Kategorie ›Theorie‹

Foto Paarbeziehungen Krakau (19.-23. Februar 2019)

Ankommen

Spannende Dinge gehen viel zu schnell vorbei. So war es auch dieses Mal wieder. Am vergangenen Dienstag bin ich nach Krakau gereist und habe dort zunächst einen Spaziergang durch die historische Altstadt gemacht, um dann am letzten Schliff für meinen Vortrag zu arbeiten. Während ich also zwischen Touristen aus aller Welt über Heinrich Böll, seine Paarbeziehungen und den Zusammenhang der sprachlichen Gewalt im Sinne Judith Butlers nachdachte, stellte sich mehrfach die Frage – wie frei sind wir eigentlich, wenn wir sprechen?

Foto Paarbeziehungen Krakau (19.-23. Februar 2019)

Tagungsbeginn – Beziehungen und ihr (tödliches) Ende

Nach den letzten Vorbereitungen am Mittwoch begann am Donnerstag im Kulturinstitut Willa Decjusza die Tagungsveranstaltung zum Thema Paarbeziehungen auf der Bühne des 20. und 21. Jahrhunderts. Auf die persönliche Begrüßung durch die Organisatorinnen Agatha Mirecka (Krakau) und Natalia Fuhry (Dortmund) folgten Grußworte von Vertreterinnen beider veranstaltenden Universitäten. Für die Deutsche Philologie der Pädagogischen Universität Kraków sprach Angela Bajorek, für die Fakultät für Kulturwissenschaften der Technischen Universität Dortmund sprach Randi Gunzenhäuser.

Zu Beginn des Programms sprach Randi Gunzenhäuser dann auch die erste Keynote. Unter dem Titel „Close Encounters of the Special Kind“ zeigte sie eine Chronologie mordender Frauenfiguren auf der Bühne. Mit der Tat als Konsequenz der Paarbeziehung als Gewalterfahrung wird genau dieses Thema durch Stück und Publikum gesellschaftlich verhandelbar. Aus dem zunächst privaten Raum der Ehe tritt im Verlauf des 19. und 20. Jahrhunderts zunehmend eine Figur des Ausbruchs und der Gegenstimme öffentlich hervor. In Form der Femme Fatale oder als Mörderin wird so die Paarbeziehung auf sehr spezifische Weise kritisch ausgestellt und als Struktur hegemonialer Dominanz konterkariert.

Im Anschluss sprach Karol Sauerland (Warschau/Toruń) zu Beziehungen als Totentänze und verwies darauf, dass Paare erst zu dem Zeitpunkt als Gegenstand auf der Bühne interessant werden, als die Liebesbeziehung zur programmatischen Grundlage der Ehe wird. In diesem Moment tritt ein Wunschgebilde in die Gesellschaft, das in Wirklichkeit kaum realisierbar ist. Denn wer trifft die Entscheidung über das Neue, wer verantwortet sie und die daraus resultierenden Konsequenzen. Wer sorgt sich um die Handlung und den Ausgang?

Die Personen, die tagtäglich miteinander sprechen, etwas gemeinsam tun oder lassen, sehen in dem Ganzen keinen Zusammenhang […]

Die Autonomie der Liebenden, die als freie Subjekte ihre Ehe zum Ort der Selbstbestimmung ausrufen müssen oder können, stehen in eben diesem Moment vor der Frage, was nach dem selbst gewählten Anfang passieren wird. Aus der Freude am Neuen im Kontrast zu der darauf folgenden Monotonie des Alltags resultiert schließlich ein unüberwindbarer Konflikt, der sich nur über das Ende wirklich auflösen lässt. Als private Liebesbeziehung im exklusiven Raum der eigenen Wohnung ist dieser Konflikt eigentlich verborgen. Die Bühne bietet nun eine kathartische Plattform zur öffentlichen Repräsentation und individuellen Reflexion.

Zum Abschluss der ersten Sektion sprach schließlich Artur Pełka (Łódź) zu einer sehr spezifischen Konstruktion der Paarbeziehung. Am Beispiel von Elfriede Jelineks Die Schutzbefohlenen führte er vor Augen, wie sich eine zeitgenössische Schriftstellerin einer öffentlichen Kontroverse annimmt und ein tagespolitisches Thema reflexiv verhandelt. Der Text wird zum Ausgangspunkt der Frage nach eigener Erinnerungskultur. Er ermöglicht die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Identitätskonstruktion im Angesicht des eigentlich ausgegrenzten Fremden.

