Schlagwort ›Fragmente‹

Beiträge

Foto/Bild Blut (05.06.2019)

Der Aschenbecher ist schon gut voll mit Kippen und allem Möglichen. Und noch das Bier drauf, eine schöne Suppe ist das. Tampon-Günter schaut Herbert an und krächzt: «UND JETZT MAL ORDENTLICH DURCHSPÜLEN!» Herbert […] weiß, was kommt. Günter setzt den Aschenbecher an und trinkt den Inhalt in einem Zug aus. Dann schüttelt er sich. […] Ab und an muss Güter sich und den anderen beweisen, dass er der Härteste ist, immer noch. 1

In den letzten Tagen habe ich Heinz Strunks‘ Der goldene Handschuh gelesen und dabei hat mich mehrere Male wiederholt der Ekel gepackt. Mir sind Männer wie Frauen, Handlungen, Vorstellungen oder Phantasien und Verhaltensweisen dieser Geschichte so fremd, dass ich manchmal am Ende der eigenen Sprache war. Dann habe ich den Menschen gesucht und versucht zu verstehen. Eine gewisse Betroffenheit hat sich in empathischen Momenten durchaus eingestellt. Was dargestellt wird, geht dennoch über das einfache Verständnis hinaus. Zur Entspannung habe ich dann, in den Pausen, zur Lektüre ein Bild gemalt. Dass es den Titel „Blut“ trägt, ist dem Schicksal der Parallelität geschuldet. Der Rest ist – glücklicherweise – nur ein Spiel mit Werkzeugen und der Materialität der Farbe. Ganz frei von Gewalt.

Werkzeuge, Gerüche und Ölfarben

Vor etwa zwanzig Jahren gerieten das erste Mal Ölfarben in meine Hände. Ich wollte nicht Maler werden, aber malen. Probieren, was mit der Leinwand passiert, wie man Ideen aus dem Kopf in die Wirklichkeit bringt. Sehr schnell scheiterte ich an meinem regulierten Denken und dem fehlenden Talent zur realistischen Darstellung. Kein Bild aus dem Kopf wurde Wirklichkeit. Ich war frustriert. Dann entdeckte ich den Spachtel als Werkzeug für mich. Überschritt die Grenze des voreingenommenen Denkens und entdeckte: Metall war mir der bessere Pinsel. Damals schon.

Vor einem Jahr habe ich die Farben und Werkzeuge dann wieder entdeckt. In einer Phase, in der alles zu viel war. Ich brauchte etwas Ruhe, private Ablenkung und Geduld mit mir selbst. Deshalb machte ich wieder, was ich früher schon genoss. Den Geruch von Terpentin hatte ich sehr vermisst. Die Viskosität der bunten Masse faszinierte mich wieder – genauso wie damals. Ich malte drauf los und fing natürlich zunächst wieder mit Formen und Bildern des Alltags an und dachte: Ja, mal doch mal dies oder das. Wahrscheinlich bleibt das auch die nächsten Jahre so. Die Idee, ein wirklich schönes Portrait oder eine Landschaft zu malen, die strahlt wie ein Hopper und aus sich selbst heraus leuchtet – es ist eine schöne Vorstellung so etwas selbst zu können.

Foto/Bild Blut (05.06.2019)

Ich werde kein Hopper und das ist ja irgendwie auch gut so.

Nun male ich also in sehr seltenen Abständen wieder. Einfach drauf los. Wenn der Kopf eine Pause braucht, und wenn Herz und Bauch schüchtern danach schreien. Die Bilder werden sehr oft nicht fertig oder bleiben in Arbeitsstadien. Und auch jedes „fertige“ Bild durchläuft meist mehrere Zyklen. Nicht immer freiwillig. Erst gestern wollte ich Pollen von einer ersten Version mit einem Pinsel entfernen. Die Farbe war noch nicht so trocken, wie ich vermutete – das geschlossene Bild wurde gebrochen. Ich habe mich dann ganz kurz geärgert, versucht den Zustand zu retten, es wurde aber natürlich alles nur noch schlimmer. Auch der Ärger, dann die Verzweiflung. Es hilft nichts, dachte ich – ich muss warten und eine weitere Schicht suchen, die dem Bild eine neue Chance gibt.

Mir geht es meist um den Prozess der Entstehung. Diesen sollen die Bilder auch zeigen. Und von ihrer eigenen Materialität handeln. Manchmal ist ein zweites oder drittes Stadium sehr viel weniger gelungen, als der erste Anstrich. Doch es gibt natürlich nie ein Zurück, sondern nur ein Vorwärts und man kann nur wieder und weiter versuchen. Jedes Bild muss im Handeln an seine eigene Grenze geführt werden. Das ist ein Fortgang ohne Ende. Kann es sein. Mittlerweile zwinge ich mich dazu, Bilder im frühen Stadium auch mal so zu belassen oder ich lege sie einfach für eine Weile weg. Dieses Bild – oben im Anfangsstadium, unten in der nun trocknenden Version – braucht nur noch einen dezenten Rahmen. Einer der  nach Holz riecht und den Raum weiter mit Leben füllt.

Foto/Bild Blut (05.06.2019)

Gedicht aus dem Kontext der Entstehung und Reflexion über die Darstellung (als öffentlicher Dialog)

Blut //

wahrscheinlich musste sie irgendwo hin / die tiefe Zerrissenheit / mit Empathie / scheiternd am „stelle mir vor“ [Rede des*der Erzählers*in und/oder Protagonisten*in] / gelesene Abgründe der Phantasie / der Geilheit / der Gewalt //

tierische Natur wider sich selbst / psychologischer Wahnsinn / unbegreiflich auch Tage danach / und über die Sprache und in der Erzählung //

fortdauernd der Ekel vor dem Geruch der Verwesung / natürlicher Reflex / der nicht greifbar wird / nie / Trotz der Hilflosigkeit eines Lebens am Abgrund / und darunter / und darüber hinaus / und doch lange und / längst im freien Fall / ohne Hoffnung / doch nur den Aufprall als Ende zu suchen / und, um das „Ruhe in Frieden“ noch einmal zu spüren / und um einmal nur: sozial den Menschen abseits der Norm wieder zu finden / und um zu erleben, sich selbst / gemein und verträglich zu dulden. //

Ich arbeite zur Kneipe #dergoldenehandschuh / traurige Kulisse in der „wahren“ Erzählung von #heinzstrunk / beklemmender Schauplatz im Film von #fatihakin / und historisches Zeugnis dafür, dass Menschen Grenzen überschreiten, die mir im Versuch des nachvollziehenden Verstehens noch so fremd sind, dass mir die Sprache versiegt und nichts bleibt, außer hilflose Leere und die Gewissheit, wie normal es sich lebt und wie gut es mir geht, nur mit dem ästhetischen Blick auf die Grenze / aus der Entfernung / mit genügend Distanz / und ausreichend Sicherheit.

#strassengedicht #gebrauchslyrik#gedichte #sprache #bild #farbe#theorie #wissenschaft #literatur#clefu

Foto/Bild Blut (05.06.2019)

Parallelen mit und ohne Einfluss (und hier gezielt produzierte)

Eine seltsame Entdeckung habe ich gemacht. Sie schien einen Ersteindruck zu bestätigen, der mich vor wenigen Wochen beunruhigte. Ich hatte natürlich die ersten Seiten des Handschuhs kurz nach dem Kauf vor circa ein oder zwei Jahren „angelesen“, wie man so schön sagt. Der L-förmige Tresen von Seite fünfzehn2 kam dann auch zu Beginn in meinem Experiment vor. Meinen Text habe ich daraufhin geändert. In einer urigen Kneipe meinte ein Freund dann neulich erst zu mir – als ich den Sachverhalt anführte -, dass eigentlich fast alle Tresen in Kneipen L-förmig seien. Strunk und ich begegneten uns also in der Einfältigkeit der sich doch so häufig stupide wiederholenden Wirklichkeit.
„Fiete beobachtet gerne Schlägereien. Aus sicherer Entfernung.“ 3
Als ich dann gestern an die Szene der Kneipenschlägerei kam und las, dass auch dieser seltsame Protagonist und Serienmörder ein Beobachter in der Kneipe war und den sicheren Ort suchte, wurde ich erneut unruhig. Auch mein Held sucht die Kneipen auf, auch er wird dort nicht nüchtern bleiben und nicht zuletzt sucht er in der Kneipe eine soziale Kontur, damit er wenigstens irgendwo mit seinem Talent etwas anfangen kann. Und an diesem Punkt, stelle ich dann fest, wie Strunk, Fiete und mein Text sich in sehr unterschiedliche Richtungen entwickeln und entwickeln werden. Erstaunlich bleibt dennoch, dass Fiete und der Held meiner Erzählung sich durchaus ähnlich bleiben werden – aber auf sehr unterschiedliche Art und Weise. Und: Ich habe zwar das letzte Kapitel noch nicht geschrieben – aber ein Serienmörder zu werden, getrieben von Geilheit, Alkohol und sozialem Selbstverlust – das ist keine Option für ein Ende, das den Titel tragen soll: Offen nach Bar (o.ä.) und dazu dient, den Fortgang des Lebens stets als soziale Chance zu begreifen.

