Grafik Das Experiment. Ein Roman

Ein Buch
digitale Welt
eine Geschichte
analog
erzählt

***

Das Experiment #X18

Ein Roman

Inhalt

Vorwort

1 | Brechen und Biegen

2 | Anrufautomation

3 | …

4 | …

5 | …

o | …

6 | …

7 | …

8 | …

9 | …

10 | …

Nachwort

Ende

2018- © Clemens Fuhrbach | clemensfuhrbach.com #clefu

Entwickelt in der Vorstadt ////

Vorstadt (Logo, E-Mail-Signatur)

Vorwort

Heute ist der 05. Januar 2018 und ich starte einen Versuch: Ich schreibe einen Roman, den es gestern noch nicht gab und der morgen anders sein wird, als ich ihn heute denke. Es gibt einen Protagonisten und eine Welt, die ich noch nicht kenne. Und es gibt zehn Kapitel mit einer Zwischenbilanz. So viel lege ich als Rahmen fest. Das ist alles. Nachdem ich dieses Dokument in meiner Textverarbeitung angelegt habe, erscheint dieser Roman, wie er entsteht – fortlaufend. Es gibt nur wenige Regeln: Der Text entwickelt sich von Satz zu Satz. Ich schreibe wann immer mir es möglich ist und wo auch immer ich an den Roman denke. Kein Satz wird nachträglich verändert oder gelöscht. Die Geschichte ist ihre Entwicklung und folgt ihrer inneren Chronologie. Es gibt nur die Sprache der Buchstaben und die Worte als Summe ihrer Zeichen. Das Ende gehört zum Programm.

Ab jetzt startet das Experiment.

05. Januar 2018 – 11:25 Uhr
Das Experiment
Ein Roman

I. Kapitel – Brechen und Biegen

#X18

Text vorlesen

1 | Brechen und Biegen

Als  ich  vor der Tür  stand, meine Schlüssel offensichtlich vergessen hatte und nun beim erneuten Abtasten meines Körpers feststellen musste, dass auch mein Smartphone nicht in erreichbarer Nähe war, bemerkte ich plötzlich, dass es keine Telefonzellen mehr gab. Auch die Nummer von Peter  fiel mir nicht ein, obwohl es immer noch der alte Festnetzanschluss war, auf dem er sich ausschließlich anrufen ließ. Er selbst nutzte das Telefon selten für ausgehende Gespräche. Eigentlich gar nicht. Zumindest erinnerte ich mich an keinen Fall, in dem Peter mich mal angerufen hatte und wir kannten uns nun immerhin schon gut dreißig Jahre, was mich überraschte, als ich darüber nachdachte. Ich versuchte mir die Zahl vor Augen zu führen und malte sie dazu mit meinem rechten Zeigefinger in die Luft vor die verschlossene Eichentür, als wäre es die abgefallene Hausnummer und als wäre ich ein Paketbote auf der Suche nach dem Klingelschild „Müller“ . Wie viel Zeit passt in dreißig Jahre, fragte ich mich. – Ich scheiterte in einer zufriedenstellenden Beantwortung und nutzte den Moment, für eine flüchtige Altersmelancholie, die mir aber eigentlich zu früh kam. Daher überführte ich die angesprochene Zeit umgehend in eine Raffung und folgte einem mir mittlerweile sehr gut eingeübten und beinahe intuitiv funktionierenden Pragmatismus: Ich beschloss, dass dreißig Jahre eine „ganz schön lange Zeit“ seien und lachte vorsorglich, wie ich es mir üblicherweise für den sogenannten „Smalltalk“ in Kneipen vorbehielt, um darin eine gute Figur  zu machen.

Ich hatte genau das seinerzeit zu Hause vor einem extra dafür angeschafften Spiegel als Reaktion für  Zweifelsfälle einstudiert, nachdem es redebedingt wiederholt zu einigen Vorfällen gekommen war, von denen manche in einem Kontext der physischen Gewalt mündeten. Während meiner daraufhin präventiv durchgeführten Übungen  tendierte ich zunehmend dazu, der Spiegel sei genau für diesen Zweck und extra für mich angefertigt worden. Zu präzise erschien mir der Kommentar, den er hinterließ, wenn ich mich ihm übermütig präsentierte und die Hosen fallen ließ. Man könnte sagen, dass ich hin und wieder, selbst von  mir erschrocken, dem hageren Fleisch gegenüberstand, als warte es auf den Wolf, um ihn doch noch davon zu überzeugen, dass es seiner eigentlichen Natur entspräche, sich vegetarisch zu ernähren. Der Wolf kam nie, aber an meiner gebrechlichen Statur änderte das wenig.

Ich kann rückblickend sagen, dass das Erkennen der eigenen Physis mich darin bestärkt hat an die Existenz eines höheren oder göttlichen Wesens zu glauben. Denn wer oder was auch immer uns durch den Geburtskanal der eigenen Mutter auf die Welt katapultierte: das konnte kein Zufall sein. Dafür war das Geschäft der Geburt einfach zu anstrengend und gefährlich. Zudem würde sich das ganze Spektakel, begleitet von schmierigen Flüssigkeiten, seltsamen Gerüchen und vor allem großen Schmerzen, für einen wie mich kaum lohnen. Zumindest aus rein körperlicher Perspektive betrachtet und im Sinne einer effizienten Ästhetik. Und würden nicht wenigstens Neugeborene den Schmerz ihrer Reise offensichtlich gleich wieder vergessen, es gäbe wahrscheinlich nicht einen Menschen, der einen anderen wieder auf diese beschwerliche Reise bis ans Ende des Tunnels schicken würde. Abgesehen von einigen Sadisten, die es ja ohne Frage zu geben scheint und bei allem möglichen Spaß am Vorgang der Zeugung.

Immerhin hatte ich es meiner Mutter schon damals leicht gemacht, da ich gleich zu Beginn etwas schmächtig war und wenig auf den Rippen hatte, wie es meine Großmutter  nicht müde wurde, bei Familienfeiern zu betonen. Dabei fasste sie mir jedes Mal und manche Tage auch mehrmals so kräftig an den ihr je nächstgelegen Oberarm, dass ich hoffte, am nächsten Tag keinen Schulsport zu haben, denn spätestens beim Schwimmtraining – das ich aus anderen Gründen hasste  – wäre es dann zu Irritationen gekommen, die ein Vorsprechen meiner Eltern mindestens beim Klassenlehrer, vielleicht sogar beim Schulleiter und einen Folgebesuch des Jugendamtes bei uns zu Hause ausgelöst und den Hausfrieden von Amts wegen bedroht hätten. Glücklicherweise lagen die Familienfeiern meist kurz vor den Wochenenden oder wenigstens nicht im näheren Bereich meines Sportunterrichts. Ich ersparte es mir und den Betroffenen so, darauf hinzuweisen, dass eine wirkliche Klärung des Sachverhalts nur im Rahmen einer Geburtstagsfeier in unserem Hause zu erreichen sei. Was wiederum beim Jugendamt für einen schlechten Scherz gehalten worden wäre und gleichzeitig dennoch der Wahrheit entsprochen hätte. Es wäre allen Beteiligten schließlich aber nur so sehr schnell klar geworden, dass es meine Großmutter auf ihre Weise im Grunde nur gut meinte.  Am ringförmigen Hämatom änderte das natürlich nichts.

Ihre Hand schaffte es – wenigstens in den ersten Jahren, also kurz nachdem ich das selbstständige Laufen gelernt hatte – die zugegeben auch in späteren Jahren noch nicht weniger bescheidene Muskulatur des Oberarms in einer Demonstration eigener Stärke ganz zu umschließen. Das änderte sich zwar im Laufe der Jahre und vergleichsweise schnell, weil selbst meine Arme an Umfang zulegten und die Mutter meines Vaters sehr kleine Hände hatte. Im Kopf blieb es trotzdem auch später immer der Griff der frühen Jahre. Selbst als er irgendwann ausblieb. Liebevoll, schmerzhaft – irgendwie wusste ich, dass sie ihre schützende Gewalt lediglich zur Gefahrenabwehr  einsetzte. Wahrscheinlich hörte sie in ihrem Kopf, irgendwo, ständig ein zu schnell fahrendes Auto oder ahnte in der Umgebung eine gefährliche Kreuzung, auf die man geradewegs zusteuerte und deren erst neulich bei einer routinemäßigen Wartungsarbeit sorgsam ausgetauschte Ampelschaltung just dann ausfallen würde, wenn man sie denn zu passieren gedachte. Sie hörte Sirenen, wo noch kein Unfall war und sah Verletzte, wo es keine gab. Der Krankenwagen war in ihrem Kopf, aber das hatte Gründe, die hier nicht weiter ausgeführt werden können.

