Kategorie ›Fragmente‹

Foto Fragmente 10. September 2019

Zwischen den Zeilen sammeln sich gelbe Markierungen und Seite für Seite kommen Dinge hinzu, andere fallen weg. Wer aufmerksam liest, nimmt das abstrakte Gegenüber ernst. Das ist eine Frage des Respekts. Das Gefühl, dass man zu wenig gelesen hat, das bleibt und wächst täglich. Dennoch kommt mit jedem geschlossenen Buchdeckel auch die Gewissheit hinzu, dass man immerhin ein nächstes Kapitel hinzugefügt hat – und man muss ja schließlich selbst auch immer wieder mal etwas schreiben. Und auch der Tag eines Autors hat nur 24 Stunden. In Worten: Vierundzwanzig.

Tatsächlich ist es so, dass mir das Klackern der Tastatur fehlt, wenn ich ein paar Tage aus dem Haus bin. Unterwegs fällt mir das gar nicht so auf. Aber wenn ich dann wieder am Schreibtisch sitze und die Finger auf die schwarzen Plastiktasten lege, dann kehrt eine gewisse Beruhigung ein. Manchmal schreibe ich ins Blaue hinein. Da fällt mir heute mal wieder Kommentar einer Professorin ein: „Vielen Dank für Ihren impressionistischen Vortrag.“ – Ich bin noch immer froh, dass ich im Plenum saß und nicht gemeint war. Obwohl es eine große Kunst ist, eine Situation sozial so würdevoll zu vermitteln, dass alle Beteiligten gut in der Sache aussehen, ohne ein kritisches Bild zu verhindern.

Foto Tagebuch 10. September 2019

Ich schreibe also manchmal ins Blaue hinein und manchmal plane ich sorgsam. Das wissenschaftliche Schreiben ist eine ganz andere Geschichte. Da wird jeder Satz noch einmal völlig anders geprüft. Es geht um die Rhetorik, die klare Argumentation und schließlich die gleichzeitige, fluide Vermittlung durch eine grammatisch sauber klingende Sprache. Manchmal ist das ein sehr radikaler Prozess, weil es am Ende um das reine Kondensat geht – nicht um den Weg ans Ziel. Da werden Sätzen gestrichen, Kapitel verworfen und nicht zuletzt Kompromisse zu Gunsten der Sache gemacht. Man stellt das Eigene hinten an, bestenfalls spielt es gar keine Rolle. Der Körper bleibt allerdings immer die Bedingung des Schreibens. Soweit würde sicher auch der gute Foucault mir zustimmen – hoffentlich.

Das literarische Schreiben ist anders. Es gönnt mehr Raum. Lässt einem freieren Lauf in der Handlung und die Figuren müssen sich nicht durch Fußnoten beweisen, sondern durch ihre widerspenstigen Stimmen und ihre eigensinnige Sprache. Dennoch passiert auch hier nicht alles aus dem Nichts. Je länger eine Geschichte einen begleitet und je konkreter der Text wird, desto mehr entsteht drumherum. Da liegen Entwürfe, Textfetzen, Fragmente und Zeichnungen. Hier ist was als Sprachmemo aufgezeichnet, dort findet man Fotos in der Cloud, die für diese oder jene Szene eine Erinnerung sein sollten. Irgendwann schreibt man dann das Kapitel endlich und hat die meisten Vorarbeiten gar nicht mehr direkt auf dem Schirm, aber irgendwo im sog. „Hinterkopf“ – das Schreiben ist und bleibt ein seltsamer Prozess des Atmens durch Zeichen.

Ich setze mich noch einmal an den Schreibtisch und gebe mich dem Klackern hin. Mal sehen was heute noch kommt. Es muss ja nicht immer gleich die Erfüllung des großen Konzeptes sein, die den Körper und die Figuren auf dem Weg dorthin trainieren.

 

Foto Blau machen 2019

Neulich ist es passiert. Ich schüttelte die falschen Hände. Jetzt sind meine kontaminiert. Ich nutze den Zustand der eingetretenen Blaufleckenkrankheit und schreibe von meinem Leiden. Die Aristokraten*innen sind darüber besorgt. Die Masken sitzen längst nicht mehr sicher. Locker sitzt ein*e Jede*r in seinem (sic!)1 Stuhl. Man kennt sich jetzt auch darüber hinaus. Und man befürchtet die baldige Enthauptung oder die nackte Entblößung zur Schande der eigenen Natur gegen die anderen. Wer sind sie „die anderen“ oder die Anderen? Wir sind’s bloß! Man erkennt sich so langsam, wer oder was dahinter steckt, wenn sie sich treffen – abseits der Stadt. Ohne uns! Ihren Pöbel. Am Rande der Zivilisation. Irgendwo – vielleicht in einer klimatisierten Wüste, wo das Öl fließt und wo Verträge über Krieg und Frieden, Zukunft und das Schicksal der Massen sehr nüchtern bei einem Kamelrennen verwettet werden. Jungfräulich hängen da die ersten Preise wie tote Hühner im Asiamarkt.