Anmerkungen

  1. Heinz Strunk: Der goldene Handschuh, Rohwolt: Hamburg 2018 (2016), S. 176.

  2. Ebd.,  S. 15.

  3. Ebd.,  S. 197.

Foto Hamburg, 8. Januar 2011

Schreiben funktioniert in zwei Richtungen: Vorwärts, so wie man liest.1 Rückwärts, so wie man denkt. Hin und wieder blättere ich durch alte Dateien und finde Fotos von früher. Weiter unten sieht man eins aus Hamburg im Januar 2011. Wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht – dafür würde ich die Hand nicht ins Feuer legen,… ich bin mir eigentlich sicher, dass es um Silvester entstanden sein muss. Wir trafen uns Diebsteich, Türen wurden ausgehängt als der Gastgeber schon auf der Reeperbahn war, aber seine Gäste*innen noch nicht. Irgendwo dazwischen war ich dabei und – jetzt hat sie mich doch getäuscht! Es war ein anderes Jahr: In der Firma des Freundes, in einem Hochhaus neben der Alster. Das müsste stimmen…,- glaube ich!

Über die Jahre verfolge ich den eigenen Blick und seitdem ich an meiner Doktorarbeit sitze und die Sprache noch genauer untersuche als früher, das Sprechen und Schreiben beobachte und darüber analytisch grüble, seitdem suche ich manchmal zwischen meinen Dateien und Datenbanken die Anfänge des Schreibens. Manche davon sind befremdlich, andere Texte oder Worte sind nach Meinung der Experten*innen qualitativ „schlecht“. Literatur ist es irgendwie trotzdem. Masse gegen das Vergessen und für das Erschaffen einer ganz eigenen Welt, deren Wirklichkeit uns vor und zurück führt und dabei begleitet, in unserem Leben den Prototypen zu entdecken und zu entwickeln. Bis wir am Ende zur Präsentation müssen und ganz genüsslich am Zeitlimit scheitern.

Foto Hamburg, 8. Januar 2011

„Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!“

Es ist natürlich hier und heute noch nicht vorbei. Ich habe einen Text gefunden, den ich gar ich nicht so schlecht finde. Ich habe mir damals die Aufgabe gestellt, Texte mit 1500 Zeichen zu schreiben. Ich müsste noch zwei, drei andere finden – demnächst. Je nach Status der Erinnerung und Bestand im Archiv. Vielleicht beim digitalen Staubwischen oder dann, wenn ich Kisten packe und an einen anderen Ort umziehe. Vielleicht auch einfach, wenn der Platz im Keller eng wird und man die eigene Vergangenheit als strenge*r Archivar*in kassieren muss. Das folgende Verwirrspiel ist heute fast zehn Jahre alt. Klüger als früher bin ich nicht. Aber gelassener, weil ich weiß, dass ich nicht an der Lösung des Rätsels gescheitert bin, sondern im Erkennen des Spiels.

Hier Hinweis aus der Regie:
Der*Die Zirkusdirektor*in ruft: „Bühne frei!“, im Hintergrund spielt ein kleines Orchester pathetische Blasmusik, angenehm schief, auffallend lebendig. 

*** Vorhang ***

29.10.2009

Eine komische Situation

Er steigt ein, sieht umher, sieht eigentlich nichts. Station für Station das gleiche Spiel, bis sie einsteigt und ihn mitbringt. Normalerweise ist er ein Grund für ihn, sie nicht anzusehen. Doch heute ist es anders, denn er liegt hilflos da und vermittelt dennoch friedvolle Ruhe. Vielleicht gibt es ihn auch, der ihn als den Schwächeren zeigt, doch nicht hier, nicht jetzt. Sie ist alleine mit ihm. Also blickt er sie an, doch ist schüchtern und schämt sich sogleich seiner glänzenden Augen. Das Lügen fällt ihm immer schon schwer, und so kann er seine Begeisterung nicht kaschieren. Ihm geht es, als würde sein ganzer Körper ganz plötzlich rot glühen.

Er traut sich nicht, sie weiter anzusehen. Seine Gefühle übermannen ihn. Er wendet seinen Blick ab, schaut wirr umher und sein Blick landet im Wagen. Dann findet er ihn doch, den Hilflosen, der den Hilflosen schwachmacht. Er ist klein, seine Wangen sind zartrosa und seine Augen blau. Er bemerkt, dass er nicht weiß, welche Farbe ihre haben; doch um ihre geht es, nicht um ihn, nicht um seine. Nun blickt er wieder nach oben und sucht den Umweg über die Spiegelungen im Fenster. Er sieht sie, wie sie da steht, lächelt und wie ihre Wangen erstrahlen. Dann lüftet sich das Geheimnis: Ihre Augen sind blau und schauen ihn an. Sie schaut ihn an! Er schwenkt seinen Kopf und jetzt treffen sich beider Blicke. Für einen Moment sind sie im selben Waggon. Es ist die nächste Station. Sie geht mit ihm davon, ohne, dass er weiß, wer sie ist, sie weiß, wer er ist und wer er wird, wer wer und was, und was wird. Es ist eine komische Situation.

Schlussbemerkung des Autors:
Die in Teilen holprige Sprache entspricht dem Zustand der Stoßdämpfer im fahrenden Zug. Auf eine (automatische) Bildstabilisierung wurde zugunsten der Authentizität verzichtet. Eine Kommentarfunktion ist an dieser Stelle nicht vorgesehen.

*** Ende ***

Anmerkungen

  1. Im einfachsten Sinne und ohne berücksichtigte Sprünge.

Foto Lesebestätigung

Foto Lesebestätigung

25.05.18

To
Clemens Fuhrbach

From
Dubrovnik

Altstadt – Gemäuer – Klippen – Fels – Meer – Meer – mehr Meer – Pivo – Fisch – Boot – Sand – Salz – Haut – Sonne – Risotto – Balkon – Würfel – Ausblick – Stiche – Katze, Hund – Frechheit. Patka.

[BILD]

[Briefmarke, 5,80(?) – HRVATSKA –
Briefumschlagsymbol]

***

Postkarte ist: S/W, Grautöne, Gebäude hell; Rückseite bedruckt und beschriftet, adressiert, Briefmarke (4c), Stempel und Postzeichen in Neonorange.

Maße: 10,5 x 15,5 cm

Zu sehen: Hafen, Segelboote, kleinere Motorboote, altes Fort o.ä., Befestigung, Häuser, mehr kleine als große, Kirche (?); links fährt ein Boot in Richtung Norden – oder Süden; oder Westen. Also auf der Karte “nach oben” – nicht geographisch gesprochen.

Foto Lesebestätigung

 

