Foto HNY

HNY

Da ist das neue Jahr / das gestern noch nur Zukunft war /
Ist jetzt schon alt / wie meine Schuhe / tragen mich noch gut /
Durch Buchforst / frühst um 6 / in Stille / dunkelblau / 
 zwischen kaltem Feuerwerk vermisse ich die Vögel
Kein Kiosk, kein Bäcker – keine Hundebesitzer
Ausgestorben ist der Weg / über die Brücke /
 nur unten fahren Autos im offensichtlich ewigen Fluss
  in alle Richtung / nur entgegengesetzt 
  gehe gegen die Einbahnstraße / ins Scheinwerferlicht / 
  Kapuze / Blick gesenkt / in Gedanken / Musik / 

Die Nacht ist längst schon Morgen / doch es ist
  als wolle sich die neue Zeit / Erfahrung aus der alten borgen

Für ein paar Stunden / nur / steh‘ oben / auf dem Berg /
Seh‘ Licht und Schatten / ein paar Häuser / keins im Innenhof / Stille (auch hier) / 
 dringt durch die Fenster / höre das Atmen /
wie der Bauch sich bewegt / 

 das laute Schweigen / wie es aus der Zeit sich erhebt / und alles ist gut / 
 wie man lebt und man liebt / und liebt wie man’s tut / im Guten / im Schlechten / 
 Positiv nie in Gefahr / weil Negativ der Ansporn bleibt / das Bild zu entwickeln

     Nicht nur Sand fließt 
       stur nach unten     

Doch ich hüpfe oben / wie ein kleines Kind / nicht trotzig / selbst / bestimmt / Ich / schreie lauthals / lachenderweise /
 und dann: schlafen wir uns gemeinsam an / ganz in Ruhe / sind endlich voll da / zweitausend die Zeit / achtzehn das Jahr 

Und wieder / und kommt / und geht – / und gefühlt / – nur ein Morgen / das Land / wie die Leute / das Ich / und das Selbst / das Du mit mir ist / persönlich es schafft / sich etwas von gestern für heute zu borgen / und es macht / wie das Kind / wenn es oben auf spielt / und die Zeit / und der Sand / nur in alle / und eine Richtung / verrinnt / – / und das ist / dann / – willkommen / – / – im Jetzt. //

Foto Freunde

Freunde

Foto FreundeSuppe gekocht ✅
Krautsalat gemacht ✅
Kartoffelpürree angesetzt ✅
Brathähnchen eingerieben ✅
Arbeiten
 noch etwas
Fitnesstudio
 dann
Kiosk
 vielleicht
Belohnungsbier (?)
 vielleicht!
Ofen
 an
Dusche
Warten auf S.***

 Und dann:
 ist auf einmal
 wieder alles gut.

  [ Notiz ]
    Blutdruck 
    120 / 70 
    gefühlt
     nicht
      gemessen.
  [ Ende ]

Denken an 
        L.

___


Geteilt mit der Öffentlichkeit:
    Weihnachtsessen verpasst.
    Leider. Trauer mächtig.
    Bier –
    verzapft!
    Terrasse
    Hopfenpool
    Heute:
    kleine Version.
    Alles kleiner.
    Außer die Freundschaft.
    Die ist groß.

Foto Weihnachtsgruß

Weihnachtsgruß!

Foto Weihnachtsgruß

Passend zu Weihnachten habe ich eine kleine Überraschung vorbereitet. Ab heute könnt ihr ein Video zu „Jeden ganzen Meter“ bei Youtube anschauen. Die Bilder habe ich vor ziemlich genau einem Jahr aufgezeichnet. Dann geschnitten als ich mal eine Woche krank im Bett lag. Ich hatte das Material fast vergessen, aber mich vor ein paar Tagen glücklicherweise daran erinnert. Hab es kurzerhand fertig gemacht und hochgeladen. Es ist zugegebenermaßen etwas anstrengend und edgy wie die Kunst halt manchmal so ist. Aber haltet durch und schaut euch danach mal wieder in die Augen. Genießt die gemeinsame Zeit!

Eine schöne Zeit und besinnliche Tage
Clemens

P.S.: Und weil ja Weihnachten ist, gibt es auch noch ein kleines Gedicht.

