Schlagwort ›Vorgelesen‹

Beiträge

Erfahrung an der Bar

Da stehe ich – an der Bar1
bestelle ein bis zwei Getränke
                           – zu viel.
                           „… aber gerne!“
                           , sagt er und meint:
                           Das Geld.
                           höre ich selten
                           [- hat man so auch nicht häufig]
                           , denke ich und meine es wirklich
                           so noch nicht gehört zu haben.

                Wir reden los
                           – ganz einfach
                           – – – vertraut
                           “… aber plötzlich.”
                           , sagt sie und macht gar keinen Punkt
                           , sondern redet weiter – – –

                           Stimme kollabiert
                                      jede zur Masse
                                            – es sind zu viele.
                                            “… wirklich?”
                                            , fragt einer.

                           Die Musik ist laut
                           – sie alle tanzen
                           – – [es ist eine Feier]
                           – – – ich stelle mich an
                           “… fast programmatisch …“
                           , erzähle schüchtern
                           – meine Geschichte
                           Kann die Leier nicht hören
                           Sie aber schon
                           Ich mache eine
                           – Pause –                           
                           – – – – –

 

***
Wir setzen noch einmal neu an:
ich|sie warte|t jetzt schon lange
      [sie|ich [vielleicht|anscheinend] auch]2
auf [die Unterbrechung | die Überwindung]

      – die so nicht kommt
      – – nicht hier und heute
      – – – und doch

      ; aber anders:

                 “natürlich”
                 , sagt sie und ich meine es auch

                 natürlich
                 , denke ich heute und meine es
                 – anders. [Und auch gleich.]3

            Das Gespräch ist wie ein Gewitter
            ein warmer Sommerregen4 voll Leidenschaft
            Passt nicht alles in diesen Raum
            – unser Zimmer
            “… ganz provisorisch …“
            , erzählt sie weiter [und ich auch]

            Und dann:
                  ist es ganz plötzlich vorbei …
            – – –
            Nach nur ein paar Stunden
            [Augenblick]

            – – –
            Ich wache auf
            und fühle den Kater
            und es war nicht der Alkohol.

Anmerkungen

  1. Das ist eine Wiederholung.

  2. Ergebnis der Retrospektive

  3. Es ist ein “Kloptstock”-Moment, nur ohne Gewitter (- wobei: s.o.), Selbstmord und Albert.

  4. Darüber habe ich mal ein Lied geschrieben und dachte, es hätte sich damit…welch Naivität!

foto linie 5

Ziemlich genau gegen 05:03:48 Uhr

Es gibt keinen Anfang – ohne einen Anfang.

Es gibt keinen Anfang – ohne einen Anfang. Das klingt trivial, ist es aber nicht, denn als ich heute Morgen das Haus verließ, wusste ich nicht, dass ich abends nicht mehr heimkehren würde, weil ich es nicht mehr können würde und werde und ja, das Ende dieses Textes ist auch mein persönliches Ende und was übrig bleibt, sind allenfalls ein paar lateinische Zeichen, deren kombinatorische Bedeutung sich nur über das erschließt, was wir gemein das »Deutsche« nennen und dessen Natur sich gewaltsam der Schriftlichkeit widersetzt, die aber nur so überhaupt schafft zu zeigen, was Überzeitlichkeit sein könnte – wenn es sie gibt.

Vielleicht sollten wir noch einmal vorne Anfangen. Das ist dann natürlich kein echter Anfang mehr, sondern ein erzählter Anfang, aber nur so kommen wir vielleicht dazu, den entscheidenden Punkt im Verlauf des Heute und seiner Wendung verständlich zu entwickeln. Ich wachte gegen 05:03 Uhr und 48 Sekunden ziemlich präzise auf, drehte mich noch einmal um und merkte dann, dass die frische Luft, die durch mein Fenster zog kalt, aber angenehm war und ich beschloss jetzt schon aufzustehen, obwohl ich erst seit vier Stunden im Bett geschlafen hatte. Irgendwie wollte ich heute früher nach draußen als sonst. Manche würden jetzt – wenn man an das Ende denkt – von Schicksal oder göttlicher Fügung sprechen. Ich halte das für überflüssige Spekulation, denn ich kann es ja sagen: ich bin einfach aufgestanden, weil der Tag danach roch und im Erklären des Riechens habe ich mich erst drei Mal versucht, um zu erkennen, dass ich es wirklich besser lasse und einfach genieße, wenn es denn geht (es gibt ja auch sehr fiese Gerüche).