Das Spiel der seltsamen Paare

Hans-Christian Stillmark (Potsdam) konnte in seinem Beitrag Paare in den Dramen Heiner Müllers zeigen, wie sich der Autor zunächst von Brecht inspiriert zeigt und schließlich die eigene Position an Marx ausrichtet. Die Paarbeziehungen entwickeln sich zur Spiegelung der sozialistischen Utopie einer kommunistischen Zukunft. Doch auch diese Idealvorstellung bleibt ein Ort des Zwangs, der Gewalt und schließlich des Mordes.

Hannah Gerlach (Potsdam) zeigte in ihrem Beitrag Literarische Wiedergänger. Inge und Heiner Müller als Kunstfigur wie sich die Beziehung der beiden Autoren Heiner und Inge Müller zunächst als produktive Arbeitsgemeinschaft und später als tragische Schicksalsbeziehung beschreiben lässt. Während Inge Müllers Arbeit nach ihrem Selbstmord drohte, ganz in Vergessenheit zu geraten, strich Heiner Müller kurzer Hand ihre Kollaboration aus gemeinsamen Werken aus und stellte sich als alleinigen Schöpfer dar.

Waltraud Mudrich (Wuppertal) erschloss die stereotype Darstellung und ihre gezielte Brechung am Beispiel Die Paarbeziehung von Ritter Rost und Burgfräulein Bö. Sie nutzte Interviews mit Autoren und Darstellerinnen und Darstellern, um Hintergründe der Textproduktion zu erläutern. Auf dieser Grundlage erklärte sie die narrative Struktur als fortlaufende Entwicklung der Figuren-Konstruktion. Sie plädierte dafür, das Kinderbuch und -musical grundsätzlich in seiner gesamten Tiefenstruktur auch wissenschaftlich zu thematisieren.

Anna Jagłowska (Warschau) sprach zum (un)möglichen Spiel mit der Identität in Max Frischs Biographie. Max Frisch setzte für sein Stück voraus, dass der Mensch vom freien Willen bestimmt ist. Der Lebensweg wird als ständige Entscheidungsfindung dargestellt. Episoden werden durch einen Spielmacher wiederhol- und dadurch veränderbar. Am Ende bleibt das menschliche Subjekt dennoch in seiner Existenz determiniert. Jede Wiederholung birgt auch die Gefahr eines neuen Anfangs als neue Entscheidung – die möglicherweise auch falsch laufen kann. Anna Jagłowska verwies auf die Parallelen des Stücks zu Max Frischs eigener Biographie – nur dem Spielmacher ist er selbst nie begegnet.

Den ersten Tag beschloss Paul Martin Langner (Krakau) mit einem Beitrag zu „Paarbeziehungen“ als Gradmesser für gesellschaftlichen Wertekonsens. Christoph Heins ‚Ritter der Tafelrunde‘. Die Komödie zeigt die Verbindung zwischen ausgerufenem Gesetz und ihrer sozialen Realität. Am Beispiel unterschiedlicher Beziehungskonstellationen werden moralische Fragen reflektiert und als soziale Wertvorstellungen entwickelt. Schließlich zeigt sich an der individuellen Loyalität oder am Ausbleiben eben solcher die Möglichkeit der eigenen, abweichenden Handlung.

Zweiter Tag – Gewalt und Zaudern

Zum Auftakt des zweiten Tages sprach Darius Andreas Watolla (Essen) noch einmal zur Autorin Elfride Jelinek und legte den Fokus dabei auf die Sprache. In seiner Analyse von Krankheit oder Moderne Frauen zeigte er wie sich Jelineks Figurenkonstellation über den Dialog durch Sprache entwickelt und an Grenzen stößt. Gleichzeitig zeigte er, wie die unterschiedlichen Rollenkonzepte des Männlichen und Weiblichen gegenläufig entwickelt werden. Während das Motiv der Weiblichkeit sich durch einen fortschreitenden Dialog außerhalb der Paarbeziehung weiter entwickelt, schafft es das Motiv der Männlichkeit nicht, sich von der Beziehung zu emanzipieren. Die zitathafte Sprache gerät in ihrer automatisierten Form in einen Konflikt zur praktischen Wirklichkeit. Schließlich zeigt die Grammatik der männlichen Rede einen Prozess der Zersetzung.

Joanna Gospodarczyk (Krakau) sprach über „Dialogue is inherently cruel“ – Grausamkeit in den Dialogen der Paarbeziehungen anhand der ausgewählten Stücke von Martin Crimp und stellte dabei heraus, wie der Dialog im unvereinbaren Gegeneinander zum Ort des gewaltsamen Konflikts wird. Martin Crimps Stücke fokussieren die Beziehung zwischen Paaren in und außerhalb der Ehe. Im Gegenüber entwickeln Figuren entweder ein Miteinander oder sie festigen die Vorstellung der eigenen Identität in der Konfrontation. Die Sprache der Dialog bildet dabei die Grundlage zur Herausbildung der Differenz.

