Schlagwort ›Fragmente‹

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Ich war neulich im Auto unterwegs. Wir wollten kurz halten. Haben wir aber nicht; nicht geschafft. Wollten nach Hause. Unbedingt. Ich wollte trotzdem kurz, nur kurz fragen, wer in dem Haus wohnt und ob man sich vielleicht mal treffen könne. Jetzt oder in baldiger Zukunft, wenn wir wieder hier lang kämen. Aber die anderen1 sagten, das sei eine blöde Idee und sowieso sei hier nicht damit zu rechnen, dass man mit offenen Armen empfangen würde. Hier sei nicht das Land der offenen Haustüren und fehlenden Schlösser. Schlösser fehlten mir nie. Das stimmt.

Ich zweifelte und wusste, dass das Hier dünnes Eis war. Aber ich forderte vehement weiter, weil ich nicht sehr an der asphaltierten Richtung hing. Im Verständnis für Passivität als Notwendigkeit wünschte ich, etwas abseits zu sehen und etwas anderes zu probieren. „Die Entdecker, – sind ja auch ins Risiko gegangen“, warf ich ein und beide Personen im Auto schüttelten den Kopf. Sehr synchron, – übrigens. Mein Einwand, es ginge ja nicht um ›Amerika‹ oder ›Indien‹, sondern um „Deutschland” und das sei ja im Prinzip schon entdeckt, blieb unbeachtet. Nach einer Pause schob ich hinterher: „Schon oft übrigens“, aber wusste gar nicht genau, was ich meinte, wenn das Land immer fremd geblieben war.

Man müsse es vielleicht gar nicht ent- sondern nur auf-decken, so wie man sich morgens aufdeckt, bevor man aufsteht und Kaffee kocht, vielleicht eine Kleinigkeit isst und dann zur Arbeit geht. Auf meine Erweiterung2 sagte der Beifahrer, er frühstücke gar nicht, gehe aber zur Arbeit. Gerade deshalb frühstücke er auch nicht, damit er rechtzeitig vor den Kollegen da sei. Die würden „einige Zeit liegen lassen“, sagte er und meinte damit wohl den Umweg über die KITA. „Ich schaffe das gar nicht“, kam dann bestätigend vom Fahrer. Ich verwies diesen darauf, wie man es nicht schaffen könne, vor der Arbeit zu frühstücken, wenn man nicht mal einen Weg dorthin habe, weil man zu Hause sein Büro habe.

Die Antwort war der Bäcker, der vor einigen Wochen insolvent gegangen war. Das Backwerk war drei Minuten weiter, aber kein Grund, überhaupt aus dem Haus zu gehen und ohne Brötchen kein Frühstück. Essen war später dann der gute Grund: Als die Sonne unterging, hielten wir bei Burger King, was schließlich gar keiner war, sondern McDonald’s. Wir hatten zwar vor, bei Burger King zu halten, aber es kam einfach Kilometer weit keiner. Wir schimpften kurz über die Burger und ich aß auch gar keinen, sondern bestellte mir nur einen Kaffee, der groß größer war als erwartet. Dass es schon später Abend war, schien mir dabei nicht in den Kopf zu kommen und an Schlaf war wohl die nächsten Stunden nicht zu denken.

Ich ärgerte mich über die verpasste Chance und bemerkte nicht, dass die Frau, die meinen Kaffee zubereitete, die Tür vorhin gar nicht hätte aufmachen können, weil sie eben hier ihren Dienst tat. Ihr Mann war schon seit mehreren Wochen auf Montage und die Kinder „aus dem Haus“, was hier in der Regel bedeutete: In der Stadt, irgendwo, wo es größer ist und „Hauptsache was los!“ – In der Scheune standen noch fünf letzte Rinder, die „für Burger zu gut“ waren. So hatte es Heinz stolz gesagt, als er ging und nicht mehr wiederkommen sollte.

Hinweis an BM: Dieser Dialog ist keine Nacherzählung und frei erfunden. Ich bitte Dich (sonst fällt es ja niemandem möglicherweise auf) alle möglichen Parallelen nicht auf die Wirklichkeit zu übertragen.

Hinweis an mich: Dieses moralische Kalenderblatt habe ich in sozialen Medien geklaut. Wo und wann, das weiß ich gar nicht mehr. Ich denke auch nicht, dass es dort jemand vermisst. Was ich bemerkenswert fand, als ich die Geschichte las, war, dass der Schreiber wohl offensichtlich ein großes Mitteilungsbedürfnis für seine Geschichte verspürte. Natürlich wusste man nicht genau, ob (a) eine Belehrung durch die Fabel im Märchen erfolgt oder ob (b) die Handlung wirklich so geschehen war. Aber bemerkenswert erschien mir (c) wie offen er sprach. Seine Freunde mussten sich doch darin erkennen oder zumindest wissen, wer aus dem Freundeskreis gemeint sein könnte. Für die räumliche Empirie sprach, dass zu seinem Post Geo-Daten hinterlegt waren. Sie stimmten zwar nur in etwa mit der Erzählung überein, denn er brauchte ja eine Weile von der Fertigung des Fotos und Finden des passenden Filters bis zum Posten des Beitrags später im Restaurant, aber es wäre ein Leichtes gewesen, den Weg zum Haus zu finden. Das Haus an dem ich jetzt klopfe.

 

Anmerkungen

  1. sic!