In der  Stadt war alles in jeder Hinsicht laut. Zu laut. Meine Großmutter hatte ein sehr feinfühliges Gehör von musischer Qualität , das mit dem industriellen Rauschen nicht wirklich zurechtkam. Wenn sie hier mal nichts hörte, blieb doch ein diffuser Lärm, der ihr Nervenkostüm derart strapazierte, dass sie über die Intensität ihrer reflexhaften Fürsorge jede Kontrolle verlor. Ich schätze, sie stand wirklich jedes Mal unter Hochspannung und war schlichtweg überfordert, wenn sie ihr Haus  verließ und unseres nach einigen Stunden der räumlichen Überwindung betrat. Das hier war fremdes Gewässer. Doch das Schwimmen hatte sie nie gelernt und daher machten ihr Herausforderungen maritimer Natur  begründete Angst. Meine Großmutter kannte nur den richtigen Wald und hatte fast  ihr ganzes Leben im Dorf verbracht. Auf dem Land hielt sie den Kopf natürlich über Wasser. Orientierung  fand sie abseits der ausgetretenen Pfade. Das Haus verließ sie nur, wenn sie neben Ruhe auch frische Luft suchte. Manchmal brachte sie von Spaziergängen Pilze  mit. Nicht immer. Das Dorf verließ sie sonst nur, wenn sie zu uns zu Besuch kam.

Hier gab es fast nur Beton, Pflastersteine oder Asphalt; hin und wieder ein Baumkarree mit einem Häufchen Erde und Hund. Unsere Pfade waren nicht ausgetreten, sondern professionell verdichtet und wurden nicht infrage gestellt. Jeder hatte einen eigenen Namen, was meine Großmutter irritierte. Ein Abseits gab es nicht. Essbare Pilze auch nicht. Das Bisschen Laub der wenigen Bäume wurde im Herbst sorgsam gekehrt. Ein Erfolgserlebnis für die Straßenkehrer, die den täglichen Müll nie beseitigen konnten. Auf der Oberfläche und sogar darunter (was meiner Großmutter zeitlebens ein Rätsel blieb) bewegten sich Menschen mit Dingen oder Gegenständen, in und auf Objekten oder durch sie hindurch. Mobilität war stets gewährleistet. Fast manisch praktiziert. Orientierung fanden technische Begleiter. Wenn es dunkel wurde, leuchteten sie. Manchmal stießen sich die Menschen dennoch aneinander. Natürlich. Alles flüchtig. Das Licht wie der drückende Nachthimmel und der unsichtbare Rauch auf der Straße, über dem endlosen Asphalt. Tiefgründig drang alles in die Lungen. In alle. Es setzte sich fest. Drang ein, um zu verbleiben, während  irgendwo ein Apotheker Hustensaft verkauft . Gegen die Erkältung. Den Schnupfen. Die drohende Gefahr. Für die Gesundheit. Ewiges Fieber. Anhaltend. Trotz isolierter Kapseln und Medikation. Panisch steigt  irgendwo einer ein und ein anderer hektisch wieder aus. Dann Verkehr. Zähe Masse. Gestern und heute. Hin und her. „Hauptsache!“ Und morgen? Pferde aus Blech und Stahl mit einem Bauch voll raffiniertem Erdöl galoppierten bei jedem Wetter. Ihre Körper wurden warm; ja, sogar heiß! Ihr Geruch war seltsam. Anders; er hatte nichts mit Stall zu tun und roch doch wie der Atem eines toten Tieres. Manchmal vergewisserte man sich ihrer Existenz und nutzte dafür das eigens entwickelte Verfahren der Geschwindigkeitsphotographie. Sie mussten heizen. Sommer wie Winter. Kälte, Rekorde! Brechen und biegen. Karambolage. Das Rennen geht  weiter. Bei jedem Wetter, Wetten. Darauf; Blitzlichtgewitter. Applaus.

– An dieser Stelle sei bemerkt: Meine Großmutter hatte durchaus Sinn für Phantasie, kannte ernsten Witz und verfügte über einen scharfen Blick für die Realitäten des Alltags.  Die Welt verstand sie trotzdem nicht so, wie sie die Leute scheinbar verstanden. Dennoch hätte sie durchaus das Zeug zur Schriftstellerin gehabt. Die Geschichte meinte es anders mit ihr. Als junges Mädchen waren ihr freier Geist, Feinsinn und das Talent zur Tat zum Problem geworden. Einmal weigerte sie sich, ein von ihr selbst am Vortag des Ereignisses geschriebenes Gedicht im Deutschunterricht gegen jenes aus dem Schulbuch zu tauschen. Das Gedicht  meiner Großmutter hatte ungefähr die Länge der vorgegebenen Hausaufgabe und es war ihr natürlich doppelte Arbeit gewesen, die sie gerne gemacht hatte. Sie kannte auch das andere Gedicht auswendig, wie alle, die ihre Hausaufgaben stets sorgfältig erledigten – übrigens lag die Quote seinerzeit in aller Regel bei erstaunlichen 100%  (in Worten: einhundert Prozent). An diesem Tag aber, hatte meine Großmutter ihrer jugendlichen Freiheit zuliebe eine Entscheidung getroffen und das vorgegebene Gedicht zunächst gelesen, gelernt und trotz der ihr widrigen Sprache, beherrschte sie die freie Wiedergabe und hatte sich sogar Vers für Vers eine analytische Kommentierung des Textes erarbeitet. Allein, sie empfand den starken Willen dazu, den Widerspruch gegen das Fremde eigenmächtig in lyrisch raffinierter Form so aufzubereiten, dass man sich in verschiedenen Positionen nicht nur begegnete, sondern mit offenem Visier im direkten Duell von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand. Gedicht für Gedicht. Aussage gegen Aussage, Dichter vs. Dichterin. – Man kann durchaus sagen, dass meine Großmutter die Erfinderin einer frühen Form des Battlerap war, nur fehlt uns heute der Nachweis dafür. Das liegt vor allem an ihrem damals, wenig musisch veranlagten und in seiner engstirnigen Kleinbürgerlichkeit wenig visionären, aber dafür völlig überforderten Klassenlehrer und ihrer Klasse, die kritischen Widerstand offensichtlich nicht als Chance begriff, sondern als anstrengend empfand.

Was sie damals nicht zum Gegenstand der Verhandlung gemacht hatte, war, dass sie ja durchaus den von ihr erwarteten Vortrag hätte – wie alle anderen – einfach abliefern können. Nur suchte sie dieses eine Mal die Gelegenheit für das Eigene und entzog sich damit natürlich bewusst einer einfachen Bewertung im vergleichenden Verfahren. Sie plädierte dennoch dafür, es anders zu machen, da es sich um „eine gelungene Abwechslung gegen drohende Monotonie“ handele. Schließlich seien ja vor ihr immerhin schon dreizehn sehr gleiche Vorträge von kaum unterscheidbarer Qualität verhandelt worden. Durch ihren Beitrag würde nun eine sehr andere Perspektive auf den Gegenstand geleistet. Dies bewirke eine Kontrastanreicherung. Dadurch werde, auch aus bildungspolitischer Sicht betrachtet, eine als dringend notwendig zu erachtende Differenzerfahrung überhaupt erst möglich. Es sei also nur als im Interesse aller Beteiligten zu verstehen und auch damit in ihrem wie in jedem Sinne, also auch im Sinne aller.

Sie argumentierte scharf für ihre Position, aber nicht sehr lange. Als junges Mädchen erklärte meine Großmutter sehr selbstständig ihre offene Bereitschaft zum eigenständigen Vortrag und machte die ergänzende Ankündigung, sich im Anschluss jeder positiven wie negativen Kritik stellen zu wollen. Sogar für Spott und Häme zeigte sie sich bereit. Das abfällige Lachen pubertierender Jugendlicher kannte sie von ihren Mitschülern und vom Schulhof. Für gewöhnlich richtete es sich gegen direkt sichtbare Phänomene. Hier ging es um etwas anderes und um mehr: Auch das zu erwartende, kurzgeistige Vorurteil ihres reaktionären Publikums hätte sie nicht davon abgehalten, ihre Sicht der Dinge im lyrischen Vortrag energisch zu verteidigen. Sie hätte all das ertragen, stand vorne vor der Klasse und stellte sich vor dem Pult des Lehrers, während dieser mit hochrotem Kopf neben ihr stand. Ihm stockte der Atem. Die kurze Sprachlosigkeit im Anschluss an die Debatte nutzte meine Großmutter und setzte mit dem Titel ihres Gedichtes zum Vortrag an. Allerdings kam sie nicht weit und der Klassenlehrer zu sich. Er brach den Vortrag ab noch bevor sie ihn anfangen konnte…

Meine Großmutter war schon als Mädchen eine „selten dämliche“ Frau. Sie war sehr klug. Damit hatte der Klassenlehrer in seiner Zuschreibung Recht. Doch weil er genau das nicht verstand, schlug seine Einschätzung fehl. Sie war bedingungslos aufrichtig und vom Herzen weg ehrlich. Das überforderte ihn, weil er insgeheim wusste, dass genau das seine eigene Schwäche war und er hasste die Konfrontation damit, denn er fühlte sich stark und glaubte sich stärker. Da er hier in leitender Funktion für die Regulierung der Ordnung eingesetzt war, aber seine intellektuellen Mittel und sozialen Kompetenzen streng genommen (und ehrlich gesagt) inexistent, weniger streng genommen (und diplomatisch gesagt) immerhin sehr begrenzt waren, sehnte er sich in dieser Situation die Prügelstrafe zurück, die der Schulleiter aber ganz offiziell als „allerletztes Mittel humanistischer Bildung“ bezeichnete und sie damit inoffiziell nicht nur nicht duldete, sondern auch explizit untersagte. Der Klassenlehrer aber, wollte das „junge Ding“ – wie er seine Schülerin später im Wortlaut bei seiner nicht protokollierten, damit öffentlich nicht erfassbaren Meldung gegenüber dem Schulleiter nannte, und bei der er sich offen über fehlende Disziplinierungsmaßnahmen beschwerte –, er wollte sie im Wiederholungsfall körperlich „züchtigen“ können und dürfen, da Worte allein hier nicht reichten, allein ihm würden an Ort und Stelle ja ohne Not die Hände gebunden und dies sei ja so wohl „nicht im Sinne des Erfinders“.