Jano Sobottka (Dortmung) referierte auf Vorlage von Joseph Vogl den Begriff des Zauderns. Er zeigte auf, wie sich die Paarbeziehung im Stück Magic Afternoon von Wolfgang Bauer als Zaudersystem darstellt. Während nur gut dreißig Seiten Textvorlage eigentlich für eine kurze Vorstellung sprechen, wird in der Regieanweisung explizit gemacht, dass das Stück zwei oder drei Stunden andauern soll. Ausgestellt wird die Schwierigkeit der Entscheidungsfindung im Spiegel von Alltagsbanalitäten. Schließlich – und das ist die Brücke zum Beginn der Tagung – begeht die Frau im Stück einen Mord. Bis es aber überhaupt soweit kommt, wird die Geduld des Publikums enorm strapaziert. So wiederholt sich das Zaudern der Paarbeziehung auf der Bühne auch auf einer Metaebene zwischen Stück und Publikum.

Kein Mord, aber Gewalt ist auch der ständige Begleiter in Yasmina Rezas Der Gott des Gemetzels (verfilmt von Roman Polanski). Natalia Fuhry (Dortmund) stellte hier heraus, wie die beiden Paare in einer Pariser Wohnung an die Grenzen ihres eigenen Idealismus und ihrer eigenen Wohlstandsmoralität gelangen. Ursprünglich war man einmal angetreten, die Welt selbstbestimmt zu durchwandern und zu einem besseren Ort zu machen. Gewalt sollte durch die „westliche Zivilisation“ kultiviert und humanitär sozialisiert werden. Nun prügeln sich die eigenen Kinder aber noch immer auf dem Schulhof. War man nicht längst darüber hinweg? – Langsam und sehr subtil tritt im Verlauf der Handlung zutage: Auch die vier Personen im Raum sind keineswegs so frei und selbstbestimmt wie sie gerne wären. Ihr Beziehungssystem gerät an diesem Nachmittag durch ständige Rotation gewaltsam ins Wanken. Sie sind Gefangene ihrer je eigenen Welt.

Zum Ende der Tagung sprachen Piotr Macher (Krakau) über Peter Handke und die Vergangenheit und Simone Kettler (Konstanz) über „[K]älter als das Kapital“ – Liebesökonomie in ausgewählten Dramen Sibylle Bergs und René Polleschs. Brechte Beuker (Nijmwegen) thematisierte Die Inszenierung von Entscheidungskraft: Das Publikum als Dialogpartner in Ferdinand von Schirachs ›Terror‹. Insbesondere dieser Vortrag zeigte noch einmal, wie sich die Ebenen der Öffentlichkeit zunehmend auch in den digitalen Raum verlagern. Das Publikum und die Rezeption von Literatur ist heute eben nicht mehr lokal an ein einfaches Ereignis wie ein Theaterstück gebunden, sondern die Resonanz erfolgt verzögert und wirkt digital in Mitschnitten, Zusatzmaterialien und Diskussionen nach. Obwohl von Schirachs Stück letztlich keiner neuen Konzeption folgt und insofern nicht völlig neu ist, zeigt die Besprechung, wie sich die Paarbeziehung auf der Bühne im Raum zwischen Stück und Publikum auf einer Metaebene wiederholt.

Der eigene Vortrag und Ergebnisse

Inmitten dieser hervorragenden Vorträge, die allesamt ihr Thema pointiert und eigenständig entwickelten und zugleich den roten Faden der Tagung stets im Blick hielten, konnte ich schließlich mit meinem Beitrag Die Grenzüberschreitung als Prinzip in der Sprache von Heinrich Bölls Hörspiel ‚Hausfriedensbruch‘ zeigen, wie sich die Paarbeziehung in Bölls Dialogen als Ort der Grenzerfahrung darstellt. Einerseits sind die Figuren in systemische Zwänge und soziale Herrschaftsstrukturen eingebunden, andererseits erkennen sie diese und versuchen, sie durch und in ihrer Sprache zu überwinden.

Im Zentrum des Textes steht die Jugendliebe zwischen Anna und dem Scheidungsanwalt Merkens als Mischehenkonflikt. Beide sind mittlerweile in anderen Beziehungen, verheiratet und haben Kinder. Sie sind glücklich in den geordneten Verhältnissen und in ihren Familien. Gleichzeitig bleibt die Jugendliebe als Retrospektive und ständige Möglichkeit des Idealen dominant. So konfrontieren beide Figuren ihre Welt mit der Tatsache, dass das neue eine Möglichkeit ist.

