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Foto Ehrenfeld (03. November 2017, by Tine Hutzel)

An einem Sonntag wie heute geht nicht viel. Tagebuch schreiben geht aber mal wieder. Weil schreiben immer eine ganz gute Option ist, „finde ich.“1 Habe das jetzt auch ganz klar erkannt – für mich – musste dafür einmal in den Berg. Unter Tage und wieder zurück mit einem Rucksack voll Liebe und einer Lore voll Lettern. Die Druckerschwärze im Gesicht, weiß ich nicht, wohin mit all dem, was gerade so gut ist. Aber wir stehen im Kreis und halten die Hände; – und schweigen uns an. Ganz kurz und sehr laut – – – und dann auch schon nicht mehr, weil dann können wir nicht mehr und das ist auch gut so. Pressen eifrig Luft durch die Lungen und sprechen und atmen und erzählen und lachen und das alles ganz lebhaft und einfach zwecks totaler Unterhaltung. Und zwar so guter, dass sie einfach vergeht und dadurch zu kurz ist. Immer.

Foto Ehrenfeld (03. November 2017, by Tine Hutzel)

by Tine Hutzel

Man sucht sich seine Crew nicht aus, sondern findet sich (fast) ganz einfach (bei etwas Geduld)

Verschiedene Ortswechsel. Im Raum und draußen. Vor der Tür und durch sie. Diverse Personen. Im Kern immer verbunden als Einheit durch viel. Repräsentatives Kollektiv. Gute Gesellschaft.

„Es ist manchmal alles sehr viel, aber ich sag‘ das jetzt auch immer dazu.“ – Heute ist Freitag oder Samstag; oder war beides. Das ist gar nicht so relevant für die Erzählung, denn die Zeit ist heute keine Kategorie; nur macht sie uns besser. Das steht außer Frage. Ist viel passiert. Wirklich. Das merkt man in jeder Minute. Gute Musik im Hintergrund. Die Sekunden verrinnen wie Sand ohne Getriebe. Kein Fehler: Im Spiel sind wir heute zusammen zu Hause und jede*r weiß das (ohne zu sprechen). Trotzdem tun wir es. Gemeinsam. Das ist eine Qualität, besonders. Macht jeden Raum zum klingenden Körper und voller kann eine Kneipe durch Menschen tatsächlich nicht werden.2

Wir sehen gut aus, wenn wir tanzen

Das Tanzen war vor einiger Zeit schon mal Thema in einer Küche in Leipzig. Geburtstag. Käsespieße mit Fähnchen (Europa, verschiedene Nationen) und Nudelsalat. Gespräche – dies Mal nicht über Ryan Gosling, aber ähnlich lange und wild. Leidenschaftlich laut, bei offenem Fenster (dies Mal konnte die Nachbarin schlafen). Da war einer, der wollte nicht und die anderen immer. Gibt es da wohl keine Kompromisse?

Neulich wurde auch ich wieder aufgefordert: aktiv zu tanzen. Das ist zum Wochenende immer ein sehr großes Thema. So einfach ist die Sache aber nicht. Treffen Tänzer*innen auf ihre stillen Begleiter*innen als stehende Schatten, wird selten so deutlich, wie sehr man sich im Sprechen verliert, wenn man sich einfach nur und gar nicht versteht. Treffen sich Sprache und Bewegung nicht in der Musik des gemeinsamen Seins im Moment als natürliche Haltung, geht es um alles und nichts, aber nicht bloß ums Tanzen.

Denn: Tanzen ist ja eine sehr persönliche Sache. Wenn man es ernst meint.

Bin für Radikalität /
In der Beziehung /
Gebundene Harmonie/
Nur wenn alles passt /
Ist der Tanz /
 ein gültiges Instrument.

Und irgendwie tanzen wir heute ganz ohne Bewegung. Stehen zusammen und schauen uns an und sprechen und hören und verstehen ohne zu sprechen und plötzlich fragt ein junges Mädchen in die Gruppe: „Wisst ihr, wo das Buhmann & Sohn ist?“ – „Gleich neben dem Artheater“, sage ich und da sind sie auch schon wieder weg. Hattens sehr eilig. Ist gut, wenn Leute so dringende Dinge zu tun haben, denn dann ist es sehr wichtig. Ich möchte ihnen nachrufen, dass sie sich nicht so hetzen sollen und aufpassen müssen, denn die Straßen und Nächte sollen sehr wild sein in Köln in letzter Zeit und dann ist da ja auch noch der ganze Verkehr. Da ist schon mancher unter die Räder gekommen und nicht wieder hoch. Ich denke die Fürsorge väterlich und komme mir alt vor. Vielleicht muss das so sein. Sie hören es ja nicht, dann ist es auch gar nicht nicht so schlimm, dass man sich Sorgen um jemanden macht. Manchmal auch viel (& mal auch zu viel). Aber besser in Sorge gebunden, als ohne zusammen.