Nach dem Aufstehen stand ich länger als sonst unter der Dusche -. Nach dem Waschgang bei vierunddreißig Grad trocknete ich meinen nackten Körper mit dem Handtuch ab. Dabei fing ich wie immer zuerst am Kopf und bei den Haaren an, machte an den Armen weiter (erst Oberarm, dann Unterarm, dann Hände; erst linker Arm, dann rechter Arm), rieb mir den Bauch und den Rücken – in der Reihenfolge, fortlaufend nach unten – trocken und beendete das Ritual mich herabbeugend über die Beine bis hin zu den Zehen, zwischen denen ich sorgfältig gegen jede Feuchtigkeit vorging. Als ich mich wieder hoch gebeugt nackt im Spiegel ansah, stellte ich fest: Schönheit kommt von innen. In Zweifel geriet ich dann allerdings, als ich einen Pickel – nicht sehr groß, aber von dankbarer Gestalt, um ihn genussvoll auszudrücken und leer zu quetschen – auf meiner rechten Schulter entdeckte, dessen Substanz ich sogleich unter Druck zur Oberfläche durch die Haut verhalf. Es stellte sich dann Zufriedenheit ein und ich fragte mich, ob Eiter Schönheit ist. Währenddessen zog ich mich an und verließ das Haus.

Auf der Straße war noch nicht viel los, aber mehr als ich erwartet hatte – wobei: während ich darüber nachdachte, fiel mir auf, dass ich gar nichts erwartet hatte, sondern erst durch das Formulieren einer Erwartung darüber nachdachte, dass man etwas erwarten könne und das so eine Haltung möglich wäre, die mich voreingenommen hätte. Das erschien mir abwegig und ich stieg nach wenigen Metern an der frischen Luft in die Linie fünf ein, um bis zum Dom an den Hauptbahnhof zu fahren. [Ja, diese Geschichte spielt in Köln.] Dort hätte ich meinen Zug genommen, wäre ich wie immer irgendwo hingefahren, um abends wieder nach Hause zu kommen und zwischendurch ein paar Dinge zu erledigen, für die man mich bezahlte, damit ich sie nicht verstand, aber tat. Allerdings fiel heute nicht der Zug aus, wie manchmal im Winter, sondern mein übliches Leben. In der Situation, in der ich mich befand wurde mir ganz plötzlich klar, dass dieser achte April kein alltäglicher Tag in meiner Biographie sein wollen würde, was ich wiederum sympathisch fand, denn es machte ihn menschlich und als Mensch war ich davon überzeugt, dass es bestimmt ganz toll werden würde und stellte dann fest, dass ich den Tag menschlich machte, weil ich ein Mensch war und das war immerhin gut zu wissen.

Ich muss ein wenig ausholen, bevor ich wirklich zum Ende kommen kann.
***
Wem dies jetzt schon reicht, der kann folgende Optionen als Ende wählen:
a) Ich wurde von einem herbeieilenden Pendler vor einen einfahrenden Zug geschubst, den ich verpasst hätte, wäre ich nicht früher ins Büro gefahren, wo ich ja so gar nicht ankam.
b) Als ich ein wirklich schönes Mädchen sah, bekam ich spontane Atemnot – es wäre zu klären, ob aus Neid oder Freude – die sich im Herzversagen krönte.
c) Keine der Optionen gefallen mir, deshalb erschoss mich ein vorbeilaufender Jäger, weil er mich für einen stattlichen Krüppel aber gerade deshalb so kapitalen Festtagsbraten hielt.
***
Kommen wir nun also zu dem Punkt, der an diesem Tag die Veränderung bedeutete und – ich muss an dieser Stelle schon warnen: es wird verdammt kitischig und fast nicht zu ertragen – die entscheidende Wendung in meinem Leben markieren sollte:

Wir setzten uns gegenüber, ich fuhr nicht auf die Arbeit sondern mit in ihr Zimmer und blieb einfach dort und fühlte mich ganz edel als Nuttenkollege, denn ich bezahlte ihre Liebe mit meinem [alten] Leben und sie mit ihrem.