Der konservative Schleier der kapitalistischen Wohlstandsgesellschaft hat sichtbare Flecken. Waschen hilft nicht. Nicht mal mit dem guten Persil. Das Weiß ist gefährdet. Die Bombe muss platzen. Sonst hat sie ihren Zweck verfehlt. Und nach der Revolution? Beginnt alles wieder von vorn. Wenn sich der Organismus geschüttelt und die Blauen sich wieder gefunden haben. Gebürtig sind sie Aristokraten. Nach der Geburt sind sie einfache Menschen. Wir sind die Anderen und wir werden manchmal wie sie. Gebürtig sind wir – genauso gefährdet. Das Blau schmilzt in der Lunge. Das Kamel in der Wüste plant den Widerstand. Morgen werden wir uns verbünden. Gegen den Schleier und gegen die Opportunisten und Feinde der friedlichen Welt.

 

Foto Blau machen 2019

Anmerkungen

  1. Die Aristokraten feiern den König und gönnen der Königin die Repräsentation.

Foto/Bild Blut (05.06.2019)

Der Aschenbecher ist schon gut voll mit Kippen und allem Möglichen. Und noch das Bier drauf, eine schöne Suppe ist das. Tampon-Günter schaut Herbert an und krächzt: «UND JETZT MAL ORDENTLICH DURCHSPÜLEN!» Herbert […] weiß, was kommt. Günter setzt den Aschenbecher an und trinkt den Inhalt in einem Zug aus. Dann schüttelt er sich. […] Ab und an muss Güter sich und den anderen beweisen, dass er der Härteste ist, immer noch. 1

In den letzten Tagen habe ich Heinz Strunks‘ Der goldene Handschuh gelesen und dabei hat mich mehrere Male wiederholt der Ekel gepackt. Mir sind Männer wie Frauen, Handlungen, Vorstellungen oder Phantasien und Verhaltensweisen dieser Geschichte so fremd, dass ich manchmal am Ende der eigenen Sprache war. Dann habe ich den Menschen gesucht und versucht zu verstehen. Eine gewisse Betroffenheit hat sich in empathischen Momenten durchaus eingestellt. Was dargestellt wird, geht dennoch über das einfache Verständnis hinaus. Zur Entspannung habe ich dann, in den Pausen, zur Lektüre ein Bild gemalt. Dass es den Titel „Blut“ trägt, ist dem Schicksal der Parallelität geschuldet. Der Rest ist – glücklicherweise – nur ein Spiel mit Werkzeugen und der Materialität der Farbe. Ganz frei von Gewalt.

Werkzeuge, Gerüche und Ölfarben

Vor etwa zwanzig Jahren gerieten das erste Mal Ölfarben in meine Hände. Ich wollte nicht Maler werden, aber malen. Probieren, was mit der Leinwand passiert, wie man Ideen aus dem Kopf in die Wirklichkeit bringt. Sehr schnell scheiterte ich an meinem regulierten Denken und dem fehlenden Talent zur realistischen Darstellung. Kein Bild aus dem Kopf wurde Wirklichkeit. Ich war frustriert. Dann entdeckte ich den Spachtel als Werkzeug für mich. Überschritt die Grenze des voreingenommenen Denkens und entdeckte: Metall war mir der bessere Pinsel. Damals schon.

Vor einem Jahr habe ich die Farben und Werkzeuge dann wieder entdeckt. In einer Phase, in der alles zu viel war. Ich brauchte etwas Ruhe, private Ablenkung und Geduld mit mir selbst. Deshalb machte ich wieder, was ich früher schon genoss. Den Geruch von Terpentin hatte ich sehr vermisst. Die Viskosität der bunten Masse faszinierte mich wieder – genauso wie damals. Ich malte drauf los und fing natürlich zunächst wieder mit Formen und Bildern des Alltags an und dachte: Ja, mal doch mal dies oder das. Wahrscheinlich bleibt das auch die nächsten Jahre so. Die Idee, ein wirklich schönes Portrait oder eine Landschaft zu malen, die strahlt wie ein Hopper und aus sich selbst heraus leuchtet – es ist eine schöne Vorstellung so etwas selbst zu können.