  2. ›Amplificatio‹ sagen Experten dazu. Experten sind manchmal auch vom anderen Geschlecht oder Frauen. Das geht mich aber nichts an.

Foto Vergänglichkeit I

Am Ende der Nacht / holt sie uns ein. / Die Freiheit / Dinge zu lassen / Dinghaft zu sein. / Nur und einfach nur Mensch / Freund / unter Freunden / Liebende / Seifenblasen im Rauch / im Wind / …o..O..oo.. / Im Garten / die Autobahn im Rücken / im einzigen Gang / mit unseren Maschinen / abseits der Straße . – / wir sind am Rastplatz / im ›Freio‹ / wir sind auf Automatik / sind auf Pause / unsere Motoren / spielen verstecken. / Wir finden uns so, wie Kinder im Alter / spielen zusammen / wenn die Zeit frei ist / und wir nicht daran denken / wie lange sie läuft / oder braucht / um etwas endlich zu schaffen. / Jetzt wieder länger. / Wir feiern / den Ferienbeginn / und scheißen auf’s Zeugnis!

I . Die Hand an der Zigarette

Es ist die Hand. Sie legt etwas hin. Aktiv. Mitten in der Nacht. Fast ist schon morgen. Die Party geht zu Ende. Die zweite in Folge. Heute Schrebergarten. Gestern in der Stadt. Auch ein Garten. Reihenhaus. Geschichte. Geschichten. Gestern trifft sich die Klasse von… deren Alter ich lieber verschweige. Es reicht aber, um sich aktiv daran zu erinnern, was gestern mal war. Und heute eigentlich sollte. Nicht aber (vielleicht: noch nicht) ist. Subtil liegt die Nostalgie über der Hoffnung vergangener Tage. Heute ist alles anders, noch immer sehr gut. Haben nicht alles erreicht. Wie auch? Alles ist viel und kein Maßstab. Manche suchen, andere haben gefunden. Nicht das was sie dachten. Nicht alle. Andere sind mitten drin und deshalb nicht hier. Die Wege sind nicht immer so, dass sie sich kreuzen, wenn man den Abschluss gemacht hat und hinaus in die Welt geht, um sie zu erobern und um dann später einmal so hier zu stehen, die alten Bilder im Rausch zu durchforsten und alles nur so zu sehen, wie man es kann: nicht im Detail, sondern im Großen und Ganzen. Schlicht als Gefühl. Als Mosaik ohne Form. Vollendet ohne Konturen. Ohne Anfang und Ende. Farbe im Jetzt. Und Schwarzweiß.

Unsere Erinnerung ist gemeinsam. Für einen Teil unserer Zeit, die sich einfach verflüchtigt wie der Rauch einer einzelnen Zigarette. Der ganze Aufwand, das Tanzen, das: „Hast Du mal Feuer?“ Das Aufhören können. Das man nicht kann. Das manch einer schafft. Als Zwang gegen Zwang. Man muss doch was leisten! Muss noch was leben. Gesünder, länger und weiter. Wenn nicht bis hin, dann zumindest bis kurz vor die Unendlichkeit. „Und keinen Schritt weiter!“ Vielleicht kommt noch was. Was von der Hoffnung, von der, die man begrub an der Biegung des Flusses. Vielleicht schafft man es mal wieder hin. Und macht es dann wie das Eichhörnchen im Winter, das etwas vergrub und den Schatz fand an anderer Stelle. Just in diesem Sommer. Und der andere Baum beginnt mit dem Wachstum. Ganz unverhofft. Er wächst auch im nächsten Jahr und in dem darauf. Bis ihn  die Kinder beklettern. Bis sie zu groß sind. Bis sie wieder die Schule verlassen, keine Äpfel mehr klauen und hinaus in die Nacht ziehen, statt hinauf auf den Baum. Sich dann einfach finden und am Ende der Welt sind. Zurückkommen. Eine Wohnung mieten und einen Garten. In dem die Kinder bald spielen. Wenn das Planschbecken nicht mehr zur Kühlung der Getränke gebraucht wird, sondern für die Motoren der neuen Generation.

Das ist  noch nicht heute Nacht. Heute ist das Zischen der Flasche, wenn der Kronkorken knickt und die Kohlensäure entweicht. Die Konservierung läuft ab. Der Hauch vergangener Tage liegt in der Luft. Der Alkohol. Wie lange noch haltbar? Mindestens bis… keine Ahnung. Ich stehe auch nicht auf zu viel Nostalgie oder Untergangpanik. Es ist vielleicht noch ein Tag, vielleicht nur ein Jahr. Vielleicht sind es auch zehn oder mehr. Mein Heute ist besser, wenn es nicht gegen das Gestern ist und nicht nur für das Morgen. Zwei Ebenen. Im Gang durch die Zeit. Spielen mit beiden. Auf dem Hochseil. Ungesichert. Im Zirkus. Muss die Hand noch was machen. Noch was, für den Applaus und das Lachen. Wenn der Clown davon ablenkt, dass die Akrobaten erschöpft sind. Erschöpft vom Kunststück in luftiger Höhe. Und er macht was, das bleibt: er zeigt die Freude. Zeigt wie es kommt, nämlich anders. Und wenn nicht so, dann halt so. Für die gemeinsame Strecke. Dafür hat sich’s doch gelohnt! Oder nicht?

