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Für die Katz

Literarisch gestolpert.

                                     Clemens Fuhrbach
                                        17. Mai 2017
Literarisch gestolpert.
Eine Zusammenfassung
      – einen Tag später.

Ich soll also stolpern: –
Aha.

Kann doch nur erzählen
Weil es mir einMal passiert
Nachträglich und+
doch als Wi(e)derholung
Nicht gleich aber identisch
Oder doch umgekehrt?
Jedenfalls:
Ein Ereignis
Als 1 Ereignis
Zwischen Bewegung und Stillstand
Wobei –
…dieser ist doch bloß
《ILLUSION》

Der Körper im Raum
Steht nie wirklich still
Wie die Zeit fließt das Blut
Und die Luft durch die Lungen.

Kommen wir zurück zum
PROGRAMM:
.. . … . . . … ..
Huch!
Da ist es wieder passiert
“Aber jetzt” (Schulz 2017, S. 27)

Überrascht?
Nicht wirklich.

Zusammenfassung:
Über Steine zu stolpern
Musst du schon selber
Und erzählen davon
Musst du auch
Selbst.

Nur wie?
Das
     1|ist
     2|scheint
                die Frage.

Fangen wir mit einer Information an:
In der gestrigen Sitzung des Seminars wurde gesprochen über Lyrik von Tom Schulz: Prager Straße und Verlegung der Stolpersteine – aus dem gleichnamigen Band. (Nur am Rande auch noch über ein Gedicht von Friederike Mayröcker). Für eine detaillierte Zusammenfassung der Inhalte, Interpretationen, etc. beachten Sie – oder wollen wir uns duzen? – bitte das PROTOKOLL [Link].

Detail Nummer 1:
Es wurde bemerkt, dass über die Prager Straße das Stolpern fruchtbarer ausfiel als erwartet.

Anmerkung Nummer 1:
Mit dem Titel Verlegung der Stolpersteine greift Tom Schulz ein programmatisches Kunstprojekt zur Erinnerung an die Opfer der NS-Verbrechen auf. Es handelt sich um goldene Gedenktafeln in Form von Pflastersteinen, die in Städten an Orten verlegt werden, wo Menschen während des Dritten Reichs abgeholt wurden, um nicht mehr wiederzukommen. Das Gesicht der zu den einzelnen Steinen vorhandenen Täter fehlt. Den Opfern bleibt wenigstens ihr Name als Schriftzug – “immerhin”, möchte man sagen.
In Zeiten der Krisen und des öffentlichen Demonstrierens ist es vielleicht nur eine Frage der Zeit, dass diese letzten Pflastersteine – die meisten Straßen heute sind ja asphaltiert! (Sicherheit?) – wieder von Tätern zum Werfen wider Polizisten oder Gegner jedweder Couleur ausgegraben werden, und man könnte diese Farce des Opfer-bleibt-Opfer fast lustig als ironische Wendung des Schicksals begreifen, wäre es nicht unschuldig für solch ein Handeln zusammen allein unter Menschen und Menschen.

Das Seminar hat berechtigterweise darauf hingewiesen, dass die besondere Eigenschaft der Stolpersteine ist, dass sie so in der Straße verlegt werden, dass man gerade nicht darüber stolpert. Zumindest gilt das physisch.

Wer teilnimmt an einer linear gerichteten Erinnerungskultur, kann zumindest gewissenhaft stolpern, sofern man auf den Boden blickt, um nicht zu stolpern und dann einen solchen Stein erblickt, um innezuhalten und sich der bösen Natur als Verbrechen zu erinnern.

[Einschub Anfang]    Privates Detail Nummer 1:
                     Seit Hans Guck-in-die-Luft schaut
                     die deutsche Gesellschaft brav
                     nach unten.

