserem Leben den Prototypen zu entdecken und zu entwickeln. Bis wir am Ende zur Präsentation müssen und ganz genüsslich am Zeitlimit scheitern.

Foto Hamburg, 8. Januar 2011

„Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!“

Es ist natürlich hier und heute noch nicht vorbei. Ich habe einen Text gefunden, den ich gar ich nicht so schlecht finde. Ich habe mir damals die Aufgabe gestellt, Texte mit 1500 Zeichen zu schreiben. Ich müsste noch zwei, drei andere finden – demnächst. Je nach Status der Erinnerung und Bestand im Archiv. Vielleicht beim digitalen Staubwischen oder dann, wenn ich Kisten packe und an einen anderen Ort umziehe. Vielleicht auch einfach, wenn der Platz im Keller eng wird und man die eigene Vergangenheit als strenge*r Archivar*in kassieren muss. Das folgende Verwirrspiel ist heute fast zehn Jahre alt. Klüger als früher bin ich nicht. Aber gelassener, weil ich weiß, dass ich nicht an der Lösung des Rätsels gescheitert bin, sondern im Erkennen des Spiels.

Hier Hinweis aus der Regie:
Der*Die Zirkusdirektor*in ruft: „Bühne frei!“, im Hintergrund spielt ein kleines Orchester pathetische Blasmusik, angenehm schief, auffallend lebendig. 

*** Vorhang ***

29.10.2009

Eine komische Situation

Er steigt ein, sieht umher, sieht eigentlich nichts. Station für Station das gleiche Spiel, bis sie einsteigt und ihn mitbringt. Normalerweise ist er ein Grund für ihn, sie nicht anzusehen. Doch heute ist es anders, denn er liegt hilflos da und vermittelt dennoch friedvolle Ruhe. Vielleicht gibt es ihn auch, der ihn als den Schwächeren zeigt, doch nicht hier, nicht jetzt. Sie ist alleine mit ihm. Also blickt er sie an, doch ist schüchtern und schämt sich sogleich seiner glänzenden Augen. Das Lügen fällt ihm immer schon schwer, und so kann er seine Begeisterung nicht kaschieren. Ihm geht es, als würde sein ganzer Körper ganz plötzlich rot glühen.

Er traut sich nicht, sie weiter anzusehen. Seine Gefühle übermannen ihn. Er wendet seinen Blick ab, schaut wirr umher und sein Blick landet im Wagen. Dann findet er ihn doch, den Hilflosen, der den Hilflosen schwachmacht. Er ist klein, seine Wangen sind zartrosa und seine Augen blau. Er bemerkt, dass er nicht weiß, welche Farbe ihre haben; doch um ihre geht es, nicht um ihn, nicht um seine. Nun blickt er wieder nach oben und sucht den Umweg über die Spiegelungen im Fenster. Er sieht sie, wie sie da steht, lächelt und wie ihre Wangen erstrahlen. Dann lüftet sich das Geheimnis: Ihre Augen sind blau und schauen ihn an. Sie schaut ihn an! Er schwenkt seinen Kopf und jetzt treffen sich beider Blicke. Für einen Moment sind sie im selben Waggon. Es ist die nächste Station. Sie geht mit ihm davon, ohne, dass er weiß, wer sie ist, sie weiß, wer er ist und wer er wird, wer wer und was, und was wird. Es ist eine komische Situation.

Schlussbemerkung des Autors:
Die in Teilen holprige Sprache entspricht dem Zustand der Stoßdämpfer im fahrenden Zug. Auf eine (automatische) Bildstabilisierung wurde zugunsten der Authentizität verzichtet. Eine Kommentarfunktion ist an dieser Stelle nicht vorgesehen.