Foto Vergänglichkeit I

II . Haribo . Seifenblasen . und Tabletten

Wir sind groß geworden mit Teeniefilmen, die jetzt die Filme der Eltern sind. Zwanzig Jahre vorbei. Einfach so. Als wäre nichts passiert. Und wenn man sich daran erinnert, wie viel dann doch. Wie oft die Hand etwas getan. Getragen oder gesucht. Tastend durch die Welt. Findend oder nicht. Es bleibt ein Lachen im Gesicht, wenn die Äpfel vom Baum fallen und einer sie sammelt und den Kuchen macht, für den Geburtstag. Wenn die Kinder sich sammeln. Oder die Erwachsenen. Oder beide. Und einfach feiern und vergessen, dass es manchmal auch wehtut. Nur nicht, wenn man fällt von dem Hochseil und Glück hat, dass einer ein Netz spannt. Dann fällt man sicher. Kommt mit dem Schrecken davon. „Es kam noch mal anders!“ Sie schütteln sich. Erschrocken. Und lachen. Und verwischen die Schminke im Gesicht. Wenn sie sich treffen, umarmen und lieben und nüchtern sich sagen: es geht noch was weiter. Verwunderung liegt in der Luft. Verwunderung, Lust und der Mut und der Aufbruch, es noch mal zu wagen oder einfach zu tun, ohne zu wissen…

Der Kater streunt durch die Nacht. Aber kennt sein Revier. Das Zuhause. Dort, wo man lebt. Kehrt wieder ein. Hier. In das Haus. Jetzt. Unser Haus. Die Stimmung ist gut. Auf dem Siedepunkt. Bis einer ruft, der vorher nicht da war: „Ab, alle ins Bett!“ Die Nachtruhe setzt ein. Wir setzten sie aus, solange es ging. Aber es geht halt nicht länger. Der Körper geht irgendwann ganz von allein. Er liegt da und man möchte noch weiter, aber man kapituliert. Seltsam stellt sich Beruhigung von selber ein. Ganz natürlich. Wir hinterlassen Reste im Garten. Gehen hinaus in die Stadt. Wir sind das Treibgut. Nehmen Tabletten. Statt Haribo. Die Party ist over. Und wir sind noch immer nicht satt, aber müde. Kommen morgen und räumen auf, dass der Garten uns bleibt. Noch ein Jahr. „Nur noch eins!“ Und vielleicht noch eins. Damit wir dann wieder vergessen, wie lange es dauert, bis das Dunkel so hell ist, wie die Glut einer Zigarette und das Licht der Lampe – ihr schimmerndes Feuer, das heute noch brennt. Auch wenn es längst wieder hell ist und der Kopf noch was wehtut.

Foto Mehr Meer

Ich war gestern im Theater. Schauspiel. Köln. Mit viel Musik. Es ging um Karl Marx. Der wäre dieses Jahr 200 geworden. Ums Altern ging es auch. Und darum, was aus Marx wird, wenn er tot ist und nicht mehr Marx ist. Irgendwie ist er es ja noch. Als Buch. Text. Buchstaben, Zeichen und – Denken. Es ging auch darum, was man mit der Zeit macht. Oder gemacht hat. Oder gemacht hätte. Oder machen würde. Wenn, wenn, wenn…

Wie die Produktion von Mehrwert der bestimmende Zweck der kapitalistischen Produktion, so mißt nicht die absolute Größe des Produkts, sondern die relative Größe des Mehrprodukts, den Höhegrad des Reichtums. – Karl Marx: Das Kapital 

Die Gruppe Subotnik hat das gestern gut gemacht. Die Zeit war mehr wert. Sie haben es sich nicht einfach gemacht. Nicht zu einfach. Aber gemacht. Macher. machen. Komplexität gezeigt. Aber spielerisch. Leicht. Verständlich. Toll. Das war gut und auf einmal war man drin. In der Welt. In der Vergangenheit und der Produktion. Mitten im Fortschritt. Im Hier und Jetzt. „Die Natur kann das auch ohne uns“, sagt der Eine, der eben noch an der Orgel stand und elektronisch getanzt hat, als wäre er auf Crystal Meth. Er ist aber nur auf Arbeit. Getriebene. Beide! Der Kapitalist dreht das Tempo hoch. Produktion steigern.

Lustigerweise: Orgel aus dem Altenheim, Zivi. Da hab ich damals auch eine abgegriffen. Die war allerdings schwer wie Hölle, funktionierte nicht richtig und hatte irgendwie weniger Charme. Wir haben sie weggeschmissen. Auch das ist Kapitalismus und moderne Gesellschaft. Man sammelt und schmeißt weg. Wenn die Sammlung Ballast wird, statt Erlösung. Irgendwann holt sie uns ein. Meine Orgel kam aus der Kapelle. Sie kannte nur Kirchenmusik. „In der Kirche nicht tanzen!“ Wieso eigentlich nicht? Befreiung: ab in den Sprinter. Dann Vorstadt. Gnadenhof. Dann weg. Doch weg. Nach einigem Hin und Her.

Vor ihrem letzten Gang hat keiner mehr zu ihrer Musik getanzt. Dafür war sie nicht gemacht. Es gab auch nicht die alte Frau aus der Erzählung von gestern. Die tanzt. Mit ihren Kleidern, mehr Hüten als Platz, ihren Fotos und Geschichten von der Kreuzfahrt. Einmal bis um die Welt. Bis alle untergehen, mit allem – wenn der letzte Tanz das fordert.