Hast Du nie rückwärts gelebt, dir ein anderes Leben vorgestellt als das, das du gelebt hast?1

Im Hörspiel Hausfriedensbruch fragt Anna ihren Ehemann Dr. Kuckertz, ob er nicht auch einmal das Alte als Utopie des eigentlich Neuen sehe. Kuckertz, der die Dinge rational geordnet beurteilt und eigentlich entsprechende Lösungen sucht, weiß keinen anderen Ausweg als die Klage vor Gericht oder das Duell. Nur Letzteres ist gesetzlich nicht mehr erlaubt. Und auch Anna verwehrt ihm diese Bühne emotional indem sie ihm gesteht, sie möchte weder ihn noch Merkens als Opfer von Gewalt sehen. Schon gar nicht als Ergebnis ihres Handelns oder als Auswirkung einer Beziehung zu ihr.

Am Ende des Tages bleiben die Figuren zwar bestrebt um individuelle Unabhängigkeit. Sie suchen die Grenzüberschreitung in der Herausbildung eigener Sprache. Letztlich bleibt aber gerade die Beziehung zwischen Anna und Merkens männlich dominiert. Die alten Muster bleiben bestehen.

Dank

Man fährt immer mit einer gewissen Erwartung in ein fremdes Land und auf eine Tagung. Nach der Lektüre des Programms im Vorfeld wählt man eigene Favoriten aus den Titeln und thematische Ansätze, die einen besonders interessieren. Eine gute Veranstaltung zeigt sich schließlich darin, dass die Erwartung auf eine ganz andere Art und Weise erfüllt wird. So war es auch in der letzten Woche in Krakau. Die durchweg spannenden Vorträge standen stets im thematischen Zusammenhang und entwickelten sich gerade im Miteinander und durch die anschließende Diskussion zu produktiven Gedanken und fruchtbaren Fragestellungen, die über die Tagung hinaus wirksam sind. Sie werden es auch noch eine Weile lang bleiben. Das zeigt sich bereits in dieser Zusammenfassung.

Die angenehme Gesellschaft führte zudem zu vielen tollen Gesprächen auch abseits der Vorträge. Dies bestätigte noch einmal den perfekten Rahmen der Veranstaltung. Für den reibungslosen Ablauf und die tolle Organisation kann man letztlich nur allen Beteiligten, den veranstaltenden Institutionen sowie den Organisatorinnen Agatha Mirecka (Krakau) und Natalia Fuhry (Dortmund) herzlich danken. Es war sehr schön in Krakau, Danke!

 

Foto Paarbeziehungen Krakau (19.-23. Februar 2019)

Schreiben zum Abschluss

Das oberste Foto habe ich am Tag meiner Abreise gemacht. Es war mittlerweile -5 °C in Krakau, sehr früh am Morgen. Der Kopf brannte – innerlich. Im Rücken das Rollengeklapper des Koffers, auf dem Weg zum Bus. Die Stadt schlief noch. Dann unterwegs zum Flughafen war klar, dass auch Krakau Spuren hinterlassen hatte. Andere als Kattowitz. Dennoch habe ich auch dieses Mal wieder geschrieben. Es fiel mir nicht so auf die Füße. Aber es war eben ganz anders.

Am ersten Abend holte ich mein Notizbuch hervor. Während ich auf mein Essen wartete, begann ich zu schreiben. Willkürlich, aber bestimmt. Es ging ganz gut. In der Fremde finde ich immer die notwendige Ruhe dafür. Das untere Foto stammt von diesem Abend, der sich schreibend in den nächsten Morgen zog. Beim Frühstück ging es erst einmal so weiter. Dann forderte die Tagung meine ganze Aufmerksamkeit und bis zum letzten Abend passierte – bis auf ein paar Notizen zu Vorträgen – wenig.

Am letzten Abend verpasste ich dann das gemeinsame Theater. Eigentlich wäre es ein ganz netter Abschluss geworden.2 Ich verabschiedete mich jedoch, „um noch etwas zu schreiben“. Auf die Frage, was genau es würde, wusste ich keine Antwort. Wusste es selbst wirklich nicht. Und ob? Ich ging dann erst einmal ins Hotel. War eigentlich müde.

Glücklicherweise zwang ich mich, noch einmal loszugehen und eine Kleinigkeit zu essen. Quasi als zyklischer Abschluss des Aufenthalts. Diese Gelegenheit brachte die Sprache zurück. Ich saß also am letzten Abend wieder alleine im Restaurant mit offenem Lagerfeuer (drinnen!). Ich aß einen Teller Pierogi und schrieb mit dem Kugelschreiber sehr eifrig in mein Buch. In einer Stunde wuchs der Bestand dann sehr impulsiv um 40 Seiten. Am Flughafen am nächsten Morgen kamen dann noch einige hinzu.