Foto/Bild Blut (05.06.2019)

Ich werde kein Hopper und das ist ja irgendwie auch gut so.

Nun male ich also in sehr seltenen Abständen wieder. Einfach drauf los. Wenn der Kopf eine Pause braucht, und wenn Herz und Bauch schüchtern danach schreien. Die Bilder werden sehr oft nicht fertig oder bleiben in Arbeitsstadien. Und auch jedes „fertige“ Bild durchläuft meist mehrere Zyklen. Nicht immer freiwillig. Erst gestern wollte ich Pollen von einer ersten Version mit einem Pinsel entfernen. Die Farbe war noch nicht so trocken, wie ich vermutete – das geschlossene Bild wurde gebrochen. Ich habe mich dann ganz kurz geärgert, versucht den Zustand zu retten, es wurde aber natürlich alles nur noch schlimmer. Auch der Ärger, dann die Verzweiflung. Es hilft nichts, dachte ich – ich muss warten und eine weitere Schicht suchen, die dem Bild eine neue Chance gibt.

Mir geht es meist um den Prozess der Entstehung. Diesen sollen die Bilder auch zeigen. Und von ihrer eigenen Materialität handeln. Manchmal ist ein zweites oder drittes Stadium sehr viel weniger gelungen, als der erste Anstrich. Doch es gibt natürlich nie ein Zurück, sondern nur ein Vorwärts und man kann nur wieder und weiter versuchen. Jedes Bild muss im Handeln an seine eigene Grenze geführt werden. Das ist ein Fortgang ohne Ende. Kann es sein. Mittlerweile zwinge ich mich dazu, Bilder im frühen Stadium auch mal so zu belassen oder ich lege sie einfach für eine Weile weg. Dieses Bild – oben im Anfangsstadium, unten in der nun trocknenden Version – braucht nur noch einen dezenten Rahmen. Einer der  nach Holz riecht und den Raum weiter mit Leben füllt.

Foto/Bild Blut (05.06.2019)

Gedicht aus dem Kontext der Entstehung und Reflexion über die Darstellung (als öffentlicher Dialog)

Blut //

wahrscheinlich musste sie irgendwo hin / die tiefe Zerrissenheit / mit Empathie / scheiternd am „stelle mir vor“ [Rede des*der Erzählers*in und/oder Protagonisten*in] / gelesene Abgründe der Phantasie / der Geilheit / der Gewalt //

tierische Natur wider sich selbst / psychologischer Wahnsinn / unbegreiflich auch Tage danach / und über die Sprache und in der Erzählung //

fortdauernd der Ekel vor dem Geruch der Verwesung / natürlicher Reflex / der nicht greifbar wird / nie / Trotz der Hilflosigkeit eines Lebens am Abgrund / und darunter / und darüber hinaus / und doch lange und / längst im freien Fall / ohne Hoffnung / doch nur den Aufprall als Ende zu suchen / und, um das „Ruhe in Frieden“ noch einmal zu spüren / und um einmal nur: sozial den Menschen abseits der Norm wieder zu finden / und um zu erleben, sich selbst / gemein und verträglich zu dulden. //

Ich arbeite zur Kneipe #dergoldenehandschuh / traurige Kulisse in der „wahren“ Erzählung von #heinzstrunk / beklemmender Schauplatz im Film von #fatihakin / und historisches Zeugnis dafür, dass Menschen Grenzen überschreiten, die mir im Versuch des nachvollziehenden Verstehens noch so fremd sind, dass mir die Sprache versiegt und nichts bleibt, außer hilflose Leere und die Gewissheit, wie normal es sich lebt und wie gut es mir geht, nur mit dem ästhetischen Blick auf die Grenze / aus der Entfernung / mit genügend Distanz / und ausreichend Sicherheit.

#strassengedicht #gebrauchslyrik#gedichte #sprache #bild #farbe#theorie #wissenschaft #literatur#clefu

Foto/Bild Blut (05.06.2019)

Parallelen mit und ohne Einfluss (und hier gezielt produzierte)