Foto Mehr Meer

Wir waren letzte Woche angeln. Auf der Nordsee. Wir haben genau fünf Fische gefangen. Das Meer ist wirklich vorbei. Leer. Kein Mehr mehr. Also Meer schon. Aber nicht mehr Meer. Over and out. Also da ist nicht mehr viel drin. Außer Plastik. Aber davon wird man nicht satt. Übrigens auch nicht wirklich sauber. Oder? Die Fische verwandeln sich in Playmobil. Wenn sie fressen, womit wir sie füttern, um sie zu fressen. Nahrungskette beißt sich in den Schwanz. Wissenschaftler arbeiten daran. An der Lösung! Das Peeling von innen. Ihre Empfehlung. Für Magen und Darm. Bald für die Gesundheit: Meerwasser in Flaschen und als Tabletten. Instant und Fisch ist dann wieder gesund. Bis alles alle ist. Leer Meer. Mehr leer geht nicht.

Uns geht es nicht um die Fische. Nicht um die Moral. Wir essen was wir fangen. Nehmen unseren Müll mit. Dabei zu viel Plastik. Viel zu viel Plastik. Wir sind keine Helden. Können vom Fischfang nicht leben und kommen bestimmt in keinen Himmel. Wir sind die Kapitalisten und Arbeiter in einer Person. Gelitten unter der höheren Macht. Wissen nicht, wie wir einen neuen Anfang setzen und austreten, aus dem Organismus der Produktion. Fortschritt! Kraft unseres Amtes verbrauchen wir uns im Konsum und zehren davon, dass man uns dafür entlohnt. Wir stehen alle an der Orgel und das Tempo zieht einfach an. Einfach weiter machen. Machen. „Was eigentlich?“ Das ist die richtige Frage. Gestern gestellt. Was wir machen, ist manchmal gut. Manchmal nicht so gut. Manchmal bemüht und manchmal gehen wir zu weit. Aber wir üben.

de te fabula narratur – die Rede ist von Dir

Ich wollte eigentlich eine schöne Geschichte schreiben. Jetzt ist hier so eine ätzende moralische Belehrung im Subtext drin. Da hab ich überhaupt keinen Bock drauf. Mehrwert bringt uns die Kutterfahrt ja, weil sie uns Ruhe bringt. Endlich! Passend zum Wochenende. Sommer, Sonne, Sonnenschein. Mitten in Holland. Glück mit dem Wetter. Das muss man auch einfach mal genießen und wir sind die kleinsten Rädchen. Die anderen haben die Macht, das Geld und das Kapital. Da sind uns die Hände gebunden.

Wir sind nicht die Summe aller Teile. Bestenfalls noch Ersatzteil. Austauschbar. Aber hier auf dem Boot sind wir zusammen. Alle gemeinsam sichtbar. Einer ist der Kapitän während die anderen angeln. Zusammen in unserer Bestimmung für bestimmte Zeit. Alles ist einfach. Verständlich. Man kommt halt nicht runter. Für sechs oder sieben Stunden. Es ist keine Überfahrt in die Ferne. Dieses Mal ist das Land aber fast weg. Nur Plattformen um uns herum. Da pumpt man hoch, was am Ende in der Luft und im Wasser landet. Springbrunnenzeit.

Es dauert eine Weile, bis man sich wirklich an das Boot gewöhnt hat. Die Ruhe darauf. Auf ihre Art und Weise. Es gewöhnt sich nicht immer und jede*r daran. Dieses mal hat übrigens keiner gekotzt. Keiner seekrank. Nicht wie der Engländer letztes Jahr. Baked Beans und Bacon im breiten Strahl. Schön in rot-orange über die Reling. Fast fürsorglich wirkte der Vater. Der Sohn tat es ihm gleich. Etwas später. Teilen ist das Prinzip, aber: Die Fische haben ihr gut gemeintes Angebot abgelehnt. Der Schwarm war schon vorbei. Ihr Frühstück war over. Irgendwo schwimmt ein einsames Tier und fragt sich: War das der Mehrwert und was ist das Meer wert.

Ich mach jetzt mal nichts mehr. Für ein paar Stunden. Heute ist Wochenende. Und das letzte war gut so. In Holland. Heute in Köln mach‘ ich das auch so. Einfach mal nichts und Montag dann Weltretten. Wettstreiten. Neuer Versuch. Im Kleinen fängts an. Im Kleinen fängts an. Wiederholung im Geiste. Vielleicht geh ich heute mal tanzen oder esse in Ruhe – mein Stück vom Kuchen. Noch ist der Untergang ja nicht vorbei. Wenn hätte ich die Geige dabei. Wir sehen uns nächste Woche! Ich bin abseits des Schwarms. Ohne Plastik. Bin raus. Ende aus. Mickey Mouse. Vorhang. Musik.

 

Portrait unter Palmen © 2018 by Tine Hutzel

Es sieht ein wenig so aus, als wären wir in Thailand oder auf Bali unterwegs.1 / Schrilles Licht. / Lebendige Nacht. / Begrüßung durch Palmen. / Mitten in der Stadt treffen wir uns heute in der Stapelbar. / Nachdem wir unterwegs waren, um Bilder zu machen. / Fotos. / Das erste Mal auch – im Tausch. / Gerichtete Perspektive. / Gemeinsamer Blick. // Waren: am Bücherschrank. / Lesen an der brüchigen Bank / aus zweifelhaften Büchern. / Mensch bleibt stehen. / Zuhörer & -schauer. / Dann weiter. / Vor dem Kiosk. / Radler stürzt von der Bank. / Noch ein Radler. / Junge Frau mit Fahrrad geht in den Kiosk / kommt wieder raus. / Wartet. / – / Wartet. / Wartet / und fährt. / Unterhaltung. / Draußen. / Drinnen. Im Kiosk. / Am Kühlschrank. / Im Licht. / Mit Weingummi / im Glas. / Eine fragt: „Wofür?“ / – Wissen wir auch nicht – / „Was macht ihr damit?“ / – Das ist noch nicht klar – / – Irgendwas mit dem Internet – / – dann ziehen wir weiter.