*** Ende ***

Anmerkungen

  1. Im einfachsten Sinne und ohne berücksichtigte Sprünge.

Foto Aus der Werkstatt (16. Mai 2019)

Foto Aus der Werkstatt (16. Mai 2019)

16. Mai 2019

Aus der Werkstatt // …im Prozess. / Mit der Kaffeetasse durch die Zeit / bin noch immer wach / die Folie blättert langsam ab / an uns Beiden / aber verbraucht sehen wir noch nicht aus / auch wenn das Licht sich in die Furchen gräbt / bis unter die weiße Haut, die wir teilen / genau wie den Spaß daran, dass sie / manchmal genau das eben nicht ist / weiß / sondern rot, gelb, grün oder manchmal auch blau oder schwarz / das ganze Spektrum RGB / hell oder dunkel / täglich neue Suche / hindurch durch die Skala / bis man die passende Temperatur gefunden hat / die Stimmung erzeugt / um uns noch einmal / täglich / ganz neu zu entwickeln / und weiter zu machen / was dann irgendwann / durch das Mikrofon / haltbar gemacht / sich noch einmal verwandelt / und unsichtbar ist / wenn man es wieder in den Ohren fühlt, – / und dann im Kopf.

#strassengedicht #gebrauchslyrik #lyrik #gedichte #worte #poetry #lesen #studio #vorstadt #clefu

Flyer DEINE VORSTADT | LIVE@KOELNCAMPUS 2019

Wir waren mit DEINE VORSTADT zu Gast bei Koelncampus, haben dort ein Interview gegeben und zwei Songs als Akustik-Version eingespielt. Das ganze Set gibt es jetzt hier zum Nachhören.

Set mit Sprungmarken

Reisefieber
Interview 3:37
Graffiti 11:00
Routine (Live im Studio) 15:52
Amerika (Live im Studio) 20:47

Grafik Clemens Fuhrbach - Keine Lust (Artwork 1920x1200px)

Grafik Clemens Fuhrbach - Keine Lust (Artwork 1920x1200px)

Keine Lust kam ungeplant. In meiner Freizeit. Ich wollte eigentlich ein paar Dinge im Studio testen. Brauchte etwas Ablenkung von der wissenschaftlichen Arbeit, die gerade den größten Teil meiner Zeit und Aufmerksamkeit braucht. Mir ging es um Kabel, Schaltwege und ein wenig um den neuen Sound nach dem kleineren Umbau in der Zwischenzeit. Das lief alles ganz gut. Signale fanden ihren Weg in den Computer und konnten dort verarbeitet werden. Soweit so gut. Abends ging ich dann nach langer Zeit und so wie früher sehr häufig mit einer Demo in der Tasche nach Hause. Ich habe sie dann sehr oft gehört. Dann kam Krakau und die Musik war nicht weg, aber für eine Zeit wieder leise.

Sieht ganz schön düster aus / wie haltet ihr das aus / bin heute ganz schön fertig / deshalb / glaub ich / werd‘ ich / einfach mal nichts tun

Zu Ostern habe ich mir dann quasi freigegeben. Ich bin freitags ins Studio gefahren. Karfreitag fing ich an, während das Tanzverbot gilt und die Musik eigentlich aus ist – sein sollte. Ich sogar darauf geachtet: Das Klavier spielte ich besonders leise. Gott und der Nachbarn wegen. Dann verschwand ich zwischen der Technik und hatte irgendwie die Idee, eine ganz ruhige Piano-Version aus dem Demo zu machen. Die Melodie war da längst in meinem Kopf. Was dann passiert ist, das habe ich, ehrlich gesagt – nur im Zeitraffer erlebt. Freitag schrieb ich die erste Piano-Spur und nahm den Bass auf. Dann machte ich noch die Vocals und dachte mir: wird ja gar nicht so schlecht. Läuft ganz gut.

