Kategorie ›Text‹

Zeichnung Keine Stunde später

Keine Stunde später

Zeichnung Keine Stunde später

Ich bekomme einen Anruf. / “Keine Stunde später”, / heißt es aus der unsichtbaren Leitung. / Ich denke an Führung / des Wortes wegen / allein erkenne sie nicht. / Finde Hysterie. / Empfinde Ekel. / Übe Selbstkritik vor der Entgleisung und stelle mir vor, / ich könnte den Drahtseilakt:

– / – ohne Sicherheit – / – ohne Netz – / – ohne Fall – / / –

*** frei schwebend ***

Es klingelt . .. . / schon wieder / hebe ab. / “Keine Stunde später”, / heißt es aus der Leitung und ich möchte dieses Mal etwas sagen / erbitten / fragen. / Ob / vielleicht / nur eine / und bekomme die Antwort akustisch / als negativ / Gespräch gekappt.

Ich erwäge den Rückruf / greife zum Hörer / mein Hals stockt / und ich höre mich atmen. / Versuche mit den Fingern zu wählen / die kurze / einfache / Tastenkombination “Rückruf” / doch der Finger versagt mir die Führung. / Lege die Hand ab. / Nüchtern.

Ich versuche es noch einmal mit der anderen Hand. / Gleiche Geschichte / nur etwas später. / Halte den Arm mit der anderen / und siehe da: / Es geht / aber langsam. / Ich erreiche die Tasten / Nummer unterdrückt? / Nummer unterdrückt.

Versuche es noch einmal / – über die Zentrale. / Vermittlung & / versuche zu sprechen, / doch die Stimme gibt es nicht her. / Bleibe stumm – / “Hallo?” / heißt es nach kurzer Begrüßung.

Formale Automatismen / sie greifen / denke ich keine Stunde später / gehe wieder an die Arbeit. / Stille Revolution? / Heute nicht.

Foto: Zwischen den Zeiten: Schuhe vom Konzert vor Aquarium (30. April 2012)

Zwischen den Zeiten: Schuhe vom Konzert vor Aquarium

Foto: Zwischen den Zeiten: Schuhe vom Konzert vor Aquarium (30. April 2012)

Es ging heute im 2. Teil des Tages theoretisch um „Öffentlichkeit“, nachdem ich sie im 1. Teil des Tages praktisch im Feldversuch erprobt hatte.
 
Die heutige Hannah-Arendt-Sekundärlektüre im theoretischen Teil hat mich zwar weniger geschafft, als der Einkauf beim Herrenausstatter, aber ich kann noch immer nicht schlafen und bin bei der Durchsicht durch alte Fotos zu folgender – später, wenngleich nicht weniger wichtiger – Erkenntnis gelangt, die ich nun im 3. Teil des Tages an die Öffentlichkeit (nach Arendt/H. Bajohr 2011 – nach bestem Wissen und Erinnern im Anschluss an die erste Lektüre – die „spontan emergente“ Form) trage:
 
Erkenntnis als Be-Ding-ung:
a) Ich hatte 2012 noch die original Schuhe vom original Konzert 2007, die ich bis heute vermisse. Ich vermisse euch wirklich – es war die erste wirklich große Liebe. #ichliebediesefarbe
 
b) Ich habe – was auf diesem Foto nicht, aber auf einem anderen im selben Ordner auf meiner Festplatte (Laufwerk F:) oder auch in der Cloud zu sehen ist – im gleichen Jahr mein Aquarium eingerichtet. Beides hätte ich der Empfindung nach nicht im selben Jahr vermutet.
 
c) a²+b²=c²
 
d) Nicht alles, was an die Öffentlichkeit gelangt, ist wichtig – noch weniger überdauert diese.

e) wie Ende.

p.s.: es wird wieder scharf geschossen. nehmt euch in Acht und achtet auf euch. #derPappi

 
Foto Schweigender Philosoph an einer Ampel

Schweigender Philosoph an einer Ampel

Foto Schweigender Philosoph an einer Ampel

1) Man sprach davon, er hätte schweigen sollen, um Philosoph zu bleiben. 

2) Andere sagten (als Opa), es sei keiner dümmer, als sein Geschwätz. 

3) In dem Text von heute stand, dass man, ohne zu sprechen, gar nicht ‚ist‘ – danach bin ich auf dem Flur in ein Gespräch verwickelt worden und musste feststellen: auch sprechend ‚ist‘ man nicht immer.

Daher stelle ich weiter fest:
In guter Gesellschaft ist keiner so dumm, sich zum schweigenden Philosophen zu bestimmen, sondern man spricht mit dem, der sinnhaft zum Hören und Verstehen sich dank seiner Leidenschaft und Empathie müht und Dich im eigenständigen Sprechen nicht nur bestätigt, sondern fordert.