Mauerstücke

  1. Stein
    Wir laufen jetzt seit gut zwei Stunden durch die Altstadt von Dubrovnik und die Sonne brennt dermaßen, dass man froh sein kann, wenn man nicht Hauttyp 0 oder 1 ist. In der analogen Welt gibt es ja immer mehr als die Schalteroption. Mehr als “An” oder “Aus”. Es ist ein fließender Übergang in der wirklichen Welt: Sonnenbrand oder nicht? Sonnencreme ist eine wunderbare Erfindung. Sie ist die Verzögerung, die ich jetzt brauche, um später nicht knallrot auf Insta zu gehen. Das wäre irgendwie unentspannt. Egal welcher Filter. Follower sehen, wenn die Haut spannt. Da hat keiner Bock drauf, auf so Probleme. Das ist too real. Man ist für die Sonne geboren – oder eben nicht. Gilt auch für Insta.
  2. Stein
    Ich habe meinen Hauttyp in den letzten Tagen durch tägliches eincremen um mindestens eine Stufe (sehr wohlwollend) gesteigert. Ich müsste nun also in etwa bei zweikommafünf sein. Allerdings nur an manchen Stellen und ich laufe natürlich nicht permanent nackt durch die Altstadt. Was in der Vorstellung, wäre es doch so, zwar seltsam bis lustig wäre, aber es würde die Blicke nicht nur auf mich ziehen. Sie würden sich sicher auch auf meine Gefährtin1 richten. Die Irritation wäre groß. Zu groß. Obwohl das Wetter hier Sauna ist. Keine Frage. Doch das wäre too real. Sowieso, zwei; und auch für Insta.
  3. Stein
    Klar, – wir2 kennen uns so. Aber so3 kennen wir4 uns dann doch nicht. Wir könnten beide dem ganzen Körper die volle Sonne ganz natürlich gönnen. Ganzkörperbraun. Aber auf Insta später zensiert. Oder gleich. Oder Konto gesperrt. Oder wir malen was drüber. Zu viel Haut ist schließlich – zu viel Haut. Zensur. Ganz ohne Filter. Nicht wegen der Hautfarbe, aber wegen der Geschlechter. Nicht das Braun. Aber die Geschlechter. Das geht zu weit. Zensur. Weil man die Grenzen in ihrer Aufhebung markiert. In beiden Welten ist das – scheinbar – irgendwie strafbar. Ich frage mich jetzt gerade sehr kurz, ob es da ein Nudisten-Insta im Darknet gibt. Aber da gehe ich nicht hin. Entgegen der Neugier. Das ist mir too real und gefährlich. Das wäre mir deutlich zu Porno. Und Porno ist ja noch mal was anderes. Es gibt das bestimmt. Beides. Irgendwo. Irgendwo da draußen – oder ist das eher drinnen? Es ist ja im Smartphone oder im Computer oder so. Irgendwo. Digital.
  4. Stein
    Wir sind hier nicht unter Nudisten unterwegs und schätzen die Kleidung. Sie bewahrt uns so etwas wie Intimität. Symbolisch. Natürlich nicht wirklich. Intimität ist ja auch irgendwie eher drinnen. Im – ja wo eigentlich? Also man kann sie nicht einfach dazukaufen oder so. Sie entsteht, existiert oder ist einfach da. Als Gefühl und Vertrauen. Unsere Kleider machen das nicht. Sie kommen von Amazon oder Zalando. Da gibt es keine. Ich hab eben noch einmal nachgeschaut. Kunden, die T-Shirt kauften, kauften auch… Hose oder so. Keine Intimität. Ich hab danach gesucht. Kein Treffer. Vielleicht ist das die Lücke. Google wird sie bald aber füllen. Dank künstlicher Intelligenz. Ich habe den Algorithmus ja eben gefüttert.
  5. Stein
    Vielleicht sind Lücken wie Fugen. Ich bin kein Maurer. Aber Mauern auf Lücke ist doch eher gefährlich. Statik und so (provoziert Glück & Co.) – da muss man seriös bleiben und handeln. Festigung. Zusammenhalt schaffen. Zwischen den Steinen ist Mörtel. Oder Zement. Aber wie? Fertigung. Wohl eher im Winter! Die alten Gemäuer hier sind echt ultra heiß. Man kann sie nicht anfassen, sich nicht draufsetzen und wenn man an ihnen vorbeiläuft, muss das schnell gehen. Obwohl, – eigentlich nicht. Es ist hier so viel Stein vor der Küste, bis runter zum Hafen, dass es keinen Unterschied macht, wo man sich am Stein befindet oder auf ihm und wie schnell man wirklich darüber läuft. Heiß ist heiß. Das ist sicher. Der Ofen hat Ober- und Unterhitze. Manchmal auch Umluft. Schweißtreibend bleibt es so oder so. Schlussfolgerung und Fazit: Mein Opa war Maurer. Vielleicht habe ich da doch was gelernt. Vielleicht ist da doch noch eine (nur noch eine?) Lücke zu schließen. Forderung: Schönwettergeld!
  6. Stein
    Abkühlung verschafft nur ein Sprung von den Klippen. Aber wir trauen uns nicht. Beide. Beide nicht. Der Fels ist zu hoch und irgendwie steinig. Gut, man kann ihm das nicht vorwerfen. Was und wie er ist. Er ist ja nicht gemauert, sondern gewachsen. Fels ungleich Stein (im engeren Sinn). Gewachsen, so wie er ist. Er kann nichts dafür. So wie er ist. Heiß oder hoch, hart und/oder herzlos. Vielleicht würde er auch gerne mal den Absprung machen. Aber er kommt halt nicht weg. Kann nicht einfach so im Meer versinken. Nicht freiwillig. Nicht aus Lust. Nicht vor Erschöpfung. Nicht, um dann einfach wiederaufzutauchen. Ganz unverhofft. Gegen die Schwere. Gegen die eigene Zeit. Er schultert stattdessen und wacker die gesammelten Abtragungen seiner verstorbenen Brüder und Schwestern, muss stark sein und ist schlichtweg dazu bestimmt, sie und sich und die ganze Stadt vor dem Untergang zu bewahren. Das ist seine Funktion. Es drückt ihn nun von oben hinein in das Meer, aber er geht nicht unter. Er stämmt sich dagegen. Wie die orangefarbene Rettungsweste. Tapfer. Und v.a.: „alternativlos“.
  7. Stein
    Wir hatten eben kurz überlegt, ein Eis essen zu gehen. Gegen die Hitze. Oder wegen. Aber aus der Gaststätte mit Restaurant und Weitblick – mehr Meer geht wirklich nicht – hatte es einfach zu gut und aus der Küche gerochen. Kurzerhand setzten wir uns dann an einen der schüchternen Tische. Blasse Karten an Salz und Pfeffer. Holz vom Alter gezeichnet. Und von der Sonne. Wie wir. Heute und dann. Hier kein Sonnenschirm oder -schutz. Sonnenstich sicher! Sonnenstich? Sicher. Erklärung für leichten Sonnenbrand am Abend jetzt schon fix. Aber die Geschichte geht noch etwas weiter. Hier und heute.
  8. Stein
    Als wir da so in der Sonne saßen (oder sitzen, spätestens hier ist das Tempus egal) und sorgfältig am leichten Rot für den Abend arbeiteten – passiv, eigentlich wurden wir ja bearbeitet, behauen vom Licht und der Hitze, – da kam oder kommt eine fast noch junge Frau mit zwei Flaschen in der Hand aus dem Haus auf uns zu. Sie brachte uns, wie aus dem Nichts, ganz offensichtlich und unaufgeregt nüchtern sehr kaltes Bier. Eines, für jeden*n. Also zwei. Erinnerungen an Andiland waren spontan und sofort da, obwohl ursprünglich woanders und lange her, sehr. Jeden Tag länger, aber im Denken daran immer zeitlos. Es waren damals und heute braune Flaschen in der üblichen Form, aber etwas variiert. Prickelnd feucht wie – bekannt aus der Werbung. Etiketten waren darauf. Aber variabel in der Positionierung, durch die Feuchte des schmelzenden Eises, das zur Kühlung bestimmt. Oben auf Kronkorken. Aber schon halb geknickt. Flaschen geöffnet. Ohne Gläser. Keine dritte Hand frei. Nur das Nötigste. Wir sehen heute offensichtlich noch immer sehr durstig aus. Und irgendwie deutsch. Die fremde Frau begrüßt uns hier und jetzt freundlich. Glasklares Deutsch in anderem Land. Keine Fata Morgana und vor dem Alkohol! – Und wir? Wir staunen. Nicht schlecht. Wir staunen nicht schlecht und die Erklärung kommt prompt: Sie hat mal ein paar Jahre in Köln gelebt, als hier alles nicht so einfach war. Als Kind, Kindergarten, Schule und dann hatte sie ein Studium angefangen, sich im Urlaub in der Heimat verliebt und in sie. Jetzt ist sie für immer noch da. Hier, also am Hafen. – Und wir wussten längst, warum sie geblieben war. Sie brachte zwei Pivo und setzte sich zu uns. Und sitzt noch da.
  9. Stein
    Wenig später kam ihr Mann als Koch aus der Küche. Er brachte zwei Teller mit frischem Fisch, Reis und etwas Gemüse. Und mit einem Lachen im Gesicht. Er folgte seiner Frau zu uns nach draußen. Wir aßen gemächlich und es ist wirklich erstaunlich: Wir hätten nicht gedacht, dass auch unser Lachen an diesem Tag noch steigerungsfähig gewesen wäre, aber im Urlaub erlebt man die tollsten Dinge. Sie erzählten uns ihre Geschichte. Fragmentarisch. So, wie sie uns an unsrige erinnerte. Und wir kamen uns für einen Augenblick gleich vor. Aber in zwei Welten, die nicht gegeneinander sind. Obwohl wir aßen und sie nicht, waren unsere Rollen alles andere als wichtig. Ein wenig gemeinsame Sprache wohl schon. Aber nur, um zu sehen, wie wir darüber hinaus miteinander verstanden durch andere Nähe und Empathie vergleichbar der Hitze. Das Essen war großartig und die Gesellschaft auch. Wir verquatschten uns eine Weile, ehe die ersten Gäste zum Mittag kamen. Wir waren offensichtlich früh dran gewesen und hatten so den ersten Fisch des Tages gleich vom Boot bekommen. Das war unser Highlight. Kollektiv. Ohne Filter und ganz ohne Insta. Was für eine verrückte Story?!
  10. Stein
    Am Abend saßen wir erschöpft im Hotel. Wir spürten den Sand in den Ritzen. Und in der Kleidung. Überall. Und wir schmeckten das Salz auf der Haut und spürten die Kraft aus der Sonne, die schon eine ganze Weile vor uns untergegangen war. Wir schmeckten noch einmal das Risotto vom Mittag auf unseren Lippen und sprachen durch unsere Stimmen hinein in die Fremde, hinaus in die Nacht. Einsam und glücklich, weil zusammen von unserem Balkon. Wir verstanden nicht, was wir da taten. Und was die letzten Wochen und Monate passiert war. Schon gar nicht die Jahre. Aber wir waren immer noch hier. Und jedes Mal neu. Und wieder waren am letzten Abend vor der Abreise die Würfel für diesen Ausblick gefallen. Unterstanden den Sternen im Pasch. Spürten Schnuppen wie Stiche und waren in der Summe der kleinste gemeinsame Teiler; – statt höherer Mathematik.
  11. Stein
    Katze, Hund oder irgendein anderer Hahnenersatz riss uns bellend aus dem Jammer des Abschieds. Kurz vor unserer Abreise erfuhren wir dann, dass etwas am Flughafen kaputt sei und wir könnten nicht mehr zurück nach Deutschland. Heute nicht, morgen wahrscheinlich auch nicht und übermorgen vielleicht, aber das sei nicht sicher. Manch einer hätte das für eine Frechheit gehalten. Keine feste Terminierung zu geben. Uns war es egal. Wir riefen in der Firma an, aber erreichten keinen. Ich schrieb in unseren Familienchat, dass hier alles gut sei, so gut sogar, dass wir verlängert hätten. Unfreiwillig. Vielleicht also zwangsweise, aber „man muss auch mal zum Glück gezwungen werden“ kam als direkte Antwort. Wir machten ein paar Selfies mit dem großartigen Wetter und dem besten Blick hinaus auf das Meer und ich schickte ein paar Emojis dazu. Hauttyp 5, ich neige zur Übertreibung, aber durch die Bilder hatten sie zu Hause ja den Vergleich und wir würden das alles ausdiskutieren, wenn wir mit dem nächsten Flieger wieder nach Deutschland kämen, sie uns abholten und in unsere Wohnung brachten, mitten in der Stadt, ein paar Meter weg vom Rhein, wahrscheinlich bei ganz gutem Wetter, aber eben in Köln.
  12. Stein
    Schließlich gingen wir heute wieder mittags runter zum Hafen und sprachen mit einem anderen Mann und seiner Frau. Er sagte, sie seien jetzt fast auf dem Weg, aber sie könnten noch Verstärkung brauchen und wir sähen so jung aus und das wäre sicher eine spannende Reise. Dann sprach die Frau zu ihrem Mann. Sie wollten uns einfach mitnehmen. Für einen Tag. Ganz einfach. Jetzt sofort. Wir kauften von dem letzten Geld in unseren Taschen noch ein paar Vorräte und stiegen auf das Segelschiff. Wir wussten, dass es länger dauern würde, aber auch, dass es nicht schief gehen könne. Wir würden schließlich wie immer nur unser Leben riskieren. Wir fragten nicht wohin es gehen sollte, aber ich, wie das Boot hieß. Da sagte er “Patka” und es fühlt sich so gut an. Hier, am Hafen. Dass wir vielleicht sogar bleiben. Zumindest bis die Sonnencreme leer ist.