Eine seltsame Entdeckung habe ich gemacht. Sie schien einen Ersteindruck zu bestätigen, der mich vor wenigen Wochen beunruhigte. Ich hatte natürlich die ersten Seiten des Handschuhs kurz nach dem Kauf vor circa ein oder zwei Jahren „angelesen“, wie man so schön sagt. Der L-förmige Tresen von Seite fünfzehn2 kam dann auch zu Beginn in meinem Experiment vor. Meinen Text habe ich daraufhin geändert. In einer urigen Kneipe meinte ein Freund dann neulich erst zu mir – als ich den Sachverhalt anführte -, dass eigentlich fast alle Tresen in Kneipen L-förmig seien. Strunk und ich begegneten uns also in der Einfältigkeit der sich doch so häufig stupide wiederholenden Wirklichkeit.
„Fiete beobachtet gerne Schlägereien. Aus sicherer Entfernung.“ 3
Als ich dann gestern an die Szene der Kneipenschlägerei kam und las, dass auch dieser seltsame Protagonist und Serienmörder ein Beobachter in der Kneipe war und den sicheren Ort suchte, wurde ich erneut unruhig. Auch mein Held sucht die Kneipen auf, auch er wird dort nicht nüchtern bleiben und nicht zuletzt sucht er in der Kneipe eine soziale Kontur, damit er wenigstens irgendwo mit seinem Talent etwas anfangen kann. Und an diesem Punkt, stelle ich dann fest, wie Strunk, Fiete und mein Text sich in sehr unterschiedliche Richtungen entwickeln und entwickeln werden. Erstaunlich bleibt dennoch, dass Fiete und der Held meiner Erzählung sich durchaus ähnlich bleiben werden – aber auf sehr unterschiedliche Art und Weise. Und: Ich habe zwar das letzte Kapitel noch nicht geschrieben – aber ein Serienmörder zu werden, getrieben von Geilheit, Alkohol und sozialem Selbstverlust – das ist keine Option für ein Ende, das den Titel tragen soll: Offen nach Bar (o.ä.) und dazu dient, den Fortgang des Lebens stets als soziale Chance zu begreifen.

Anmerkungen

  1. Heinz Strunk: Der goldene Handschuh, Rohwolt: Hamburg 2018 (2016), S. 176.

  2. Ebd.,  S. 15.

  3. Ebd.,  S. 197.

Foto Hamburg, 8. Januar 2011

Schreiben funktioniert in zwei Richtungen: Vorwärts, so wie man liest.1 Rückwärts, so wie man denkt. Hin und wieder blättere ich durch alte Dateien und finde Fotos von früher. Weiter unten sieht man eins aus Hamburg im Januar 2011. Wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht – dafür würde ich die Hand nicht ins Feuer legen,… ich bin mir eigentlich sicher, dass es um Silvester entstanden sein muss. Wir trafen uns Diebsteich, Türen wurden ausgehängt als der Gastgeber schon auf der Reeperbahn war, aber seine Gäste*innen noch nicht. Irgendwo dazwischen war ich dabei und – jetzt hat sie mich doch getäuscht! Es war ein anderes Jahr: In der Firma des Freundes, in einem Hochhaus neben der Alster. Das müsste stimmen…,- glaube ich!

Über die Jahre verfolge ich den eigenen Blick und seitdem ich an meiner Doktorarbeit sitze und die Sprache noch genauer untersuche als früher, das Sprechen und Schreiben beobachte und darüber analytisch grüble, seitdem suche ich manchmal zwischen meinen Dateien und Datenbanken die Anfänge des Schreibens. Manche davon sind befremdlich, andere Texte oder Worte sind nach Meinung der Experten*innen qualitativ „schlecht“. Literatur ist es irgendwie trotzdem. Masse gegen das Vergessen und für das Erschaffen einer ganz eigenen Welt, deren Wirklichkeit uns vor und zurück führt und dabei begleitet, in unserem Leben den Prototypen zu entdecken und zu entwickeln. Bis wir am Ende zur Präsentation müssen und ganz genüsslich am Zeitlimit scheitern.

Foto Hamburg, 8. Januar 2011

„Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!“

Es ist natürlich hier und heute noch nicht vorbei. Ich habe einen Text gefunden, den ich gar ich nicht so schlecht finde. Ich habe mir damals die Aufgabe gestellt, Texte mit 1500 Zeichen zu schreiben. Ich müsste noch zwei, drei andere finden – demnächst. Je nach Status der Erinnerung und Bestand im Archiv. Vielleicht beim digitalen Staubwischen oder dann, wenn ich Kisten packe und an einen anderen Ort umziehe. Vielleicht auch einfach, wenn der Platz im Keller eng wird und man die eigene Vergangenheit als strenge*r Archivar*in kassieren muss. Das folgende Verwirrspiel ist heute fast zehn Jahre alt. Klüger als früher bin ich nicht. Aber gelassener, weil ich weiß, dass ich nicht an der Lösung des Rätsels gescheitert bin, sondern im Erkennen des Spiels.