– Bemerkenswert ist an dieser Stelle: Während des gesamten Vorgangs suchte der Schulleiter, dabei auf der höchsten Sprosse einer alten, wackeligen Holzleiter stehend, in der obersten Reihe seiner eigentlich sehr aufgeräumten Bibliothek  irgendein ihm sehr wichtig gewordenes Buch, das er zwar lange nicht in den Händen gehalten hatte, nun aber wohl akut vermisste. Enttäuscht und erfolglos stieg er im Anschluss an die Rede des Klassenlehrers hinab und bedankte sich für den Halt, den sein Kollege ihm und der Leiter besorgt hätten – es sei ja der ein oder andere so auch schon zu Fall gekommen und aus der Höhe stürzte es sich noch selten gesund. Zurück an seinem Schreibtisch sitzend, empfahl er dem Klassenlehrer dann, sichtlich enttäuscht von der erfolglosen Suche, weniger durch den „Erfinder“ zu sprechen. So etwas falle einem später nur noch mal auf die Füße. Wenn er weiter an seiner Karriere schustern wolle, wovon er persönlich ehrlich gesagt ausgehe, solle er also besser beachten, dass gemeine Erfinder nicht gern gesehen seien, wie es der heutige Vorfall ja exemplarisch zeige.

Der Klassenlehrer zeigte sich darauf durchaus einsichtig. Es hätte sich in keinem Falle gut gemacht, eigenmächtig die hier geltende Ordnung zu stören, bevor man an dieser oder anderer Stelle in den höheren Dienst eingetreten war. Er blieb in der Sache zwar anderer Meinung, aber der Schulleiter war ihm schließlich nicht nur als Vorgesetzter einen Schritt voraus, sondern in einer zentralen Angelegenheit ein echtes Vorbild: Er war früher einmal ein „höheres Tier“ gewesen und verbrachte nun hier an der Schule nur seine letzten Jahre, bevor die endgültige Entlassung aus dem Schuldienst und die wohlverdiente Pensionierung folgen würden. – Nüchtern betrachtet, war der Schulleiter ein ganz integrer Mann und im Grunde ein fortschrittlicher  Mensch, nicht ohne Fehler, aber auch nicht völlig verkehrt. Er hatte in all den Jahren seines Schaffens viele Höhen genommen, Tiefen gemeistert und alle Abgründe gesehen. Trotz allem behielt er einen klaren Blick für die großen und oftmals sehr schwierigen Zusammenhänge der Welt  und er sah die Notwendigkeit zur Vermittlung des Kompromiss, auch wenn es manchmal gegen die eigene Moral ging.  Er litt daran, aber zeichnete trotzdem stets treu und verantwortlich mit seinem Namen, da auch ihm jede Form von Widerstand als potentieller Katalysator des Chaos Angst bereitete. Und er konnte es sich nicht eingestehen, dass auch er es als Junge vielleicht hätte einmal anders machen können, als die Möglichkeit da war und er es eigentlich wollte.

Es kam für meine Großmutter, nach einigen Verhandlungen hinter verschlossenen Türen, zum Tadel für den „Widerstand gegen Anordnungen von oben“ sowie das „Antasten der höheren Autorität“ in Vertretung des Klassenlehrers. Bloß angedroht wurde der Schulverweis  im Wiederholungsfall oder „bei jeder nächsten Kleinigkeit“, wobei der Wortlaut hier bewusst Willkür  implizierte. Hinzu kam die schlechte Note für die offiziell nicht erledigte und daher „fehlende Hausaufgabe“. Die schlechte Wertung  schrieb sich fortan chronisch bis zum Ende der Schulzeit fort. Fächerübergreifend sprach sich der Vorfall herum und meine Großmutter kam nicht mehr auf einen wirklich grünen Zweig. Dies wurde nicht ausgesprochen, war aber als übliche Gepflogenheit offen bekannt. Es entspricht somit den nicht zu beweisenden, aber zweifelsfrei existenten Tatsachen in der Welt. Zur Verkündung des Urteils von offizieller Stelle erfolgte am Tag nach dem Ereignis die Vorladung der Eltern beim Schulleiter unter Anwesenheit des Klassenlehrers. Es wurde dabei häufig von „Gewissen“ gesprochen. Die Eltern meiner Großmutter hatten Sinn für Humor, hörten sich die Klage des Lehrers an, gelobten Besserung im Namen der Tochter und in ihrer Erziehung. Sie schüttelten die Hände und erzählten ihrer Tochter beim Abendessen dann, dass es keinen Sinn habe, sich mit solchen Leuten groß anzulegen, da man ja doch den Kürzeren ziehen würde und man müsse schließlich sehr vorsichtig sein, dass man nicht unter die Räder komme. Ihr Verhalten wäre bewundernswert mutig und mehr als angemessen gewesen, ja, sogar notwendig; und ihnen wäre das eigentliche Dilemma durchaus bewusst: Mit ihrem Talent habe sie das Zeug dazu, später einmal an die Universität zu gehen. Es wäre allerdings wichtiger, hier nicht zu kreativ zu werden. Gegenwärtig käme das nämlich jede Familie teuer zu stehen.

Meine Großmutter erholte sich von diesem Schock nicht mehr und schrieb danach nie wieder Zeilen auf. Ihr Tagebuch beendete sie abrupt. Wenn sie in seltenen Fällen mal unter Leute kam, trug sie zwar außergewöhnliche Sätze mündlich in den Raum, sodass sie in der Gesellschaft stets als belesene Frau erschien, doch sie machte sich aus dem Spiel des Bluffs nicht mehr, als einen großen Spaß und beließ es dann dabei. Keiner ihrer Sätze wurde je in einem Buch gedruckt. Sie war auch nicht auf die Universität gegangen, sondern hatte sich mit dem Leben als Ehefrau und Mutter, verantwortlich für Grundlagen der Erziehung und Abwicklung des eigenen Haushalts arrangiert. Und so sehr sich der Vorfall von damals und die Verhältnisse ihr entgegengestellt hatten, war sie doch keine gebrochene und nie eine unglückliche Frau, denn sie wusste, dass sie wenigstens einmal in ihrem Leben sehr großes Glück gehabt hatte und das Wissen darum machte sie noch glücklicher.

***

Sie hatte fünf Jahre in der Stadt gewohnt. Aber das war kurz nach dem Krieg, als der Verkehr noch mehr oder weniger brach lag und es andere Probleme gab. Alles begann sich nur sehr langsam zu ordnen und es gab noch Pfade ohne Namen. Hin und wieder machte man ein Geschäft auf der Straße. Geld spielte nicht die wichtigste Rolle. Man schlug sich irgendwie durch. Ihr Elternhaus lag draußen vor der Stadt und nach einem entweder unerklärlich unpräzisen oder aber sehr gezielten Bombentreffer in Schutt und Asche. Familie hatte sie seitdem keine mehr. Sie fand Zuflucht und eine Anstellung als Haushälterin bei einem alten Schulfreund ihres Vaters, der als Schreiner mitten in der Stadt wiederum Glück gehabt hatte, dass er und seine Werkstatt in dem ganzen Trubel völlig unbeschadet geblieben waren.

Zum Neubeginn entwickelte sich die wirtschaftliche Lage für ihn und seine Familie hervorragend. Handwerk war jetzt sehr gefragt. Es gab mehr Aufträge als Holz. Und er schlug überall dort auf, wo ein Schreiner gebraucht wurde. Er schlug auch dort auf, wo keiner gebraucht wurde, aber praktische Veranlagung vonnöten war. Natürlich nur, wenn es noch etwas zu holen gab. Das war längst nicht überall der Fall. Aber seine Dienste sprachen sich in entsprechenden Kreisen schnell herum. Nicht selten stand gleich morgens früh wieder einer vor der Tür des Hauses oder meldete sich in der Werkstatt, weil hier wie dort noch dies oder das zu erledigen sei und man könne sich dafür wirklich niemand besseren vorstellen als… Kurz gesagt: Die Nachfrage nahm gewisse Ausmaße an. Tendenz steigend. Täglich. Woche für Woche. Fast möchte man meinen: stündlich. Wenn er nicht persönlich kam, schickte er seine Leute. Letzteres wurde zur Regel. Mittlerweile hatte er eine gute Hand voll Hilfsarbeiter bei sich im Betrieb angestellt. Die meisten von ihnen waren zwar aus dem Krieg oder der Gefangenschaft zurück, aber längst noch nicht wieder Zuhause angekommen. Eigentlich kam niemand mehr dort an. Das wusste man damals aber noch nicht. Oder man war nicht ehrlich zu sich, seiner Situation und der Welt in der man lebte. Vielleicht konnte man nicht anders. Man hatte ja zu dieser Zeit zumindest noch Hoffnung. Sie arbeiteten dafür und für ihn außer Haus und in seiner Werkstatt, wo sie auch schliefen und lebten, wenn sie nicht arbeiteten; was selten der Fall war.