 

Die Kunst ist nur so anstrengend wie unsere Zeit

Du bist immer noch sehr schön / in meinen Augen / ich mag in Deinen Augen / das Alter gerne sehen / wenn wir stillstehen / und uns ansehen

Wir sind alle Getriebene in der Welt unserer Gegenwart. Laufen hektisch, irren herum und wissen gar nicht so genau, wo wir hinlaufen und was unser Ziel ist. Aber wir laufen immer weiter und trampeln Pfade aus, an denen manchmal Menschen stehen und warten.

Jeden ganzen Meter (Video)

Jeden ganzen Meter ist im Video so anstrengend und überfordernd wie unsere Zeit. Aber es ist unsere freie Entscheidung, einfach mal wieder stehen zu bleiben, den Kopf zu heben und den Blick nach rechts oder links zu wenden, um einmal jemandem wieder richtig in die Augen zu sehen, gemeinsam zu sprechen, zu lachen und zu schweigen und zu erfahren, wie das „Alter seinen Schlitten durch unsere Gesichter zieht“ (Clickclickdecker).

Wer stehen bleibt, sollte nicht erschrecken, wenn er den Menschen sieht. Der ist so, wie er am Wegesrand auftaucht: anstrengend, eckig und mit vielen Kanten, an denen man sich manchmal stößt. Und er ist mit seiner ganzen Liebe und Leidenschaft genau jede Erfahrung gemeinsam zu erleben wert.

 

Morgen, Kinder – auch die Alten

Zu Weihnachten, da gibt’s Geschenke
und auch manche Schnapsgetränke
nicht für Kinder, ganz gewiss
die trinken nur die Reste
weg vom Tisch

So schlafen alle munter ein
kommt einer leise wach herein
durch den Schornstein
mit viel Wunder
ein Sack dabei, ganz voll
– alles, nur kein Plunder

Unter’m Christbaum sammeln sich
nachts für alle Schlafenden
die wach geworden, nicht vergessen!
die Reste noch vom Abend essen

Und plötzlich steht ein jeder da
als wär der Heiland doch noch wahr
denn da liegen Kisten mit viel Liebe
eingepackt für’s Herzgetriebe
– auch die Alten fühlen das
den ewig jungen Kinderspaß

So startet dann der Tag noch jung
mit Familienfreudenwunderung.

 

Foto Morgen, Kinder - auch die Alten

Morgen, Kinder – auch die Alten

Zu Weihnachten, da gibt’s Geschenke
und auch manche Schnapsgetränke
nicht für Kinder, ganz gewiss
die trinken nur die Reste
weg vom Tisch

So schlafen alle munter ein
kommt einer leise wach herein
durch den Schornstein
mit viel Wunder
ein Sack dabei, ganz voll
– alles, nur kein Plunder

Unter’m Christbaum sammeln sich
nachts für alle Schlafenden
die wach geworden, nicht vergessen!
die Reste noch vom Abend essen

Und plötzlich steht ein jeder da
als wär der Heiland doch noch wahr
denn da liegen Kisten mit viel Liebe
eingepackt für’s Herzgetriebe
– auch die Alten fühlen das
den ewig jungen Kinderspaß

So startet dann der Tag noch jung
mit Familienfreudenwunderung.

Foto DEINE VORSTADT - IMMER WIEDER ALTE LIEDER

Graffiti

Deine Vorstadt – Immer wieder alte Lieder – 4 – Graffiti (11:47)

Clemens Fuhrbach – Graffiti (Akustik-Version, Solo)

Text

Du sagst: „Ich bin falsch verbunden.“
Doch das fühlt sich anders an
Ich kann Dir nur sagen
Was ich wirklich sehen kann

Hab Deine Stimme noch im Ohr
Doch ich höre nichts weiter
Komm‘ hier nicht weg
Brauche Dich als Begleiter

Vor mir die Mauer
Hinter mir nichts
Räuberleiter geht nicht
Ich warte, dass Du sprichst

Ich weiß nicht wo ich bin
Ich weiß nicht mehr wohin

Ich bin in die Sackgasse gerannt
Ich stehe mitten vor der Wand
Ich hab Dein Graffiti nicht erkannt
Und bin doch sonst so selten hilflos

Rette mich wer kann
Ich kann mich nicht mehr entscheiden
Soll ich noch warten
Oder besser hier bleiben

Stillstand ist das
Was wir beide immer wollten
Doch nicht wenn wir getrennt sind
Und nicht wenn wir nicht wollten

