Foto Lieber Martin

Meine Stimme wählt, jede Stimme zählt

Lieber Martin,

ich bin seit längerer Zeit Mitglied der SPD, überzeugter Demokrat, Europäer und verstehe mich irgendwie auch als Weltbürger.1 Seit dem Parteitag in Dortmund bin ich auch noch mehr Sozialdemokrat als vorher. Die SPD befindet sich auf einem guten Weg. Aber gewonnen ist damit noch nichts: Wir stehen an einem Neuanfang. Das können die Menschen wissen. Darüber müssen wir nicht schweigen. Wir als Partei müssen uns neu erfinden, weil wir es als nationale wie globale Gesellschaft müssen. 

Wir müssen ›uns‹ wieder finden.

Foto Lieber Martin

Die ganze Welt ist vernetzt. Viele der Probleme, die sich hier und heute vor unserer Haustür, in unseren Häusern und auf unseren Straßen abspielen, sind hausgemacht. Aber hausgemachte Probleme sind eben auch solche, die die ganze Weltgemeinschaft betreffen. Heute steht alles mit allem im Zusammenhang, jeder mit jedem im Kontakt. Das überfordert uns. Täglich. Aber wir sind als Einzelne nicht nur passiver Teil einer Weltgesellschaft, sondern stehen in der Verantwortung im Miteinander – gleichermaßen durch unser Handeln wie durch Nicht-Handeln.

Den guten Menschen macht nicht die Politik, sondern jeder mit sich selbst aus.

Gute Politik fängt bei uns allen zu Hause und auf der Arbeit, im Alltag und im Umgang miteinander an – analog und digital

Ich verfolge Deinen Wahlkampf nun das ganze Jahr über schon intensiv. So intensiv wie keinen vorher. Nicht, weil ich einem Hype folge, sondern weil ich in zentralen Punkten unseres Programms übereinstimme. Mir war in der Vergangenheit lange nicht klar, warum keine Partei nicht wenigstens den Versuch unternimmt, auch progressiv nach vorne zu denken, Probleme anzusprechen und gesellschaftliche Veränderungen durch freiheitliches Denken offen als Möglichkeit in die Debatte trägt. Das passiert in Ansätzen gerade – endlich. Aber es ist noch mehr Potential vorhanden. Die Politik kann hier ebenso wie die Gesellschaft noch Meter gut machen und Gräben überwinden. Du kämpfst und zeigst, wie engagiert Politik betrieben werden kann. Das schätze ich sehr und es begeistert mich als Person, die zugunsten der Rhetorik eigentlich immer um Nüchternheit und eine kühle Ratio bemüht ist.

Foto Lieber Martin

Es geht um Handlungsfähigkeit und -freiheit.

Blickt man in die Welt, zeigt sich eine schwierige Lage – innen wie außen. Auch ich bin dieser Tage besorgt und das nicht wegen nur einer Baustelle. Und doch geht es mir sehr gut. So gut, wie es vielen Menschen insbesondere in Deutschland geht. Das ist ein Geschenk. Aber wenn wir ehrlich sind: Wir sind zugleich sehr wenige. Es spaltet unsere Gesellschaft nicht nur Politikverdrossenheit, sondern eine “Schere zwischen arm und reich”, die mehr als nur Kapital, Besitz oder den Kontostand meint. Wir müssen endlich feststellen: Die Politik des ständigen Wachstums ist nicht nur in der Krise, sondern an ein Ende gelangt und wir stehen vor der Frage, wohin sich die Spannungen entladen.

Es bieten sich zwei Alternativen: Entspannung durch alternative Lösungen für und durch die Weltgemeinschaft oder es werden mehr Konflikte entstehen und wohl unvermeidbar ausgetragen werden. Dabei hoffe ich, dass die Welt von morgen eine andere ist, weil wir uns gegen Gewalt entschieden und unsere Aufgabe als Menschheit erkannt und angenommen haben werden. Ich möchte mit unserer Generation in der Zukunft für ein neues Denken von ›Fortschritt‹ im friedlichen Miteinander als Wohlstand stehen.

Nur im Kollektiv kann man die großen Probleme langfristig lösen und gemeinsam erfolgreich sein.

Ich habe Zeit und Freiheit, diese Worte im Frieden zu verfassen und mich zu äußern. Das ist längst keine Selbstverständlichkeit. Und wenn einem das Wasser bis zum Halse steht, man in einer schwierigen Situation steckt oder schlichtweg Angst vor Veränderung hat, dann ist diese Sorge mehr als vorhanden und doch nicht immer sichtbar. Man muss das ernst nehmen und hinschauen. Auch das ist die Aufgabe von Politik. Jede Angst ist berechtigt und genau genommen hat jeder ganz eigene Ängste und wenige von uns sind so gefestigt, dass sie darüber offen sprechen können und wollen. Dabei schützt uns unsere Angst. Sie schützt uns davor, nicht ins offene Messer zu laufen, und es ist gut, hin und wieder Vorsicht walten zu lassen. Aber es ist falsch zu glauben, das Tabu schütze die Demokratie.

Lasst uns in Ruhe gemeinsam darüber sprechen und besonnen in den Dialog treten. Denn: In einer solidarischen Gesellschaft sind Ängste gesellschaftsfähig! Lasst uns alle miteinander darüber sprechen, wie die Gesellschaft von morgen keine ewig bessere, sondern eine bedingungslos eine gute wird.

 

Viele Grüße, Kraft und Erfolg für die letzten Tage im Kampf für ein demokratisches und sozial gerechtes Deutschland im solidarischen Miteinander in Europa und der Welt!

Solidarisch
Clemens

P.S.: Wir sehen uns morgen in Köln, um 17:30 Uhr am Heumarkt!
https://www.facebook.com/events/471685716532004/

Anmerkungen

  1. Grundsätzlich ist die Welt allerdings etwas groß, um sie als Einzelner als Ganzes zu denken, fürchte ich.

Foto Brotgedicht

Brotgedicht

                                 14. Juni 2017
Brotgedicht

Oder:
     Keine toten Enten
                      mehr…
                          d.i. Keine moralische Erinnerung,
                          nur und doch
                          zum freien Grillen
                          im Schrebergarten verfasst.

Als ich klein war, sammelten wir das alte Brot in einem Beutel
– – – bis der voll war, dann gingen wir zum Teich
und fütterten die Enten.
                    (hier bitte geräuschlose
                     Abbildung von Enten vorstellen)

Heute esse ich das alte Brot selbst auf.1

Ich frage mich, ob ich eine Ente bin,
 komme mir dafür aber zu groß vor.
Natürlich: die Enten kamen mir früher groß vor
 weil ich noch klein war und ich bin immerhin so viel gewachsen,
 dass sich die Enten relativiert haben;
-physisch-proportional.

                                             (gilt übrigens
                                             auch für das Brot!)