Anmerkungen

  1. Die Grammatik der Geschlechter kann hier wahlweise und nach Gusto getauscht werden.

  2. Gesperrt.

  3. Gesperrt.

  4. Gesperrt.

Ich war neulich im Auto unterwegs. Wir wollten kurz halten. Haben wir aber nicht; nicht geschafft. Wollten nach Hause. Unbedingt. Ich wollte trotzdem kurz, nur kurz fragen, wer in dem Haus wohnt und ob man sich vielleicht mal treffen könne. Jetzt oder in baldiger Zukunft, wenn wir wieder hier lang kämen. Aber die anderen1 sagten, das sei eine blöde Idee und sowieso sei hier nicht damit zu rechnen, dass man mit offenen Armen empfangen würde. Hier sei nicht das Land der offenen Haustüren und fehlenden Schlösser. Schlösser fehlten mir nie. Das stimmt.

Ich zweifelte und wusste, dass das Hier dünnes Eis war. Aber ich forderte vehement weiter, weil ich nicht sehr an der asphaltierten Richtung hing. Im Verständnis für Passivität als Notwendigkeit wünschte ich, etwas abseits zu sehen und etwas anderes zu probieren. „Die Entdecker, – sind ja auch ins Risiko gegangen“, warf ich ein und beide Personen im Auto schüttelten den Kopf. Sehr synchron, – übrigens. Mein Einwand, es ginge ja nicht um ›Amerika‹ oder ›Indien‹, sondern um „Deutschland” und das sei ja im Prinzip schon entdeckt, blieb unbeachtet. Nach einer Pause schob ich hinterher: „Schon oft übrigens“, aber wusste gar nicht genau, was ich meinte, wenn das Land immer fremd geblieben war.

Man müsse es vielleicht gar nicht ent- sondern nur auf-decken, so wie man sich morgens aufdeckt, bevor man aufsteht und Kaffee kocht, vielleicht eine Kleinigkeit isst und dann zur Arbeit geht. Auf meine Erweiterung2 sagte der Beifahrer, er frühstücke gar nicht, gehe aber zur Arbeit. Gerade deshalb frühstücke er auch nicht, damit er rechtzeitig vor den Kollegen da sei. Die würden „einige Zeit liegen lassen“, sagte er und meinte damit wohl den Umweg über die KITA. „Ich schaffe das gar nicht“, kam dann bestätigend vom Fahrer. Ich verwies diesen darauf, wie man es nicht schaffen könne, vor der Arbeit zu frühstücken, wenn man nicht mal einen Weg dorthin habe, weil man zu Hause sein Büro habe.

Die Antwort war der Bäcker, der vor einigen Wochen insolvent gegangen war. Das Backwerk war drei Minuten weiter, aber kein Grund, überhaupt aus dem Haus zu gehen und ohne Brötchen kein Frühstück. Essen war später dann der gute Grund: Als die Sonne unterging, hielten wir bei Burger King, was schließlich gar keiner war, sondern McDonald’s. Wir hatten zwar vor, bei Burger King zu halten, aber es kam einfach Kilometer weit keiner. Wir schimpften kurz über die Burger und ich aß auch gar keinen, sondern bestellte mir nur einen Kaffee, der groß größer war als erwartet. Dass es schon später Abend war, schien mir dabei nicht in den Kopf zu kommen und an Schlaf war wohl die nächsten Stunden nicht zu denken.

Ich ärgerte mich über die verpasste Chance und bemerkte nicht, dass die Frau, die meinen Kaffee zubereitete, die Tür vorhin gar nicht hätte aufmachen können, weil sie eben hier ihren Dienst tat. Ihr Mann war schon seit mehreren Wochen auf Montage und die Kinder „aus dem Haus“, was hier in der Regel bedeutete: In der Stadt, irgendwo, wo es größer ist und „Hauptsache was los!“ – In der Scheune standen noch fünf letzte Rinder, die „für Burger zu gut“ waren. So hatte es Heinz stolz gesagt, als er ging und nicht mehr wiederkommen sollte.

Hinweis an BM: Dieser Dialog ist keine Nacherzählung und frei erfunden. Ich bitte Dich (sonst fällt es ja niemandem möglicherweise auf) alle möglichen Parallelen nicht auf die Wirklichkeit zu übertragen.

Hinweis an mich: Dieses moralische Kalenderblatt habe ich in sozialen Medien geklaut. Wo und wann, das weiß ich gar nicht mehr. Ich denke auch nicht, dass es dort jemand vermisst. Was ich bemerkenswert fand, als ich die Geschichte las, war, dass der Schreiber wohl offensichtlich ein großes Mitteilungsbedürfnis für seine Geschichte verspürte. Natürlich wusste man nicht genau, ob (a) eine Belehrung durch die Fabel im Märchen erfolgt oder ob (b) die Handlung wirklich so geschehen war. Aber bemerkenswert erschien mir (c) wie offen er sprach. Seine Freunde mussten sich doch darin erkennen oder zumindest wissen, wer aus dem Freundeskreis gemeint sein könnte. Für die räumliche Empirie sprach, dass zu seinem Post Geo-Daten hinterlegt waren. Sie stimmten zwar nur in etwa mit der Erzählung überein, denn er brauchte ja eine Weile von der Fertigung des Fotos und Finden des passenden Filters bis zum Posten des Beitrags später im Restaurant, aber es wäre ein Leichtes gewesen, den Weg zum Haus zu finden. Das Haus an dem ich jetzt klopfe.

 

Anmerkungen

  1. sic!

  2. ›Amplificatio‹ sagen Experten dazu. Experten sind manchmal auch vom anderen Geschlecht oder Frauen. Das geht mich aber nichts an.