Vor mir die Mauer
Hinter mir nichts
Räuberleiter geht nicht
Ich warte, dass Du sprichst

Ich weiß nicht wo ich bin
Ich weiß nicht mehr wohin

Ich bin in die Sackgasse gerannt
Ich stehe mitten vor der Wand
Ich hab Dein Graffiti nicht erkannt
Und bin doch sonst so selten hilflos

 

Erschienen auf

Deine Vorstadt – Immer wieder alte LiederFoto DEINE VORSTADT - IMMER WIEDER ALTE LIEDER

Clemens Fuhrbach – Graffiti (Akustik-Version, Solo)

Foto DEINE VORSTADT - IMMER WIEDER ALTE LIEDER

Keine Ahnung

Deine Vorstadt – Immer wieder alte Lieder – 3 – Keine Ahnung (7:26)

Text

Ich habe letzte Nacht gedacht
Dass man so etwas nicht tut
Das Gift ist der Verdacht
Du hast das Feuer entfacht

Viel zu schnell, kam längst zu spät
Nicht zu ändern, was nicht geht
Eine Frage, wo man steht
Sich zu lieben, ganz konkret

Du hast, du hast, du hast mich nicht verdient

Du glaubst ich habe keine Ahnung
Doch ich habe Dich gesehen
Halt mich bitte nicht für dumm
Denn das ist das Problem

Nicht zu ändern, was nicht geht
Wie man es wendet und dreht
Nicht zu lieben, was vergeht
Wenn die Rechnung offen steht

Du hast, du hast, du hast mich nicht verdient

Du glaubst ich habe keine Ahnung
Doch ich habe Dich gesehen
Halt mich bitte nicht für dumm
Denn das ist das Problem

Du hast, du hast, du hast mich nicht verdient
Du hast, du hast, du hast mich nicht verdient
Du hast, du hast, du hast mich nicht verdient
Du hast, du hast, du hast mich nicht verdient

Du glaubst ich habe keine Ahnung
Doch ich habe Dich gesehen
(Glaubst Du ich hab keine Ahnung)
Halt mich bitte nicht für dumm
Denn das ist das Problem

Du glaubst ich habe keine Ahnung
Doch ich habe Dich gesehen
Halt mich bitte nicht für dumm
Denn Du bist Dein Problem

Erschienen auf

Deine Vorstadt – Immer wieder alte LiederFoto DEINE VORSTADT - IMMER WIEDER ALTE LIEDER

Foto DEINE VORSTADT - IMMER WIEDER ALTE LIEDER

Küche

Deine Vorstadt – Immer wieder alte Lieder – 2 – Küche (3:25)

Text

Es ist jetzt fast fünf Stunden her
doch die Erinnerung ist jetzt schon nicht mehr klar
ich weiß auch überhaupt nicht mehr
warum die Polizei bei uns war

Im Wohnzimmer fehlt mein Kassettendeck
die Gäste von gestern fast alle weg
auf dem Sofa schlafen Stefan und Jan
ich weck sie auf, weil ich noch singen kann

Wir singen eins von unseren alten Liedern
und die Nachbarn sehen uns immer wieder

In der Küche tanzen

Wir singen eins von unseren alten Liedern
und die Nachbarn sehen uns immer wieder tanzen
immer wieder, immer wieder
in der Küche tanzen

Der Kioskmann reibt sich die Augen
weil wir morgens früh hart an uns glauben
holen Kippen und Bier, wollen die Stimme schmieren
wollen a capella durch unser Mixtape führen

Singen eins von unseren alten Liedern
die Nachbarn sehen uns immer wieder

In der Küche tanzen

Wir singen eins von unseren alten Liedern
und die Nachbarn sehen uns immer wieder
tanzen, immer wieder, immer wieder
in der Küche tanzen

Erschienen auf

Deine Vorstadt – Immer wieder alte LiederFoto DEINE VORSTADT - IMMER WIEDER ALTE LIEDER

Bild Die Lichter gehen an

Die Lichter gehen an

Bild Die Lichter gehen an
Die Lichter gehen an
Die Lichter gehen aus
Die Lichter gehen an
Die Lichter gehen aus
Die Lichter gehen an
Die Lichter gehen aus
Der Vorhang fällt
Das wars!
Das wars?
Und dann?
Die Lichter gehen
Pessimisten sagen: Aus
Optimisten sagen: An
Doch ist nicht der die Frage stellt
Der die Antwort in den Händen hält
Also warum fragen ohne Sinn?
Warum nicht?
Schließlich gehn‘ die Lichter an
Nur manchmal schweigt das Licht.