Foto Ein Echo gegen die Leistungsgesellschaft und die ständige Erreichbarkeit

Samstag bin ich dann wieder ins Studio und habe die Produktion fast abgeschlossen. Abends war ich verabredet. Am nächsten Tag dann noch die letzten Piano-Takes und mit latentem Muskelkater in den Unterarmen war die Version fertig, die ich heute hinaus in die Welt schicke. Mit einem Video, das irgendwann zwischendurch in diesen wilden 72-Stunden an Ostern entstanden ist. Das ist alles rough und sehr ehrlich so. Vielleicht irgendwie ein wenig punk, weil es so passiert wie es ist und ohne Fragen. In sehr kurzer Zeit. Völlig autonom. Unabhängigkeit ist das, was manchmal wirklich zählt.

Der Rest der Welt – kann mich mal / Ich bin heut nicht erreichbar / für keinen Menschen der Welt / bin echt total erleichtert / dass mir so gar nichts fehlt

Keine Lust ist ein Echo gegen die Leistungsgesellschaft und die ständige Erreichbarkeit. Die laute Stimme trifft auf ein ruhiges Schlaflied mit pathetischem Abgang. Wer heute noch Mensch ist, ist überfordert durch die digitale Dauerpenetration. Einfach mal einen Tag ohne digitale Begleiter und alternative Profile oder Versionen der eigenen Person: das ist, wozu wir uns heute mutig entscheiden müssen. Gerne mal wirklich alleine oder mit dem stillen Begleiter, der greifbar ist und ohne technische Apparatur direkt ansprechbar, weil eben im selben Raum.

Der Track ist komplett solo geschrieben und produziert. Das ist die Musik – so wie ich sie mache, wenn ich alleine im Studio bin und manchmal anfange zu tanzen. Wer mehr will, der muss in den großen Markt und die Illusion der Masse einsteigen. Auch das kann ja ein Ausstieg sein. Wer den direkten Weg zum Erzeuger sucht, der trifft hier auf die Stimme des Einzelnen. Nicht naiv, aber glücklich.

Einen schönen ersten Mai.

Clemens

 

Text

Sieht ganz schön düster aus
Wie haltet ihr das aus
Bin heute ganz schön fertig
Deshalb glaub ich werd‘ ich
Einfach mal nichts tun
Pizza bestellen
Ab auf das Sofa
Mit Netflix chillen
Telekommunikation
Ist mir total egal
Der Rest der Welt
Kann mich mal

Ich bin heut nicht erreichbar
Ich bin heut nicht erreichbar

Ich bin heut nicht erreichbar
Für keinen Menschen der Welt
Bin echt total erleichtert
Dass mir so gar nichts fehlt
Meine Freund sind auch morgen noch da
Der Rest der Welt ist mir total egal

Ich hab heut keine Lust drauf
Ich steh heut nicht mehr auf
Ich hab heut keine Lust drauf
Ich steh heut nicht mehr auf

Ich hab heut keine Lust drauf
Ich steh heut nicht mehr auf
Ich hab heut keine Lust drauf
Ich mach heut gar nichts mehr

 

Grafik Clemens Fuhrbach - Keine Lust (Artwork 1400x1400px)

Clemens Fuhrbach – KEINE LUST

Sieht ganz schön düster aus
Wie haltet ihr das aus
Bin heute ganz schön fertig
Deshalb glaub ich werd‘ ich
Einfach mal nichts tun
Pizza bestellen
Ab auf das Sofa
Mit Netflix chillen
Telekommunikation
Ist mir total egal
Der Rest der Welt
Kann mich mal

Ich bin heut nicht erreichbar
Ich bin heut nicht erreichbar

Ich bin heut nicht erreichbar
Für keinen Menschen der Welt
Bin echt total erleichtert
Dass mir so gar nichts fehlt
Meine Freund sind auch morgen noch da
Der Rest der Welt ist mir total egal

Ich hab heut keine Lust drauf
Ich steh heut nicht mehr auf
Ich hab heut keine Lust drauf
Ich steh heut nicht mehr auf

Ich hab heut keine Lust drauf
Ich steh heut nicht mehr auf
Ich hab heut keine Lust drauf
Ich mach heut gar nichts mehr