Auch meine Großmutter konnte dort arbeiten, leben und wohnen. In anderer Funktion natürlich. Sie schlief nicht in der Werkstatt, sondern im Haus und kümmerte sich um den Einkauf und die Kinder. Ihr Ort war der Haushalt. Ihre Rolle klar definiert. Dafür wurde sie bezahlt. Sie kochte und putzte in einer Perfektion, dass es der eigentlichen Frau des Hauses die blasse Verwunderung und den Neid in die Augen trieb. Sie hatte daher später begründete Angst, man würde im Falle des Falles „für so etwas keinen Ersatz finden“. Damit sollte sie Recht behalten. Als meine Großmutter die Stelle mit der Begründung aufgab, nun einen eigenen Haushalt auf dem Land ihrer Eltern begründen zu wollen, schlug Dankbarkeit in Missgunst um. Es kam zu einem Vorfall, der die Trennung schmerzlich erleichterte. Besonders von den Kindern fiel der Abschied schwer und auch der alte Schulfreund des Vaters meiner Großmutter fühlte sich im Herzen zwar dankbar verbunden und sehnte sich irgendwie nach „so einer Frau“. Er stellte sich beim Abschied dennoch auf die Seite seiner Angeheirateten , um die Zukunft des eigenen Hausfriedens nicht in Gefahr zu bringen.

– Als Randnotiz sei bemerkt: Das passierte dann doch. Mittlerweile war alles wieder sehr gut organisiert. Es gab mehr als genug Holz und zu viele gute Werkstätten. Als die Aufträge eine Zeit lang ausblieben und die Arbeit im Haushalt nicht mehr fremd vergeben werden konnte, stellte die Familie fest, dass niemand etwas von der Dynamik echter Sauberkeit verstand. Keiner hatte die praktische Veranlagung oder das nötige Talent zum Putzen und auch an der Übung fehlte es merklich. Sie versuchten sich mühsam, aber begriffen sehr schnell und zum ersten Mal wirklich, wie hilflos sie waren, wenn die Dinge nicht mehr einfach so, zu ihren Gunsten, vom Himmel fielen .

Ein paar Jahre später wurden die Spannungen dann so groß, dass die Familie daran zerbrach. Der alte Schulfreund des Vaters meiner Großmutter arbeitete mittlerweile Tag und Nacht in der Werkstatt und schreinerte alles, was irgendwie ein paar Mark brachte. Zuletzt waren das meist Särge im Auftrag der örtlichen Gemeinde. Sie wurden gebraucht für „Menschen, die ohne Hinterbliebene waren“ und einfach ganz einsam und alleine in ihrem Haus oder ihrer Wohnung verstarben. Gemessen an dem geringen Ertrag, den das Bauen dieser Holzkisten der letzten Ruhe ihm einbrachte, verwendete er zu viel Zeit darauf. Als es mal wieder länger als vereinbart dauerte und man ihn daraufhin kontaktierte, gab er sich bedingt einsichtig und äußerte offiziell, er wolle es den einsam Verstorbenen wenigstens zur letzten Ruhe noch einmal „schön machen“ und wisse um „seine Verantwortung für den ewigen Frieden“. Außerdem habe er aktuell sehr viel zu tun. Was nicht stimmte. Innerlich trieb ihn allein die Angst und das Bewusstsein darum, dass ausbleibende Aufträge den offensichtlichen Leerlauf zeigten, den es ja gab, den er aber weder sich, noch seiner Familie und schon gar niemandem sonst eingestehen wollte.

Nachdem alle Rücklagen aufgebraucht waren und er sich längst keine Mitarbeiter oder gar eine Haushälterin mehr leisten konnte, wartete seine Frau eines Abends nicht mehr mit dem Abendessen auf ihn, sondern war einfach weg. Zusammen mit den Kindern. Kein Zettel, keine Nachricht – nur der Tisch war gedeckt: mit einem einzelnen Teller und einem silbernen Löffel, auf dem ein fremder Name stand. Nachdem ihm die Dinge sehr schnell klar geworden waren, ging er, ohne gegessen zu haben, konsterniert zurück in die Werkstatt und begann die arbeiten für ein neues Bett, das ein Kunde erst heute für sein ungeborenes Kind in Auftrag gegeben hatte und das er „schnellstmöglich und mit sehr viel Liebe“ ausliefern wollte. Während der Arbeiten geriet er dann aber in einer – wie es im späteren Bericht hieß – „unkonzentrierten Sekunde“ durch eine „offensichtliche Unachtsamkeit“ in eines der laufenden Messer. Er war nicht sofort tot. Der Unfall verlief aber so unglücklich, dass auch schnell herbeieilende Hilfe ihm nichts mehr gebracht hätte. Er stöhnte sanft und lag zunehmend lebloser in seinem Blut. Niemand hörte ihn. Man fand ihn erst zwei Wochen später, als der Kunde sich „dann doch einmal“ nach dem „Stand der Dinge“ erkundigen wollte und niemanden antraf.

Man beerdigte den Verstorbenen in einem seiner letzten Särge. Eigentlich eine Fehlproduktion. Die Kiste war seinerzeit etwas zu klein gewesen. Er hatte sich irgendwie um etwa eine Kopflänge vermessen. Dem ursprünglichen Empfänger fertigte er eine Neue. Für den Schulfreund des Vaters meiner Großmutter passte der Sarg. Nicht perfekt, aber: „Wenn man ein Kissen unterlegt, dann geht‘s“, so hatte es der Gehilfe des Bestatters sehr pragmatisch festgestellt. Er winkelte die starren Beine mit etwas Mühe an, bevor er den Deckel, der wirklich nur leicht auf den Knien auflag, mit wenigen Nägeln für immer verschloss. Die Gemeinde kümmerte sich sodann und beinahe rührend um die baldige Beerdigung. Man veranstaltete – „zwar sehr kurzfristig“, wie man sagte – aber dennoch sehr spontan und gleich am selben Tag noch eine eigens anberaumte Messe. Es kamen sogar ein paar Trauergäste, die wenig überrascht vom Verlust wirkten. Man kümmerte sich seitens der Gemeinde auch sehr fürsorglich um die Hinterlassenschaften der Familie des Verstorbenen. Mehrfach versuchte man Frau und Kinder zwecks des Erbes zu erreichen. Aber sie waren wie vom Erdboden verschluckt. Offiziell erklärte man sie für unauffindbar. Was sie auch blieben.

Der vaterlose Sohn des Kaplans konnte alsbald, die schließlich an die Gemeinde überschriebene Werkstatt, ganz einfach und sehr kurzfristig übernehmen. Er war sehr dankbar um die göttliche Fügung und den kurzen Dienstweg. Seine Bestimmung war das Handwerk zwar nicht, aber immerhin glaubte er nun, endlich einer wirklichen Tätigkeit nachgehen zu können. Er schaffte sich das Notwendigste drauf. Wenig später stieg – laut der offiziellen Bücher – die Todesrate der einsamen Seelen in der Gemeinde sehr plötzlich, aber dauerhaft an. Die Ausgaben für notwendige Schreinerarbeiten vergrößerten sich entsprechend. Zur gleichen Zeit blieb die Zahl der Beerdigungen konstant und ging sogar, im wachsenden Wohlstand, leicht zurück. Aufgefallen ist das scheinbar bis heute nicht. Wie auch. Das Geld verschwand unter der Erde. Mit Sarg oder ohne. Bücher blieben ungeprüft. Man vertraute einander – blind und bis in den Tod.

***

Viele Jahre zuvor hatte meine Großmutter das damals noch blühende, aber ihr fortan fremde Haus im Streit nur mit ihrem Koffer verlassen. Für die Fahrt heraus aufs Land kaufte sie am Bahnhof ein Ticket und eine Zeitung. Sie bemerkte dabei nicht, dass sie aus Versehen zu einer Ausgabe vom Vortag griff. Auf der Titelseite stand gleich unter den Schlagzeilen geschrieben, dass ihr ehemaliger Klassenlehrer nun politisch Karriere gemacht hatte und zum Verkehrsminister ernannt worden war. Ich glaube, dass sie später deshalb im Verkehr die perfekte Regulierung der angepassten Gesellschaft mit all ihren zwanghaften Freiheiten und ihren perfiden Schlupflöchern sah, die ihr keinen Schutz bot. Meine Großmutter fühlte sich damit endgültig negativ zur Stadt und der  menschlichen Politik verbunden. Gleichwohl hatte der Umzug als Rückzug und Neuanfang in gewohntem Gelände auch einen positiven Grund. Es war in dieser turbulenten Zeit zu einem Aufeinandertreffen gekommen, das sich als nachhaltig erwiesen hatte. An einem Freitag lernte sie beim Tauschen meinen Großvater kennen. Er war ein einfacher Mann gewesen, aufrichtig, treu und liebenswert. Sie trafen sich ein paar Mal, aber so kitschig das auch klingt: Beide wussten sofort Bescheid und vertrauten sich, dass es darum gehen würde, worüber man nicht sprach, was aber nun einfach passierte. Vielleicht wäre mein Großvater  auch weiterer Rede wert, allerdings trafen wir uns nie persönlich und auch in Gesellschaft erzählten sie selten und wenig über ihn. Weder mein Vater, seine Mutter, noch irgendwelche Verwandten. Fotos gab es nur wenige. Ich erinnere genau genommen nur eines, auf dem er mir einen sympathischen Eindruck gemacht hatte. Besonders fotogen erschien er mir aber nicht zu sein. Zurückhaltend, schüchtern und ein „stattlicher Bursche“ mit dem man Pferde hätte stehlen, aber nicht darauf wegreiten können.