                     ***

Aber sympathisch wie ich die Tierchen damals fand
 finde ich mich auch und mehr noch als Brot fressende Ente,
 weil das für deutlich mehr Humor spricht und Humor ist,
 Wenn man Tragik kann und das klingt komisch, ist aber so.

[Hinweis]
          An dieser Stelle darf gleichermaßen gelacht
          und geweint werden. Bestenfalls gleichzeitig
          und aus gutem Grund. Hoch leben die Enten!
[Ende]


Wenn ich das trockene Brot selber esse
 brauche ich etwas, das ich früher nicht kannte – – –
-Geduld.
   Denn:
         egal wie viele Zähne man noch oder nicht mehr hat
         trockenes Brot ist wirklich sehr hart.

Kein Wunder also, dass ich das Brot heute in eine Schüssel aus Wasser tauche, damit es weich wird. Die Schüssel ist quasi der Teich an dem ich sitze und mich füttere, weil ich Enten gerne mal etwas gönne. Und auch ich habe mir das trockene Brot redlich verdient, Ente die ich bin.

                  (An dieser Stelle Entengeräusch
                   mit Glasschüssel, Wasser ca. 1,3 cm
                   unter Rand gefüllt.
                   Sprecher hält ganzen Brotleib
                   – nur scheinbar eintunkend – darüber.
                   Es folgt keine Information, warum der
                   Brotleib weder geschnitten noch
                   angerührt ist. Er ist unversehrt zur
                   Starre gekommen – als
                    gäbe es den Hungrigen nicht.

                   Die Weichwerdung des Brotes dauert
                   schließlich sehr lange, Tunken wäre
                   ein kurzer Vorgang, doch der Prozess
                   Hier und Heute – Bedarf der…
                   Kondition.
                        Während des Sprechens:
                        Arme wechseln – sonst:
                                              Enten-
                                              Muskelkater)

Früher hat man mir gesagt, du musst das Brot brechen. In kleine Stücke – das ging sogar bei Trockenbrot, wenn es maschinell in Scheiben geschnitten war, sehr gut. Fast zu gut. Aber ich hab es vergessen! Man muss das Brot besser brechen, solange es frisch ist und gut bekömmlich. Dann schmeckt es. Alles ist dann intensiver – außer das Entenfüttern, aber für die Enten ist das Brot sowieso ungesund; sagte man mir (neuste Erkenntnis!).


[un-(nötiger) Abgesang:

Bestenfalls auf Entisch vortragen inkl.
flatterndem Geschnatter.

Während des Vortrags Brot ausspeien wie ein
Drache das Feuer! (Heureka, 2017)

[Folgendes Gleichzeitig]

Sprecher 1:
Schade eigentlich, wenn die Kinder heute keine Enten füttern, können sie später gar nicht denken, sie wären Enten, die sich etwas Gutes tun und aus Langeweile statt Not am trocken Brot lutschen.

Sprecher 2:
Es geht nichts über Enten, aber wenn man das Brot teilt mit den Jüngern, dann sind alle ganz satt und fressen sie nicht, die Enten vom Teich – gleich in die Friteuse.

Sprecher 3:
Halt endlich die Klappe.

Sprecher 4:
Genau, Du versaust mir den Abschuss!

[Gleichzeitig Ende]

***
Kurze Stille
***

Ende]

Anmerkungen

  1. Nur manchmal. Der Sprecher kokettiert hier keinesfalls mit einer vegetarischen oder gar veganen Lebenshaltung zur Besserung des Welthungers, -klimas und -friedens. Es ist alles nur ein kurzes Spiel zur Erheiterung an einem Sommertag – und ja: es duftet nach gebratenem Fleisch. Hmmm…

Foto Ein Anfang

Ein Anfang

                            10. März 2017
                            12:32 Uhr
                            Köln
Ein Anfang

Große Dinge passieren nicht zwei Mal
Und vielleicht – doch – ja – noch ein Mal

               —–

Ich verstehe nicht alles
höre manchmal nicht zu
wenn und weil ich zu inbrünstig spreche

und doch möchte ich hören
was dich kümmert, beschäftigt
welche Sorge dich treibt
und auf welche Frage du die Antwort
                        nicht kennst.

Die Radikalität eines Anfangs ist —
dass er ein Ende hat;
dass dieses nicht jetzt ist
ist eine Sache, an die man sich
vielleicht einmal im Guten erinnert
und das ist dann auch, —
was es eben ist und so einfach macht
wie es schön ist: “ein” Anfang.

                            12:42 Uhr

Presse - Foto: Tine Hutzel © 2017

Relaunch 2017

Es ist lang geworden – und dieses Mal meine ich nicht den Text (den muss ich ja jetzt erst noch schreiben), sondern die digitale Abwesenheit. Eigentlich wollte ich 2013 einen Reset starten, dann noch einmal einen letztes Jahr und mittlerweile ist es 2017 und es ist ganz schön viel passiert in der Welt und in unser aller Leben. Viele Menschen mit denen ich gemeinsame Abende in den Kneipen dieses Landes verbracht habe, in Clubs getanzt (ja, das ist früher wirklich passiert) oder Konzerte gespielt habe, heiraten dieser Tage, sind schon verheiratet oder zumindest kurz davor, haben vielleicht die ersten Kinder und kommen in der nächsten Phase der eigenen Entwicklung an.

Presse - Foto: Tine Hutzel © 2017

In den letzten Wochen und Monaten bin ich immer wieder ganz unverhofft alten Freunden und Weggefährten begegnet. Ganz offen wurde ich gefragt, was ich mache, was die Musik macht oder auch das Studium. Ich habe viele Gespräche geführt, erzählt und gelacht und es war ganz oft genauso wie früher, nur ein paar Jahre später und etliche Erfahrungen reicher. Da waren ganz viele tolle Dinge dabei, die man gar nicht alle mitnehmen und aufsammeln kann.

All die Geschichten, die man sich nicht ausdenken kann und die jeden von uns begleiten sind so großartig, man kann sie nicht alle erzählen. Doch mir ist eines aufgefallen: Meine Mitmenschen halten es für selbstverständlich, dass ich meinen Weg gehe, wie sie ihren. Und sie erwarten, dass ich meine Geschichte so erzähle, wie ich es mache. Nicht als biographischen Mitschnitt eines Egozentrikers, sondern als Gefährte durch das Leben, der eben eines tut: Musik machen und Text schreiben.

Für denjenigen, der produziert, den Künstler oder wer auch immer das sein mag, für den ist jede Entwicklung einer Idee oder Vorstellung immer nur eine Bearbeitung – letztlich ein Zwischenstand. Man befindet sich immer auf dem Weg. Mal auf diesem, mal auf einem anderen: das kann man aber niemandem „verkaufen“ und so muss man hin und wieder mal seinen Frieden mit dem Istzustand machen und daraus etwas Vorzeigbares herstellen. Sonst läuft man Gefahr, nie irgendetwas zeigen zu können oder zu wollen und dann verpasst man nicht nur sein Publikum – so klein es auch sein mag, es gibt da ja eigentlich ein Publikum für alles und jeden -, man verpasst auch sich selbst auf diese Weise. Und das ist nun wirklich nicht im Sinne des Erfinders.