4) M.a.W.: Egal wo Opa und Philosoph sich entsprechend heute noch treffen, ich wünsche ihnen eine ganz ehrlich gemeinte Unterhaltung, denn alles andere wäre verlorene Lebenszeit – dachte der Philosoph und sprach mit dem alten Mann an der Ampel.

5) Zusammenfassung:

Foto Trier im September 2009

Springen

Ich springe in Pfützen und trage ein Messer bei mir
Mutter hat gesagt: „Vorsicht mit der offenen Klinge nicht laufen.“
Das Kind testet sich aus; macht es trotzdem
Wenn der Regen ganz doll wird, Freude
Die Waschung beginnt und reinigt und mischt
Angst habe ich keine, entweicht dem Körper
Die Grenzen verschwimmen zu Nichts mehr
Wasser fließt hinein und hinaus; heroisches Rinnsal
Die Pfützen spritzen Antwort dem Sprung
Rote Stiefel aus Plastik schützen nicht vor der Befreiung
Nur Sprache kann das genau so scharf fließen
Körper zu öffnen, zu schließen UND: lebendig zu bleiben
Hohe Kunst ist nicht zu verletzen —
Im Spiel bestehen gegen und mit Erziehung
Dafür oder dagegen?
Die Stiefel liegen am Bordstein
Bürgersteig auf in den ewigen Himmel
Jesus Christus blutet wie ein Schwein
Ohne Betäubung, täusche mich nicht
Die Pfützen spritzen – wenn ich springe – mir bis ins Gesicht
Und ich lasse mich nicht bekehren
Kann doch nur das Kind mich wirklich lehren
Durch das Leben zu gehen um aufrecht zu stehen

Foto Bei Jagdgewitter

Bei Jagdgewitter

Foto Bei Jagdgewitter

Ist der Himmel noch so düster
bleibt bei mir die Laune froh
denn wer laufen kann wie ich
den kriegt der Jäger sowieso
-nur mit der Flinte
-oder nich‘
***
– …und wenn er kommt?
— Der braune Mann?
– Dann lauf auch du!
— So schnell ich kann?

…ein bisschen schneller &
sei achtsam bei dem Fallensteller
denn bei uns bleibt das gewiss
den Mensch gibt’s ohne Jäger nicht
nur Waffen kann er keine tragen
wenn wir ihm den Lauf abjagen.

Foto Brotgedicht

Brotgedicht

                                 14. Juni 2017
Brotgedicht

Oder:
     Keine toten Enten
                      mehr…
                          d.i. Keine moralische Erinnerung,
                          nur und doch
                          zum freien Grillen
                          im Schrebergarten verfasst.

Als ich klein war, sammelten wir das alte Brot in einem Beutel
– – – bis der voll war, dann gingen wir zum Teich
und fütterten die Enten.
                    (hier bitte geräuschlose
                     Abbildung von Enten vorstellen)

Heute esse ich das alte Brot selbst auf.1

Ich frage mich, ob ich eine Ente bin,
 komme mir dafür aber zu groß vor.
Natürlich: die Enten kamen mir früher groß vor
 weil ich noch klein war und ich bin immerhin so viel gewachsen,
 dass sich die Enten relativiert haben;
-physisch-proportional.

                                             (gilt übrigens
                                             auch für das Brot!)

                     ***

Aber sympathisch wie ich die Tierchen damals fand
 finde ich mich auch und mehr noch als Brot fressende Ente,
 weil das für deutlich mehr Humor spricht und Humor ist,
 Wenn man Tragik kann und das klingt komisch, ist aber so.

[Hinweis]
          An dieser Stelle darf gleichermaßen gelacht
          und geweint werden. Bestenfalls gleichzeitig
          und aus gutem Grund. Hoch leben die Enten!
[Ende]


Wenn ich das trockene Brot selber esse
 brauche ich etwas, das ich früher nicht kannte – – –
-Geduld.
   Denn:
         egal wie viele Zähne man noch oder nicht mehr hat
         trockenes Brot ist wirklich sehr hart.

Kein Wunder also, dass ich das Brot heute in eine Schüssel aus Wasser tauche, damit es weich wird. Die Schüssel ist quasi der Teich an dem ich sitze und mich füttere, weil ich Enten gerne mal etwas gönne. Und auch ich habe mir das trockene Brot redlich verdient, Ente die ich bin.

                  (An dieser Stelle Entengeräusch
                   mit Glasschüssel, Wasser ca. 1,3 cm
                   unter Rand gefüllt.
                   Sprecher hält ganzen Brotleib
                   – nur scheinbar eintunkend – darüber.
                   Es folgt keine Information, warum der
                   Brotleib weder geschnitten noch
                   angerührt ist. Er ist unversehrt zur
                   Starre gekommen – als
                    gäbe es den Hungrigen nicht.