Nur eine Sache kam in Verbindung meines Großvaters gelegentlich zur Sprache, wenn bei einer Geburtstagsfeier das Telefon  klingelte. Auf den technischen Ausbau der Kommunikationswege und die neue räumliche Erschließung hatte er wohl – positiv gesprochen – sehr zurückhaltend reagiert. Er habe es damals als Ende der persönlichen Freiheit ausgerufen, ein eigenes Telefon im privaten Haus zu besitzen. Lange hatte er es gegen jeden gesellschaftlichen Druck geschafft, sich einer solchen „Apparatur des Terrors“ nicht zu unterwerfen. Als man ihm dann, in Absprache mit meiner Großmutter, zum Geburtstag „sehr spontan“ doch eines schenkte und es zum vollständigen Gelingen der Überraschung gleich angeschlossen hatte, empfand er diesen gut gemeinten Akt der Zwischenmenschlichkeit zwar als etwas übergriffig, er konnte und wollte sich in seiner netten Art letztlich aber auch nicht dagegen wehren. Er verstand das Geschenk als durchaus gut und ernst gemeinte und sehr ehrliche Aufmerksamkeit seiner Freunde. Und schließlich hatte seine Frau in letzter Zeit schon häufiger den Wunsch geäußert, sich durch das Gerät einige Reisen in die Stadt sparen zu können.

Das verstand mein Großvater nur zu gut. Zudem konnte er seine innere Unsicherheit nicht weiter verleugnen, denn auch er zweifelte längst an seinem Vorurteil gegen den Fortschritt und er hatte die nicht nur im beruflichen Alltag wirksamen Vorzüge der neuen Technik bei einigen Freunden und Bekannten mittlerweile auch durchaus selbst zu schätzen gelernt. Aus einem inneren Bedürfnis nach Ruhe, Sicherheit und aus Angst vor möglicher Überwachung, zog er den Stecker am Gerät dennoch bis auf eine Stunde am Tag. Die „Stunde der Erreichbarkeit“ – wie er es nannte – wechselte er zufällig ab und man musste wirklich Glück haben, ihn oder meine Großmutter an den Apparat zu bekommen. Das machte es für Außenstehende schwer. Für Involvierte galt es, sich damit zu arrangieren oder dazu zu verhalten. Wenn wir sie besuchten, fuhren wir deshalb einfach hin. Bemerkenswerterweise überforderte sie der spontane Besuch auch kein einziges Mal. Jedes Mal, wenn wir durch ihre stets offene Haustür in die Diele traten, schlug die Überraschung über den Besuch dann sogleich in große Freude um.

Meine Großmutter liebte meinen Großvater sehr. Sie beide hatten ihre Neurosen. Das zeigte sich im Telefon. Er überwand sich, damit sie sich weniger überwinden musste. Und sie verstand das. Das verband die Beiden. Wenn es darüber hinaus Dinge zu klären gab, dann sprachen sie miteinander. Für die Großstadt hatten beide nicht viel übrig. Der Verkehr war ihnen gemeinsam suspekt geblieben. Einen Führerschein besaßen beide nicht. Sie gingen zu Fuß, fuhren mit dem Rad oder gar nicht. Zu uns kamen sie mit der Bahn – das war aber eine seltene Ausnahme und vor meiner Zeit. Später kam nur noch meine Großmutter.

Wenn wir sie am Hauptbahnhof abholten verließ sie den Waggon gegen die Fahrtrichtung und suchte schnellstmöglich den nächstgelegenen Treppenabgang. Unter vielen Menschen wurde sie unruhig. Das mochte sie nicht, weil sie sich immer sehr im Griff hatte und sie wusste, dass man es ihr ansah, wenn sie die Kontrolle über sich unter anderen verlor. Daher trafen wir sie erst etwas abseits der Stimmen auf dem Bahnhofsvorplatz. Dort verlief sich der Strom in verschiedene Richtungen und sie wurde ruhiger. Wir warteten in einer abgelegenen Ecke. Das war unsere stillschweigende Vereinbarung. Und wenn sie dann jedes Mal sehr bestimmt durch die Glastüren ging und auf uns zukam, griff sie sehr schnell und sobald als möglich nach meiner Hand wie nach der eines heimlich Vertrauten und lange vermissten Menschen. – Doch trotz aller Beherrschung: Ich sah in ihr immer das ganze Zittern der starken Empfindung und fühlte, wie sie in mich hineinsprach, wenn sie mich fragte, wie es mir geht. Sie suchte die Nähe, die sie manchmal nur dachte und blieb in der Stadt eine Fremde. Sie sah durch mich ihre eigene Enge und vergaß, dass ich hier aufgewachsen und nie weggekommen war. In mir war all das ganz natürlich, gegen das sie so hart war, dass sich das Blut manchmal staute.

***

Meiner Statur entsprechend agierte ich bei physischen Zwischenfällen in der Kneipe nie aktiv, sondern versteckte mich hinter der Theke oder zwischen Flipper und Spielautomat, unter der Dartscheibe. Der heilige Ort der Trinker am pausenlos feucht-gierig krähenden Hahn war etwas gefährlicher, wenn nicht nur Fäuste, sondern auch Flaschen, Stühle und Menschen quer durch den Raum flogen. Dann war die Gemengelage wirklich ernst. Der heilige Ort der Spieler – die von mir in ihrem ursprünglichen Zweck zwar entfremdete, aber gleichwohl für mich situativ sehr nützliche Präferenz –, blieb auch dann noch seltsam unberührt. Es war, als gäbe es eine stille Vereinbarung über eine neutrale Zone oder einen konfliktfreien Raum, der allen zu kostbar war, um ihn in der Auseinandersetzung aufs Spiel zu setzen. Die totale Zerstörung war für alle hier Anwesenden offensichtlich keine Option. War der Streit auch noch so bitter und wurden die Wunden aus Treffern tiefer als tief: Es blieb alles irgendwie seltsam in Ordnung.

Und so machte ich – wie ich heute sagen kann – am Boden sitzend und aus der Perspektive eines neugierigen Kindes schauend, persönlich zunächst unwissentlich und von allen anderen unbemerkt, spontan eine Art Hauptgewinn, ohne überhaupt je wirklich etwas bewusst auf das Spiel gesetzt zu haben. Ich hatte räumliches „Bingo!“ und genoss in diplomatischer Neutralität die Schlägereien, die akustisch anders klangen als in den Filmen aus den 1970er-Jahren. In ihrer Optik und im Unterhaltungswert zeigten sich aber durchaus Ähnlichkeiten. Auch hier schienen sich die Charaktere und Rollen stereotyp zu wiederholen. Und auch im dramaturgischen Ablauf stellte ich Parallelen fest von denen ich nicht weiß, ob sie (a) begründet im menschlichen Verhalten sind, das ja auch dem Film grundlegend zum Erzählen ist. Oder ob sie (b) das Resultat der Filme schauenden Meute sind, die künstliche Handlung als menschliches Verhalten adaptiert hat. Schließlich könnte zutreffen, dass (c) einer der beiden Fälle nur durch mich in die Situationen hineingelesen wurde. Wahrscheinlich treffen alle Fälle in gewisser Weise zu.

Entsprechend sei festgehalten: Die Lage ist kompliziert und die Welt ist komplex. Stereotypen hin oder her. Für mich waren sie meist sowieso eher mono.

Jeder für sich. Und alle zusammen. So war das früher. Wie bei einfach erzählten Filmen blieben auch hier am Ende nur Sieger übrig und edle oder unsichtbare Verlierer. Der Streit hatte etwas Olympisches. Ohne Medaillen aber mit ordentlich Feuer. Und auch wenn einiges kaputt und Zähne verloren gingen, Lippen und Nasen bluteten und sich innerlich wie äußerlich die Narben sammelten, die man später stolz präsentierte, um sich an die gemeinsam geschlagenen Schlachten zu erinnern. Es hatte alles etwas von heiler Welt, weil alle dachten: „Dabei sein ist alles“ und insgeheim wussten, dass sie woanders mit ihrem Verhalten wohl wirklich Ärger bekommen hätten. Und das wollte niemand. Ärger. Hier geriet „niemand an den Falschen“. Das wusste man und deshalb berappelte man sich stets am gleichen oder spätestens am nächsten Abend, wenn sich alle wieder hier sammelten, um das zu tun, was man in einer Kneipe eben so tat, nämlich nichts, außer trinken, spielen und reden; nur solange, bis diese riskante Mischung – stets hochexplosiv und sensibel gegen falsche Dosierung – über die Zeit und den Abend hinweg ganz nüchtern wieder aufs Neue eskalierte.