Foto Vergänglichkeit I

Am Ende der Nacht / holt sie uns ein. / Die Freiheit / Dinge zu lassen / Dinghaft zu sein. / Nur und einfach nur Mensch / Freund / unter Freunden / Liebende / Seifenblasen im Rauch / im Wind / …o..O..oo.. / Im Garten / die Autobahn im Rücken / im einzigen Gang / mit unseren Maschinen / abseits der Straße . – / wir sind am Rastplatz / im ›Freio‹ / wir sind auf Automatik / sind auf Pause / unsere Motoren / spielen verstecken. / Wir finden uns so, wie Kinder im Alter / spielen zusammen / wenn die Zeit frei ist / und wir nicht daran denken / wie lange sie läuft / oder braucht / um etwas endlich zu schaffen. / Jetzt wieder länger. / Wir feiern / den Ferienbeginn / und scheißen auf’s Zeugnis!

I . Die Hand an der Zigarette

Es ist die Hand. Sie legt etwas hin. Aktiv. Mitten in der Nacht. Fast ist schon morgen. Die Party geht zu Ende. Die zweite in Folge. Heute Schrebergarten. Gestern in der Stadt. Auch ein Garten. Reihenhaus. Geschichte. Geschichten. Gestern trifft sich die Klasse von… deren Alter ich lieber verschweige. Es reicht aber, um sich aktiv daran zu erinnern, was gestern mal war. Und heute eigentlich sollte. Nicht aber (vielleicht: noch nicht) ist. Subtil liegt die Nostalgie über der Hoffnung vergangener Tage. Heute ist alles anders, noch immer sehr gut. Haben nicht alles erreicht. Wie auch? Alles ist viel und kein Maßstab. Manche suchen, andere haben gefunden. Nicht das was sie dachten. Nicht alle. Andere sind mitten drin und deshalb nicht hier. Die Wege sind nicht immer so, dass sie sich kreuzen, wenn man den Abschluss gemacht hat und hinaus in die Welt geht, um sie zu erobern und um dann später einmal so hier zu stehen, die alten Bilder im Rausch zu durchforsten und alles nur so zu sehen, wie man es kann: nicht im Detail, sondern im Großen und Ganzen. Schlicht als Gefühl. Als Mosaik ohne Form. Vollendet ohne Konturen. Ohne Anfang und Ende. Farbe im Jetzt. Und Schwarzweiß.

Unsere Erinnerung ist gemeinsam. Für einen Teil unserer Zeit, die sich einfach verflüchtigt wie der Rauch einer einzelnen Zigarette. Der ganze Aufwand, das Tanzen, das: „Hast Du mal Feuer?“ Das Aufhören können. Das man nicht kann. Das manch einer schafft. Als Zwang gegen Zwang. Man muss doch was leisten! Muss noch was leben. Gesünder, länger und weiter. Wenn nicht bis hin, dann zumindest bis kurz vor die Unendlichkeit. „Und keinen Schritt weiter!“ Vielleicht kommt noch was. Was von der Hoffnung, von der, die man begrub an der Biegung des Flusses. Vielleicht schafft man es mal wieder hin. Und macht es dann wie das Eichhörnchen im Winter, das etwas vergrub und den Schatz fand an anderer Stelle. Just in diesem Sommer. Und der andere Baum beginnt mit dem Wachstum. Ganz unverhofft. Er wächst auch im nächsten Jahr und in dem darauf. Bis ihn  die Kinder beklettern. Bis sie zu groß sind. Bis sie wieder die Schule verlassen, keine Äpfel mehr klauen und hinaus in die Nacht ziehen, statt hinauf auf den Baum. Sich dann einfach finden und am Ende der Welt sind. Zurückkommen. Eine Wohnung mieten und einen Garten. In dem die Kinder bald spielen. Wenn das Planschbecken nicht mehr zur Kühlung der Getränke gebraucht wird, sondern für die Motoren der neuen Generation.

Das ist  noch nicht heute Nacht. Heute ist das Zischen der Flasche, wenn der Kronkorken knickt und die Kohlensäure entweicht. Die Konservierung läuft ab. Der Hauch vergangener Tage liegt in der Luft. Der Alkohol. Wie lange noch haltbar? Mindestens bis… keine Ahnung. Ich stehe auch nicht auf zu viel Nostalgie oder Untergangpanik. Es ist vielleicht noch ein Tag, vielleicht nur ein Jahr. Vielleicht sind es auch zehn oder mehr. Mein Heute ist besser, wenn es nicht gegen das Gestern ist und nicht nur für das Morgen. Zwei Ebenen. Im Gang durch die Zeit. Spielen mit beiden. Auf dem Hochseil. Ungesichert. Im Zirkus. Muss die Hand noch was machen. Noch was, für den Applaus und das Lachen. Wenn der Clown davon ablenkt, dass die Akrobaten erschöpft sind. Erschöpft vom Kunststück in luftiger Höhe. Und er macht was, das bleibt: er zeigt die Freude. Zeigt wie es kommt, nämlich anders. Und wenn nicht so, dann halt so. Für die gemeinsame Strecke. Dafür hat sich’s doch gelohnt! Oder nicht?

Foto Vergänglichkeit I

II . Haribo . Seifenblasen . und Tabletten

Wir sind groß geworden mit Teeniefilmen, die jetzt die Filme der Eltern sind. Zwanzig Jahre vorbei. Einfach so. Als wäre nichts passiert. Und wenn man sich daran erinnert, wie viel dann doch. Wie oft die Hand etwas getan. Getragen oder gesucht. Tastend durch die Welt. Findend oder nicht. Es bleibt ein Lachen im Gesicht, wenn die Äpfel vom Baum fallen und einer sie sammelt und den Kuchen macht, für den Geburtstag. Wenn die Kinder sich sammeln. Oder die Erwachsenen. Oder beide. Und einfach feiern und vergessen, dass es manchmal auch wehtut. Nur nicht, wenn man fällt von dem Hochseil und Glück hat, dass einer ein Netz spannt. Dann fällt man sicher. Kommt mit dem Schrecken davon. „Es kam noch mal anders!“ Sie schütteln sich. Erschrocken. Und lachen. Und verwischen die Schminke im Gesicht. Wenn sie sich treffen, umarmen und lieben und nüchtern sich sagen: es geht noch was weiter. Verwunderung liegt in der Luft. Verwunderung, Lust und der Mut und der Aufbruch, es noch mal zu wagen oder einfach zu tun, ohne zu wissen…

Der Kater streunt durch die Nacht. Aber kennt sein Revier. Das Zuhause. Dort, wo man lebt. Kehrt wieder ein. Hier. In das Haus. Jetzt. Unser Haus. Die Stimmung ist gut. Auf dem Siedepunkt. Bis einer ruft, der vorher nicht da war: „Ab, alle ins Bett!“ Die Nachtruhe setzt ein. Wir setzten sie aus, solange es ging. Aber es geht halt nicht länger. Der Körper geht irgendwann ganz von allein. Er liegt da und man möchte noch weiter, aber man kapituliert. Seltsam stellt sich Beruhigung von selber ein. Ganz natürlich. Wir hinterlassen Reste im Garten. Gehen hinaus in die Stadt. Wir sind das Treibgut. Nehmen Tabletten. Statt Haribo. Die Party ist over. Und wir sind noch immer nicht satt, aber müde. Kommen morgen und räumen auf, dass der Garten uns bleibt. Noch ein Jahr. „Nur noch eins!“ Und vielleicht noch eins. Damit wir dann wieder vergessen, wie lange es dauert, bis das Dunkel so hell ist, wie die Glut einer Zigarette und das Licht der Lampe – ihr schimmerndes Feuer, das heute noch brennt. Auch wenn es längst wieder hell ist und der Kopf noch was wehtut.

Foto Mehr Meer

Ich war gestern im Theater. Schauspiel. Köln. Mit viel Musik. Es ging um Karl Marx. Der wäre dieses Jahr 200 geworden. Ums Altern ging es auch. Und darum, was aus Marx wird, wenn er tot ist und nicht mehr Marx ist. Irgendwie ist er es ja noch. Als Buch. Text. Buchstaben, Zeichen und – Denken. Es ging auch darum, was man mit der Zeit macht. Oder gemacht hat. Oder gemacht hätte. Oder machen würde. Wenn, wenn, wenn…

Wie die Produktion von Mehrwert der bestimmende Zweck der kapitalistischen Produktion, so mißt nicht die absolute Größe des Produkts, sondern die relative Größe des Mehrprodukts, den Höhegrad des Reichtums. – Karl Marx: Das Kapital 

Die Gruppe Subotnik hat das gestern gut gemacht. Die Zeit war mehr wert. Sie haben es sich nicht einfach gemacht. Nicht zu einfach. Aber gemacht. Macher. machen. Komplexität gezeigt. Aber spielerisch. Leicht. Verständlich. Toll. Das war gut und auf einmal war man drin. In der Welt. In der Vergangenheit und der Produktion. Mitten im Fortschritt. Im Hier und Jetzt. „Die Natur kann das auch ohne uns“, sagt der Eine, der eben noch an der Orgel stand und elektronisch getanzt hat, als wäre er auf Crystal Meth. Er ist aber nur auf Arbeit. Getriebene. Beide! Der Kapitalist dreht das Tempo hoch. Produktion steigern.