Kattowitz 2017

Flugverbindung von Köln oder Dortmund nach Kattowitz mit Wizzair

„POETUS LITERARUS“. Heinrich Böll zum 100. Geburtstag

Konferenzreise – Vom 18. bis zum 21. Oktober hatte ich die Möglichkeit, finanziert durch ein Reisestipendium im Programm a.r.t.e.s. international – for all der a.r.t.e.s. Graduate School for the Humanities Cologne, meine erste Konferenzreise seit Projektbeginn im letzten Herbst 2016 aufzunehmen. Anlass der Reise war die von der Schlesischen Universität Katowice organisierte Tagung POETUS LITERARUS“. Heinrich Böll zum 100. Geburtstag, die am 19. und 20. Oktober in der Biblioteka Śląska stattfinden konnte und an der ich mit meinem Beitrag Der private ›Böll‹ als Autor der Öffentlichkeit aktiv gestaltend teilnahm. Der Vortrag mit anschließender Diskussion (sowie Publikation 2018) bot einerseits die Möglichkeit, einem Fachpublikum erste Ergebnisse meiner Arbeit vorzustellen, andererseits war es für mich ein erster erreichter Meilenstein in der Projektarbeit. Besonders das Kennenlernen durch intensive Gespräche mit Kollegen*innen aus Deutschland und Polen sowie die Kontaktaufnahme mit wichtigen Vertreter*innen der Böll-Forschung und verschiedener Interessengruppen (Heinrich-Böll-Stiftung, Erbengemeinschaft) waren, neben den zahlreichen Vorträgen, grundlegend für weitere Kooperationsmöglichkeiten.  Damit war das Ereignis insgesamt nicht nur inhaltlich erfolgreich, sondern bleibt als positive Erfahrung in Erinnerung.

Erste Eindrücke aus Kattowitz

Die Stadt Kattowitz liegt im Süden Polens und ist mit ca. 300.000 Einwohnern als Hauptstadt der polnischen Woiwodschaft Schlesien ein vom ständigen Wandel geprägtes, wirtschaftliches und kulturelles Zentrum. Die Anreise ist dank einer kostengünstigen Verbindung von Köln oder Dortmund mit der Airline Wizzair und einem ebenso preiswerten wie unkompliziertem Bus-Transfer vom etwas abgelegenen Kattowitzer Flughafen in das Stadtzentrum (ca. 40 Minuten Fahrt) völlig unkompliziert. Preise für Unterkunft und Lebenshaltung sind insgesamt etwas günstiger als in Deutschland.

Schlesisches Museum (Katowice) – Der Neubau des 2014 fertiggestellten Museums wurde von den Architekten Riegler und Riewe aus Graz geplant und liegt in der Kulturzone der Stadt. Das neue Museum wurde auf dem Gelände des alten Bergwerks errichtet und umfasst Ausstellungen u.a. zur Malerei von Künstlern*innen aus Polen von 1800 bis in die Gegenwart und eine herausragende Ausstellung zur historischen Entwicklung und Geschichte Oberschlesiens (zur Website des Museums).

Die Stadt ist etwas kleiner als Köln und weist, neben einer deutlichen Atmosphäre der Gastfreundschaft, besonders in ihrer Architektur eine spürbare Spannung des Übergangs und des beständigen Wandels auf. An fast jeder Ecke wird irgendwo neu gebaut oder Altes restauriert. Als ehemalige Bergbaustadt ist das Stadtbild geprägt von der vergangenen Industrie- und Arbeiterkultur einerseits, andererseits hat auch hier die Zeit des Sozialismus ihre architektonische Handschrift hinterlassen. Bergbau und Schwerindustrie sind heute Vergangenheit. Es entwickeln sich neue Strukturen der Dienstleistungsbranche, Elektroindustrie und Informationstechnik. Gleichzeitig ist Kattowitz als Studentenstadt auch ein universitäres  Zentrum.