Jeder hatte seine Rolle in diesem komplexen System. Meiner wurde ich mittlerweile immer öfter nicht mehr gerecht. Hier griffen feste Abläufe und eingespielte Automatismen. Nur bei mir klappte es in letzter Zeit nicht mehr so unbefangen wie früher. Ich hielt die Beherrschung nicht lange genug, lenkte widersprüchliche Gespräche zu schnell in die Provokation der Kontrahenten und kam dann, wenn es wieder losging, weil man endlich wieder zu unterschiedlicher Meinung war, nicht schnell genug in die freie Zone oder fing mir auf dem Weg dorthin Eine ein, weil alle – so früh am Abend noch selbst überrascht von der eigenen Nüchternheit – die Kräfte nicht angemessen dosierten und ihre Geschwindigkeit nicht im Griff hatten. Zwar hatte sich mein Versteck in der Mitte des Raumes über die Jahre hinweg als im Grunde absolut sicherer Ort erwiesen und ich kam, in diesem eigentlich ja sehr frei zugänglichen Gebiet unter der Dartscheibe, stets mit einem blauen Auge davon. Weitere Blessuren blieben aus. Ich wurde nicht mal zum Kollateralschaden! Nach einigen Vorfällen in jüngerer Zeit gab es nun aber berechtigten Anlass, am weiteren Bestehen der Zustände zu zweifeln. Kredit war verbraucht. Mein hiesiges Glück am Ende. Ich schaffte es zu oft nicht mehr rechtzeitig an den Ort, wo ich in Sicherheit war und verkroch mich stattdessen nur noch hinter der Theke. Dort kauernd wurde ich dann immer wieder von herabfallenden Flaschen und Gläsern getroffen. Ich sah nichts vom Geschehen und konnte nur darauf hoffen, dass es kein Stuhl war, der als Nächstes im hohen Bogen auf die andere Seite flog und mir im Fallen dann endlich ins Kreuz schlug. Und ich hoffte auch wirklich darauf, dass niemand im Affekt an den Zapfhahn kam, weil der Raum dann in sehr absehbarer Zeit ganz außer Kontrolle geraten würde. Ich hatte genau das vor einiger Zeit schon einmal in Kiel erlebt und das reichte als Erfahrung, um sich der daraus entspringenden Unruhe sicher zu sein. Sinnlos fließende Leere machte alle erst so richtig verrückt, wenn sie ihre Unsichtbarkeit aufgab.

In der Fragilität des neuen Jetzt waren solche Schlüsselereignisse zu viel des Guten. Die Aufhebung der Ordnung war in den vergangenen Monaten insgesamt und stetig gewachsen. Der gemeinsame Boden wurde zunehmend porös. Es brauchte bald gar keine weitere technische Penetration oder spitzfindige Rhetorik mehr. Eskalation passierte trotzdem. Willkürlich. Anders. Es wurde alles anders – natürlich: Permanent, aber nicht so, wie ich es meinem anwachsenden Alter nach kannte. Die Dinge hatten sich sukzessive verselbstständigt und stark verändert. Eigentlich stärker. Stärker als sonst. Auf ganz neue Weise. Das wurde immer dann deutlich, wenn das Gebäude von jetzt auf gleich ins Wanken geriet. Und man konnte nichts daran ändern. Keiner. Die Veränderung lag wie eine Ohnmacht über uns. Manche Gäste kamen deshalb einfach nicht mehr, obwohl sie eigentlich immer gekommen waren. Manche flüchteten in Nostalgie, andere fürchteten sich in der Zukunft. Alte ›Neue‹ kamen wieder dazu und schimpften über welche, die bald vielleicht kämen, aber meines Wissens nie kamen – Stand: heute. Sie kamen wie aus dem Nichts in unsere Kneipe. Blieben wie selbstverständlich und verhielten sich so, als seien sie nie weggewesen. Sie sprachen von Dingen, die sie nicht diskutierten. Und die Geschäfte liefen einfach so weiter. Mussten laufen, als sei alles wie immer.

Ich verstand sehr schnell, dass sich die Lage für mich bald schon weiter zu meinen Ungunsten entwickeln würde und ich nahm diesen Klimawandel hier das erste Mal wirklich ernst. Dennoch begriff ich nur langsam was es eigentlich meint, wenn das Eis chronisch schmilzt und die Kühlung ganz einfach ausbleibt. Ich sah lange zu wie all das passierte und kümmerte mich – vielleicht zu wenig. Aber ich konnte nichts tun. Angst obsiegte. Hilflosigkeit stellte sich ein. Mein Platz ging verloren und ich wurde in meiner Rolle ersatzlos gestrichen statt ausgewechselt. Automatismen liefen nun zunehmend auch ohne mich ab. Die Gesprächskultur an der Theke wurde nicht rau, sondern herzlos. Und erst jetzt begriff ich, was das Wort ›Gewalt‹ wirklich meinte.

Ich fürchtete auch deshalb, dass sich meine beinahe völlige Unversehrtheit in allen vorausgegangenen Fällen in den nächsten Jahren ins Gegenteil umkehren würde. Als in mir vergessenes Tier witterte ich die Gefahr wie ein aufkommendes Sommergewitter und konnte sie von Beginn an doch nicht genauer erklären. Sie blieb ständig als Gefühl und stetig abstrakt, aber nicht rational. Konkreter wurde es nicht. Nie, auch wenn das ein großes Wort ist. Ich sah, was passierte. Kümmerte mich, aber konnte nichts tun, obwohl ich mich nie passiv empfand. Wie auch? Ich war früher willkommen in der Rolle des Beobachters und wurde geradewegs ermutigt, frei meine Meinung zu äußern. Ich kommentierte wildes Gerede und redete niemandem nach dem Mund. Das fanden manche sexy, andere weniger. Aber es wurde insgesamt geschätzt und fand Anerkennung – selbst dann noch, wenn der katalytische Effekt eintrat und latente Unstimmigkeit zur physischen Auseinandersetzung führte. Der Ärger lag auch ohne mich in der Luft und ging am Ende nie allein auf meine Kappe. In letzter Konsequenz kam ich stets ohne größere Verletzung davon. Nun war diese Regel Geschichte. Man empfand mich als nicht nur störende, sondern auch als eigentlich zu „vernichtende“ Gegenrede. Widerstand zwecklos. Ich kaschierte mein Sprechen. Übte mich in Hermetik. Ich wollte im Gegenwind bleiben und versuchte die Subversion, damit man mich nicht einfach ignorierte, doch die Maskierung nahm man mir nicht ab. Die Maske heute schon.

Vielleicht ist es aus den veränderten Bedingungen der Gegenwart nur ein vorgeschobener Grund, aber ein zweiter, eigentlich belangloser Aspekt macht das Erreichen der Dartscheibe zu einem nicht für das bald anstehende Alter geeigneten Unterfangen. Und das wiederum ist die Paradoxie der Situation: Ich entzog mich der physischen Gewalt in der Vergangenheit, durch eine eigentlich sehr physische Aktion. Das offene Versteck zu erreichen, erforderte stets einen kurzen und nicht zu unterschätzenden, schmerzhaften Fall mit dem Barhocker, seitlich zur leicht abschüssigen Theke, auf den Kneipenboden. Ich hielt mich dabei mit der linken Hand so lange als möglich an der klebrigen Holztheke fest, um die Geschwindigkeit des Fallens effizient zu drosseln und die Erdanziehung gezielt zu entschleunigen. Am Boden angekommen erreichte ich schließlich mit Hilfe eines sich daran unmittelbar anschließenden, technisch-robbenden Kriechvorgangs, zwar wenig elegant, aber im Ergebnis sehr effektiv, den offenen Schutzraum. In der Anwendung dieser, wie ich einmal einem Freund gegenüber befand „cleveren Kulturtechnik“, profitierte ich davon, dass ich den Kriechgang über die Jahre hinweg nicht nur nicht vergessen, sondern perfektioniert und sogar in gewisser Weise professionalisiert hatte.

Der Kriechgang war – wie bei jedermann – auch bei mir ein Relikt aus Kindertagen. Nur einmal hatte ich dabei einen kräftigen Bluterguss davongetragen. Danach betrieb ich Grenzgänge mit größerer Vorsicht, aber dennoch gewillt progressiv. Neugier und Entdeckerlust bewahrte ich mir. Ins Risiko ging ich allerdings nur noch nach vorheriger Abwägung. Als ich dann, recht spät erst, den aufrechten Gang lernte, gab es großen Applaus von sog. „Freunden“ der Familie. Endlich laufen lernen. Endlich Fortschritt. Entwicklung sichtbar machen. Das passierte, nachdem meine Eltern, vom Umfeld getrieben, mich im Vorfeld bereits zu diversen Ärzten gebracht hatten und keiner, nicht einmal beste Freundesfreunde, einen Grund dafür gefunden hatten, warum ich mit fast drei Jahren nicht endlich auf die Beine kam. Als es dann soweit war, wurde es zur echten Überraschung und es war eine Erleichterung für alle. Man sprach aufgeregt darüber und tauschte sich über mich aus. Manche nannten das Ereignis gar ein Wunder und stigmatisierten mich als Heiligen. Das ist mir bis heute unangenehm. Wahr ist es trotzdem. Man beglückwünschte mich offen für die Überwindung der persönlichen Hürde und ersten Hilflosigkeit: „Laufen ist Selbstständigkeit“, sagte man mir und schloss daran Floskeln an, die wie Parolen klangen: „Jetzt steht dir die Welt offen!“ – das war der sehr imperiale Tenor in meiner befehlsgewandten Umwelt.