Hier Hinweis aus der Regie:
Der*Die Zirkusdirektor*in ruft: „Bühne frei!“, im Hintergrund spielt ein kleines Orchester pathetische Blasmusik, angenehm schief, auffallend lebendig. 

*** Vorhang ***

29.10.2009

Eine komische Situation

Er steigt ein, sieht umher, sieht eigentlich nichts. Station für Station das gleiche Spiel, bis sie einsteigt und ihn mitbringt. Normalerweise ist er ein Grund für ihn, sie nicht anzusehen. Doch heute ist es anders, denn er liegt hilflos da und vermittelt dennoch friedvolle Ruhe. Vielleicht gibt es ihn auch, der ihn als den Schwächeren zeigt, doch nicht hier, nicht jetzt. Sie ist alleine mit ihm. Also blickt er sie an, doch ist schüchtern und schämt sich sogleich seiner glänzenden Augen. Das Lügen fällt ihm immer schon schwer, und so kann er seine Begeisterung nicht kaschieren. Ihm geht es, als würde sein ganzer Körper ganz plötzlich rot glühen.

Er traut sich nicht, sie weiter anzusehen. Seine Gefühle übermannen ihn. Er wendet seinen Blick ab, schaut wirr umher und sein Blick landet im Wagen. Dann findet er ihn doch, den Hilflosen, der den Hilflosen schwachmacht. Er ist klein, seine Wangen sind zartrosa und seine Augen blau. Er bemerkt, dass er nicht weiß, welche Farbe ihre haben; doch um ihre geht es, nicht um ihn, nicht um seine. Nun blickt er wieder nach oben und sucht den Umweg über die Spiegelungen im Fenster. Er sieht sie, wie sie da steht, lächelt und wie ihre Wangen erstrahlen. Dann lüftet sich das Geheimnis: Ihre Augen sind blau und schauen ihn an. Sie schaut ihn an! Er schwenkt seinen Kopf und jetzt treffen sich beider Blicke. Für einen Moment sind sie im selben Waggon. Es ist die nächste Station. Sie geht mit ihm davon, ohne, dass er weiß, wer sie ist, sie weiß, wer er ist und wer er wird, wer wer und was, und was wird. Es ist eine komische Situation.

Schlussbemerkung des Autors:
Die in Teilen holprige Sprache entspricht dem Zustand der Stoßdämpfer im fahrenden Zug. Auf eine (automatische) Bildstabilisierung wurde zugunsten der Authentizität verzichtet. Eine Kommentarfunktion ist an dieser Stelle nicht vorgesehen.

*** Ende ***

Anmerkungen

  1. Im einfachsten Sinne und ohne berücksichtigte Sprünge.

Foto Lesebestätigung

Foto Lesebestätigung

25.05.18

To
Clemens Fuhrbach

From
Dubrovnik

Altstadt – Gemäuer – Klippen – Fels – Meer – Meer – mehr Meer – Pivo – Fisch – Boot – Sand – Salz – Haut – Sonne – Risotto – Balkon – Würfel – Ausblick – Stiche – Katze, Hund – Frechheit. Patka.

[BILD]

[Briefmarke, 5,80(?) – HRVATSKA –
Briefumschlagsymbol]

***

Postkarte ist: S/W, Grautöne, Gebäude hell; Rückseite bedruckt und beschriftet, adressiert, Briefmarke (4c), Stempel und Postzeichen in Neonorange.

Maße: 10,5 x 15,5 cm

Zu sehen: Hafen, Segelboote, kleinere Motorboote, altes Fort o.ä., Befestigung, Häuser, mehr kleine als große, Kirche (?); links fährt ein Boot in Richtung Norden – oder Süden; oder Westen. Also auf der Karte “nach oben” – nicht geographisch gesprochen.

Foto Lesebestätigung

 