Chlodwigplatz / fast. / In einer Einfahrt. / Vor einem Gitter. / Wechseln uns ab. / Dann: Auto. / Dann: Noch ein Auto. / „Lassen Sie sich nicht stören!“ / Die Stimmung ist gut / wie das Wetter. / Es ist Sommer in der Stadt. / Wir sind woanders. / Machen so weiter. / Köln ist jetzt Urlaub. / Wie damals Kanada / aber anders. / So etwas wie Arbeit / ohne Plackerei. / Pausen sind wichtig! / Noch mal „Zum Pitter“ / – Präsenz – / Handschlag.  / Umarmung. / Kölsch. / Pils. / Draußen sitzen. / Feierabend. / Straßengespräch. / Gespräch über Bindungen. / Gespräch über Gespräche. / Gespräch über Verhalten. / Verhalten. / & handeln. / Austausch von Erfahrung / und von Erleben. / Fragen bleiben offen / zusammen. / Wir ziehen weiter.

Durch die U-Bahn / Linie 17. / Unter die Erde. / Mitten im Licht. / Rolltreppen / und Beton. / Große Räume. / Wenige Menschen. / Nur eine Bahn. / Statt zwei / wie sonst. / Größer geplant. / Wenige fahren hier – (noch?). / Wir fahren nicht mit / gehen zu Fuß / über der Erde. / Bis zur Lücke / Gedächtnisverlust: ›Severinstraße‹ / sezieren die Welt / miteinander / gemeinsam als Zwei i-i / und jetzt Drei i-i-i / Autonome / Untersuchung / in sensiblen Schnitten / durch die Wirklichkeit / als wären wir – Naturwissenschaftler / … mit Abschluss / und / oder / Talent. / Sitzen noch einmal neben dem Brunnen / schießen letzte Bilder / dann Bahn / dann Stapelbar / Portrait unter Palmen.

Portrait unter Palmen © 2018 by Tine Hutzel

*** 1.-
Lange her, da hatte ich auch eine Kamera. / Lief durch Paris und andere Städte … London! / Machte ein paar Bilder. / Ein paar waren gut. / (Wirklich) / Andere nicht. / Dann kam das Handy. / Die Kamera ging kaputt. / Man dachte, man braucht nie wieder ein neues Gerät… / … / – dem ist aber nicht so. / Die Bilder wurden viele / zu viele / und unscharf / ohne Sortierung. Hauptsache Insta. Hauptsache SOFORT!

*** 2.-

Wir ließen  uns treiben . so einfach dahin . und machten . wie man es so macht . macht man es . falsch . auch . wenn mann das Neue probiert . nicht als Fehler . nur mutig . sich auch aus den Augen verliert . die Kontrolle geht mit . und gut ist dann . wenn keiner das trifft . oder wenn . dann aber gefällig.

*** 3.-

Es ist schwierig ein wirklich gutes Foto zu machen. Das passiert im Kopf und dann im Gerät. Dann durch die Nachwirkung. Auch heute noch braucht ein gutes Bild eine Phase der Entwicklung und die Dunkelkammer, als wäre das negativ nie weg gewesen. Positiv wird das Bild erst dann, wenn man es wirklich begreift und dazu macht. Und dann als eigene Welt in die Wirklichkeit schickt, als wäre es ein statisch bewegter Moment im Gestern und Heute und im ewigen Kreis. Einfach nur Farbe auf Leinwand. Leuchtend schön. Beruhigend dynamisch und einfach nur sichtbar, für jeden der schaut mit dem eigenen Körper, den wirklichen Augen und ihrer Optik als Feinsinn. Man sieht durch sie anders und durch das Gerät. Zwei Perspektiven. Erweiterte Welt. Beides real.

Anmerkungen

  1. Foto: Tine Hutzel

Foto: Zwischen den Zeiten: Schuhe vom Konzert vor Aquarium (30. April 2012)

Foto: Zwischen den Zeiten: Schuhe vom Konzert vor Aquarium (30. April 2012)

Es ging heute im 2. Teil des Tages theoretisch um „Öffentlichkeit“, nachdem ich sie im 1. Teil des Tages praktisch im Feldversuch erprobt hatte.
 