Universitäre Zusammenarbeit

Die Germanistik der Schlesischen Universität Katowice und das Institut für deutsche Sprache und Literatur I an der Universität zu Köln arbeiten seit diesem Jahr im Rahmen von ERASMUS zusammen. Da die gesamte Tagung in der Biblioteka Śląska stattfand, hatte ich während dieser Reise leider (noch) nicht die Möglichkeit, die Universität selbst und das Institut der Germanistik zu besuchen. Wir haben uns aber während der Veranstaltung gegenseitig darauf verständigt, dies zu einem späteren Zeitpunkt nachzuholen. Insgesamt zeigten sich bereits im Verlauf der Tagung Potentiale des Standortes sowie einer möglichen wissenschaftlichen Zusammenarbeit auf europäischer Ebene.

Tagungsort: Die Schlesische Bibliothek (Biblioteka Śląska)

Allgemeines zur Tagung

Die Tagung begann am Donnerstag zunächst mit der obligatorischen Begrüßung sowie der Ausstellungseröffnung. Nach den üblichen einleitenden Worten des Dankes wurde die Tagung durch Leszek Żyliński (Toruń) mit dem Vortrag „Der ethische Realismus Heinrich Bölls“ eröffnet. Żyliński  betonte die besondere Form des Böllschen Realismus, indem er zeigte, dass dieser über seine eigene Faktizität hinausreiche und dadurch eben kein Realismus im klassischen Verständnis sei. Darüber hinaus betonte er die besondere Gebundenheit der Autorschaft Bölls. Als Autor habe dieser das Schreiben als „demokratische[n] Vorgang“ und den Schriftsteller als „Bruder“ in Abhängigkeit des „gesamten Personals“ verstanden. Einmischung sei entsprechend eine ständige humanitäre Verpflichtung. Dadurch wurde m.E. nach auch deutlich, dass die Zeitgenossenschaft Bölls keine Räume für einen Rückzug des Einzelnen vorsieht.

Im Anschluss an den Eröffnungsvortrag folgte der erste Vortragsblock der Tagung. Paweł Zimniak (Zielona Góra) sprach auf Grundlage einer systemtheoretischen Vorlage (Luhmann) unter dem Titel „Leidende Körper“ zum Körper als systematischen Grenz- und Erfahrungsraum. Arletta Szmorhun (Zielona Góra) sprach zum Thema „Kirche und Gewalt. Heinrich Bölls De(kon)struktion des institutionellen Katholizismus“ und entwickelte ihre Ausführungen zur Darstellung von Weiblichkeit und struktureller Gewalt auf einem Gewaltbegriff nach Johan Galtung. Daran anschließend hatte ich zum Abschluss des ersten Vortragsblocks die Möglichkeit, meinen etwa 20-minütigen Vortrag vorzustellen. Im Abendprogramm wurden die jüngst erschienen Kriegstagebücher (Manchmal möchte man wimmern wie ein Kind, Kiepenheuer & Witsch: Köln 2017) durch René Böll einführend kommentiert und von Volker Venohr auszugsweise gelesen.

Eigener Vortrag

Wie schon im Schreib- und Arbeitsprozess während meiner Examensarbeit, war auch die Zeit zur Genese des Vortrags wieder eine sehr intensive. Ich hatte dieses Mal das Glück, in den zwei Wochen vor der Tagung vergleichsweise frei von Nebengeräuschen schreiben und arbeiten zu können. Dadurch war es gut möglich, in strukturierten Etappen effizient, aber ohne Hetze ans Ziel zu kommen. So war mein Skript bereits am Wochenende vor der Tagung grundlegend fertiggestellt und konnte noch zwei Tage ruhen. Montags konnte ich dann in die redaktionelle Korrektur einsteigen, sodass vor Kattowitz noch die notwendigen Leseübungen und Kürzungen erfolgen konnten. Dadurch war das Skript zum (ersten) Vortrag von präziser Länge, ausreichend strukturiert, sprachlich anspruchsvoll und dabei gleichsam verständlich. Mein Thema sowie meine ersten Ergebnisse konnte ich entsprechend zumindest skizzenhaft in wichtigen Punkten präsentieren. Hilfreich war es, dass mir das Lesen wie der Umgang mit Stimme und Mikrofon bereits aus anderen (auch literarischen) Kontexten vertraut war.