Weil die Reise mehr ist, als bloße Theorie, habe ich also auch in Krakau wieder geschrieben. Diese Episode,  hoffentlich die nächste im April und die zweite Episode aus dem letzten Herbst in Kattowitz bleiben wichtige Erfahrungen für mich persönlich. Gerade durch das kreative Schreiben findet die Verarbeitung des Geschehens noch einmal auf einer ganz anderen als der rein wissenschaftlichen Ebene statt. Ich hoffe, dass ich auch diese Ergebnisse dann irgendwann einmal in lesbaren Text übertragen und digital teilen kann.

 

Anmerkungen

  1. Heinrich Böll: Hausfriedensbruch (1969), in: KA 16, S. 209-251, S. 226.

  2. Nach meinem Vortrag und der Diskussion unterschiedlicher Interpretationsmöglichkeiten des Wortes bin ich jetzt immer sehr vorsichtig mit dem Wort „nett“, aber es ist ja nicht die Steigerung „richtig nett“.

Foto Politischen Konjunkturen zum Trotz (2018)

Foto Politischen Konjunkturen zum Trotz (2018)

Knapp ein Jahr nach der Tagung in Kattowitz ist bereits der Sammelband erschienen. Neben den Beiträgen der Tagungsteilnehmer*innen finden sich hier auch ein Aufsatz von Ralf Schnell zu Zeit und Zeitgenossenschaft. Ein Essay zum 100. Geburtstag von Heinrich Böll sowie ein Beitrag von Bernd Balzer zu Die Suche nach dem AUTOR Heinrich Böll. Während Schnell die Veröffentlichung der Kriegstagebücher Manchmal möchte man wimmern wie ein Kind (Kiepenheuer & Witsch: Köln 2017) dazu nutzt, im Überblick noch einmal auf Aktualität Bölls und die umfassende Konzeption der Autorschaft insgesamt zu verweisen, zeigt Bernd Balzer auf, dass sich das öffentliche Bild und die Forschung im aktiven Wandel befinden.

Foto Politischen Konjunkturen zum Trotz (2018)

Dieser Wandel zeigt sich auch im differenzierten Spektrum des Sammelbandes. Kriegstagebücher, Katholizismus und die Kirche sind ebenso vertreten, wie kulturgeschichtliche Perspektiven zur Identitätskonstruktion und zur Fremdheitserfahrung. Einzelstudien zu Personenbeziehungen zwischen Heinrich Böll und Lew Kopelew, zu Paul Celan oder Horst Bienek werden diskutiert. Neue Perspektiven auf die sowjetische Rezeption und den polnischen Erinnerungsdiskurs entwickelt. Schließlich liefern Beiträge zum Irischen Tagebuch und zur Verfilmung von Das Brot der frühen Jahre umfassende Einblicke in das Werk in seiner gesamten Breite und transmedialen Verflechtung.

Publikation: Renata Dampc-Jarosz u. Pawel Zimniak (Hrsg.): Politischen Konjunkturen zum Trotz. Heinrich Bölls Wirklichkeitsrepräsentationen, V & R unipress: Göttingen 2018.

 

Flugverbindung von Köln oder Dortmund nach Kattowitz mit Wizzair

„POETUS LITERARUS“. Heinrich Böll zum 100. Geburtstag

Konferenzreise – Vom 18. bis zum 21. Oktober hatte ich die Möglichkeit, finanziert durch ein Reisestipendium im Programm a.r.t.e.s. international – for all der a.r.t.e.s. Graduate School for the Humanities Cologne, meine erste Konferenzreise seit Projektbeginn im letzten Herbst 2016 aufzunehmen. Anlass der Reise war die von der Schlesischen Universität Katowice organisierte Tagung POETUS LITERARUS“. Heinrich Böll zum 100. Geburtstag, die am 19. und 20. Oktober in der Biblioteka Śląska stattfinden konnte und an der ich mit meinem Beitrag Der private ›Böll‹ als Autor der Öffentlichkeit aktiv gestaltend teilnahm. Der Vortrag mit anschließender Diskussion (sowie Publikation 2018) bot einerseits die Möglichkeit, einem Fachpublikum erste Ergebnisse meiner Arbeit vorzustellen, andererseits war es für mich ein erster erreichter Meilenstein in der Projektarbeit. Besonders das Kennenlernen durch intensive Gespräche mit Kollegen*innen aus Deutschland und Polen sowie die Kontaktaufnahme mit wichtigen Vertreter*innen der Böll-Forschung und verschiedener Interessengruppen (Heinrich-Böll-Stiftung, Erbengemeinschaft) waren, neben den zahlreichen Vorträgen, grundlegend für weitere Kooperationsmöglichkeiten.  Damit war das Ereignis insgesamt nicht nur inhaltlich erfolgreich, sondern bleibt als positive Erfahrung in Erinnerung.