Was ich damals schon und auch als Kind nicht so recht begriff, war, warum mir die Welt vorher verschlossen geblieben war. Ich sah sie fortan nicht mit anderen Augen, nur in der sich kontinuierlich verändernden Perspektive eines gewöhnlichen Heranwachsenden. In der Ablösung einer Fähigkeit durch eine andere konnte ich dabei keine schrittweise Evolution erkennen. Eher das Gegenteil war der Fall. Ich verlor unter Beifall eine Kompetenz zugunsten einer vermeintlich besseren. Und ich empfand das als falsch. Ich schaute als Kind genauso gerne von unten nach oben, wie später dann von oben nach unten. Noch lieber schaute ich den Menschen direkt ins Gesicht. Ich empfand die Reduzierung des Lebens auf den aufrechten Gang als arrogant. In gewisser Weise sah ich darin sogar eine unzulässige Vereinfachung der Welt. Und was ich bis heute verschwieg: Ich mochte das Krabbeln und hielt daran fest. Bis heute übrigens! Abseits der Öffentlichkeit und ohne Publikum werfe ich mich in einer ritualisierten Routineübung jeden Samstag zum Sirenentest auf den Boden. Dort verweile ich für etwa eine Stunde und gehe meinen Geschäften ganz normal weiter nach. Mit einigen Tricks natürlich, die ich mir über die Jahre angeeignet habe. Neulich kam ein Paketbote. Er war zunächst überrascht als ich an die Tür kam und das. Dann beugte er sich – als er mich nicht mehr nur hörte, sondern endlich auch sah – verständnisvoll herunter. Ich bestätigte die Auslieferung auf meiner Fußmatte, machte mit dem Finger drei Kreuze auf seinem Gerät und er wünschte mir, sichtlich belustigt durch meinen Anblick, noch einen schönen Tag. Ich bin mir sicher: Paketboten sehen wesentlich schlimmere Dinge im Alltag…

– hier der wichtige Hinweis des ›Heiligen‹ an die göttliche Vertretung: Applaus brauche ich heute nicht mehr. Manchmal spiele ich welchen vom Band ein.

Ich begegnete dieser sehr spezifischen Bewegung durch den Raum nach Jahren der kindlichen Entwicklung später noch einmal völlig unerwartet bei der Bundeswehr. Offensichtlich hatte man hier den Fehler der Kräftebeschränkung erkannt und bemühte sich nun um die Rückerlangung der vollen Körperbeherrschung. Man war sich der lebensrettenden Maßnahme des Kriechgangs als Möglichkeit im Notfall wohl bewusst. Unser Ausbilder erklärte uns die „tiefste Gangart“ damals in folgendem Wortlaut:

In dieser Fortbewegungsart muß sich der Soldat so bewegen, dass er mit der Nasenspitze Furchen in den Erdboden pflügt. Dabei lernt er jeden auf dem Truppenübungsplatz beheimateten Regenwurm beim Namen kennen.

Ich sah mich im Kinde bestätigt. Feierte schon brüderlich die preußische Forschertradition. Der Entdecker blühte euphorisch wieder in mir auf. Die erste Expedition konnte ich kaum erwarten. Für neue Bekanntschaften war ich damals artübergreifend offen. Und schon damals schlug mein Herz ja auch für die Zoologie! Das Versprechen stellte sich allerdings recht bald als hohle Phrase heraus. Wir robbten ein paar Mal in frischer Uniform durch den Dreck, betrieben den „Sport“ aber nur sehr oberflächlich. Wir schafften es nicht jeden Wurm persönlich zu erfassen. Nicht einmal einer hat es in mein Poesiealbum geschafft. Zeit für wahre Begegnungen blieb nicht. Bald verschwanden wir einfach nur noch in der Kaserne. Jeder für sich und alle zusammen gingen irgendwelchen Tätigkeiten nach, die irgendwer für sinnvoll oder auch nicht befand. Meiner anfänglichen Freude wich Ernüchterung.

Als ich alle Gangarten kannte und schoss wie kein Zweiter, war die offiziell legitimierte Zeit am Boden dann auch wieder vorbei. Ich hatte alles über den „höheren Sinn“ gelernt und war endlich ein fertiger Soldat. Da gerade kein Krieg anstand und auch sonst nirgendwo die Verteidigung dringend notwendig war, entließ man mich als unvollendeter Kriegsheld in die sogenannte ›Freiheit‹, die man hier für gewöhnlich bei jedem Betreten des Geländes einkassierte. Alle sieben Sachen wurden stets geprüft. Mir ging dabei glücklicherweise nie etwas verloren. Nur einmal, kurz vor Ende meiner „Laufbahn“, traf mich eine Konsequenz. Ich hatte eine Flasche Schnaps in meinem Koffer vergessen. Dabei wusste ich gar nichts von meinem Glück. Man hatte mir das gute Stück vor der Abreise – von mir selbst völlig unbemerkt – liebevoll untergeschoben. Ein Begleitschreiben erklärte mit freundlichem Gruß der Absenderin, der Alkohol sei zur Entlassung bestimmt: „Damit wir noch einmal richtig einen draufmachen und feiern können“ und „um den Scheiß in der Kaserne endlich hinter uns lassen“ zu können. Schreiben und Flasche überlebten die Durchsuchung natürlich nicht. Das Schreiben wurde „wohlwollend“ in meiner Gegenwart vernichtet und die Flasche im Anschluss „konfisziert“ durch zwei Mägen im Dienst. Ich verabschiedete mich derweil auf die Stube und konnte mit dem Ergebnis gut leben. Wir gingen zum Abschied dann am letzten Abend ganz offiziell durch das Loch im Zaun. Mein Stubengenosse Hermann begleitete mich in die allen wohlbekannte Dorfkneipe. Hier stellte sich heraus, dass die Flasche Schnaps wohl so gut gewesen war, dass sie „Lust auf mehr“ bereitet hatte. Das Kompliment gab ich zusammen mit meinem aufrichtigen Dank dann später an die edle Gönnerin weiter. Sie hat sich darüber gefreut.

Auch wir kamen an diesem Abend durchaus noch auf unsere Kosten. Meine Schmugglertätigkeit wurde eher als potentielles Talent verstanden, denn als Risiko. Man dürfe sich halt „von den Kollegen nicht dabei erwischen lassen“. Als bekennender Anfänger nickte ich zustimmend und bestellte bei Greta irgendwo zwischen Uniformen und Jagdtrophäen, hinter dem schnittfesten Rauch, zwei Bier für uns. Kurze Zeit darauf dann noch zwei und… es wurden natürlich noch ein paar mehr. Wir kamen ins Gespräch. Unterhielten uns ein letztes Mal mit den Dorfbewohnern. Und irgendwer gab uns sogar was aus. Dann saßen welche neben uns, die plötzlich verschwanden. Dann wieder zurückkamen und sichtlich erleichtert wirkten. Und wir quatschten so vor uns hin, bis wir irgendwann auf die Politik kamen und damit auf sehr sensible Ohren trafen. Hermann hatte versucht zu verweigern, war eigentlich bekennender Pazifist und hatte es dann doch irgendwie zum Bund geschafft. Er war eigentlich so links, dass es ihm schwerfiel, zuzugeben, dass er Rechtshänder war und deshalb alles „mit rechts“ machen musste. Aber im Alltag liefen die Dinge eben manchmal halt „sehr wild durcheinander“, wie er dann selbst zugeben musste. Kaum hatte er sich versehen, war er schon gefangen im eigenen Missgeschick und stand plötzlich zum Appell auf dem Hofplatz in einer Kaserne mitten in Deutschland, mitten im Nirgendwo.