Lustigerweise: Orgel aus dem Altenheim, Zivi. Da hab ich damals auch eine abgegriffen. Die war allerdings schwer wie Hölle, funktionierte nicht richtig und hatte irgendwie weniger Charme. Wir haben sie weggeschmissen. Auch das ist Kapitalismus und moderne Gesellschaft. Man sammelt und schmeißt weg. Wenn die Sammlung Ballast wird, statt Erlösung. Irgendwann holt sie uns ein. Meine Orgel kam aus der Kapelle. Sie kannte nur Kirchenmusik. „In der Kirche nicht tanzen!“ Wieso eigentlich nicht? Befreiung: ab in den Sprinter. Dann Vorstadt. Gnadenhof. Dann weg. Doch weg. Nach einigem Hin und Her.

Vor ihrem letzten Gang hat keiner mehr zu ihrer Musik getanzt. Dafür war sie nicht gemacht. Es gab auch nicht die alte Frau aus der Erzählung von gestern. Die tanzt. Mit ihren Kleidern, mehr Hüten als Platz, ihren Fotos und Geschichten von der Kreuzfahrt. Einmal bis um die Welt. Bis alle untergehen, mit allem – wenn der letzte Tanz das fordert.

Foto Mehr Meer

Wir waren letzte Woche angeln. Auf der Nordsee. Wir haben genau fünf Fische gefangen. Das Meer ist wirklich vorbei. Leer. Kein Mehr mehr. Also Meer schon. Aber nicht mehr Meer. Over and out. Also da ist nicht mehr viel drin. Außer Plastik. Aber davon wird man nicht satt. Übrigens auch nicht wirklich sauber. Oder? Die Fische verwandeln sich in Playmobil. Wenn sie fressen, womit wir sie füttern, um sie zu fressen. Nahrungskette beißt sich in den Schwanz. Wissenschaftler arbeiten daran. An der Lösung! Das Peeling von innen. Ihre Empfehlung. Für Magen und Darm. Bald für die Gesundheit: Meerwasser in Flaschen und als Tabletten. Instant und Fisch ist dann wieder gesund. Bis alles alle ist. Leer Meer. Mehr leer geht nicht.

Uns geht es nicht um die Fische. Nicht um die Moral. Wir essen was wir fangen. Nehmen unseren Müll mit. Dabei zu viel Plastik. Viel zu viel Plastik. Wir sind keine Helden. Können vom Fischfang nicht leben und kommen bestimmt in keinen Himmel. Wir sind die Kapitalisten und Arbeiter in einer Person. Gelitten unter der höheren Macht. Wissen nicht, wie wir einen neuen Anfang setzen und austreten, aus dem Organismus der Produktion. Fortschritt! Kraft unseres Amtes verbrauchen wir uns im Konsum und zehren davon, dass man uns dafür entlohnt. Wir stehen alle an der Orgel und das Tempo zieht einfach an. Einfach weiter machen. Machen. „Was eigentlich?“ Das ist die richtige Frage. Gestern gestellt. Was wir machen, ist manchmal gut. Manchmal nicht so gut. Manchmal bemüht und manchmal gehen wir zu weit. Aber wir üben.

de te fabula narratur – die Rede ist von Dir

Ich wollte eigentlich eine schöne Geschichte schreiben. Jetzt ist hier so eine ätzende moralische Belehrung im Subtext drin. Da hab ich überhaupt keinen Bock drauf. Mehrwert bringt uns die Kutterfahrt ja, weil sie uns Ruhe bringt. Endlich! Passend zum Wochenende. Sommer, Sonne, Sonnenschein. Mitten in Holland. Glück mit dem Wetter. Das muss man auch einfach mal genießen und wir sind die kleinsten Rädchen. Die anderen haben die Macht, das Geld und das Kapital. Da sind uns die Hände gebunden.

Wir sind nicht die Summe aller Teile. Bestenfalls noch Ersatzteil. Austauschbar. Aber hier auf dem Boot sind wir zusammen. Alle gemeinsam sichtbar. Einer ist der Kapitän während die anderen angeln. Zusammen in unserer Bestimmung für bestimmte Zeit. Alles ist einfach. Verständlich. Man kommt halt nicht runter. Für sechs oder sieben Stunden. Es ist keine Überfahrt in die Ferne. Dieses Mal ist das Land aber fast weg. Nur Plattformen um uns herum. Da pumpt man hoch, was am Ende in der Luft und im Wasser landet. Springbrunnenzeit.

Es dauert eine Weile, bis man sich wirklich an das Boot gewöhnt hat. Die Ruhe darauf. Auf ihre Art und Weise. Es gewöhnt sich nicht immer und jede*r daran. Dieses mal hat übrigens keiner gekotzt. Keiner seekrank. Nicht wie der Engländer letztes Jahr. Baked Beans und Bacon im breiten Strahl. Schön in rot-orange über die Reling. Fast fürsorglich wirkte der Vater. Der Sohn tat es ihm gleich. Etwas später. Teilen ist das Prinzip, aber: Die Fische haben ihr gut gemeintes Angebot abgelehnt. Der Schwarm war schon vorbei. Ihr Frühstück war over. Irgendwo schwimmt ein einsames Tier und fragt sich: War das der Mehrwert und was ist das Meer wert.

Ich mach jetzt mal nichts mehr. Für ein paar Stunden. Heute ist Wochenende. Und das letzte war gut so. In Holland. Heute in Köln mach‘ ich das auch so. Einfach mal nichts und Montag dann Weltretten. Wettstreiten. Neuer Versuch. Im Kleinen fängts an. Im Kleinen fängts an. Wiederholung im Geiste. Vielleicht geh ich heute mal tanzen oder esse in Ruhe – mein Stück vom Kuchen. Noch ist der Untergang ja nicht vorbei. Wenn hätte ich die Geige dabei. Wir sehen uns nächste Woche! Ich bin abseits des Schwarms. Ohne Plastik. Bin raus. Ende aus. Mickey Mouse. Vorhang. Musik.

 

Portrait unter Palmen © 2018 by Tine Hutzel

Es sieht ein wenig so aus, als wären wir in Thailand oder auf Bali unterwegs.1 / Schrilles Licht. / Lebendige Nacht. / Begrüßung durch Palmen. / Mitten in der Stadt treffen wir uns heute in der Stapelbar. / Nachdem wir unterwegs waren, um Bilder zu machen. / Fotos. / Das erste Mal auch – im Tausch. / Gerichtete Perspektive. / Gemeinsamer Blick. // Waren: am Bücherschrank. / Lesen an der brüchigen Bank / aus zweifelhaften Büchern. / Mensch bleibt stehen. / Zuhörer & -schauer. / Dann weiter. / Vor dem Kiosk. / Radler stürzt von der Bank. / Noch ein Radler. / Junge Frau mit Fahrrad geht in den Kiosk / kommt wieder raus. / Wartet. / – / Wartet. / Wartet / und fährt. / Unterhaltung. / Draußen. / Drinnen. Im Kiosk. / Am Kühlschrank. / Im Licht. / Mit Weingummi / im Glas. / Eine fragt: „Wofür?“ / – Wissen wir auch nicht – / „Was macht ihr damit?“ / – Das ist noch nicht klar – / – Irgendwas mit dem Internet – / – dann ziehen wir weiter.

Chlodwigplatz / fast. / In einer Einfahrt. / Vor einem Gitter. / Wechseln uns ab. / Dann: Auto. / Dann: Noch ein Auto. / „Lassen Sie sich nicht stören!“ / Die Stimmung ist gut / wie das Wetter. / Es ist Sommer in der Stadt. / Wir sind woanders. / Machen so weiter. / Köln ist jetzt Urlaub. / Wie damals Kanada / aber anders. / So etwas wie Arbeit / ohne Plackerei. / Pausen sind wichtig! / Noch mal „Zum Pitter“ / – Präsenz – / Handschlag.  / Umarmung. / Kölsch. / Pils. / Draußen sitzen. / Feierabend. / Straßengespräch. / Gespräch über Bindungen. / Gespräch über Gespräche. / Gespräch über Verhalten. / Verhalten. / & handeln. / Austausch von Erfahrung / und von Erleben. / Fragen bleiben offen / zusammen. / Wir ziehen weiter.