Die heutige Hannah-Arendt-Sekundärlektüre im theoretischen Teil hat mich zwar weniger geschafft, als der Einkauf beim Herrenausstatter, aber ich kann noch immer nicht schlafen und bin bei der Durchsicht durch alte Fotos zu folgender – später, wenngleich nicht weniger wichtiger – Erkenntnis gelangt, die ich nun im 3. Teil des Tages an die Öffentlichkeit (nach Arendt/H. Bajohr 2011 – nach bestem Wissen und Erinnern im Anschluss an die erste Lektüre – die „spontan emergente“ Form) trage:
 
Erkenntnis als Be-Ding-ung:
a) Ich hatte 2012 noch die original Schuhe vom original Konzert 2007, die ich bis heute vermisse. Ich vermisse euch wirklich – es war die erste wirklich große Liebe. #ichliebediesefarbe
 
b) Ich habe – was auf diesem Foto nicht, aber auf einem anderen im selben Ordner auf meiner Festplatte (Laufwerk F:) oder auch in der Cloud zu sehen ist – im gleichen Jahr mein Aquarium eingerichtet. Beides hätte ich der Empfindung nach nicht im selben Jahr vermutet.
 
c) a²+b²=c²
 
d) Nicht alles, was an die Öffentlichkeit gelangt, ist wichtig – noch weniger überdauert diese.

e) wie Ende.

p.s.: es wird wieder scharf geschossen. nehmt euch in Acht und achtet auf euch. #derPappi

 
Foto Schweigender Philosoph an einer Ampel

Foto Schweigender Philosoph an einer Ampel

1) Man sprach davon, er hätte schweigen sollen, um Philosoph zu bleiben. 

2) Andere sagten (als Opa), es sei keiner dümmer, als sein Geschwätz. 

3) In dem Text von heute stand, dass man, ohne zu sprechen, gar nicht ‚ist‘ – danach bin ich auf dem Flur in ein Gespräch verwickelt worden und musste feststellen: auch sprechend ‚ist‘ man nicht immer.

Daher stelle ich weiter fest:
In guter Gesellschaft ist keiner so dumm, sich zum schweigenden Philosophen zu bestimmen, sondern man spricht mit dem, der sinnhaft zum Hören und Verstehen sich dank seiner Leidenschaft und Empathie müht und Dich im eigenständigen Sprechen nicht nur bestätigt, sondern fordert.

4) M.a.W.: Egal wo Opa und Philosoph sich entsprechend heute noch treffen, ich wünsche ihnen eine ganz ehrlich gemeinte Unterhaltung, denn alles andere wäre verlorene Lebenszeit – dachte der Philosoph und sprach mit dem alten Mann an der Ampel.

5) Zusammenfassung:

Für die Katz

                                     Clemens Fuhrbach
                                        17. Mai 2017
Literarisch gestolpert.
Eine Zusammenfassung
      – einen Tag später.

Ich soll also stolpern: –
Aha.

Kann doch nur erzählen
Weil es mir einMal passiert
Nachträglich und+
doch als Wi(e)derholung
Nicht gleich aber identisch
Oder doch umgekehrt?
Jedenfalls:
Ein Ereignis
Als 1 Ereignis
Zwischen Bewegung und Stillstand
Wobei –
…dieser ist doch bloß
《ILLUSION》

Der Körper im Raum
Steht nie wirklich still
Wie die Zeit fließt das Blut
Und die Luft durch die Lungen.

Kommen wir zurück zum
PROGRAMM:
.. . … . . . … ..
Huch!
Da ist es wieder passiert
“Aber jetzt” (Schulz 2017, S. 27)

Überrascht?
Nicht wirklich.

Zusammenfassung:
Über Steine zu stolpern
Musst du schon selber
Und erzählen davon
Musst du auch
Selbst.

Nur wie?
Das
     1|ist
     2|scheint
                die Frage.

Fangen wir mit einer Information an:
In der gestrigen Sitzung des Seminars wurde gesprochen über Lyrik von Tom Schulz: Prager Straße und Verlegung der Stolpersteine – aus dem gleichnamigen Band. (Nur am Rande auch noch über ein Gedicht von Friederike Mayröcker). Für eine detaillierte Zusammenfassung der Inhalte, Interpretationen, etc. beachten Sie – oder wollen wir uns duzen? – bitte das PROTOKOLL [Link].

Detail Nummer 1:
Es wurde bemerkt, dass über die Prager Straße das Stolpern fruchtbarer ausfiel als erwartet.

Anmerkung Nummer 1:
Mit dem Titel Verlegung der Stolpersteine greift Tom Schulz ein programmatisches Kunstprojekt zur Erinnerung an die Opfer der NS-Verbrechen auf. Es handelt sich um goldene Gedenktafeln in Form von Pflastersteinen, die in Städten an Orten verlegt werden, wo Menschen während des Dritten Reichs abgeholt wurden, um nicht mehr wiederzukommen. Das Gesicht der zu den einzelnen Steinen vorhandenen Täter fehlt. Den Opfern bleibt wenigstens ihr Name als Schriftzug – “immerhin”, möchte man sagen.
In Zeiten der Krisen und des öffentlichen Demonstrierens ist es vielleicht nur eine Frage der Zeit, dass diese letzten Pflastersteine – die meisten Straßen heute sind ja asphaltiert! (Sicherheit?) – wieder von Tätern zum Werfen wider Polizisten oder Gegner jedweder Couleur ausgegraben werden, und man könnte diese Farce des Opfer-bleibt-Opfer fast lustig als ironische Wendung des Schicksals begreifen, wäre es nicht unschuldig für solch ein Handeln zusammen allein unter Menschen und Menschen.

Das Seminar hat berechtigterweise darauf hingewiesen, dass die besondere Eigenschaft der Stolpersteine ist, dass sie so in der Straße verlegt werden, dass man gerade nicht darüber stolpert. Zumindest gilt das physisch.