Erste Eindrücke aus Kattowitz

Die Stadt Kattowitz liegt im Süden Polens und ist mit ca. 300.000 Einwohnern als Hauptstadt der polnischen Woiwodschaft Schlesien ein vom ständigen Wandel geprägtes, wirtschaftliches und kulturelles Zentrum. Die Anreise ist dank einer kostengünstigen Verbindung von Köln oder Dortmund mit der Airline Wizzair und einem ebenso preiswerten wie unkompliziertem Bus-Transfer vom etwas abgelegenen Kattowitzer Flughafen in das Stadtzentrum (ca. 40 Minuten Fahrt) völlig unkompliziert. Preise für Unterkunft und Lebenshaltung sind insgesamt etwas günstiger als in Deutschland.

Schlesisches Museum (Katowice) – Der Neubau des 2014 fertiggestellten Museums wurde von den Architekten Riegler und Riewe aus Graz geplant und liegt in der Kulturzone der Stadt. Das neue Museum wurde auf dem Gelände des alten Bergwerks errichtet und umfasst Ausstellungen u.a. zur Malerei von Künstlern*innen aus Polen von 1800 bis in die Gegenwart und eine herausragende Ausstellung zur historischen Entwicklung und Geschichte Oberschlesiens (zur Website des Museums).

Die Stadt ist etwas kleiner als Köln und weist, neben einer deutlichen Atmosphäre der Gastfreundschaft, besonders in ihrer Architektur eine spürbare Spannung des Übergangs und des beständigen Wandels auf. An fast jeder Ecke wird irgendwo neu gebaut oder Altes restauriert. Als ehemalige Bergbaustadt ist das Stadtbild geprägt von der vergangenen Industrie- und Arbeiterkultur einerseits, andererseits hat auch hier die Zeit des Sozialismus ihre architektonische Handschrift hinterlassen. Bergbau und Schwerindustrie sind heute Vergangenheit. Es entwickeln sich neue Strukturen der Dienstleistungsbranche, Elektroindustrie und Informationstechnik. Gleichzeitig ist Kattowitz als Studentenstadt auch ein universitäres  Zentrum.

Universitäre Zusammenarbeit

Die Germanistik der Schlesischen Universität Katowice und das Institut für deutsche Sprache und Literatur I an der Universität zu Köln arbeiten seit diesem Jahr im Rahmen von ERASMUS zusammen. Da die gesamte Tagung in der Biblioteka Śląska stattfand, hatte ich während dieser Reise leider (noch) nicht die Möglichkeit, die Universität selbst und das Institut der Germanistik zu besuchen. Wir haben uns aber während der Veranstaltung gegenseitig darauf verständigt, dies zu einem späteren Zeitpunkt nachzuholen. Insgesamt zeigten sich bereits im Verlauf der Tagung Potentiale des Standortes sowie einer möglichen wissenschaftlichen Zusammenarbeit auf europäischer Ebene.

Tagungsort: Die Schlesische Bibliothek (Biblioteka Śląska)

Allgemeines zur Tagung

Die Tagung begann am Donnerstag zunächst mit der obligatorischen Begrüßung sowie der Ausstellungseröffnung. Nach den üblichen einleitenden Worten des Dankes wurde die Tagung durch Leszek Żyliński (Toruń) mit dem Vortrag „Der ethische Realismus Heinrich Bölls“ eröffnet. Żyliński  betonte die besondere Form des Böllschen Realismus, indem er zeigte, dass dieser über seine eigene Faktizität hinausreiche und dadurch eben kein Realismus im klassischen Verständnis sei. Darüber hinaus betonte er die besondere Gebundenheit der Autorschaft Bölls. Als Autor habe dieser das Schreiben als „demokratische[n] Vorgang“ und den Schriftsteller als „Bruder“ in Abhängigkeit des „gesamten Personals“ verstanden. Einmischung sei entsprechend eine ständige humanitäre Verpflichtung. Dadurch wurde m.E. nach auch deutlich, dass die Zeitgenossenschaft Bölls keine Räume für einen Rückzug des Einzelnen vorsieht.

Im Anschluss an den Eröffnungsvortrag folgte der erste Vortragsblock der Tagung. Paweł Zimniak (Zielona Góra) sprach auf Grundlage einer systemtheoretischen Vorlage (Luhmann) unter dem Titel „Leidende Körper“ zum Körper als systematischen Grenz- und Erfahrungsraum. Arletta Szmorhun (Zielona Góra) sprach zum Thema „Kirche und Gewalt. Heinrich Bölls De(kon)struktion des institutionellen Katholizismus“ und entwickelte ihre Ausführungen zur Darstellung von Weiblichkeit und struktureller Gewalt auf einem Gewaltbegriff nach Johan Galtung. Daran anschließend hatte ich zum Abschluss des ersten Vortragsblocks die Möglichkeit, meinen etwa 20-minütigen Vortrag vorzustellen. Im Abendprogramm wurden die jüngst erschienen Kriegstagebücher (Manchmal möchte man wimmern wie ein Kind, Kiepenheuer & Witsch: Köln 2017) durch René Böll einführend kommentiert und von Volker Venohr auszugsweise gelesen.