Nach der kurzen Unterbrechung geht es weiter. Wir sprechen über alles und es bleibt immer zu wenig. Intensivieren den Dialog, lassen Sätze aus und springen in der Sprache, aber nicht in der Handlung und halten die Stringenz über gemeinsames Denken. Ziehen das Tempo an und stehen zusammen. Worte fallen wie Schritte auf dem schwarzen Parkett und der Teer unter uns? Fängt an zu kochen. Nur durch die Sprache, auf ganz heißen Sohlen. Aber nicht in Eile. Kommen nicht unter die Räder; kümmern uns drum. Gegenseitig. Peripheres Verstehen. Umeinander. Miteinander. Füreinander da. Den Anderen sehen und wissen, was Mehrklang wirklich bedeutet, weil Harmonie eben doch geht: Wenn man sich traut; und wenn man sich findet. Und wenn man die Angst verliert. Die Angst davor, dass Verbindlichkeit groß ist und eben nicht nur Gerede über eine utopische Kraft. Sondern ganz da, im Gegenüber und über die Sprache hinaus.

Drei kann doch Gruppe sein. Gut sein. Ohne Probleme. Keine Dissonanz: „Quod erat demonstrandum“, sagt der weise Meister unter dem Parkett und singt still seine Lieder. Pragmatischerweise wiederholt – hier als der Bericht keines Lehrlings.

ÜBERGänge – Nicht nur was für Germanisten

Am Ende des Abends, der in solcher Sache immer zu früh kommt, hole ich die Drucksache aus der Tasche. Für eine Mutter. Es beginnt zu regnen. Tochter sucht Stift; Kugelschreiber: dunkelblau (in meiner Erinnerung). Ich suche Worte und schreibe ohne zu denken. Intuitiv führt die Hand zwischen Tropfen auf dem Papier. Bin etwas in Eile, gleich Bahn und dann ab nach Hause. Aber nicht ohne Widmung. Morgens um 2 oder 3. Google wird’s wissen. Gehe. Gleich – noch ein paar wilde Worte. Wenn das der Wunsch ist. Auflage jetzt zweistellig. Größer kann die Sache nicht werden. Stark seine Leser*innen wirklich zu kennen.

Und dann regnet es stärker, kurz bevor ich die Treppen an der Leyendeckerstraße hinabsteige. Wir übergeben noch eben die Sprache und uns in die Nacht. Verabschiedung. Zwei gehen auf G, ich die Treppe hinunter. Ab auf den Mittelsteg zwischen Schienen im Neonlicht. Warte noch 5 Minuten (oder 6 oder 7) vor dem Graffiti auf die Straßenbahn. Bahn Richtung Holweide. Linie 3 bis Waldeckerstraße. Dann Fußweg. Alles zu. Keine Geschäfte. Kurz Küche. Käse. Dann Bett. 150% können so schnell noch besser sein, wenn und durch solche Erholung. In guter Gesellschaft. Woche vergessen. Kämpfe gegen die Müdigkeit um und durchs Leben. Was für eine gute Nacht.3

Foto Ehrenfeld (04. November 2017, by Tine Hutzel)

by Tine Hutzel

Anmerkungen

  1. Zitat mitgebracht aus Ehrenfeld in der letzten Woche gegen 21 Uhr. Sprache übernommen. Klang ganz wunderbar. Nach einem Satz; persönlich, ganz nah und sehr ehrlich. Hinweis: Gute Erfahrung.

  2. Das ist eine nüchterne Weisheit.

  3. Die eigentlich zwei war.

Clemens Fuhrbach - Demos I, Artwork (Bild)

Clemens Fuhrbach – Demos I – Letztes Mal in Köln (7:45)

Jetzt steht der Wagen vor der Tür
Ein letztes Mal die Treppen gehen
Hoch zu Dir, wo mein Atem
Ich bin ein letztes Mal in Köln

Überall stehen die Kartons
Nicht viel zu tun
Um ein Zimmer leer zu sehen
Man muss einfach verstehen

Ich mag es, wenn wir uns betrinken
In den gleichen Songs versinken
Ich mag es, wenn Du redest
Mag Dich ansehen, wenn Du lachst

Und ich will nicht, dass Du gehst
Aber wenn doch, bitte werd‘ glücklich
Ich will nicht, dass Du gehst
Aber wenn doch, bitte werd‘ glücklich

Steht wieder ein Wagen da
Dort wo mal Dein Zimmer war
Bald deutet nichts mehr darauf hin
Das Lachen, die Freundin

Wenn ich jetzt Sterne seh
Denk ich an die schönsten
Die, die ich jetzt nicht mehr seh
Die, die mit Dir gingen

Ich mag es, wenn wir uns betrinken
In den gleichen Songs versinken
Ich mag es, wenn Du redest
Mag Dich ansehen, wenn Du lachst

Und ich will nicht, dass Du gehst
Aber wenn doch, bitte werd‘ glücklich
Ich will nicht, dass Du gehst
Aber wenn doch, bitte werd‘ glücklich

Erschienen auf

Vorstadt – JUNG+zerbrechlich

Vorstadt - Achtundzwanzigsieben (Grafik) Vorstadt – Achtundzwanzigsieben

Weitere Versionen

Vorstadt – JUNG+zerbrechlich – 8 – Letztes Mal in Köln (26:22)

Clemens Fuhrbach – Demos I – Letztes Mal in Köln (Live im UFO) (34:44)