Nachwort:
Ach ja, ich hatte ja am Anfang versprochen, dass ich vom Ende erzählen würde: Ich bin am Ende und das ist jetzt wirklich überraschend: Es ist auch ein Anfang…

Antizyklischer Frühling

Antizyklischer Frühling

Man erfährt erst über die Fremdheit, wie viel man nicht kennt oder anders machen muss.

Es ist nicht einfach so gesagt. Schon gar nicht erzählt. Wir haben uns oft getroffen, ich glaube es war ein – ein Dienstag. Ich war ganz anders und Du warst mir neu. Irgendwie kamen wir dennoch auf einen gemeinsamen Nenner. Eine dieser Aussagen der Mathematik, die den Alltag durchzieht. Auch bei den Menschen mit Mathe stets fünf ist das ein gängiges Bild. Warum auch immer. Was das heißt, weiß ich ja selbst nicht. Es ist eine Form des Hilfsbegriffs. Eine Substituente für das eigentlich Andere, um einmal im Fach zu bleiben.

Dass es dunkel war, trotz der sommerlichen Temperaturen, bemerkte man kaum. Die Leuchtreklame über dem Eingang warf ein Neonlicht auf Dein Gesicht. Es war das einer Unbekannten und ist es immer geblieben, denn man schreibt nie eine Geschichte nur über ein Mädchen. Mehr schreibt man die Geschichten über sich selbst. Als Autor ist man immer Narzisst und Egozentriker an erster Stelle. Man redet auch so viel über sich selbst und seine Welt, die überhaupt nichts Besonderes hat. Ich bin ein Wohlstandskind und so schmeckt meine Melancholie mehr nach unreifen Bananen, denn nach schimmelndem Brot. FirstWorldProblems ist der Begriff dafür in der neuen Welt, die digital ist. HashtagFWP. Wie Du in der Tür standest, mit der Tasche über der Schulter, neben Dir die Freundin, das war mehr als ein Schlagwort, wobei der Schlag in unikalen Momenten doch immer durch den Körper fährt. Manchmal merkt man es gar nicht, aber Vater Zeus hat immer noch was im Köcher. Köcher, Moment mal, das war doch Armor. Armor war an diesem Abend aber wo anders. Wir standen auf der Schwelle „Zum Goldenen Schuss“, aber der Wirt war ein unfreundlicher Mensch und wir waren schon längst nicht mehr nüchtern. Es war kurz nach halb elf, als wir vor der Tür spielen wollten. Das geht in keinem Wohngebiet hier in Deutschland. Da kommen Ordnungsamt, Polizei oder aufmerksame Bürger oder gleich alle zusammen. „Das fällt auf uns zurück“, sagte der Junge, fast Hipster, auf jeden Fall jemand, der was zu sagen hat und er fuhr fort: „Geht doch bitte woanders spielen.“ Mein Vorschlag, wir könnten ja zwei Lieder in der Bar spielen, wurde kalt abgewiesen, wobei ich den Aufseher mit einem provokanten Streicheln über den Bauch aus der Fassung bringen wollte. Es gelang nicht und uns war das auch zu dumm hier.

Es sagt einiges über die Musikkultur aus, wenn man lieber tote Bänder laufen lässt, als Menschen mit Gitarren, die scheiß Musik spielen, dafür aber ihr Leben geben würden. Wachstum und Leben hängen immer noch mit dem Verb leben zusammen. Egal, wir waren nicht premium und sind es bis heute nicht. Mit dem Kiosk-Bier in der Hand war der Abend noch lange nicht an das Ende gekommen. Das unbekannte Gesicht waren eigentlich zwei. Aber wie das immer so ist, man würdigt nicht alle entsprechend. Platz, Musik spielen, Ordnungsamt – um die Erzählung zu raffen. Wir sind in Deutschland, der Sommer ist kalt und der Regen ist dabei das kleinste Problem. Ich bin ja selber meist so ein Regelfeti. Das ist das eigentlich Schreckliche. Wenn man seinen eigenen Fetisch entdeckt und abartig findet, aber nicht so ganz. Es ist eine Hassliebe. Es ist gar keine Liebe, wenn ich so darüber nachdenke und ich habe auch keinen Fetisch, nur weil ich manche Regeln gutheiße.