                     Ein Hoch auf die Errungenschaften
                     der Pädagogik!
[Einschub Ende]

Tom Schulz verlagert die plastische Aktionskunst im öffentlichen Raum in einen literarischen Spezialdiskurs und stellt ihn in seiner Lyrik ins Abseits. Das versteht sich gesellschaftlich so: Während die goldenen Stolpersteine in den Städten zumindest theoretisch jedem Bewohner oder Touristen der Stadt begegnen können, wo diese Begegnung dann zu einem Denkprozess führen kann, so bleibt das ›Stolpern‹ auf lyrische Art doch eines, das nicht völlig bewusst und dennoch nicht zufällig ist. Schließlich passiert es allenfalls den Leuten, die sich alltäglich aus Interesse oder Intention, also privat oder beruflich mit Literatur befassen und das ist nicht die breite Masse der Bevölkerung. Stellt man die Anzahl der Touristen gegenüber jener der Literaten, so handelt es sich doch mit hoher Wahrscheinlichkeit um eine ungleiche Proportion zweier Gebiete der komplexen Bewegung des Reisens, deren Mischungsverhältnis mehr ist, als eine Frage des Geschmacks.

Wie wir nun festgestellt haben, ist die literarische Verlegung der Stolpersteine also tatsächlich ein Verlegen als Tätigkeit im Sinne des Wortes, wie man es beispielsweise aus Krankenhäusern kennt.

“XY wurde von der Intensivstation auf die Station verlegt – ja, außer Lebensgefahr, auf dem Weg der Besserung.”

Handelt es sich nun um:
     a) Hoffnung auf Heilung und Grund zur Beruhigung
oder
     b) Ruhe vor dem Sturm und bedingungslosen Rückfall?

Anmerkung Nummer 2:
Überforderung im Diesseits und Perspektive der Täter von gestern und potentiellen Täter von morgen?

Ich kann und will die Modernität dieser Lyrik nicht beurteilen. Angesprochen fühle ich mich nicht, aber das ist keine Kategorie – dafür habe ich totales Verständnis. In meiner Welt ist Lyrik eine sehr private Angelegenheit und wenn ich mich dort mit der öffentlichen Frage nach dem sog. ›lyrischen Ich‹ konfrontiert sehe, dann kann ich keine Antwort geben, selbst nicht für die dilettantischen Versuche, die ich selbst unternehme. Ich kenne diese geschlossene Stimme nicht von der alle sprechen und mit der man in objektiver Gültigkeit spricht, was im Eigentlichen – so unterstelle ich – versucht den Menschen zu überwinden.

***

Es folgt daher eine technische Einschränkung als funktionale Beschränkung:

In dieser Disziplin räume ich mein Scheitern – auch auf die Gefahr hin, es handele sich in meinem Fall um Unwissenschaftlichkeit in Ausdruck, Haltung und Form (d.i. auf ganzer Linie) – jetzt schon ein.

***

Wenn ich nun also doch über2 das ›lyrische Ich‹ spreche, dann in zweierlei Hinsicht als funktionale Möglichkeit der Erfahrung von Fremdheit und Entfremdung:
   1) Spreche ich über einen Anderen als anderen und mich
   2) Spreche ich über mich als anderen im Ich

Die Maximierung der Perspektiven steht hier noch am Anfang und führt mich zum jetzigen Zeitpunkt zu einem einzigen Punkt der Erkenntnis, nämlich: Es handelt sich um ein Phänomen der Vielstimmigkeit und wenn ich spreche oder schreibe kommt es nur zu einem Ergebnis, d.i. mein Ausdruck als Konsens von all diesen Instanzen der Sprache, derer man als Suchender noch deutlich mehr finden wird, wenn man nur häufiger hört, sieht und – liest (im ganzen wörtlichen Sinne).

Mit meiner Stimme trug ich gestern vor, dass “Stimmen wie Jauche” (Schulz 2017, S. 10) und “Stimmen mit einem Galgen” (Ebd.) von einem Ich auf sprachlicher Ebene eingefangen werden, das sich zunächst sorgfältig den Schnürsenkel bindet (wie im Kindergarten gelernt und seitdem konsequent betrieben!), um sorgfältig nicht (!) zu stolpern und dann doch in einem Moment der erstarrten Bewegung sich selbst in den “Fensterscheiben von 1&1” (Ebd., S. 11) gegenübertritt und die Spiegelung als Fremden hinterfragt. Wer ist dieser “Smartphone-Mensch” (Ebd., S. 11), der Prothesen für fast alle Sinne braucht – ein Stock zum Tasten fehlt vielleicht.