Mit dem Zwischenstand leben und lernen

Nach dem Ende meines Studiums im letzten Jahr und der Fertigstellung meines Albums Jeden ganzen Meter war eigentlich schnell klar, dass ich wieder eine Präsenz online entwickeln möchte. Offline zu sein – da fehlte mir etwas. Leider waren mir in den ganzen Versuchen, die ich während meines Studiums bemüht hatte, etwas Stringenz und Ausdauer abhanden gekommen. Mit dem Blog oder Tagebuch bewegte ich mich im Zwischenraum von Privatheit und Öffentlichkeit und kam zu keinem ständigen Format – auch weil mich das Leben links wie rechts überholte.

Doch eines habe ich auch aus dieser Zeit mitgenommen: Man wird nicht in das Web 2.0 hineingeboren1 und zumindest ich gehöre noch zu einer Generation, die sich nicht originär als Content-Produzenten begreift. Fehlten mir einerseits also kontinuierliche und ernst zu nehmende Inhalte, blieben die anderen Formate unausgereift. Im fragmentarischen Entwicklungsstadium stand so die nackte Kunst im Spiegel der Welt, nur um sich die eigene Unreife einzugestehen. Das musste irgendwann ein Ende nehmen, denn mein Anliegen war es, das hier noch einmal neu und richtig in Angriff zu nehmen.

Editorial - Foto: Tine Hutzel - 2017

Nicht nur im Studio entwickelte ich mich in den folgenden Jahren weiter, sondern ich schrieb auch und lernte ein bisschen mehr in der Gestaltung und Entwicklung von WordPress und Typo3. Etliche Entwürfe später führte mich das dann im letzten Jahr dazu, musikalisch und im Studium einen Punkt zu setzen. Ich wollte auch wieder online in die Welt hinaus, schreiben und wandern. Allerdings war es hier wie dort das gleiche Spiel, nämlich Überforderung an allen Fronten: viele Ideen, viel ist machbar – fast alles – aber was mache ich und welche Potentiale kann ich erschließen. Wie arbeite ich sinnvoll im Medium, ohne mich damit gleichzeitig unter Druck zu setzen oder mich dauerhaft zu überfordern. Dinge wieder von der Liste streichen – das war gar nicht so leicht.

Alles  neu macht der – September

Die Struktur dieser Seite ist nun relativ simpel gehalten. Es gibt drei Kernbereiche, die meine Projekte präsentieren: MusikTextTheorie. Unter Musik stelle ich meine Solo-Projekte und die Projekte mit der Band vor. Die Projekte und Veröffentlichungen bekommen nach und nach auch noch Detailseiten, wie sie für Jeden ganzen Meter und Am Fluss schon vorhanden sind. Außerdem werde ich meine Songtexte hier unter Text als Lieder aufnehmen. Dort findet man zudem auch schon einen Teaser zu meinem aktuell laufenden und ersten längeren Prosa-Projekt sowie die fortlaufend im Blog erscheinenden Kategorien: Geschichten, Fragmente und Gedichte. Gerade die Umsetzung von Typographie und Schriftsatz machen mir in der lyrischen Schreibweise noch des Öfteren zu schaffen (das kann v.a. die mobile Ansicht schon mal zerschießen). Ergänzend zur Darstellung spreche ich die Texte nach und nach im Studio als Hörversion ein und stelle sie über Youtube zur Verfügung.

Bevor mich das Leben wahrscheinlich an eine unserer Schulen in NRW führen wird, liegt mein Fokus aktuell auf der Arbeit an meiner Dissertation. Auch dieses Projekt stelle ich hier vor und begleite es zukünftig durch einen Blog. Im Blog finden sich darüber hinaus Geschichten aus dem Alltag und neue Erlebnisse oder aktuelle Entwicklungen. Nicht jeder Tag ist es wert, in einem öffentlichen Tagebuch stattzufinden und nicht jeder Arbeitsschritt oder Gedanke einen Blogeintrag wert. Das musste ich lernen, denn die Beiträge brauchen Zeit und Aufmerksamkeit, um im Rahmen meiner Möglichkeiten einen gewissen Standard zu erreichen. Und auch wenn man an das Schreiben gewöhnt ist, ist auch nicht jeder Tag einer, um Text zu schaffen und Inhalt zu schöpfen. Deshalb ist es auch ganz gut, dass ich noch eine Kiste voller Legos im Rücken habe. Da sind noch etliche Anekdoten oder auch alte Geschichten, die wir gemeinsam erlebt haben und die ich noch einmal neu erzählen kann. Da wäre zum Beispiel die Frage, wie wir eigentlich damals zur Vorstadt gekommen sind und warum wir die Band gegründet haben…

Tine Hutzel

Menschen mit dem richtigen Blick

Ich schreibe die Geschichte.

Immer wieder treffe ich auf neue und ganz tolle Menschen, führe intensive Gespräche und Unterhaltungen voller Leidenschaft. Aber es ist abseits dessen ein großes Geschenk, dass mich über die letzten Jahre so viele tolle Menschen begleitet haben und, dass ich viele davon ganz regelmäßig auch sehe und sprechen kann. Manche sieht man häufiger als andere, aber das ist in unserer globalen Welt nicht zu vermeiden. Und doch ist es ganz oft so, als wäre man gerade zur Tür hinaus und habe nur etwas vergessen. Der Kater am Morgen hat sich noch immer gelohnt.

Danken möchte ich an dieser Stelle nun vor dem Abgesang nur noch Tine Hutzel, die mit mir neue Fotos gemacht hat und ganz bald noch einmal ein paar mehr machen wird. Dank geht auch an die eigentlichen Macher der Vorstadt, die eine Festung der Menschlichkeit bewahren und meine über die Jahre arg gewachsene Produktionsstätte behüten. Bald geht es auch wieder los mit der Band (19.-21.09. im Sommerkino) – die Finger jucken nach ein paar Wochen Sommerpause doch arg. Und zum Ende des Jahres werden dann auch unsere neuen Aufnahmen fertig. Dazu erfahrt ihr hier dann auch bei Zeiten mehr.

Es ist lang geworden…

…und dieses Mal meine ich den Text, der länger geworden ist, als ich anfangs gedacht hätte. Wer es kurz und knapp haben will, für den habe ich eben noch ein kurzes Video produziert und bereitgestellt. Es verbindet Blümchen und Westernhagen, Musik und Text als Bild. Trotz der vielen Wochen der Entwicklung – von denen eine der Hauptaufgaben das Kürzen zum Ende hin war – werden sich hier sicher noch einige Fehler verstecken, die ich im Stadium der Betriebsblindheit nicht erkannt habe. In solchen Fällen bitte ich um Nachsicht und bestenfalls um eine kurze Infomail. Über die nächsten Wochen und Monate wachsen sich diese Kinderkrankheiten dann hoffentlich raus.