Durch die U-Bahn / Linie 17. / Unter die Erde. / Mitten im Licht. / Rolltreppen / und Beton. / Große Räume. / Wenige Menschen. / Nur eine Bahn. / Statt zwei / wie sonst. / Größer geplant. / Wenige fahren hier – (noch?). / Wir fahren nicht mit / gehen zu Fuß / über der Erde. / Bis zur Lücke / Gedächtnisverlust: ›Severinstraße‹ / sezieren die Welt / miteinander / gemeinsam als Zwei i-i / und jetzt Drei i-i-i / Autonome / Untersuchung / in sensiblen Schnitten / durch die Wirklichkeit / als wären wir – Naturwissenschaftler / … mit Abschluss / und / oder / Talent. / Sitzen noch einmal neben dem Brunnen / schießen letzte Bilder / dann Bahn / dann Stapelbar / Portrait unter Palmen.

Portrait unter Palmen © 2018 by Tine Hutzel

*** 1.-
Lange her, da hatte ich auch eine Kamera. / Lief durch Paris und andere Städte … London! / Machte ein paar Bilder. / Ein paar waren gut. / (Wirklich) / Andere nicht. / Dann kam das Handy. / Die Kamera ging kaputt. / Man dachte, man braucht nie wieder ein neues Gerät… / … / – dem ist aber nicht so. / Die Bilder wurden viele / zu viele / und unscharf / ohne Sortierung. Hauptsache Insta. Hauptsache SOFORT!

*** 2.-

Wir ließen  uns treiben . so einfach dahin . und machten . wie man es so macht . macht man es . falsch . auch . wenn mann das Neue probiert . nicht als Fehler . nur mutig . sich auch aus den Augen verliert . die Kontrolle geht mit . und gut ist dann . wenn keiner das trifft . oder wenn . dann aber gefällig.

*** 3.-

Es ist schwierig ein wirklich gutes Foto zu machen. Das passiert im Kopf und dann im Gerät. Dann durch die Nachwirkung. Auch heute noch braucht ein gutes Bild eine Phase der Entwicklung und die Dunkelkammer, als wäre das negativ nie weg gewesen. Positiv wird das Bild erst dann, wenn man es wirklich begreift und dazu macht. Und dann als eigene Welt in die Wirklichkeit schickt, als wäre es ein statisch bewegter Moment im Gestern und Heute und im ewigen Kreis. Einfach nur Farbe auf Leinwand. Leuchtend schön. Beruhigend dynamisch und einfach nur sichtbar, für jeden der schaut mit dem eigenen Körper, den wirklichen Augen und ihrer Optik als Feinsinn. Man sieht durch sie anders und durch das Gerät. Zwei Perspektiven. Erweiterte Welt. Beides real.

Anmerkungen

  1. Foto: Tine Hutzel

Foto: Zwischen den Zeiten: Schuhe vom Konzert vor Aquarium (30. April 2012)

Foto: Zwischen den Zeiten: Schuhe vom Konzert vor Aquarium (30. April 2012)

Es ging heute im 2. Teil des Tages theoretisch um „Öffentlichkeit“, nachdem ich sie im 1. Teil des Tages praktisch im Feldversuch erprobt hatte.
 
Die heutige Hannah-Arendt-Sekundärlektüre im theoretischen Teil hat mich zwar weniger geschafft, als der Einkauf beim Herrenausstatter, aber ich kann noch immer nicht schlafen und bin bei der Durchsicht durch alte Fotos zu folgender – später, wenngleich nicht weniger wichtiger – Erkenntnis gelangt, die ich nun im 3. Teil des Tages an die Öffentlichkeit (nach Arendt/H. Bajohr 2011 – nach bestem Wissen und Erinnern im Anschluss an die erste Lektüre – die „spontan emergente“ Form) trage:
 
Erkenntnis als Be-Ding-ung:
a) Ich hatte 2012 noch die original Schuhe vom original Konzert 2007, die ich bis heute vermisse. Ich vermisse euch wirklich – es war die erste wirklich große Liebe. #ichliebediesefarbe
 
b) Ich habe – was auf diesem Foto nicht, aber auf einem anderen im selben Ordner auf meiner Festplatte (Laufwerk F:) oder auch in der Cloud zu sehen ist – im gleichen Jahr mein Aquarium eingerichtet. Beides hätte ich der Empfindung nach nicht im selben Jahr vermutet.
 
c) a²+b²=c²
 
d) Nicht alles, was an die Öffentlichkeit gelangt, ist wichtig – noch weniger überdauert diese.

e) wie Ende.

p.s.: es wird wieder scharf geschossen. nehmt euch in Acht und achtet auf euch. #derPappi

 
Foto Schweigender Philosoph an einer Ampel

Foto Schweigender Philosoph an einer Ampel

1) Man sprach davon, er hätte schweigen sollen, um Philosoph zu bleiben. 

2) Andere sagten (als Opa), es sei keiner dümmer, als sein Geschwätz. 

3) In dem Text von heute stand, dass man, ohne zu sprechen, gar nicht ‚ist‘ – danach bin ich auf dem Flur in ein Gespräch verwickelt worden und musste feststellen: auch sprechend ‚ist‘ man nicht immer.

Daher stelle ich weiter fest:
In guter Gesellschaft ist keiner so dumm, sich zum schweigenden Philosophen zu bestimmen, sondern man spricht mit dem, der sinnhaft zum Hören und Verstehen sich dank seiner Leidenschaft und Empathie müht und Dich im eigenständigen Sprechen nicht nur bestätigt, sondern fordert.

4) M.a.W.: Egal wo Opa und Philosoph sich entsprechend heute noch treffen, ich wünsche ihnen eine ganz ehrlich gemeinte Unterhaltung, denn alles andere wäre verlorene Lebenszeit – dachte der Philosoph und sprach mit dem alten Mann an der Ampel.

5) Zusammenfassung:

Für die Katz

                                     Clemens Fuhrbach
                                        17. Mai 2017
Literarisch gestolpert.
Eine Zusammenfassung
      – einen Tag später.

Ich soll also stolpern: –
Aha.

Kann doch nur erzählen
Weil es mir einMal passiert
Nachträglich und+
doch als Wi(e)derholung
Nicht gleich aber identisch
Oder doch umgekehrt?
Jedenfalls:
Ein Ereignis
Als 1 Ereignis
Zwischen Bewegung und Stillstand
Wobei –
…dieser ist doch bloß
《ILLUSION》

Der Körper im Raum
Steht nie wirklich still
Wie die Zeit fließt das Blut
Und die Luft durch die Lungen.

Kommen wir zurück zum
PROGRAMM:
.. . … . . . … ..
Huch!
Da ist es wieder passiert
“Aber jetzt” (Schulz 2017, S. 27)

Überrascht?
Nicht wirklich.

Zusammenfassung:
Über Steine zu stolpern
Musst du schon selber
Und erzählen davon
Musst du auch
Selbst.

Nur wie?
Das
     1|ist
     2|scheint
                die Frage.

Fangen wir mit einer Information an:
In der gestrigen Sitzung des Seminars wurde gesprochen über Lyrik von Tom Schulz: Prager Straße und Verlegung der Stolpersteine – aus dem gleichnamigen Band. (Nur am Rande auch noch über ein Gedicht von Friederike Mayröcker). Für eine detaillierte Zusammenfassung der Inhalte, Interpretationen, etc. beachten Sie – oder wollen wir uns duzen? – bitte das PROTOKOLL [Link].

Detail Nummer 1:
Es wurde bemerkt, dass über die Prager Straße das Stolpern fruchtbarer ausfiel als erwartet.

Anmerkung Nummer 1:
Mit dem Titel Verlegung der Stolpersteine greift Tom Schulz ein programmatisches Kunstprojekt zur Erinnerung an die Opfer der NS-Verbrechen auf. Es handelt sich um goldene Gedenktafeln in Form von Pflastersteinen, die in Städten an Orten verlegt werden, wo Menschen während des Dritten Reichs abgeholt wurden, um nicht mehr wiederzukommen. Das Gesicht der zu den einzelnen Steinen vorhandenen Täter fehlt. Den Opfern bleibt wenigstens ihr Name als Schriftzug – “immerhin”, möchte man sagen.
In Zeiten der Krisen und des öffentlichen Demonstrierens ist es vielleicht nur eine Frage der Zeit, dass diese letzten Pflastersteine – die meisten Straßen heute sind ja asphaltiert! (Sicherheit?) – wieder von Tätern zum Werfen wider Polizisten oder Gegner jedweder Couleur ausgegraben werden, und man könnte diese Farce des Opfer-bleibt-Opfer fast lustig als ironische Wendung des Schicksals begreifen, wäre es nicht unschuldig für solch ein Handeln zusammen allein unter Menschen und Menschen.

Das Seminar hat berechtigterweise darauf hingewiesen, dass die besondere Eigenschaft der Stolpersteine ist, dass sie so in der Straße verlegt werden, dass man gerade nicht darüber stolpert. Zumindest gilt das physisch.