Wer teilnimmt an einer linear gerichteten Erinnerungskultur, kann zumindest gewissenhaft stolpern, sofern man auf den Boden blickt, um nicht zu stolpern und dann einen solchen Stein erblickt, um innezuhalten und sich der bösen Natur als Verbrechen zu erinnern.

[Einschub Anfang]    Privates Detail Nummer 1:
                     Seit Hans Guck-in-die-Luft schaut
                     die deutsche Gesellschaft brav
                     nach unten.

                     Ein Hoch auf die Errungenschaften
                     der Pädagogik!
[Einschub Ende]

Tom Schulz verlagert die plastische Aktionskunst im öffentlichen Raum in einen literarischen Spezialdiskurs und stellt ihn in seiner Lyrik ins Abseits. Das versteht sich gesellschaftlich so: Während die goldenen Stolpersteine in den Städten zumindest theoretisch jedem Bewohner oder Touristen der Stadt begegnen können, wo diese Begegnung dann zu einem Denkprozess führen kann, so bleibt das ›Stolpern‹ auf lyrische Art doch eines, das nicht völlig bewusst und dennoch nicht zufällig ist. Schließlich passiert es allenfalls den Leuten, die sich alltäglich aus Interesse oder Intention, also privat oder beruflich mit Literatur befassen und das ist nicht die breite Masse der Bevölkerung. Stellt man die Anzahl der Touristen gegenüber jener der Literaten, so handelt es sich doch mit hoher Wahrscheinlichkeit um eine ungleiche Proportion zweier Gebiete der komplexen Bewegung des Reisens, deren Mischungsverhältnis mehr ist, als eine Frage des Geschmacks.

Wie wir nun festgestellt haben, ist die literarische Verlegung der Stolpersteine also tatsächlich ein Verlegen als Tätigkeit im Sinne des Wortes, wie man es beispielsweise aus Krankenhäusern kennt.

“XY wurde von der Intensivstation auf die Station verlegt – ja, außer Lebensgefahr, auf dem Weg der Besserung.”

Handelt es sich nun um:
     a) Hoffnung auf Heilung und Grund zur Beruhigung
oder
     b) Ruhe vor dem Sturm und bedingungslosen Rückfall?

Anmerkung Nummer 2:
Überforderung im Diesseits und Perspektive der Täter von gestern und potentiellen Täter von morgen?

Ich kann und will die Modernität dieser Lyrik nicht beurteilen. Angesprochen fühle ich mich nicht, aber das ist keine Kategorie – dafür habe ich totales Verständnis. In meiner Welt ist Lyrik eine sehr private Angelegenheit und wenn ich mich dort mit der öffentlichen Frage nach dem sog. ›lyrischen Ich‹ konfrontiert sehe, dann kann ich keine Antwort geben, selbst nicht für die dilettantischen Versuche, die ich selbst unternehme. Ich kenne diese geschlossene Stimme nicht von der alle sprechen und mit der man in objektiver Gültigkeit spricht, was im Eigentlichen – so unterstelle ich – versucht den Menschen zu überwinden.

***

Es folgt daher eine technische Einschränkung als funktionale Beschränkung:

In dieser Disziplin räume ich mein Scheitern – auch auf die Gefahr hin, es handele sich in meinem Fall um Unwissenschaftlichkeit in Ausdruck, Haltung und Form (d.i. auf ganzer Linie) – jetzt schon ein.

***

Wenn ich nun also doch über2 das ›lyrische Ich‹ spreche, dann in zweierlei Hinsicht als funktionale Möglichkeit der Erfahrung von Fremdheit und Entfremdung:
   1) Spreche ich über einen Anderen als anderen und mich
   2) Spreche ich über mich als anderen im Ich

Die Maximierung der Perspektiven steht hier noch am Anfang und führt mich zum jetzigen Zeitpunkt zu einem einzigen Punkt der Erkenntnis, nämlich: Es handelt sich um ein Phänomen der Vielstimmigkeit und wenn ich spreche oder schreibe kommt es nur zu einem Ergebnis, d.i. mein Ausdruck als Konsens von all diesen Instanzen der Sprache, derer man als Suchender noch deutlich mehr finden wird, wenn man nur häufiger hört, sieht und – liest (im ganzen wörtlichen Sinne).

Mit meiner Stimme trug ich gestern vor, dass “Stimmen wie Jauche” (Schulz 2017, S. 10) und “Stimmen mit einem Galgen” (Ebd.) von einem Ich auf sprachlicher Ebene eingefangen werden, das sich zunächst sorgfältig den Schnürsenkel bindet (wie im Kindergarten gelernt und seitdem konsequent betrieben!), um sorgfältig nicht (!) zu stolpern und dann doch in einem Moment der erstarrten Bewegung sich selbst in den “Fensterscheiben von 1&1” (Ebd., S. 11) gegenübertritt und die Spiegelung als Fremden hinterfragt. Wer ist dieser “Smartphone-Mensch” (Ebd., S. 11), der Prothesen für fast alle Sinne braucht – ein Stock zum Tasten fehlt vielleicht.

Das Gegenüber wird diffamiert in seiner Erscheinung und durch seinen Ausdruck. Alles läuft nur noch über ein Gerät und dieser Mensch, der doch eigentlich immer dachte, selber zu lesen, zu schreiben, zu hören und zu sehen, was in der Welt um ihn herum passiert, fragt sich ganz plötzlich, ob und wie er all das um ihn herum Geschehene als Information verarbeiten kann, ob es das Gerät schafft, der Überforderung Herr zu werden, oder ob es sie noch potenziert und schließlich steht die Frage im Raum, wer hier noch schafft sich eine wirklich eigene Meinung zu bilden, die so etwas ist, wie frei und unabhängig, Produkt ganzheitlicher Bildung und Idee der Erziehung zur Mündigkeit.