Mauerstücke

  1. Stein
    Wir laufen jetzt seit gut zwei Stunden durch die Altstadt von Dubrovnik und die Sonne brennt dermaßen, dass man froh sein kann, wenn man nicht Hauttyp 0 oder 1 ist. In der analogen Welt gibt es ja immer mehr als die Schalteroption. Mehr als “An” oder “Aus”. Es ist ein fließender Übergang in der wirklichen Welt: Sonnenbrand oder nicht? Sonnencreme ist eine wunderbare Erfindung. Sie ist die Verzögerung, die ich jetzt brauche, um später nicht knallrot auf Insta zu gehen. Das wäre irgendwie unentspannt. Egal welcher Filter. Follower sehen, wenn die Haut spannt. Da hat keiner Bock drauf, auf so Probleme. Das ist too real. Man ist für die Sonne geboren – oder eben nicht. Gilt auch für Insta.
  2. Stein
    Ich habe meinen Hauttyp in den letzten Tagen durch tägliches eincremen um mindestens eine Stufe (sehr wohlwollend) gesteigert. Ich müsste nun also in etwa bei zweikommafünf sein. Allerdings nur an manchen Stellen und ich laufe natürlich nicht permanent nackt durch die Altstadt. Was in der Vorstellung, wäre es doch so, zwar seltsam bis lustig wäre, aber es würde die Blicke nicht nur auf mich ziehen. Sie würden sich sicher auch auf meine Gefährtin1 richten. Die Irritation wäre groß. Zu groß. Obwohl das Wetter hier Sauna ist. Keine Frage. Doch das wäre too real. Sowieso, zwei; und auch für Insta.
  3. Stein
    Klar, – wir2 kennen uns so. Aber so3 kennen wir4 uns dann doch nicht. Wir könnten beide dem ganzen Körper die volle Sonne ganz natürlich gönnen. Ganzkörperbraun. Aber auf Insta später zensiert. Oder gleich. Oder Konto gesperrt. Oder wir malen was drüber. Zu viel Haut ist schließlich – zu viel Haut. Zensur. Ganz ohne Filter. Nicht wegen der Hautfarbe, aber wegen der Geschlechter. Nicht das Braun. Aber die Geschlechter. Das geht zu weit. Zensur. Weil man die Grenzen in ihrer Aufhebung markiert. In beiden Welten ist das – scheinbar – irgendwie strafbar. Ich frage mich jetzt gerade sehr kurz, ob es da ein Nudisten-Insta im Darknet gibt. Aber da gehe ich nicht hin. Entgegen der Neugier. Das ist mir too real und gefährlich. Das wäre mir deutlich zu Porno. Und Porno ist ja noch mal was anderes. Es gibt das bestimmt. Beides. Irgendwo. Irgendwo da draußen – oder ist das eher drinnen? Es ist ja im Smartphone oder im Computer oder so. Irgendwo. Digital.
  4. Stein
    Wir sind hier nicht unter Nudisten unterwegs und schätzen die Kleidung. Sie bewahrt uns so etwas wie Intimität. Symbolisch. Natürlich nicht wirklich. Intimität ist ja auch irgendwie eher drinnen. Im – ja wo eigentlich? Also man kann sie nicht einfach dazukaufen oder so. Sie entsteht, existiert oder ist einfach da. Als Gefühl und Vertrauen. Unsere Kleider machen das nicht. Sie kommen von Amazon oder Zalando. Da gibt es keine. Ich hab eben noch einmal nachgeschaut. Kunden, die T-Shirt kauften, kauften auch… Hose oder so. Keine Intimität. Ich hab danach gesucht. Kein Treffer. Vielleicht ist das die Lücke. Google wird sie bald aber füllen. Dank künstlicher Intelligenz. Ich habe den Algorithmus ja eben gefüttert.
  5. Stein
    Vielleicht sind Lücken wie Fugen. Ich bin kein Maurer. Aber Mauern auf Lücke ist doch eher gefährlich. Statik und so (provoziert Glück & Co.) – da muss man seriös bleiben und handeln. Festigung. Zusammenhalt schaffen. Zwischen den Steinen ist Mörtel. Oder Zement. Aber wie? Fertigung. Wohl eher im Winter! Die alten Gemäuer hier sind echt ultra heiß. Man kann sie nicht anfassen, sich nicht draufsetzen und wenn man an ihnen vorbeiläuft, muss das schnell gehen. Obwohl, – eigentlich nicht. Es ist hier so viel Stein vor der Küste, bis runter zum Hafen, dass es keinen Unterschied macht, wo man sich am Stein befindet oder auf ihm und wie schnell man wirklich darüber läuft. Heiß ist heiß. Das ist sicher. Der Ofen hat Ober- und Unterhitze. Manchmal auch Umluft. Schweißtreibend bleibt es so oder so. Schlussfolgerung und Fazit: Mein Opa war Maurer. Vielleicht habe ich da doch was gelernt. Vielleicht ist da doch noch eine (nur noch eine?) Lücke zu schließen. Forderung: Schönwettergeld!