Das Gegenüber wird diffamiert in seiner Erscheinung und durch seinen Ausdruck. Alles läuft nur noch über ein Gerät und dieser Mensch, der doch eigentlich immer dachte, selber zu lesen, zu schreiben, zu hören und zu sehen, was in der Welt um ihn herum passiert, fragt sich ganz plötzlich, ob und wie er all das um ihn herum Geschehene als Information verarbeiten kann, ob es das Gerät schafft, der Überforderung Herr zu werden, oder ob es sie noch potenziert und schließlich steht die Frage im Raum, wer hier noch schafft sich eine wirklich eigene Meinung zu bilden, die so etwas ist, wie frei und unabhängig, Produkt ganzheitlicher Bildung und Idee der Erziehung zur Mündigkeit.

Ich kann mich heute – nach meiner gestrigen Reaktion durch Enthaltung im Anschluss auf eine an mich gerichtete, weiterführende Rückfrage zu einem von mir erbrachten, aber zum besseren Verständnis zukünftig doch noch zu präzisierenden Beitrags als Teil der mit 90 Minuten viel zu kurzen Seminarsitzung für solch ein großes Thema (für mehr sollte man sich allerdings auch zum Experten machen!) – gar nicht entscheiden, welche konkreten Antworten ich als Konsequenz dieser Sitzung nun gefunden habe und will es auch gar nicht. Ich gönne mir das Nebeneinander einiger Aspekte im harmonischen Gleichklang und als Dissonanz. Vielleicht muss man das mögen und manchmal ertragen, auch können.

Die ausformulierte Perspektive auf lyrischer Ebene, als Ich in einen digitalen Spiegel blickend, verwundert über sich und die anderen, bleibt in meiner Perspektive Produkt eines elitären Besserwissers, der glaubt Lösungen durch die Kategorien des wahr, richtig oder falsch zu kennen, weil und wie er sie innerhalb eines Erziehungssystems gelernt hat und sieht sich fragend als überforderter Zeitgenosse Menschen gegenüber, die genau so nicht denken wie er und die das Tabu begehen; sie betreten das Schweigen, vielleicht gebrochen, brüllend, laut und ganz konkret als Gewalt des anderen empfunden durch beide Seiten.

Und dann kommt mir die Pointe doch in den Sinn:
Hans Guck-in-die-Luft soll ja auf den Boden schauen, um nicht zu stolpern. Wenn nun die Stolpersteine damit kalkulieren, dass man nicht konkret-räumlich, sondern abstrakt-räumlich über sie stolpert, dann funktioniert das nur, wenn wir tatsächlich den Blick auf die Welt vor unseren Füßen werfen. Nun neigt sich der Blick dieser Tage aber nach unten und zwischen die Welt auf der wir laufen und uns bewegen tritt ein digitales Pendant. Wir blicken auf die Welt, aber sie ist eine andere und stolpern in beiden.

Wer auf sein Smartphone blickt, die Schuhe bindet, der kann nur dann trotzdem stolpern, wenn die Steine “richtig” verlegt sind, zum Stolpern, was bei der Abnahme durch den Auftraggeber als “zu korrigierender Fehler in der Ausführung” angemahnt werden würde und von der zur Verlegung beauftragten Firma nach der Abnahme zur Korrektur gebracht werden müsste.

“Zur Wahrung der Sicherheit im öffentlichen Raum
im allgemeinen Interesse.”

Belassen wir es dabei.

Die Verlegung der Stolpersteine als Verlegung der Stolpersteine in den Ort der Literatur ist ein wichtiger Hinweis, nämlich:
dass die Literatur Wirklichkeit durch Wirklichkeit
erfasst und bereichert.

Ende der Au(f|s)arbeitung
durch
Sprache

(In 3 Ebenen der Zeit)

a) vergessen b) verbleiben c) verlegen

Ausblick
***
offen