Die Wechselwirkung der Gedanken war an dem Abend, als das Neonlicht auf ihr Gesicht schien, ganz kurz vergessen. Alles war ganz kurz anders und die Europa herrschte mehr als ihr Mythos. Während Armor also Fernost war (so spricht man im Ghetto, wenn man erzählt, dass er einen Urlaub im Fernen Osten gemacht hat), die offiziellen und inoffiziellen Aufseher sich die Klinke in die Handgaben, obwohl keine Türen in Sicht, und als wir versuchten Musik zu machen, da begannen die surrealen Tage sich einmal mehr zu überwinden. Dass eine Steigerung möglich gewesen wäre, das hätte ich nicht geglaubt, aber in diesem kurzen Moment geht ein Blitzschlag durch wen oder was auch immer. Die Schwelle lässt uns nicht in den Raum gehen, sondern umkehren und wir gehen zum Kiosk kaufen Bier und was danach passiert, ist alles gesagt oder nicht zu erzählen. Nicht, weil es gegen ein Protokoll ginge, Geheimnisse enthüllen oder Menschen ins Verderben stürzen würde. Ganz bestimmt nicht.

Der Grund, warum man das eigentlich nicht erzählen kann ist viel einfacher. Es passiert so viel, wenn etwas neu ist und alle Worte die ich kannte oder kenne entstammen der Gewohnheit. Es ist alles Bekanntes und doch sind die Momente der kurzen Alterität so anders, so fremd. Man erfährt erst über die Fremdheit, wie viel man nicht kennt oder anders machen muss. Lieber Leser, an dieser Stelle muss ich um Entschuldigung bitten: Ich habe mich verloren. Eigentlich wollte ich eine ganz andere Geschichte erzählen. Viel einfacher und dann stürze ich immer wieder in dieses Nichts. Die Sprachlosigkeit und meine ganz persönliche Krise, dass ich die Worte nicht finde oder wenn, dann nicht gut. Ich will es noch einmal versuchen.

Also: Als ich Dich traf, es war auf der Schwelle „Zum Goldenen Schuss“, da war die Tage zuvor schon sehr viel passiert. Alles zu erzählen muss ich an anderer Stelle versuchen. Es fühlte sich dennoch alles so surreal an und ich war nach Jahren des Zweifelns endlich aus einem Tal der Suche im Aufstieg begriffen und musste feststellen, dass ich anscheinend immer nur auf einen der Berge gestarrt hatte. Und dieser Berg war nun nicht der, den ich besteigen sollte. Meine Berge sind blanke Phantasie, alle anderen – sie sind noch viel phantastischer. Als ich dann das Mädchen auf der Türschwelle sah und wusste: das ist Europa, da hatte ich keine Gedanken wie Macht und Besitz, schon gar nicht Gewalt. Ich bin auch nicht der Vater der Götter. Schon gar kein Grieche.

Dennoch verhielt sich das Ganze als Überraschung, von der ich insgeheim wusste, die mir aber dann doch frischer erscheinen sollte, als ich es hätte denken können. Das ist das Leben, denke ich Tage später, aber da sind wir noch nicht. Es gibt noch ein paar Dinge zu erzählen, denn wir verließen den Schuss, ohne darin gewesen zu sein. Gingen zum Platz und spielten Musik. Landeten im Stiefel ganz kurz und fuhren dann als Gruppe nach Hause. Noch bevor wir die Betten erreichten, sangen wir an der U-Bahn-Haltestelle, mitten in der Nacht war das mehr Kapelle als Kalk. Dann waren auch wir müde und schliefen schnell ein, wenn nur kurz. Du warst früh weg und ich kurz danach. Als wir uns abends wieder begegneten, war ich schon zu Hause und öffnete die Tür. Du sagtest: „Was war das denn?“ und fandest die richtigen Worte, ich wusste was sie meinen und kann es einfach so nicht schreiben, wie es wirklich war.