  6. Stein
    Abkühlung verschafft nur ein Sprung von den Klippen. Aber wir trauen uns nicht. Beide. Beide nicht. Der Fels ist zu hoch und irgendwie steinig. Gut, man kann ihm das nicht vorwerfen. Was und wie er ist. Er ist ja nicht gemauert, sondern gewachsen. Fels ungleich Stein (im engeren Sinn). Gewachsen, so wie er ist. Er kann nichts dafür. So wie er ist. Heiß oder hoch, hart und/oder herzlos. Vielleicht würde er auch gerne mal den Absprung machen. Aber er kommt halt nicht weg. Kann nicht einfach so im Meer versinken. Nicht freiwillig. Nicht aus Lust. Nicht vor Erschöpfung. Nicht, um dann einfach wiederaufzutauchen. Ganz unverhofft. Gegen die Schwere. Gegen die eigene Zeit. Er schultert stattdessen und wacker die gesammelten Abtragungen seiner verstorbenen Brüder und Schwestern, muss stark sein und ist schlichtweg dazu bestimmt, sie und sich und die ganze Stadt vor dem Untergang zu bewahren. Das ist seine Funktion. Es drückt ihn nun von oben hinein in das Meer, aber er geht nicht unter. Er stämmt sich dagegen. Wie die orangefarbene Rettungsweste. Tapfer. Und v.a.: „alternativlos“.
  7. Stein
    Wir hatten eben kurz überlegt, ein Eis essen zu gehen. Gegen die Hitze. Oder wegen. Aber aus der Gaststätte mit Restaurant und Weitblick – mehr Meer geht wirklich nicht – hatte es einfach zu gut und aus der Küche gerochen. Kurzerhand setzten wir uns dann an einen der schüchternen Tische. Blasse Karten an Salz und Pfeffer. Holz vom Alter gezeichnet. Und von der Sonne. Wie wir. Heute und dann. Hier kein Sonnenschirm oder -schutz. Sonnenstich sicher! Sonnenstich? Sicher. Erklärung für leichten Sonnenbrand am Abend jetzt schon fix. Aber die Geschichte geht noch etwas weiter. Hier und heute.
  8. Stein
    Als wir da so in der Sonne saßen (oder sitzen, spätestens hier ist das Tempus egal) und sorgfältig am leichten Rot für den Abend arbeiteten – passiv, eigentlich wurden wir ja bearbeitet, behauen vom Licht und der Hitze, – da kam oder kommt eine fast noch junge Frau mit zwei Flaschen in der Hand aus dem Haus auf uns zu. Sie brachte uns, wie aus dem Nichts, ganz offensichtlich und unaufgeregt nüchtern sehr kaltes Bier. Eines, für jeden*n. Also zwei. Erinnerungen an Andiland waren spontan und sofort da, obwohl ursprünglich woanders und lange her, sehr. Jeden Tag länger, aber im Denken daran immer zeitlos. Es waren damals und heute braune Flaschen in der üblichen Form, aber etwas variiert. Prickelnd feucht wie – bekannt aus der Werbung. Etiketten waren darauf. Aber variabel in der Positionierung, durch die Feuchte des schmelzenden Eises, das zur Kühlung bestimmt. Oben auf Kronkorken. Aber schon halb geknickt. Flaschen geöffnet. Ohne Gläser. Keine dritte Hand frei. Nur das Nötigste. Wir sehen heute offensichtlich noch immer sehr durstig aus. Und irgendwie deutsch. Die fremde Frau begrüßt uns hier und jetzt freundlich. Glasklares Deutsch in anderem Land. Keine Fata Morgana und vor dem Alkohol! – Und wir? Wir staunen. Nicht schlecht. Wir staunen nicht schlecht und die Erklärung kommt prompt: Sie hat mal ein paar Jahre in Köln gelebt, als hier alles nicht so einfach war. Als Kind, Kindergarten, Schule und dann hatte sie ein Studium angefangen, sich im Urlaub in der Heimat verliebt und in sie. Jetzt ist sie für immer noch da. Hier, also am Hafen. – Und wir wussten längst, warum sie geblieben war. Sie brachte zwei Pivo und setzte sich zu uns. Und sitzt noch da.
  9. Stein
