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Foto/Bild Blut (05.06.2019)

Der Aschenbecher ist schon gut voll mit Kippen und allem Möglichen. Und noch das Bier drauf, eine schöne Suppe ist das. Tampon-Günter schaut Herbert an und krächzt: «UND JETZT MAL ORDENTLICH DURCHSPÜLEN!» Herbert […] weiß, was kommt. Günter setzt den Aschenbecher an und trinkt den Inhalt in einem Zug aus. Dann schüttelt er sich. […] Ab und an muss Güter sich und den anderen beweisen, dass er der Härteste ist, immer noch. 1

In den letzten Tagen habe ich Heinz Strunks‘ Der goldene Handschuh gelesen und dabei hat mich mehrere Male wiederholt der Ekel gepackt. Mir sind Männer wie Frauen, Handlungen, Vorstellungen oder Phantasien und Verhaltensweisen dieser Geschichte so fremd, dass ich manchmal am Ende der eigenen Sprache war. Dann habe ich den Menschen gesucht und versucht zu verstehen. Eine gewisse Betroffenheit hat sich in empathischen Momenten durchaus eingestellt. Was dargestellt wird, geht dennoch über das einfache Verständnis hinaus. Zur Entspannung habe ich dann, in den Pausen, zur Lektüre ein Bild gemalt. Dass es den Titel „Blut“ trägt, ist dem Schicksal der Parallelität geschuldet. Der Rest ist – glücklicherweise – nur ein Spiel mit Werkzeugen und der Materialität der Farbe. Ganz frei von Gewalt.

Werkzeuge, Gerüche und Ölfarben

Vor etwa zwanzig Jahren gerieten das erste Mal Ölfarben in meine Hände. Ich wollte nicht Maler werden, aber malen. Probieren, was mit der Leinwand passiert, wie man Ideen aus dem Kopf in die Wirklichkeit bringt. Sehr schnell scheiterte ich an meinem regulierten Denken und dem fehlenden Talent zur realistischen Darstellung. Kein Bild aus dem Kopf wurde Wirklichkeit. Ich war frustriert. Dann entdeckte ich den Spachtel als Werkzeug für mich. Überschritt die Grenze des voreingenommenen Denkens und entdeckte: Metall war mir der bessere Pinsel. Damals schon.

Vor einem Jahr habe ich die Farben und Werkzeuge dann wieder entdeckt. In einer Phase, in der alles zu viel war. Ich brauchte etwas Ruhe, private Ablenkung und Geduld mit mir selbst. Deshalb machte ich wieder, was ich früher schon genoss. Den Geruch von Terpentin hatte ich sehr vermisst. Die Viskosität der bunten Masse faszinierte mich wieder – genauso wie damals. Ich malte drauf los und fing natürlich zunächst wieder mit Formen und Bildern des Alltags an und dachte: Ja, mal doch mal dies oder das. Wahrscheinlich bleibt das auch die nächsten Jahre so. Die Idee, ein wirklich schönes Portrait oder eine Landschaft zu malen, die strahlt wie ein Hopper und aus sich selbst heraus leuchtet – es ist eine schöne Vorstellung so etwas selbst zu können.

Foto/Bild Blut (05.06.2019)

Ich werde kein Hopper und das ist ja irgendwie auch gut so.

Nun male ich also in sehr seltenen Abständen wieder. Einfach drauf los. Wenn der Kopf eine Pause braucht, und wenn Herz und Bauch schüchtern danach schreien. Die Bilder werden sehr oft nicht fertig oder bleiben in Arbeitsstadien. Und auch jedes „fertige“ Bild durchläuft meist mehrere Zyklen. Nicht immer freiwillig. Erst gestern wollte ich Pollen von einer ersten Version mit einem Pinsel entfernen. Die Farbe war noch nicht so trocken, wie ich vermutete – das geschlossene Bild wurde gebrochen. Ich habe mich dann ganz kurz geärgert, versucht den Zustand zu retten, es wurde aber natürlich alles nur noch schlimmer. Auch der Ärger, dann die Verzweiflung. Es hilft nichts, dachte ich – ich muss warten und eine weitere Schicht suchen, die dem Bild eine neue Chance gibt.

Mir geht es meist um den Prozess der Entstehung. Diesen sollen die Bilder auch zeigen. Und von ihrer eigenen Materialität handeln. Manchmal ist ein zweites oder drittes Stadium sehr viel weniger gelungen, als der erste Anstrich. Doch es gibt natürlich nie ein Zurück, sondern nur ein Vorwärts und man kann nur wieder und weiter versuchen. Jedes Bild muss im Handeln an seine eigene Grenze geführt werden. Das ist ein Fortgang ohne Ende. Kann es sein. Mittlerweile zwinge ich mich dazu, Bilder im frühen Stadium auch mal so zu belassen oder ich lege sie einfach für eine Weile weg. Dieses Bild – oben im Anfangsstadium, unten in der nun trocknenden Version – braucht nur noch einen dezenten Rahmen. Einer der  nach Holz riecht und den Raum weiter mit Leben füllt.