Eingang mit Tagungsplakat (Biblioteka Śląska)

Zweiter Tagungstag

Den zweiten Tag eröffnete ein Beitrag René Bölls zur Geschichte und historischen Entwicklung der Familie Böll im Spiegel der globalen und insbesondere bundesdeutschen Öffentlichkeit. Thema waren hier u.a. die zahlreichen Diffamierungen im Kontext des Deutschen Herbst. Im Anschluss erfolgten zwei parallele Vortragsstränge (Deutsch, Polnisch). Im deutschsprachigen Teil wurde von Elsbeth Zylla (Berlin, Heinrich-Böll-Stiftung) die Verbindung zu Lew Kopelew auf Grundlage des Briefwechsels vorgestellt. Daran anschließend sprachen Paweł Piszczatowski (Warszawa) zu „Heinrich Böll und Paul Celan: zur Geschichte einer komplizierten Freundschaft“, Grażyna B. Szewczyk (Katowice) zum Gespräch zwischen „Heinrich Böll und Horst Bienek“ und zum Begriff der „Heimat“. Astrid Shchekina-Greipel (Freiburg) stellte in ihrem rezeptionsgeschichtlichen Ansatz „Heinrich Böll in den Augen des sowjetischen Kulturapparats“ dar. Ebenfalls zur Rezeptionsgeschichte trug Michal Skop (Katowice) vor und legte dabei den Fokus auf die Zeit in Polen nach 1989.

Leider fielen im Verlauf des Nachmittags zwei Vorträge kurzfristig aus. Der Beitrag von Krzysztof Okoński (Bydgoszcz) „’Wir müssen uns in Polen einmischen‘. Das Werk Heinrich Bölls und der gegenwärtige polnische Erinnerungsdiskurs“ schaffte es aufzuzeigen, dass man Böll durchaus auch mit neueren kulturtheoretischen Ansätzen produktiv diskutieren und neue Perspektiven generieren kann. In ähnlicher Weise schaffte es Bruno Arich-Gerz (Wuppertal) in seinem Beitrag „Von Wundern und Wirkungsmacht. Haus ohne Hüter (1954) und Sönke Wortmanns Spielfilm [Das Wunder von Bern; CF]“  in der Gegenüberstellung zu zeigen, wie sich die historische Perspektive in der Auseinandersetzung mit dem Thema Verlust der Vaterrolle im Zuge der Nachkriegszeit entwickelt und verändert hat. Tobiasz Janikowski (Kraków) beschloss den Vortragsteil mit seinem Beitrag „Die Gerichtsverhandlung als turbulentes Familientreffen. Die Eigen- und Fremdbilder in Bölls Erzählung Ende einer Dienstfahrt“. Im Anschluss folgte zur Veröffentlichung des Bandes Böll i Polska eine Lesung.

Fazit und Ausblick für das eigene Projekt

Der Besuch der Tagung in Kattowitz war insgesamt gewinnbringend. Es war wirklich sehr gut, einmal vor einem unbekannten Publikum mein Thema und erste Ergebnisse vorstellen und zur Diskussion bringen zu können. Ich bin mit meinem Vortrag gut in der Zeit geblieben und konnte auf Rückfragen entsprechende Antworten geben. Das Feedback im Anschluss war insgesamt positiv und ich konnte erste Kontakte knüpfen (u.a. René Böll, Erbengemeinschaft; Elsbeth Zylla, Heinrich-Böll-Stiftung; Ulrich Freitag, Köln-Kattowitz-Verein; Leszek Żyliński, Warschau und natürlich mit dem Tagungsteam rund um Renata Dampc-Jarosz vom Institut der Universität Kattowitz). Das Tagungsprogramm war inhaltlich zwar nicht so progressiv, wie ich es mir aus Sicht der Böll-Forschung erhofft hatte, aber insgesamt waren die beiden Tage anspruchsvoll, thematisch vielfältig, sehr gut organisiert und liebevoll gestaltet. Insbesondere der Eröffnungsvortrag war besonders aufschlussreich, wenngleich man für Details natürlich noch einmal in die Lektüre muss. Bis Ende des Jahres werden alle Beiträge dazu in schriftlicher Form gesammelt und im kommenden Jahr in deutscher und polnischer Sprache veröffentlicht.

Durch die Förderung seitens der a.r.t.e.s. international – for all Förderprogramms wurde mir so eine große persönliche Chance eröffnet, die für meine wissenschaftliche Arbeit einen Meilenstein darstellt. Darüber hinaus steht diese interkulturelle Erfahrung für ein Europa der Herzlichkeit und Gastfreundschaft. Als Erinnerung wird mich dies ein Leben lang in jeder weiteren Unterhaltung als Beispiel der Kostbarkeit des Friedens unserer Gemeinschaft grundlegend und über die Wissenschaft hinaus begleiten.