Ich freue mich, wenn wir uns mal wieder im analogen Leben treffen und bis dahin lade ich Dich jetzt nur noch ganz herzlich dazu ein, einfach ein bisschen mitzulesen und teilzuhaben an der Geschichte, wie ich sie hier schreibe und erzähle.

Danke für Aufmerksamkeit und bis bald!

Dein Clemens

Anmerkungen

  1. Schon gar nicht in eine Arbeitswelt 4.0

Erfahrung an der Bar

Da stehe ich – an der Bar1
bestelle ein bis zwei Getränke
                           – zu viel.
                           „… aber gerne!“
                           , sagt er und meint:
                           Das Geld.
                           höre ich selten
                           [- hat man so auch nicht häufig]
                           , denke ich und meine es wirklich
                           so noch nicht gehört zu haben.

                Wir reden los
                           – ganz einfach
                           – – – vertraut
                           “… aber plötzlich.”
                           , sagt sie und macht gar keinen Punkt
                           , sondern redet weiter – – –

                           Stimme kollabiert
                                      jede zur Masse
                                            – es sind zu viele.
                                            “… wirklich?”
                                            , fragt einer.

                           Die Musik ist laut
                           – sie alle tanzen
                           – – [es ist eine Feier]
                           – – – ich stelle mich an
                           “… fast programmatisch …“
                           , erzähle schüchtern
                           – meine Geschichte
                           Kann die Leier nicht hören
                           Sie aber schon
                           Ich mache eine
                           – Pause –                           
                           – – – – –

 

***
Wir setzen noch einmal neu an:
ich|sie warte|t jetzt schon lange
      [sie|ich [vielleicht|anscheinend] auch]2
auf [die Unterbrechung | die Überwindung]

      – die so nicht kommt
      – – nicht hier und heute
      – – – und doch

      ; aber anders:

                 “natürlich”
                 , sagt sie und ich meine es auch

                 natürlich
                 , denke ich heute und meine es
                 – anders. [Und auch gleich.]3

            Das Gespräch ist wie ein Gewitter
            ein warmer Sommerregen4 voll Leidenschaft
            Passt nicht alles in diesen Raum
            – unser Zimmer
            “… ganz provisorisch …“
            , erzählt sie weiter [und ich auch]

            Und dann:
                  ist es ganz plötzlich vorbei …
            – – –
            Nach nur ein paar Stunden
            [Augenblick]

            – – –
            Ich wache auf
            und fühle den Kater
            und es war nicht der Alkohol.

Anmerkungen

  1. Das ist eine Wiederholung.

  2. Ergebnis der Retrospektive

  3. Es ist ein “Kloptstock”-Moment, nur ohne Gewitter (- wobei: s.o.), Selbstmord und Albert.

  4. Darüber habe ich mal ein Lied geschrieben und dachte, es hätte sich damit…welch Naivität!

Ich spiel auf einer Hochzeit

Als ich am Samstag aufwache, sind einige Wochen des Wartens ganz plötzlich vorbei und ich denke: Es geht wieder los – und nach einiger Zeit stelle ich fest: Endlich! Ich bin vor einigen Jahren noch häufiger mal auf Geburtstagen, mal auf Betriebsfeier aufgetreten. Dann folgte eine intensive Zeit im Studio und vor allem im Studium und ich hatte das Live-Erlebnis etwas aus den Augen verloren. Wir spielten zwar unsere Auftritte mit Deine Vorstadt, aber auch die waren immer zu schnell wieder vorbei. Der Alltag wirft einen doch schnell wieder zurück in die Routine. „Jetzt ist das vorbei“, dachte ich am Samstag und wusste, dass „jetzt“ zwar manchmal ein ausgesprochen dehnbarer Begriff ist, aber nicht heute.

Endlich wieder mit dem Koffer aus dem Haus

Gegen neun Uhr komme ich in Ehrenfeld an und werde bereits von meinem Freund und Kollegen MF-Production begrüßt. 2015 haben wir gemeinsam das Lied „Schwarze Schafe (Schlaflos in Widdersdorf)“ aufgenommen und waren damit u.a. bei KölnTV zu Gast. Heute spielen wir das Lied gemeinsam in einer Akustik-Version auf der Hochzeit seiner (d.i. MF) Ex-Freundin – eine für den Außenstehenden seltsam anmutenden Konstellation, aber es ist mit dem Bräutigam als Überraschung abgesprochen und mir ganz Recht so, um weder Konflikte noch Peinlichkeiten zu provozieren. Ab 21:15 Uhr ist also klar, dass es wirklich ein gelungener Abend werden könnte.

Verabredet ohne Probe stellen wir gg. 21:45 Uhr fest, dass wir vielleicht doch noch eine kurze, schnelle Durchlaufprobe im Hinterhof einschieben sollten. Eigentlich ist alles klar, aber „eigentlich“ ist ein noch dehnbarer Begriff als „jetzt“ an manchen Tagen. Wir spielen hinter der Küche im Streulicht und Flüsterton, gucken uns kurz an und sind uns einig, dass es eine gute Nummer werden könnte. Dann geht es auch gleich los.

„Wir reden nicht, sondern spielen einfach los!“

Im letzten Slot vor dem Hochzeitstanz beenden wir das Programm der Vorträge, Reden und Videobeiträge und treten ins Licht der Bühne. Nach – ich glaube Michael Jackson – dreht der DJ die Musik runter. Ich fange also einfach an, spiele die ersten vier Akkorde, die die nächsten vier Minuten auch mehr oder weniger die letzten sind und warte, bis sich das Publikum auf uns gerichtet hat. Es wird ruhig, deutlich ruhiger als noch vor fünf oder zehn Minuten und irgendwie überrascht mich die Stille und ich finde es fast schade, da dann sogleich wieder mit brechen zu müssen.

Dann geht es los:  „Unter der Porta Nigra…“

„Unter der Porta Nigra…“ setze ich an und merke, dass meine Stimme heute wirklich ganz gut klappt. Das ist manchmal nicht nur Tagesform, sondern gerade die Stimme ist auch immer ein Indikator für das persönliche Befinden. Scheinbar, denke ich, geht es mir heute wirklich ganz gut und scheinbar habe ich wirklich großen Spaß gerade. Ich hole kurz und tief Luft mit den Augen, da ich ja im Moment weitersingen muss und genieße fortan den Abend und die Aufmerksamkeit. Wir spielen unseren Song akustisch und unverstärkt, haben den ganzen Saal aber trotzdem für uns und mit uns. Es passt heute alles. Song, Publikum – Stimmung!