Eigener Vortrag

Wie schon im Schreib- und Arbeitsprozess während meiner Examensarbeit, war auch die Zeit zur Genese des Vortrags wieder eine sehr intensive. Ich hatte dieses Mal das Glück, in den zwei Wochen vor der Tagung vergleichsweise frei von Nebengeräuschen schreiben und arbeiten zu können. Dadurch war es gut möglich, in strukturierten Etappen effizient, aber ohne Hetze ans Ziel zu kommen. So war mein Skript bereits am Wochenende vor der Tagung grundlegend fertiggestellt und konnte noch zwei Tage ruhen. Montags konnte ich dann in die redaktionelle Korrektur einsteigen, sodass vor Kattowitz noch die notwendigen Leseübungen und Kürzungen erfolgen konnten. Dadurch war das Skript zum (ersten) Vortrag von präziser Länge, ausreichend strukturiert, sprachlich anspruchsvoll und dabei gleichsam verständlich. Mein Thema sowie meine ersten Ergebnisse konnte ich entsprechend zumindest skizzenhaft in wichtigen Punkten präsentieren. Hilfreich war es, dass mir das Lesen wie der Umgang mit Stimme und Mikrofon bereits aus anderen (auch literarischen) Kontexten vertraut war.

Eingang mit Tagungsplakat (Biblioteka Śląska)

Zweiter Tagungstag

Den zweiten Tag eröffnete ein Beitrag René Bölls zur Geschichte und historischen Entwicklung der Familie Böll im Spiegel der globalen und insbesondere bundesdeutschen Öffentlichkeit. Thema waren hier u.a. die zahlreichen Diffamierungen im Kontext des Deutschen Herbst. Im Anschluss erfolgten zwei parallele Vortragsstränge (Deutsch, Polnisch). Im deutschsprachigen Teil wurde von Elsbeth Zylla (Berlin, Heinrich-Böll-Stiftung) die Verbindung zu Lew Kopelew auf Grundlage des Briefwechsels vorgestellt. Daran anschließend sprachen Paweł Piszczatowski (Warszawa) zu „Heinrich Böll und Paul Celan: zur Geschichte einer komplizierten Freundschaft“, Grażyna B. Szewczyk (Katowice) zum Gespräch zwischen „Heinrich Böll und Horst Bienek“ und zum Begriff der „Heimat“. Astrid Shchekina-Greipel (Freiburg) stellte in ihrem rezeptionsgeschichtlichen Ansatz „Heinrich Böll in den Augen des sowjetischen Kulturapparats“ dar. Ebenfalls zur Rezeptionsgeschichte trug Michal Skop (Katowice) vor und legte dabei den Fokus auf die Zeit in Polen nach 1989.

Leider fielen im Verlauf des Nachmittags zwei Vorträge kurzfristig aus. Der Beitrag von Krzysztof Okoński (Bydgoszcz) „’Wir müssen uns in Polen einmischen‘. Das Werk Heinrich Bölls und der gegenwärtige polnische Erinnerungsdiskurs“ schaffte es aufzuzeigen, dass man Böll durchaus auch mit neueren kulturtheoretischen Ansätzen produktiv diskutieren und neue Perspektiven generieren kann. In ähnlicher Weise schaffte es Bruno Arich-Gerz (Wuppertal) in seinem Beitrag „Von Wundern und Wirkungsmacht. Haus ohne Hüter (1954) und Sönke Wortmanns Spielfilm [Das Wunder von Bern; CF]“  in der Gegenüberstellung zu zeigen, wie sich die historische Perspektive in der Auseinandersetzung mit dem Thema Verlust der Vaterrolle im Zuge der Nachkriegszeit entwickelt und verändert hat. Tobiasz Janikowski (Kraków) beschloss den Vortragsteil mit seinem Beitrag „Die Gerichtsverhandlung als turbulentes Familientreffen. Die Eigen- und Fremdbilder in Bölls Erzählung Ende einer Dienstfahrt“. Im Anschluss folgte zur Veröffentlichung des Bandes Böll i Polska eine Lesung.