„Wenn ich könnte“, sagte er einmal im Suff, „würde ich das ändern. Ich habe es auch mal versucht und alles nur mit links gemacht, aber… das war auch echt scheiße dann.“ Und das konnte man so sagen. Ich war höchstpersönlich dabei gewesen. Die letzte experimentelle Phase war genau in den Beginn unserer gemeinsamen Grundausbildung gefallen. Da wusste ich aber noch nichts von seinem stillen Protest. Hermann hatte immer etwas seltsam und unbeholfen gewirkt. Ich verband das mit seinem Typ. Mir war das sehr sympathisch, weil er etwas clowneskes in die Uniform trug. Das fing beim Anziehen und Zähneputzen an, ging beim Essen in der Kantine weiter und reichte bis auf den Schießplatz. Dort traf er alles außer die Richtung ins Ziel. Querschläger vorprogrammiert! Das brachte sogar die Ausbilder zum fassungslosen Schweigen. Man nahm ihm sehr schnell das Gewehr wieder ab, setzte einen Haken in seiner Berichtsmappe und sagte sich auf dem Flur: „Dass so einer nicht ausgemustert wird, das bringt uns noch mal alle um.“

Versehentlich umbringen wollte Hermann an unserem letzten Abend natürlich niemanden. Das wäre gegen seine Überzeugung gewesen. Dennoch traf er mit seiner antimilitaristischen Kampagne auf wenig Verständnis. Als er die letzten Monate reflektierend die Sinnfrage in den Raum stellte, schien sich nicht nur der Rauch zu verflüchtigen, sondern es wurde auch ganz plötzlich so still, dass man den General im Obergeschoss sehr feminin stöhnen hörte. Mir fiel da das erste Mal auf, dass hier nie Musik lief, aber immer ein guter Lärmpegel erreicht wurde. Nun versuchte Greta den Notfall mit dem alten Plattenspieler zu deeskalieren. Es kratzte kurz, dann legte sich eine dunkle Männerstimme über die leise Empörung:

Kehr ich ein zur Heimat wieder
früh am Morgen wenn die Sonn‘ aufgeht
schau ich dann ins Tal hernieder
wo vor jeder Tür ein Mädchen steht.

Wer oder was gerade das ›Mädchen‹ da oben im Zimmer war, spielte eigentlich keine Rolle. Aber es gab hier zwei Themen, die tabu waren: Sinnfragen aller Art und Homosexualität. Hermann hatte gerade für beides ungewollt den Beweis geliefert, aber das war gefährlich. Und wenn das jemand wusste, dann war es Greta, die hier hinter der Theke stand, seit sie sechzehn Jahre alt war. Sie verkündete Lauthals eine Lokalrunde und sagte dann sehr leise zu Hermann: „Es ist besser, wenn ihr jetzt sehr schnell geht…“

Die beiden hatten etwas füreinander übrig. Das war sehr offensichtlich seit dem ersten Abend, an dem wir hier aufgeschlagen waren, zog sich über die gemeinsame Zeit in der Kaserne und reichte bis in die freien Wochenenden hinein. Hermann bekam was hier viele wollten. Er hatte einige Neider. Das wurde noch einmal sehr deutlich, als Greta ihm zum Abschied einen Zettel in die Hand drückte.

„Kannst dich ja mal melden. Hier haste die Nummer vom Lokal. Bin immer schon ab mittags hier, aber das weißt du ja auch.“ – Dann nahm sie sich der Meute an und ich ging mit Hermann durch den Hinterausgang zurück in die Nacht. Wir hatten Glück gehabt, dass sich die Schamesröte im Raum niederschlug und keiner so recht wusste, was man jetzt aus der Situation machen sollte. Alle waren kurz wie paralysiert. Bevor die Stimmung am Siedepunkt war, schafften wir den Absprung.

Nach einem letzten gemeinsamen Fußmarsch von circa zwanzig Minuten erreichten wir die Kaserne und gingen auf leisen Sohlen zurück auf unsere Stube. Natürlich war kaum jemand da, der uns hätte hören können. Aber wir wollten nichts mehr anbrennen lassen. Hermann war die ganze Sache auf den Magen geschlagen. Er war blass im Gesicht und als ich ihn fragte, was ihn umtreibe beugte er sich über das Hochbett und übergab sich auf den Boden der Stube. Ich glaube, es ging eher um Greta als um den Alkohol. Hermann und ich waren zum Ende der Dienstzeit durchaus trinkfest. Vielleicht war es aber auch beides oder Hermann realisierte endlich, als der Druck von ihm abfiel, dass morgen die Zeit als Soldat vorbei sein würde. Wahrscheinlich kam alles zusammen und war dann einfach zu viel des Guten. Ich hatte jedenfalls tiefstes Verständnis für seine Situation und war froh, dass er sich endlich mal dazu äußerte. Wie, das war mir eigentlich egal. Kurz entschlossen warf ich mein Bettzeug über die Flüssigkeiten am Boden. Das Fenster war offen, der frühe Mai schon so warm, dass man es kurzärmlich gut aushalten konnte. Der beißende Geruch der Magenflüssigkeit stand mir aber in der Nase. Ich steckte mir, als reflexhafte Maßnahme der allgemeinen Befriedung, keine Pfeife, aber eine Zigarette an.

„Die Indianer“, hatte unser Ausbilder immer gesagt, „die machen das so. Wenn Probleme anstehen wird gevögelt oder geraucht. Oder beides.“ Er hatte offensichtlich seinen sehr eigenen Karl May gelesen. Immerhin zog er das abseits der Uniform konsequent durch und lief auch privat mit Cowboystiefeln und passendem Hut herum. In seinem Urlaub arbeitete er als Darsteller bei den örtlichen Festspielen. Mal auf der Seite der Bösen, mal auf der Seite der Guten. Nie auf der Seite der Indianer. Das war ihm wichtig. Das empfand er als nicht wirklich „unauthentisch“. Woher er sich so gut über die edlen Wilden auskannte, die bei ihm eher die Projektionsfläche pornographischer Verschwörungstheorien blieben, ist mir bis heute unklar.

„Ich glaube, ich liebe Greta“, sagte dann Hermann sehr plötzlich in meinen Gedankengang. Und ich fragte, was daran so schlimm sei. Hermann wusste auch nicht, warum er sich das fragte. Er wusste auch nicht wirklich, was er sich fragte, aber er hatte irgendwie Angst um die Zeit, die jetzt kam. „Wir kommen halt aus zwei Welten, glaube ich“, fing er an und ich wollte wissen, welche Welten er meint. Aber das wusste er auch nicht. Ab morgen sei ja alles sowieso anders, da würden die Karten neu gemischt, sagte ich zu ihm und gestand ihm gleichwohl, dass ich seinen Trumpf in der Hand gerne hätte. Das machte ihm irgendwie Mut. Jedenfalls stieg er darauf sehr entschlossen und souverän von seinem Hochbett hinab. Ich half ihm beim Klären des „Malheurs“, wie er die Situation zwar sehr betrunken aber sprachlich gewohnt präzise bezeichnete. Sprechen konnte Hermann besser als schießen. Vielleicht lag das auch daran, dass er dafür weder rechte noch linke Hand brauchte, sondern nur seine einfache Stimme und die gewohnt nüchterne Art.

Am nächsten Tag gaben wir unsere Sachen ab. Wir verzichteten zum Abschied in beiderseitigem Einverständnis auf Blutsbrüderschaft. Blut würde im Notfall noch genug fließen und sei ein schlechtes Omen. Und unter echten Soldaten brachte das ohnehin Unglück, das Blut willkürlich zu vermischen. Zumindest erzählte man sich das hier.

***

Schweigen ist Silber, Gehen ist Gold. Frei nach der Devise hatte ich heute die Kneipe ohne Kameraden verlassen und ohne mich zu äußern. Bis zuletzt suchte ich ergebnisoffen die rationale Lösung im Konflikt und im körperlichen Wettstreit. Jetzt aber war die Zeit gekommen, die Gangarten zu wechseln. Es galt, den Absprung gerade noch rechtzeitig zu schaffen. Und ich wunderte mich noch einmal, auf was mich die Zeit bei der Bundeswehr offensichtlich so alles vorbereitet hatte. Ich reagierte im progressiven Stillstand als Soldat in der Reserve. Da stand ich nun vor meiner Tür, den Mund voller Zähne, im Kopf endlos leere Gedanken und irgendwie hilflos überfordert mit allem und mir und dem Jetzt. Und irgendwie war ich dabei seltsam glücklich, der Lage endlich entkommen zu sein. Dann knallte es leise im Hausflur und ich hörte ein „Stillgestanden“, zuckte zusammen und gesagt wie gemeint war eigentlich „Rühren!“.

Ich dachte noch an Hermann und Greta, da stand sie auf einmal da, wie aus dem Nichts. Sie stand sicher schon länger hinter mir, tippte mir aber erst jetzt auf die Schulter. Sie lachte und ich wusste warum, aber nicht, wie lange sie schon dort gestanden hatte. Das machte sie manchmal, wenn wir uns trafen, uns sahen, aber sie mich zuerst und ich sie noch nicht. Und wir begrüßten uns atmend, aber noch nicht persönlich und sie hörte mir zu, obwohl ich nichts sagte. Und ich rang derweil mit der Fassung.

Marlene hatte die wohlwollende Eigenschaft – sie hatte ein unglaublich großes Herz und genug Platz für mehr als sich selbst. Sie nahm niemandem etwas krumm, war unglaublich hilfsbereit und hatte jedes Mal, wenn man auf sie traf so gute Laune, dass es beinahe ätzend war, wenn man der Typ war, der sich mit schlechtem Gewissen nicht davon anstecken ließ.

„Was ist los“, fragte sie mich endlich und wollte doch eigentlich nur wissen, wie es mir geht. Ich gestand, dass ich meinen Schlüssel vergessen hätte und sie bemerkte ganz nüchtern, ich sei eben auch nur ein Mensch.

 „Komm‘, kannst Peter von mir anrufen“, bot sie an. Ich willigte ein und gestand Marlene, dass ich heute länger bleiben müsse als sonst, ging mit ihr mit, rief Peter an, aber erreichte ihn nicht und wir schliefen miteinander.