Ein Lied und keins mehr – noch nicht

Auch dieser Auftritt ist viel zu schnell vorbei. Es gibt einige „Zugabe“-Rufe, aber wir haben nur ein gemeinsames Lied und können den Wünschen an diesem Tag leider nicht entsprechen. Vielleicht werden wir für das nächste Mal und spätestens für die Silberhochzeit einen zweiten gemeinsamen Track produzieren (Verhandlungen laufen bereits!). Hier und heute gehen wir noch „eiskalt“ von der Bühne und genießen den Moment gemeinsam mit allen. An der frischen Luft stehend, begleiten wir dann mit dem Blick durch den Eingang des Saals den Hochzeitstanz, leiten die ganze positive Energie in das Gespräch über und sind noch immer aufgedreht aber glücklich.

Foto Clemens und Niklas in der Vorstadt

Recording-Wochenende mit Deine Vorstadt

Nach vielen Wochen des Probens ging es vergangenes Wochenende wieder los. Ein neuer Anlauf mit der Band Deine Vorstadt im Studio. Da wir bis in die Gegenwart hinein von chronischen Geldsorgen begleitet sind, entschieden wir uns in meinem mittlerweile doch in die niedrige Mittelklasse aufgestiegenen Vorstadt-Studio aufzunehmen. Mit dabei war unser 13 Lieder umfassendes Set, das wir seit nun fast einem Jahr ganz fleißig verfeinert und v.a. auf Click geprobt hatten. Neben den neuen Liedern Reisefieber, Graffiti, Amerika und Küche waren auch ein paar alte Lieder und ein paar aus der ersten Stunde dabei. Unser Ziel: Einfach mal aufnehmen, wie wir gerade spielen – was ist unser Stand?

Aufbau, Umbau, einrichten, ausrichten – aufnehmen!

Zunächst geht allerdings jeder Aufnahme das Einrichten und Einstellen voraus. Dazu trafen wir uns einige Tage vorher und bauten auf, so wie es im Vorfeld zumindest einigermaßen von mir geplant worden war. So langsam richteten wir uns in der frisch renovierten und runderneuerten Vorstadt ein. Im Studio bauten wir das Schlagzeug um und positionierten unseren Bassisten daneben, während die beiden Gitarren-Amps in der Regie Platz fanden. Unser Ziel war es so, nicht nur live und gemeinsam spielen zu können, sondern dabei auch in Begleitung eines anderen Band-Mitglieds zu sein, um ein gemeinsames Spielgefühl zu bewahren.

Das Ende hat geklappt – ohne uns anzugucken!

Nach dem Aufbau folgten erste Soundchecks mit Click, Probe-Takes und das Einrichten eines je individuellen Monitor-Sounds. Dann konnte es losgehen mit den Takes. Im ersten Durchgang spielten wir mit Gesang, um einen Ghost-Track davon zu haben, der bei den nächsten Durchläufen mitlaufen konnte. Damit die Aufnahmen selbst nicht zum großen Stress unter Perfektionisten ausuferten, blieben wir bei der Absprache, jeden Song nur einmal zu spielen und dann gleich den nächsten – was überraschend gut klappte.

Click, click, click – das Metronom stellte sich schnell als eine Umstellung heraus, die sich bezahlt machen sollte. Wir spielten gemeinsam an drei Tagen das Set je ein bis zwei Mal durch und schnitten uns dabei mit. Weil das wirklich gut klappte, machten wir den vierten vorgesehenen Tag bereits einen Cut und fingen an, ein paar Einstellungen für den Mix vorzubereiten und grobe Fehler zu korrigieren. Außerdem versuchten wir einige Backings einzusingen und gaben uns dann schließlich auch mal früher frei.

Der Klassiker zum Abschluss der Aufnahmen: Es geht etwas kaputt…

Kurz vor Abschluss der letzten Korrekturen passierte dann, was immer in solchen Situationen passiert: Mein Interface verabschiedete sich und musste zur Reparatur. Wir wurden kaltgestellt und konnten nichts weiter tun als abwarten und die Füße still halten. In der Zwischenzeit trafen wir uns im Brauhaus zur neu eingerichteten Quartalsbesprechung und planten unser weiteres Vorgehen. Nach guten drei Wochen kam dann die heiß ersehnte Mail vom Music Store in Köln, dass MOTU die Reparatur nicht nur erfolgreich durchführen konnte, sondern ebenfalls, dass wir mit 300,- Euro auch noch in einem erträglichen Kostenrahmen blieben.

Nun geht es in die Phase, die über 50 Takes zu sichten, anzuhören und die besten Versionen zu finden, um einen starken Mix daraus zu produzieren. Im Anschluss werden wir dann die Vocals drüber singen und die Produktion finalisieren. Derweil arbeiten wir im Hintergrund an einer Akustik-Version für das Sommerkino im September und bereiten das Artwork vor. Zum Release gibt es dann nicht nur ein Konzert mit anschließender Party, sondern ebenfalls ein Update unserer Homepage und neue Fotos. Ihr dürft also gespannt bleiben.

Auf hoffentlich bald!

Deine Vorstadt – Immer wieder alte Lieder (Ende 2017 – diesmal wirklich!)

Geplant ist der Release irgendwann im August/September. Auf dem Laufenden bleibt ihr hier und auch über deinevorstadt.de oder bei Facebook, Instagram und Twitter.

Tracklist

1. Schwarze Schafe
2. Routine
3. Reisefieber
4. Küche
5. Was ist es wert
6. Keine Ahnung
7. Graffiti
8. Kommt ein Tag
9. Amerika
10. Geheimversteck
11. Sommerregen
12. Logbuch
13. Johansson

Foto Clemens Fuhrbach - Kettcar, Im Taxi weinen (akustisch)

Nach einem langen Wochenende: Kettcar, Im Taxi weinen (akustisch)

Hallo zusammen.

Ich hatte letztes Wochenende Besuch aus Leipzig. Danach habe ich völlig übernächtigt die Handy-Kamera mitlaufen lassen und mit zittriger Hand Kettcar, Im Taxi weinen (akustisch) aufgenommen. Fast ohne Stimme und mit Kater singe ich den Song, der genau davon erzählt, dass eine Zeit manchmal zu schnell zu Ende geht und sich doch zu jeder Zeit wieder so anfühlt, als wäre man immer noch 20, frei und unbefangen und voller Träume – nur halt zehn Jahre später und um einige Erfahrungen reicher – und jede Zeit für sich ist ja irgendwie gut.

Was mit dem Abitur irgendwann anfing und von Kettcar und Tomte musikalisch quasi begleitet worden war, wuchs sich schneller raus, als ich es selber realisierte – gleichzeitig blieb die Musik irgendwo ständig als Begleiter und der Impuls war und ist da. Auf die ersten wilden Jahre und musikalischen Gehversuche folgte oftmals auch Ernüchterung und Frustration. Manchmal schwand die Lust, aber nie ging sie so ganz. Der Zweifel siegte nicht, weil in dieser Zeit ganz viele wichtige Leute zu Gefährten wurden, die nichts mit meiner Musik anfangen konnten oder wenigstens nichts mit Musik zu tun hatten, weil sie selber keine machten. Fernab des Proberaums entstand Freundschaft – neben der Musik, nicht ohne sie.