    Wenig später kam ihr Mann als Koch aus der Küche. Er brachte zwei Teller mit frischem Fisch, Reis und etwas Gemüse. Und mit einem Lachen im Gesicht. Er folgte seiner Frau zu uns nach draußen. Wir aßen gemächlich und es ist wirklich erstaunlich: Wir hätten nicht gedacht, dass auch unser Lachen an diesem Tag noch steigerungsfähig gewesen wäre, aber im Urlaub erlebt man die tollsten Dinge. Sie erzählten uns ihre Geschichte. Fragmentarisch. So, wie sie uns an unsrige erinnerte. Und wir kamen uns für einen Augenblick gleich vor. Aber in zwei Welten, die nicht gegeneinander sind. Obwohl wir aßen und sie nicht, waren unsere Rollen alles andere als wichtig. Ein wenig gemeinsame Sprache wohl schon. Aber nur, um zu sehen, wie wir darüber hinaus miteinander verstanden durch andere Nähe und Empathie vergleichbar der Hitze. Das Essen war großartig und die Gesellschaft auch. Wir verquatschten uns eine Weile, ehe die ersten Gäste zum Mittag kamen. Wir waren offensichtlich früh dran gewesen und hatten so den ersten Fisch des Tages gleich vom Boot bekommen. Das war unser Highlight. Kollektiv. Ohne Filter und ganz ohne Insta. Was für eine verrückte Story?!
  10. Stein
    Am Abend saßen wir erschöpft im Hotel. Wir spürten den Sand in den Ritzen. Und in der Kleidung. Überall. Und wir schmeckten das Salz auf der Haut und spürten die Kraft aus der Sonne, die schon eine ganze Weile vor uns untergegangen war. Wir schmeckten noch einmal das Risotto vom Mittag auf unseren Lippen und sprachen durch unsere Stimmen hinein in die Fremde, hinaus in die Nacht. Einsam und glücklich, weil zusammen von unserem Balkon. Wir verstanden nicht, was wir da taten. Und was die letzten Wochen und Monate passiert war. Schon gar nicht die Jahre. Aber wir waren immer noch hier. Und jedes Mal neu. Und wieder waren am letzten Abend vor der Abreise die Würfel für diesen Ausblick gefallen. Unterstanden den Sternen im Pasch. Spürten Schnuppen wie Stiche und waren in der Summe der kleinste gemeinsame Teiler; – statt höherer Mathematik.
  11. Stein
    Katze, Hund oder irgendein anderer Hahnenersatz riss uns bellend aus dem Jammer des Abschieds. Kurz vor unserer Abreise erfuhren wir dann, dass etwas am Flughafen kaputt sei und wir könnten nicht mehr zurück nach Deutschland. Heute nicht, morgen wahrscheinlich auch nicht und übermorgen vielleicht, aber das sei nicht sicher. Manch einer hätte das für eine Frechheit gehalten. Keine feste Terminierung zu geben. Uns war es egal. Wir riefen in der Firma an, aber erreichten keinen. Ich schrieb in unseren Familienchat, dass hier alles gut sei, so gut sogar, dass wir verlängert hätten. Unfreiwillig. Vielleicht also zwangsweise, aber „man muss auch mal zum Glück gezwungen werden“ kam als direkte Antwort. Wir machten ein paar Selfies mit dem großartigen Wetter und dem besten Blick hinaus auf das Meer und ich schickte ein paar Emojis dazu. Hauttyp 5, ich neige zur Übertreibung, aber durch die Bilder hatten sie zu Hause ja den Vergleich und wir würden das alles ausdiskutieren, wenn wir mit dem nächsten Flieger wieder nach Deutschland kämen, sie uns abholten und in unsere Wohnung brachten, mitten in der Stadt, ein paar Meter weg vom Rhein, wahrscheinlich bei ganz gutem Wetter, aber eben in Köln.
  12. Stein
    Schließlich gingen wir heute wieder mittags runter zum Hafen und sprachen mit einem anderen Mann und seiner Frau. Er sagte, sie seien jetzt fast auf dem Weg, aber sie könnten noch Verstärkung brauchen und wir sähen so jung aus und das wäre sicher eine spannende Reise. Dann sprach die Frau zu ihrem Mann. Sie wollten uns einfach mitnehmen. Für einen Tag. Ganz einfach. Jetzt sofort. Wir kauften von dem letzten Geld in unseren Taschen noch ein paar Vorräte und stiegen auf das Segelschiff. Wir wussten, dass es länger dauern würde, aber auch, dass es nicht schief gehen könne. Wir würden schließlich wie immer nur unser Leben riskieren. Wir fragten nicht wohin es gehen sollte, aber ich, wie das Boot hieß. Da sagte er “Patka” und es fühlt sich so gut an. Hier, am Hafen. Dass wir vielleicht sogar bleiben. Zumindest bis die Sonnencreme leer ist.

Anmerkungen

  1. Die Grammatik der Geschlechter kann hier wahlweise und nach Gusto getauscht werden.

  2. Gesperrt.

  3. Gesperrt.

  4. Gesperrt.