Foto Ehrenfeld (03. November 2017, by Tine Hutzel)

Kattowitz.Tanz.-Ehrenfeld_2x

An einem Sonntag wie heute geht nicht viel. Tagebuch schreiben geht aber mal wieder. Weil schreiben immer eine ganz gute Option ist, „finde ich.“1 Habe das jetzt auch ganz klar erkannt – für mich – musste dafür einmal in den Berg. Unter Tage und wieder zurück mit einem Rucksack voll Liebe und einer Lore voll Lettern. Die Druckerschwärze im Gesicht, weiß ich nicht, wohin mit all dem, was gerade so gut ist. Aber wir stehen im Kreis und halten die Hände; – und schweigen uns an. Ganz kurz und sehr laut – – – und dann auch schon nicht mehr, weil dann können wir nicht mehr und das ist auch gut so. Pressen eifrig Luft durch die Lungen und sprechen und atmen und erzählen und lachen und das alles ganz lebhaft und einfach zwecks totaler Unterhaltung. Und zwar so guter, dass sie einfach vergeht und dadurch zu kurz ist. Immer.

Foto Ehrenfeld (03. November 2017, by Tine Hutzel)

by Tine Hutzel

Man sucht sich seine Crew nicht aus, sondern findet sich (fast) ganz einfach (bei etwas Geduld)

Verschiedene Ortswechsel. Im Raum und draußen. Vor der Tür und durch sie. Diverse Personen. Im Kern immer verbunden als Einheit durch viel. Repräsentatives Kollektiv. Gute Gesellschaft.

„Es ist manchmal alles sehr viel, aber ich sag‘ das jetzt auch immer dazu.“ – Heute ist Freitag oder Samstag; oder war beides. Das ist gar nicht so relevant für die Erzählung, denn die Zeit ist heute keine Kategorie; nur macht sie uns besser. Das steht außer Frage. Ist viel passiert. Wirklich. Das merkt man in jeder Minute. Gute Musik im Hintergrund. Die Sekunden verrinnen wie Sand ohne Getriebe. Kein Fehler: Im Spiel sind wir heute zusammen zu Hause und jede*r weiß das (ohne zu sprechen). Trotzdem tun wir es. Gemeinsam. Das ist eine Qualität, besonders. Macht jeden Raum zum klingenden Körper und voller kann eine Kneipe durch Menschen tatsächlich nicht werden.2

Wir sehen gut aus, wenn wir tanzen

Das Tanzen war vor einiger Zeit schon mal Thema in einer Küche in Leipzig. Geburtstag. Käsespieße mit Fähnchen (Europa, verschiedene Nationen) und Nudelsalat. Gespräche – dies Mal nicht über Ryan Gosling, aber ähnlich lange und wild. Leidenschaftlich laut, bei offenem Fenster (dies Mal konnte die Nachbarin schlafen). Da war einer, der wollte nicht und die anderen immer. Gibt es da wohl keine Kompromisse?

Neulich wurde auch ich wieder aufgefordert: aktiv zu tanzen. Das ist zum Wochenende immer ein sehr großes Thema. So einfach ist die Sache aber nicht. Treffen Tänzer*innen auf ihre stillen Begleiter*innen als stehende Schatten, wird selten so deutlich, wie sehr man sich im Sprechen verliert, wenn man sich einfach nur und gar nicht versteht. Treffen sich Sprache und Bewegung nicht in der Musik des gemeinsamen Seins im Moment als natürliche Haltung, geht es um alles und nichts, aber nicht bloß ums Tanzen.

Denn: Tanzen ist ja eine sehr persönliche Sache. Wenn man es ernst meint.

Bin für Radikalität /
In der Beziehung /
Gebundene Harmonie/
Nur wenn alles passt /
Ist der Tanz /
 ein gültiges Instrument.