Und ständig geht die Sonne auf

Als uns einer der dicksten Freunde unserer Kiosk-Gang in Köln vor einigen Jahren dann in Richtung Osten verließ, wurden nicht nur die großartigen Abende mit zahlreichen Diskussionen und endlosen Unterhaltungen zwangsläufig weniger, sondern es ging auch ein ständiger Begleiter meiner musikalischen Entwicklung. Auch Kettcar hörte ich da schon länger gar nicht mehr. Die Dinge veränderten sich und tun dies fortlaufend – das ist ganz normal. Dennoch ist es jedes Mal wieder so, wenn man sich trifft, als wäre Zeit nicht wichtig und, als wäre das alles eigentlich nur ein langer Sommertag – „ein einziger Sommer“. Alte Fotos verraten natürlich eine andere Geschichte. Was damals nach dem Abi anfing – mit Kettcars Im Taxi weinen, Tomtes Schönheit der Chance oder Olli Schulz‘ & der Hund Maries Weil die Zeit sich so beeilt – am Kiosk weiterging und morgens mit Bratkartoffelgeruch bei Rita endete, all das ist Anlass des Songs Kettcar, Im Taxi weinen. Es ist die Geschichte, dass es gut ist, wenn man Freiheit erfährt und Freundschaft findet.

Seit einiger Zeit probe ich mein Album „Jeden ganzen Meter“ in Akustik-Versionen. Nebenher schreibe ich an neuen Songs und spiele ein paar ganz alte, um gegen Ende des Jahres ein neues Album raus zu bringen, vielleicht den ein oder anderen spontanen Gig auf der Straße zu spielen und zum Jahresabschluss dann ein Solo-Konzert in Köln: akustisch, alleine und ganz intim. Da ich nie nur an einer Front kämpfen, dauert es noch etwas – aber es hat sich schon viel verändert und auch dieses Schiff läuft in absehbarer Zeit in den Hafen ein.

Clemens

Jeden ganzen Meter gibt es u.a. bei

iTunes | AmazonGoogle Music | Spotify | Deezer

oder auch bei Youtube

 

Für die Katz

Literarisch gestolpert.

                                     Clemens Fuhrbach
                                        17. Mai 2017
Literarisch gestolpert.
Eine Zusammenfassung
      – einen Tag später.

Ich soll also stolpern: –
Aha.

Kann doch nur erzählen
Weil es mir einMal passiert
Nachträglich und+
doch als Wi(e)derholung
Nicht gleich aber identisch
Oder doch umgekehrt?
Jedenfalls:
Ein Ereignis
Als 1 Ereignis
Zwischen Bewegung und Stillstand
Wobei –
…dieser ist doch bloß
《ILLUSION》

Der Körper im Raum
Steht nie wirklich still
Wie die Zeit fließt das Blut
Und die Luft durch die Lungen.

Kommen wir zurück zum
PROGRAMM:
.. . … . . . … ..
Huch!
Da ist es wieder passiert
“Aber jetzt” (Schulz 2017, S. 27)

Überrascht?
Nicht wirklich.

Zusammenfassung:
Über Steine zu stolpern
Musst du schon selber
Und erzählen davon
Musst du auch
Selbst.

Nur wie?
Das
     1|ist
     2|scheint
                die Frage.

Fangen wir mit einer Information an:
In der gestrigen Sitzung des Seminars wurde gesprochen über Lyrik von Tom Schulz: Prager Straße und Verlegung der Stolpersteine – aus dem gleichnamigen Band. (Nur am Rande auch noch über ein Gedicht von Friederike Mayröcker). Für eine detaillierte Zusammenfassung der Inhalte, Interpretationen, etc. beachten Sie – oder wollen wir uns duzen? – bitte das PROTOKOLL [Link].

Detail Nummer 1:
Es wurde bemerkt, dass über die Prager Straße das Stolpern fruchtbarer ausfiel als erwartet.

Anmerkung Nummer 1:
Mit dem Titel Verlegung der Stolpersteine greift Tom Schulz ein programmatisches Kunstprojekt zur Erinnerung an die Opfer der NS-Verbrechen auf. Es handelt sich um goldene Gedenktafeln in Form von Pflastersteinen, die in Städten an Orten verlegt werden, wo Menschen während des Dritten Reichs abgeholt wurden, um nicht mehr wiederzukommen. Das Gesicht der zu den einzelnen Steinen vorhandenen Täter fehlt. Den Opfern bleibt wenigstens ihr Name als Schriftzug – “immerhin”, möchte man sagen.
In Zeiten der Krisen und des öffentlichen Demonstrierens ist es vielleicht nur eine Frage der Zeit, dass diese letzten Pflastersteine – die meisten Straßen heute sind ja asphaltiert! (Sicherheit?) – wieder von Tätern zum Werfen wider Polizisten oder Gegner jedweder Couleur ausgegraben werden, und man könnte diese Farce des Opfer-bleibt-Opfer fast lustig als ironische Wendung des Schicksals begreifen, wäre es nicht unschuldig für solch ein Handeln zusammen allein unter Menschen und Menschen.

Das Seminar hat berechtigterweise darauf hingewiesen, dass die besondere Eigenschaft der Stolpersteine ist, dass sie so in der Straße verlegt werden, dass man gerade nicht darüber stolpert. Zumindest gilt das physisch.

Wer teilnimmt an einer linear gerichteten Erinnerungskultur, kann zumindest gewissenhaft stolpern, sofern man auf den Boden blickt, um nicht zu stolpern und dann einen solchen Stein erblickt, um innezuhalten und sich der bösen Natur als Verbrechen zu erinnern.

[Einschub Anfang]    Privates Detail Nummer 1:
                     Seit Hans Guck-in-die-Luft schaut
                     die deutsche Gesellschaft brav
                     nach unten.

                     Ein Hoch auf die Errungenschaften
                     der Pädagogik!
[Einschub Ende]

Tom Schulz verlagert die plastische Aktionskunst im öffentlichen Raum in einen literarischen Spezialdiskurs und stellt ihn in seiner Lyrik ins Abseits. Das versteht sich gesellschaftlich so: Während die goldenen Stolpersteine in den Städten zumindest theoretisch jedem Bewohner oder Touristen der Stadt begegnen können, wo diese Begegnung dann zu einem Denkprozess führen kann, so bleibt das ›Stolpern‹ auf lyrische Art doch eines, das nicht völlig bewusst und dennoch nicht zufällig ist. Schließlich passiert es allenfalls den Leuten, die sich alltäglich aus Interesse oder Intention, also privat oder beruflich mit Literatur befassen und das ist nicht die breite Masse der Bevölkerung. Stellt man die Anzahl der Touristen gegenüber jener der Literaten, so handelt es sich doch mit hoher Wahrscheinlichkeit um eine ungleiche Proportion zweier Gebiete der komplexen Bewegung des Reisens, deren Mischungsverhältnis mehr ist, als eine Frage des Geschmacks.