Foto/Bild Blut (05.06.2019)

Gedicht aus dem Kontext der Entstehung und Reflexion über die Darstellung (als öffentlicher Dialog)

Blut //

wahrscheinlich musste sie irgendwo hin / die tiefe Zerrissenheit / mit Empathie / scheiternd am „stelle mir vor“ [Rede des*der Erzählers*in und/oder Protagonisten*in] / gelesene Abgründe der Phantasie / der Geilheit / der Gewalt //

tierische Natur wider sich selbst / psychologischer Wahnsinn / unbegreiflich auch Tage danach / und über die Sprache und in der Erzählung //

fortdauernd der Ekel vor dem Geruch der Verwesung / natürlicher Reflex / der nicht greifbar wird / nie / Trotz der Hilflosigkeit eines Lebens am Abgrund / und darunter / und darüber hinaus / und doch lange und / längst im freien Fall / ohne Hoffnung / doch nur den Aufprall als Ende zu suchen / und, um das „Ruhe in Frieden“ noch einmal zu spüren / und um einmal nur: sozial den Menschen abseits der Norm wieder zu finden / und um zu erleben, sich selbst / gemein und verträglich zu dulden. //

Ich arbeite zur Kneipe #dergoldenehandschuh / traurige Kulisse in der „wahren“ Erzählung von #heinzstrunk / beklemmender Schauplatz im Film von #fatihakin / und historisches Zeugnis dafür, dass Menschen Grenzen überschreiten, die mir im Versuch des nachvollziehenden Verstehens noch so fremd sind, dass mir die Sprache versiegt und nichts bleibt, außer hilflose Leere und die Gewissheit, wie normal es sich lebt und wie gut es mir geht, nur mit dem ästhetischen Blick auf die Grenze / aus der Entfernung / mit genügend Distanz / und ausreichend Sicherheit.

#strassengedicht #gebrauchslyrik#gedichte #sprache #bild #farbe#theorie #wissenschaft #literatur#clefu

Foto/Bild Blut (05.06.2019)

Parallelen mit und ohne Einfluss (und hier gezielt produzierte)

Eine seltsame Entdeckung habe ich gemacht. Sie schien einen Ersteindruck zu bestätigen, der mich vor wenigen Wochen beunruhigte. Ich hatte natürlich die ersten Seiten des Handschuhs kurz nach dem Kauf vor circa ein oder zwei Jahren „angelesen“, wie man so schön sagt. Der L-förmige Tresen von Seite fünfzehn2 kam dann auch zu Beginn in meinem Experiment vor. Meinen Text habe ich daraufhin geändert. In einer urigen Kneipe meinte ein Freund dann neulich erst zu mir – als ich den Sachverhalt anführte -, dass eigentlich fast alle Tresen in Kneipen L-förmig seien. Strunk und ich begegneten uns also in der Einfältigkeit der sich doch so häufig stupide wiederholenden Wirklichkeit.
„Fiete beobachtet gerne Schlägereien. Aus sicherer Entfernung.“ 3
Als ich dann gestern an die Szene der Kneipenschlägerei kam und las, dass auch dieser seltsame Protagonist und Serienmörder ein Beobachter in der Kneipe war und den sicheren Ort suchte, wurde ich erneut unruhig. Auch mein Held sucht die Kneipen auf, auch er wird dort nicht nüchtern bleiben und nicht zuletzt sucht er in der Kneipe eine soziale Kontur, damit er wenigstens irgendwo mit seinem Talent etwas anfangen kann. Und an diesem Punkt, stelle ich dann fest, wie Strunk, Fiete und mein Text sich in sehr unterschiedliche Richtungen entwickeln und entwickeln werden. Erstaunlich bleibt dennoch, dass Fiete und der Held meiner Erzählung sich durchaus ähnlich bleiben werden – aber auf sehr unterschiedliche Art und Weise. Und: Ich habe zwar das letzte Kapitel noch nicht geschrieben – aber ein Serienmörder zu werden, getrieben von Geilheit, Alkohol und sozialem Selbstverlust – das ist keine Option für ein Ende, das den Titel tragen soll: Offen nach Bar (o.ä.) und dazu dient, den Fortgang des Lebens stets als soziale Chance zu begreifen.

Anmerkungen

  1. Heinz Strunk: Der goldene Handschuh, Rohwolt: Hamburg 2018 (2016), S. 176.

  2. Ebd.,  S. 15.

  3. Ebd.,  S. 197.