Fazit und Ausblick für das eigene Projekt

Der Besuch der Tagung in Kattowitz war insgesamt gewinnbringend. Es war wirklich sehr gut, einmal vor einem unbekannten Publikum mein Thema und erste Ergebnisse vorstellen und zur Diskussion bringen zu können. Ich bin mit meinem Vortrag gut in der Zeit geblieben und konnte auf Rückfragen entsprechende Antworten geben. Das Feedback im Anschluss war insgesamt positiv und ich konnte erste Kontakte knüpfen (u.a. René Böll, Erbengemeinschaft; Elsbeth Zylla, Heinrich-Böll-Stiftung; Ulrich Freitag, Köln-Kattowitz-Verein; Leszek Żyliński, Warschau und natürlich mit dem Tagungsteam rund um Renata Dampc-Jarosz vom Institut der Universität Kattowitz). Das Tagungsprogramm war inhaltlich zwar nicht so progressiv, wie ich es mir aus Sicht der Böll-Forschung erhofft hatte, aber insgesamt waren die beiden Tage anspruchsvoll, thematisch vielfältig, sehr gut organisiert und liebevoll gestaltet. Insbesondere der Eröffnungsvortrag war besonders aufschlussreich, wenngleich man für Details natürlich noch einmal in die Lektüre muss. Bis Ende des Jahres werden alle Beiträge dazu in schriftlicher Form gesammelt und im kommenden Jahr in deutscher und polnischer Sprache veröffentlicht.

Durch die Förderung seitens der a.r.t.e.s. international – for all Förderprogramms wurde mir so eine große persönliche Chance eröffnet, die für meine wissenschaftliche Arbeit einen Meilenstein darstellt. Darüber hinaus steht diese interkulturelle Erfahrung für ein Europa der Herzlichkeit und Gastfreundschaft. Als Erinnerung wird mich dies ein Leben lang in jeder weiteren Unterhaltung als Beispiel der Kostbarkeit des Friedens unserer Gemeinschaft grundlegend und über die Wissenschaft hinaus begleiten.

Grafik Der private ›Böll‹ als Autor der Öffentlichkeit

Grafik Der private ›Böll‹ als Autor der Öffentlichkeit

Obwohl als einzelner schreibend, ausgestattet nur mit einem Stoß Papier, einem Kasten gespitzter Bleistifte, einer Schreibmaschine, habe ich mich nie als einzelnen empfunden, sondern als Gebundenen. […] Gebunden […] an die Zeit und Zeitgenossenschaft, doch  ohne Verbündete – natürlich zählt private Freundschaft, auch Leserschaft, aber sie ersetzt nicht das Bündnis; für einen, der veröffentlicht, ist nur der ein Verbündeter, der so öffentlich ist wie er selbst.(Frankfurter Vorlesungen, 1964, KA 14, S. [139]f.)

Der Vortrag überträgt das Konzept der ›Fortschreibung‹ aus der Autorschaft Heinrich Bölls auf die Disziplin der Literaturwissenschaft. Aus vergangener „Zeitgenossenschaft“ wird so eine veränderte Form der ›Zeitgenossenschaft‹, die auf Grundlage einer historischen, eine neue Wirklichkeit schafft. Welches aber ist dieses Bild eines „neuen“ ›Böll‹, das sich durch jemanden konstruieren lässt, der als Forscher und Autor einerseits ebenso „Gebundener“, andererseits aber selbst kein wirklicher „Zeitgenosse“ des gelesenen Autors mehr ist und wie setzt es sich zusammen? – Mit dem Einführen einer polyphonen Lesart auf sprachlicher Ebene und der Unterscheidung des ›Privaten‹ gegenüber dem ›Öffentlichen‹(Vgl. z. B. HANNAH ARENDT: Vita activa.) soll dies an ausgewählten Beispielen werk- und gattungsübergreifend gezeigt werden. Dabei wird die Autorschaft ›Böll‹ gezielt als ein „ästhetisches Produktionsverhältnis“(RALF SCHNELL: Der Dichter als Ärgernis. Heinrich Böll und die deutsche Öffentlichkeit, in: JÜRGEN BROKOFF (Hrsg.): Spielräume. Ein Buch für Jürgen Fohrmann, Aisthesis, Bielefeld 2013, S. [211]-221.) im Zusammenspiel von Literatur und Politik begriffen. Aus diesem entwickelt sich in der Rolle als Autor in eigenständiger Suche nach Ausdruck ein demokratischer Beitrag zur pluralen Stimmhaftigkeit  einer Gesellschaft, deren ›Öffentlichkeit‹ sich im Konzept des freien und mündigen Miteinander und im verantwortlichen Sprechen und Handeln konstituiert.

 

Veranstaltung am 19. und 20. Oktober 2017

Schlesische Universität Kattowitz
Germanistisches Institut
1. ul.  gen. StefanaGrota-Roweckiego5
41-200 Sosnowiec
Polen

Tagungsankündigung unter: http://www.boell100.com/2017/02/19/poetus-literarus/