                   Die Weichwerdung des Brotes dauert
                   schließlich sehr lange, Tunken wäre
                   ein kurzer Vorgang, doch der Prozess
                   Hier und Heute – Bedarf der…
                   Kondition.
                        Während des Sprechens:
                        Arme wechseln – sonst:
                                              Enten-
                                              Muskelkater)

Früher hat man mir gesagt, du musst das Brot brechen. In kleine Stücke – das ging sogar bei Trockenbrot, wenn es maschinell in Scheiben geschnitten war, sehr gut. Fast zu gut. Aber ich hab es vergessen! Man muss das Brot besser brechen, solange es frisch ist und gut bekömmlich. Dann schmeckt es. Alles ist dann intensiver – außer das Entenfüttern, aber für die Enten ist das Brot sowieso ungesund; sagte man mir (neuste Erkenntnis!).


[un-(nötiger) Abgesang:

Bestenfalls auf Entisch vortragen inkl.
flatterndem Geschnatter.

Während des Vortrags Brot ausspeien wie ein
Drache das Feuer! (Heureka, 2017)

[Folgendes Gleichzeitig]

Sprecher 1:
Schade eigentlich, wenn die Kinder heute keine Enten füttern, können sie später gar nicht denken, sie wären Enten, die sich etwas Gutes tun und aus Langeweile statt Not am trocken Brot lutschen.

Sprecher 2:
Es geht nichts über Enten, aber wenn man das Brot teilt mit den Jüngern, dann sind alle ganz satt und fressen sie nicht, die Enten vom Teich – gleich in die Friteuse.

Sprecher 3:
Halt endlich die Klappe.

Sprecher 4:
Genau, Du versaust mir den Abschuss!

[Gleichzeitig Ende]

***
Kurze Stille
***

Ende]

Anmerkungen

  1. Nur manchmal. Der Sprecher kokettiert hier keinesfalls mit einer vegetarischen oder gar veganen Lebenshaltung zur Besserung des Welthungers, -klimas und -friedens. Es ist alles nur ein kurzes Spiel zur Erheiterung an einem Sommertag – und ja: es duftet nach gebratenem Fleisch. Hmmm…

Foto Ein Anfang

Ein Anfang

                            10. März 2017
                            12:32 Uhr
                            Köln
Ein Anfang

Große Dinge passieren nicht zwei Mal
Und vielleicht – doch – ja – noch ein Mal

               —–

Ich verstehe nicht alles
höre manchmal nicht zu
wenn und weil ich zu inbrünstig spreche

und doch möchte ich hören
was dich kümmert, beschäftigt
welche Sorge dich treibt
und auf welche Frage du die Antwort
                        nicht kennst.

Die Radikalität eines Anfangs ist —
dass er ein Ende hat;
dass dieses nicht jetzt ist
ist eine Sache, an die man sich
vielleicht einmal im Guten erinnert
und das ist dann auch, —
was es eben ist und so einfach macht
wie es schön ist: “ein” Anfang.

                            12:42 Uhr

Erfahrung an der Bar

Da stehe ich – an der Bar1
bestelle ein bis zwei Getränke
                           – zu viel.
                           „… aber gerne!“
                           , sagt er und meint:
                           Das Geld.
                           höre ich selten
                           [- hat man so auch nicht häufig]
                           , denke ich und meine es wirklich
                           so noch nicht gehört zu haben.

                Wir reden los
                           – ganz einfach
                           – – – vertraut
                           “… aber plötzlich.”
                           , sagt sie und macht gar keinen Punkt
                           , sondern redet weiter – – –

                           Stimme kollabiert
                                      jede zur Masse
                                            – es sind zu viele.
                                            “… wirklich?”
                                            , fragt einer.

                           Die Musik ist laut
                           – sie alle tanzen
                           – – [es ist eine Feier]
                           – – – ich stelle mich an
                           “… fast programmatisch …“
                           , erzähle schüchtern
                           – meine Geschichte
                           Kann die Leier nicht hören
                           Sie aber schon
                           Ich mache eine
                           – Pause –                           
                           – – – – –

 

***
Wir setzen noch einmal neu an:
ich|sie warte|t jetzt schon lange
      [sie|ich [vielleicht|anscheinend] auch]2
auf [die Unterbrechung | die Überwindung]

      – die so nicht kommt
      – – nicht hier und heute
      – – – und doch

      ; aber anders:

                 “natürlich”
                 , sagt sie und ich meine es auch

                 natürlich
                 , denke ich heute und meine es
                 – anders. [Und auch gleich.]3

            Das Gespräch ist wie ein Gewitter
            ein warmer Sommerregen4 voll Leidenschaft
            Passt nicht alles in diesen Raum
            – unser Zimmer
            “… ganz provisorisch …“
            , erzählt sie weiter [und ich auch]

            Und dann:
                  ist es ganz plötzlich vorbei …
            – – –
            Nach nur ein paar Stunden
            [Augenblick]

            – – –
            Ich wache auf
            und fühle den Kater
            und es war nicht der Alkohol.