Ich kann mich heute – nach meiner gestrigen Reaktion durch Enthaltung im Anschluss auf eine an mich gerichtete, weiterführende Rückfrage zu einem von mir erbrachten, aber zum besseren Verständnis zukünftig doch noch zu präzisierenden Beitrags als Teil der mit 90 Minuten viel zu kurzen Seminarsitzung für solch ein großes Thema (für mehr sollte man sich allerdings auch zum Experten machen!) – gar nicht entscheiden, welche konkreten Antworten ich als Konsequenz dieser Sitzung nun gefunden habe und will es auch gar nicht. Ich gönne mir das Nebeneinander einiger Aspekte im harmonischen Gleichklang und als Dissonanz. Vielleicht muss man das mögen und manchmal ertragen, auch können.

Die ausformulierte Perspektive auf lyrischer Ebene, als Ich in einen digitalen Spiegel blickend, verwundert über sich und die anderen, bleibt in meiner Perspektive Produkt eines elitären Besserwissers, der glaubt Lösungen durch die Kategorien des wahr, richtig oder falsch zu kennen, weil und wie er sie innerhalb eines Erziehungssystems gelernt hat und sieht sich fragend als überforderter Zeitgenosse Menschen gegenüber, die genau so nicht denken wie er und die das Tabu begehen; sie betreten das Schweigen, vielleicht gebrochen, brüllend, laut und ganz konkret als Gewalt des anderen empfunden durch beide Seiten.

Und dann kommt mir die Pointe doch in den Sinn:
Hans Guck-in-die-Luft soll ja auf den Boden schauen, um nicht zu stolpern. Wenn nun die Stolpersteine damit kalkulieren, dass man nicht konkret-räumlich, sondern abstrakt-räumlich über sie stolpert, dann funktioniert das nur, wenn wir tatsächlich den Blick auf die Welt vor unseren Füßen werfen. Nun neigt sich der Blick dieser Tage aber nach unten und zwischen die Welt auf der wir laufen und uns bewegen tritt ein digitales Pendant. Wir blicken auf die Welt, aber sie ist eine andere und stolpern in beiden.

Wer auf sein Smartphone blickt, die Schuhe bindet, der kann nur dann trotzdem stolpern, wenn die Steine “richtig” verlegt sind, zum Stolpern, was bei der Abnahme durch den Auftraggeber als “zu korrigierender Fehler in der Ausführung” angemahnt werden würde und von der zur Verlegung beauftragten Firma nach der Abnahme zur Korrektur gebracht werden müsste.

“Zur Wahrung der Sicherheit im öffentlichen Raum
im allgemeinen Interesse.”

Belassen wir es dabei.

Die Verlegung der Stolpersteine als Verlegung der Stolpersteine in den Ort der Literatur ist ein wichtiger Hinweis, nämlich:
dass die Literatur Wirklichkeit durch Wirklichkeit
erfasst und bereichert.

Ende der Au(f|s)arbeitung
durch
Sprache

(In 3 Ebenen der Zeit)

a) vergessen b) verbleiben c) verlegen

Ausblick
***
offen

Grafik Masse (21. November 2017)

Ich habe heute ein paar spannende Worte gelesen
ein Thema, das mich schon länger beschäftigt
es geht um das Verhältnis von Masse
wie verhalten sich Quantität und Qualität
in Individuum und Kollektiv
wie werden Urteile gefällt
was ist gut?
was ist schlecht!
was ist überhaupt.

Das ist für mich die ganz zentrale Frage:
strebt der Mensch wirklich nach Individualität
Sein mit den anderen, ein bisschen wie sie
und doch anders und ganz besonders
ist nicht gerade das Bedürfnis dieser Zeit
die besondere Aufmerksamkeit zu bekommen
die einem kaum einer noch wirklich schenkt
weil alle in Überforderung vergessen
dass Qualität in der Begegnung von Du und Ich
einfach geschenkt werden kann
ganz ohne Konsum – ganz ohne Kapital.

Wenn wir aber verlernen, mit den anderen zu sein
und gleichzeitig wie die anderen sind, mit ihnen
aber keiner merkt es so richtig, weil wir alle
schauen doch irgendwie auf uns und spenden
ein bisschen zu Weihnachten und je nachdem
was der Steuerberater einem rät
gründen die Stiftung, zum eigenen Vorteil
Vermarktung der eigenen Marke
ganz selbstlos Liebe schenken
unter Bedingungen eines Zuhälters
der seine Mädchen an der Leine hält
damit die Kasse klingelt, wenn
der Liebesdienst sich lohnt.

Diese Tage sind befremdlich
und in der Wunde bohren tut weh
weil die Wunde an erster Stelle immer
– die eigene ist.

Dabei wäre die Idee ganz einfach
wir akzeptieren die Freiheit unter einer Bedingung
Frieden im Miteinander und im Erkennen
dass die einzige Gleichheit in uns
die Andersheit ist, auch
wenn wir uns immer wieder gleichen
doch nie alle.

Nicht ein Gespenst geht um
in Europa

Es sind viele
in der Welt.

 

(Bild am 21. November 2017)