Wer teilnimmt an einer linear gerichteten Erinnerungskultur, kann zumindest gewissenhaft stolpern, sofern man auf den Boden blickt, um nicht zu stolpern und dann einen solchen Stein erblickt, um innezuhalten und sich der bösen Natur als Verbrechen zu erinnern.

[Einschub Anfang]    Privates Detail Nummer 1:
                     Seit Hans Guck-in-die-Luft schaut
                     die deutsche Gesellschaft brav
                     nach unten.

                     Ein Hoch auf die Errungenschaften
                     der Pädagogik!
[Einschub Ende]

Tom Schulz verlagert die plastische Aktionskunst im öffentlichen Raum in einen literarischen Spezialdiskurs und stellt ihn in seiner Lyrik ins Abseits. Das versteht sich gesellschaftlich so: Während die goldenen Stolpersteine in den Städten zumindest theoretisch jedem Bewohner oder Touristen der Stadt begegnen können, wo diese Begegnung dann zu einem Denkprozess führen kann, so bleibt das ›Stolpern‹ auf lyrische Art doch eines, das nicht völlig bewusst und dennoch nicht zufällig ist. Schließlich passiert es allenfalls den Leuten, die sich alltäglich aus Interesse oder Intention, also privat oder beruflich mit Literatur befassen und das ist nicht die breite Masse der Bevölkerung. Stellt man die Anzahl der Touristen gegenüber jener der Literaten, so handelt es sich doch mit hoher Wahrscheinlichkeit um eine ungleiche Proportion zweier Gebiete der komplexen Bewegung des Reisens, deren Mischungsverhältnis mehr ist, als eine Frage des Geschmacks.

Wie wir nun festgestellt haben, ist die literarische Verlegung der Stolpersteine also tatsächlich ein Verlegen als Tätigkeit im Sinne des Wortes, wie man es beispielsweise aus Krankenhäusern kennt.

“XY wurde von der Intensivstation auf die Station verlegt – ja, außer Lebensgefahr, auf dem Weg der Besserung.”

Handelt es sich nun um:
     a) Hoffnung auf Heilung und Grund zur Beruhigung
oder
     b) Ruhe vor dem Sturm und bedingungslosen Rückfall?

Anmerkung Nummer 2:
Überforderung im Diesseits und Perspektive der Täter von gestern und potentiellen Täter von morgen?

Ich kann und will die Modernität dieser Lyrik nicht beurteilen. Angesprochen fühle ich mich nicht, aber das ist keine Kategorie – dafür habe ich totales Verständnis. In meiner Welt ist Lyrik eine sehr private Angelegenheit und wenn ich mich dort mit der öffentlichen Frage nach dem sog. ›lyrischen Ich‹ konfrontiert sehe, dann kann ich keine Antwort geben, selbst nicht für die dilettantischen Versuche, die ich selbst unternehme. Ich kenne diese geschlossene Stimme nicht von der alle sprechen und mit der man in objektiver Gültigkeit spricht, was im Eigentlichen – so unterstelle ich – versucht den Menschen zu überwinden.

***

Es folgt daher eine technische Einschränkung als funktionale Beschränkung:

In dieser Disziplin räume ich mein Scheitern – auch auf die Gefahr hin, es handele sich in meinem Fall um Unwissenschaftlichkeit in Ausdruck, Haltung und Form (d.i. auf ganzer Linie) – jetzt schon ein.

***

Wenn ich nun also doch über2 das ›lyrische Ich‹ spreche, dann in zweierlei Hinsicht als funktionale Möglichkeit der Erfahrung von Fremdheit und Entfremdung:
   1) Spreche ich über einen Anderen als anderen und mich
   2) Spreche ich über mich als anderen im Ich

Die Maximierung der Perspektiven steht hier noch am Anfang und führt mich zum jetzigen Zeitpunkt zu einem einzigen Punkt der Erkenntnis, nämlich: Es handelt sich um ein Phänomen der Vielstimmigkeit und wenn ich spreche oder schreibe kommt es nur zu einem Ergebnis, d.i. mein Ausdruck als Konsens von all diesen Instanzen der Sprache, derer man als Suchender noch deutlich mehr finden wird, wenn man nur häufiger hört, sieht und – liest (im ganzen wörtlichen Sinne).

Mit meiner Stimme trug ich gestern vor, dass “Stimmen wie Jauche” (Schulz 2017, S. 10) und “Stimmen mit einem Galgen” (Ebd.) von einem Ich auf sprachlicher Ebene eingefangen werden, das sich zunächst sorgfältig den Schnürsenkel bindet (wie im Kindergarten gelernt und seitdem konsequent betrieben!), um sorgfältig nicht (!) zu stolpern und dann doch in einem Moment der erstarrten Bewegung sich selbst in den “Fensterscheiben von 1&1” (Ebd., S. 11) gegenübertritt und die Spiegelung als Fremden hinterfragt. Wer ist dieser “Smartphone-Mensch” (Ebd., S. 11), der Prothesen für fast alle Sinne braucht – ein Stock zum Tasten fehlt vielleicht.

Das Gegenüber wird diffamiert in seiner Erscheinung und durch seinen Ausdruck. Alles läuft nur noch über ein Gerät und dieser Mensch, der doch eigentlich immer dachte, selber zu lesen, zu schreiben, zu hören und zu sehen, was in der Welt um ihn herum passiert, fragt sich ganz plötzlich, ob und wie er all das um ihn herum Geschehene als Information verarbeiten kann, ob es das Gerät schafft, der Überforderung Herr zu werden, oder ob es sie noch potenziert und schließlich steht die Frage im Raum, wer hier noch schafft sich eine wirklich eigene Meinung zu bilden, die so etwas ist, wie frei und unabhängig, Produkt ganzheitlicher Bildung und Idee der Erziehung zur Mündigkeit.

Ich kann mich heute – nach meiner gestrigen Reaktion durch Enthaltung im Anschluss auf eine an mich gerichtete, weiterführende Rückfrage zu einem von mir erbrachten, aber zum besseren Verständnis zukünftig doch noch zu präzisierenden Beitrags als Teil der mit 90 Minuten viel zu kurzen Seminarsitzung für solch ein großes Thema (für mehr sollte man sich allerdings auch zum Experten machen!) – gar nicht entscheiden, welche konkreten Antworten ich als Konsequenz dieser Sitzung nun gefunden habe und will es auch gar nicht. Ich gönne mir das Nebeneinander einiger Aspekte im harmonischen Gleichklang und als Dissonanz. Vielleicht muss man das mögen und manchmal ertragen, auch können.

Die ausformulierte Perspektive auf lyrischer Ebene, als Ich in einen digitalen Spiegel blickend, verwundert über sich und die anderen, bleibt in meiner Perspektive Produkt eines elitären Besserwissers, der glaubt Lösungen durch die Kategorien des wahr, richtig oder falsch zu kennen, weil und wie er sie innerhalb eines Erziehungssystems gelernt hat und sieht sich fragend als überforderter Zeitgenosse Menschen gegenüber, die genau so nicht denken wie er und die das Tabu begehen; sie betreten das Schweigen, vielleicht gebrochen, brüllend, laut und ganz konkret als Gewalt des anderen empfunden durch beide Seiten.

Und dann kommt mir die Pointe doch in den Sinn:
Hans Guck-in-die-Luft soll ja auf den Boden schauen, um nicht zu stolpern. Wenn nun die Stolpersteine damit kalkulieren, dass man nicht konkret-räumlich, sondern abstrakt-räumlich über sie stolpert, dann funktioniert das nur, wenn wir tatsächlich den Blick auf die Welt vor unseren Füßen werfen. Nun neigt sich der Blick dieser Tage aber nach unten und zwischen die Welt auf der wir laufen und uns bewegen tritt ein digitales Pendant. Wir blicken auf die Welt, aber sie ist eine andere und stolpern in beiden.

Wer auf sein Smartphone blickt, die Schuhe bindet, der kann nur dann trotzdem stolpern, wenn die Steine “richtig” verlegt sind, zum Stolpern, was bei der Abnahme durch den Auftraggeber als “zu korrigierender Fehler in der Ausführung” angemahnt werden würde und von der zur Verlegung beauftragten Firma nach der Abnahme zur Korrektur gebracht werden müsste.

“Zur Wahrung der Sicherheit im öffentlichen Raum
im allgemeinen Interesse.”

Belassen wir es dabei.

Die Verlegung der Stolpersteine als Verlegung der Stolpersteine in den Ort der Literatur ist ein wichtiger Hinweis, nämlich:
dass die Literatur Wirklichkeit durch Wirklichkeit
erfasst und bereichert.

Ende der Au(f|s)arbeitung
durch
Sprache

(In 3 Ebenen der Zeit)

a) vergessen b) verbleiben c) verlegen

Ausblick
***
offen