Wie wir nun festgestellt haben, ist die literarische Verlegung der Stolpersteine also tatsächlich ein Verlegen als Tätigkeit im Sinne des Wortes, wie man es beispielsweise aus Krankenhäusern kennt.

“XY wurde von der Intensivstation auf die Station verlegt – ja, außer Lebensgefahr, auf dem Weg der Besserung.”

Handelt es sich nun um:
     a) Hoffnung auf Heilung und Grund zur Beruhigung
oder
     b) Ruhe vor dem Sturm und bedingungslosen Rückfall?

Anmerkung Nummer 2:
Überforderung im Diesseits und Perspektive der Täter von gestern und potentiellen Täter von morgen?

Ich kann und will die Modernität dieser Lyrik nicht beurteilen. Angesprochen fühle ich mich nicht, aber das ist keine Kategorie – dafür habe ich totales Verständnis. In meiner Welt ist Lyrik eine sehr private Angelegenheit und wenn ich mich dort mit der öffentlichen Frage nach dem sog. ›lyrischen Ich‹ konfrontiert sehe, dann kann ich keine Antwort geben, selbst nicht für die dilettantischen Versuche, die ich selbst unternehme. Ich kenne diese geschlossene Stimme nicht von der alle sprechen und mit der man in objektiver Gültigkeit spricht, was im Eigentlichen – so unterstelle ich – versucht den Menschen zu überwinden.

***

Es folgt daher eine technische Einschränkung als funktionale Beschränkung:

In dieser Disziplin räume ich mein Scheitern – auch auf die Gefahr hin, es handele sich in meinem Fall um Unwissenschaftlichkeit in Ausdruck, Haltung und Form (d.i. auf ganzer Linie) – jetzt schon ein.

***

Wenn ich nun also doch über2 das ›lyrische Ich‹ spreche, dann in zweierlei Hinsicht als funktionale Möglichkeit der Erfahrung von Fremdheit und Entfremdung:
   1) Spreche ich über einen Anderen als anderen und mich
   2) Spreche ich über mich als anderen im Ich

Die Maximierung der Perspektiven steht hier noch am Anfang und führt mich zum jetzigen Zeitpunkt zu einem einzigen Punkt der Erkenntnis, nämlich: Es handelt sich um ein Phänomen der Vielstimmigkeit und wenn ich spreche oder schreibe kommt es nur zu einem Ergebnis, d.i. mein Ausdruck als Konsens von all diesen Instanzen der Sprache, derer man als Suchender noch deutlich mehr finden wird, wenn man nur häufiger hört, sieht und – liest (im ganzen wörtlichen Sinne).

Mit meiner Stimme trug ich gestern vor, dass “Stimmen wie Jauche” (Schulz 2017, S. 10) und “Stimmen mit einem Galgen” (Ebd.) von einem Ich auf sprachlicher Ebene eingefangen werden, das sich zunächst sorgfältig den Schnürsenkel bindet (wie im Kindergarten gelernt und seitdem konsequent betrieben!), um sorgfältig nicht (!) zu stolpern und dann doch in einem Moment der erstarrten Bewegung sich selbst in den “Fensterscheiben von 1&1” (Ebd., S. 11) gegenübertritt und die Spiegelung als Fremden hinterfragt. Wer ist dieser “Smartphone-Mensch” (Ebd., S. 11), der Prothesen für fast alle Sinne braucht – ein Stock zum Tasten fehlt vielleicht.

Das Gegenüber wird diffamiert in seiner Erscheinung und durch seinen Ausdruck. Alles läuft nur noch über ein Gerät und dieser Mensch, der doch eigentlich immer dachte, selber zu lesen, zu schreiben, zu hören und zu sehen, was in der Welt um ihn herum passiert, fragt sich ganz plötzlich, ob und wie er all das um ihn herum Geschehene als Information verarbeiten kann, ob es das Gerät schafft, der Überforderung Herr zu werden, oder ob es sie noch potenziert und schließlich steht die Frage im Raum, wer hier noch schafft sich eine wirklich eigene Meinung zu bilden, die so etwas ist, wie frei und unabhängig, Produkt ganzheitlicher Bildung und Idee der Erziehung zur Mündigkeit.

Ich kann mich heute – nach meiner gestrigen Reaktion durch Enthaltung im Anschluss auf eine an mich gerichtete, weiterführende Rückfrage zu einem von mir erbrachten, aber zum besseren Verständnis zukünftig doch noch zu präzisierenden Beitrags als Teil der mit 90 Minuten viel zu kurzen Seminarsitzung für solch ein großes Thema (für mehr sollte man sich allerdings auch zum Experten machen!) – gar nicht entscheiden, welche konkreten Antworten ich als Konsequenz dieser Sitzung nun gefunden habe und will es auch gar nicht. Ich gönne mir das Nebeneinander einiger Aspekte im harmonischen Gleichklang und als Dissonanz. Vielleicht muss man das mögen und manchmal ertragen, auch können.

Die ausformulierte Perspektive auf lyrischer Ebene, als Ich in einen digitalen Spiegel blickend, verwundert über sich und die anderen, bleibt in meiner Perspektive Produkt eines elitären Besserwissers, der glaubt Lösungen durch die Kategorien des wahr, richtig oder falsch zu kennen, weil und wie er sie innerhalb eines Erziehungssystems gelernt hat und sieht sich fragend als überforderter Zeitgenosse Menschen gegenüber, die genau so nicht denken wie er und die das Tabu begehen; sie betreten das Schweigen, vielleicht gebrochen, brüllend, laut und ganz konkret als Gewalt des anderen empfunden durch beide Seiten.

Und dann kommt mir die Pointe doch in den Sinn:
Hans Guck-in-die-Luft soll ja auf den Boden schauen, um nicht zu stolpern. Wenn nun die Stolpersteine damit kalkulieren, dass man nicht konkret-räumlich, sondern abstrakt-räumlich über sie stolpert, dann funktioniert das nur, wenn wir tatsächlich den Blick auf die Welt vor unseren Füßen werfen. Nun neigt sich der Blick dieser Tage aber nach unten und zwischen die Welt auf der wir laufen und uns bewegen tritt ein digitales Pendant. Wir blicken auf die Welt, aber sie ist eine andere und stolpern in beiden.

Wer auf sein Smartphone blickt, die Schuhe bindet, der kann nur dann trotzdem stolpern, wenn die Steine “richtig” verlegt sind, zum Stolpern, was bei der Abnahme durch den Auftraggeber als “zu korrigierender Fehler in der Ausführung” angemahnt werden würde und von der zur Verlegung beauftragten Firma nach der Abnahme zur Korrektur gebracht werden müsste.