Und irgendwie tanzen wir heute ganz ohne Bewegung. Stehen zusammen und schauen uns an und sprechen und hören und verstehen ohne zu sprechen und plötzlich fragt ein junges Mädchen in die Gruppe: „Wisst ihr, wo das Buhmann & Sohn ist?“ – „Gleich neben dem Artheater“, sage ich und da sind sie auch schon wieder weg. Hattens sehr eilig. Ist gut, wenn Leute so dringende Dinge zu tun haben, denn dann ist es sehr wichtig. Ich möchte ihnen nachrufen, dass sie sich nicht so hetzen sollen und aufpassen müssen, denn die Straßen und Nächte sollen sehr wild sein in Köln in letzter Zeit und dann ist da ja auch noch der ganze Verkehr. Da ist schon mancher unter die Räder gekommen und nicht wieder hoch. Ich denke die Fürsorge väterlich und komme mir alt vor. Vielleicht muss das so sein. Sie hören es ja nicht, dann ist es auch gar nicht nicht so schlimm, dass man sich Sorgen um jemanden macht. Manchmal auch viel (& mal auch zu viel). Aber besser in Sorge gebunden, als ohne zusammen.

Nach der kurzen Unterbrechung geht es weiter. Wir sprechen über alles und es bleibt immer zu wenig. Intensivieren den Dialog, lassen Sätze aus und springen in der Sprache, aber nicht in der Handlung und halten die Stringenz über gemeinsames Denken. Ziehen das Tempo an und stehen zusammen. Worte fallen wie Schritte auf dem schwarzen Parkett und der Teer unter uns? Fängt an zu kochen. Nur durch die Sprache, auf ganz heißen Sohlen. Aber nicht in Eile. Kommen nicht unter die Räder; kümmern uns drum. Gegenseitig. Peripheres Verstehen. Umeinander. Miteinander. Füreinander da. Den Anderen sehen und wissen, was Mehrklang wirklich bedeutet, weil Harmonie eben doch geht: Wenn man sich traut; und wenn man sich findet. Und wenn man die Angst verliert. Die Angst davor, dass Verbindlichkeit groß ist und eben nicht nur Gerede über eine utopische Kraft. Sondern ganz da, im Gegenüber und über die Sprache hinaus.

Drei kann doch Gruppe sein. Gut sein. Ohne Probleme. Keine Dissonanz: „Quod erat demonstrandum“, sagt der weise Meister unter dem Parkett und singt still seine Lieder. Pragmatischerweise wiederholt – hier als der Bericht keines Lehrlings.

ÜBERGänge – Nicht nur was für Germanisten

Am Ende des Abends, der in solcher Sache immer zu früh kommt, hole ich die Drucksache aus der Tasche. Für eine Mutter. Es beginnt zu regnen. Tochter sucht Stift; Kugelschreiber: dunkelblau (in meiner Erinnerung). Ich suche Worte und schreibe ohne zu denken. Intuitiv führt die Hand zwischen Tropfen auf dem Papier. Bin etwas in Eile, gleich Bahn und dann ab nach Hause. Aber nicht ohne Widmung. Morgens um 2 oder 3. Google wird’s wissen. Gehe. Gleich – noch ein paar wilde Worte. Wenn das der Wunsch ist. Auflage jetzt zweistellig. Größer kann die Sache nicht werden. Stark seine Leser*innen wirklich zu kennen.

Und dann regnet es stärker, kurz bevor ich die Treppen an der Leyendeckerstraße hinabsteige. Wir übergeben noch eben die Sprache und uns in die Nacht. Verabschiedung. Zwei gehen auf G, ich die Treppe hinunter. Ab auf den Mittelsteg zwischen Schienen im Neonlicht. Warte noch 5 Minuten (oder 6 oder 7) vor dem Graffiti auf die Straßenbahn. Bahn Richtung Holweide. Linie 3 bis Waldeckerstraße. Dann Fußweg. Alles zu. Keine Geschäfte. Kurz Küche. Käse. Dann Bett. 150% können so schnell noch besser sein, wenn und durch solche Erholung. In guter Gesellschaft. Woche vergessen. Kämpfe gegen die Müdigkeit um und durchs Leben. Was für eine gute Nacht.3

Foto Ehrenfeld (04. November 2017, by Tine Hutzel)

by Tine Hutzel

Anmerkungen

  1. Zitat mitgebracht aus Ehrenfeld in der letzten Woche gegen 21 Uhr. Sprache übernommen. Klang ganz wunderbar. Nach einem Satz; persönlich, ganz nah und sehr ehrlich. Hinweis: Gute Erfahrung.

  2. Das ist eine nüchterne Weisheit.

  3. Die eigentlich zwei war.