“Zur Wahrung der Sicherheit im öffentlichen Raum
im allgemeinen Interesse.”

Belassen wir es dabei.

Die Verlegung der Stolpersteine als Verlegung der Stolpersteine in den Ort der Literatur ist ein wichtiger Hinweis, nämlich:
dass die Literatur Wirklichkeit durch Wirklichkeit
erfasst und bereichert.

Ende der Au(f|s)arbeitung
durch
Sprache

(In 3 Ebenen der Zeit)

a) vergessen b) verbleiben c) verlegen

Ausblick
***
offen

foto linie 5

Ziemlich genau gegen 05:03:48 Uhr

Es gibt keinen Anfang – ohne einen Anfang.

Es gibt keinen Anfang – ohne einen Anfang. Das klingt trivial, ist es aber nicht, denn als ich heute Morgen das Haus verließ, wusste ich nicht, dass ich abends nicht mehr heimkehren würde, weil ich es nicht mehr können würde und werde und ja, das Ende dieses Textes ist auch mein persönliches Ende und was übrig bleibt, sind allenfalls ein paar lateinische Zeichen, deren kombinatorische Bedeutung sich nur über das erschließt, was wir gemein das »Deutsche« nennen und dessen Natur sich gewaltsam der Schriftlichkeit widersetzt, die aber nur so überhaupt schafft zu zeigen, was Überzeitlichkeit sein könnte – wenn es sie gibt.

Vielleicht sollten wir noch einmal vorne Anfangen. Das ist dann natürlich kein echter Anfang mehr, sondern ein erzählter Anfang, aber nur so kommen wir vielleicht dazu, den entscheidenden Punkt im Verlauf des Heute und seiner Wendung verständlich zu entwickeln. Ich wachte gegen 05:03 Uhr und 48 Sekunden ziemlich präzise auf, drehte mich noch einmal um und merkte dann, dass die frische Luft, die durch mein Fenster zog kalt, aber angenehm war und ich beschloss jetzt schon aufzustehen, obwohl ich erst seit vier Stunden im Bett geschlafen hatte. Irgendwie wollte ich heute früher nach draußen als sonst. Manche würden jetzt – wenn man an das Ende denkt – von Schicksal oder göttlicher Fügung sprechen. Ich halte das für überflüssige Spekulation, denn ich kann es ja sagen: ich bin einfach aufgestanden, weil der Tag danach roch und im Erklären des Riechens habe ich mich erst drei Mal versucht, um zu erkennen, dass ich es wirklich besser lasse und einfach genieße, wenn es denn geht (es gibt ja auch sehr fiese Gerüche).

Nach dem Aufstehen stand ich länger als sonst unter der Dusche -. Nach dem Waschgang bei vierunddreißig Grad trocknete ich meinen nackten Körper mit dem Handtuch ab. Dabei fing ich wie immer zuerst am Kopf und bei den Haaren an, machte an den Armen weiter (erst Oberarm, dann Unterarm, dann Hände; erst linker Arm, dann rechter Arm), rieb mir den Bauch und den Rücken – in der Reihenfolge, fortlaufend nach unten – trocken und beendete das Ritual mich herabbeugend über die Beine bis hin zu den Zehen, zwischen denen ich sorgfältig gegen jede Feuchtigkeit vorging. Als ich mich wieder hoch gebeugt nackt im Spiegel ansah, stellte ich fest: Schönheit kommt von innen. In Zweifel geriet ich dann allerdings, als ich einen Pickel – nicht sehr groß, aber von dankbarer Gestalt, um ihn genussvoll auszudrücken und leer zu quetschen – auf meiner rechten Schulter entdeckte, dessen Substanz ich sogleich unter Druck zur Oberfläche durch die Haut verhalf. Es stellte sich dann Zufriedenheit ein und ich fragte mich, ob Eiter Schönheit ist. Währenddessen zog ich mich an und verließ das Haus.

Auf der Straße war noch nicht viel los, aber mehr als ich erwartet hatte – wobei: während ich darüber nachdachte, fiel mir auf, dass ich gar nichts erwartet hatte, sondern erst durch das Formulieren einer Erwartung darüber nachdachte, dass man etwas erwarten könne und das so eine Haltung möglich wäre, die mich voreingenommen hätte. Das erschien mir abwegig und ich stieg nach wenigen Metern an der frischen Luft in die Linie fünf ein, um bis zum Dom an den Hauptbahnhof zu fahren. [Ja, diese Geschichte spielt in Köln.] Dort hätte ich meinen Zug genommen, wäre ich wie immer irgendwo hingefahren, um abends wieder nach Hause zu kommen und zwischendurch ein paar Dinge zu erledigen, für die man mich bezahlte, damit ich sie nicht verstand, aber tat. Allerdings fiel heute nicht der Zug aus, wie manchmal im Winter, sondern mein übliches Leben. In der Situation, in der ich mich befand wurde mir ganz plötzlich klar, dass dieser achte April kein alltäglicher Tag in meiner Biographie sein wollen würde, was ich wiederum sympathisch fand, denn es machte ihn menschlich und als Mensch war ich davon überzeugt, dass es bestimmt ganz toll werden würde und stellte dann fest, dass ich den Tag menschlich machte, weil ich ein Mensch war und das war immerhin gut zu wissen.

Ich muss ein wenig ausholen, bevor ich wirklich zum Ende kommen kann.
***
Wem dies jetzt schon reicht, der kann folgende Optionen als Ende wählen:
a) Ich wurde von einem herbeieilenden Pendler vor einen einfahrenden Zug geschubst, den ich verpasst hätte, wäre ich nicht früher ins Büro gefahren, wo ich ja so gar nicht ankam.
b) Als ich ein wirklich schönes Mädchen sah, bekam ich spontane Atemnot – es wäre zu klären, ob aus Neid oder Freude – die sich im Herzversagen krönte.
c) Keine der Optionen gefallen mir, deshalb erschoss mich ein vorbeilaufender Jäger, weil er mich für einen stattlichen Krüppel aber gerade deshalb so kapitalen Festtagsbraten hielt.
***
Kommen wir nun also zu dem Punkt, der an diesem Tag die Veränderung bedeutete und – ich muss an dieser Stelle schon warnen: es wird verdammt kitischig und fast nicht zu ertragen – die entscheidende Wendung in meinem Leben markieren sollte:

Wir setzten uns gegenüber, ich fuhr nicht auf die Arbeit sondern mit in ihr Zimmer und blieb einfach dort und fühlte mich ganz edel als Nuttenkollege, denn ich bezahlte ihre Liebe mit meinem [alten] Leben und sie mit ihrem.

Nachwort:
Ach ja, ich hatte ja am Anfang versprochen, dass ich vom Ende erzählen würde: Ich bin am Ende und das ist jetzt wirklich überraschend: Es ist auch ein Anfang…