Anmerkungen

  1. Das ist eine Wiederholung.

  2. Ergebnis der Retrospektive

  3. Es ist ein “Kloptstock”-Moment, nur ohne Gewitter (- wobei: s.o.), Selbstmord und Albert.

  4. Darüber habe ich mal ein Lied geschrieben und dachte, es hätte sich damit…welch Naivität!

Für die Katz

Literarisch gestolpert.

                                     Clemens Fuhrbach
                                        17. Mai 2017
Literarisch gestolpert.
Eine Zusammenfassung
      – einen Tag später.

Ich soll also stolpern: –
Aha.

Kann doch nur erzählen
Weil es mir einMal passiert
Nachträglich und+
doch als Wi(e)derholung
Nicht gleich aber identisch
Oder doch umgekehrt?
Jedenfalls:
Ein Ereignis
Als 1 Ereignis
Zwischen Bewegung und Stillstand
Wobei –
…dieser ist doch bloß
《ILLUSION》

Der Körper im Raum
Steht nie wirklich still
Wie die Zeit fließt das Blut
Und die Luft durch die Lungen.

Kommen wir zurück zum
PROGRAMM:
.. . … . . . … ..
Huch!
Da ist es wieder passiert
“Aber jetzt” (Schulz 2017, S. 27)

Überrascht?
Nicht wirklich.

Zusammenfassung:
Über Steine zu stolpern
Musst du schon selber
Und erzählen davon
Musst du auch
Selbst.

Nur wie?
Das
     1|ist
     2|scheint
                die Frage.

Fangen wir mit einer Information an:
In der gestrigen Sitzung des Seminars wurde gesprochen über Lyrik von Tom Schulz: Prager Straße und Verlegung der Stolpersteine – aus dem gleichnamigen Band. (Nur am Rande auch noch über ein Gedicht von Friederike Mayröcker). Für eine detaillierte Zusammenfassung der Inhalte, Interpretationen, etc. beachten Sie – oder wollen wir uns duzen? – bitte das PROTOKOLL [Link].

Detail Nummer 1:
Es wurde bemerkt, dass über die Prager Straße das Stolpern fruchtbarer ausfiel als erwartet.

Anmerkung Nummer 1:
Mit dem Titel Verlegung der Stolpersteine greift Tom Schulz ein programmatisches Kunstprojekt zur Erinnerung an die Opfer der NS-Verbrechen auf. Es handelt sich um goldene Gedenktafeln in Form von Pflastersteinen, die in Städten an Orten verlegt werden, wo Menschen während des Dritten Reichs abgeholt wurden, um nicht mehr wiederzukommen. Das Gesicht der zu den einzelnen Steinen vorhandenen Täter fehlt. Den Opfern bleibt wenigstens ihr Name als Schriftzug – “immerhin”, möchte man sagen.
In Zeiten der Krisen und des öffentlichen Demonstrierens ist es vielleicht nur eine Frage der Zeit, dass diese letzten Pflastersteine – die meisten Straßen heute sind ja asphaltiert! (Sicherheit?) – wieder von Tätern zum Werfen wider Polizisten oder Gegner jedweder Couleur ausgegraben werden, und man könnte diese Farce des Opfer-bleibt-Opfer fast lustig als ironische Wendung des Schicksals begreifen, wäre es nicht unschuldig für solch ein Handeln zusammen allein unter Menschen und Menschen.

Das Seminar hat berechtigterweise darauf hingewiesen, dass die besondere Eigenschaft der Stolpersteine ist, dass sie so in der Straße verlegt werden, dass man gerade nicht darüber stolpert. Zumindest gilt das physisch.

Wer teilnimmt an einer linear gerichteten Erinnerungskultur, kann zumindest gewissenhaft stolpern, sofern man auf den Boden blickt, um nicht zu stolpern und dann einen solchen Stein erblickt, um innezuhalten und sich der bösen Natur als Verbrechen zu erinnern.

[Einschub Anfang]    Privates Detail Nummer 1:
                     Seit Hans Guck-in-die-Luft schaut
                     die deutsche Gesellschaft brav
                     nach unten.

                     Ein Hoch auf die Errungenschaften
                     der Pädagogik!
[Einschub Ende]

Tom Schulz verlagert die plastische Aktionskunst im öffentlichen Raum in einen literarischen Spezialdiskurs und stellt ihn in seiner Lyrik ins Abseits. Das versteht sich gesellschaftlich so: Während die goldenen Stolpersteine in den Städten zumindest theoretisch jedem Bewohner oder Touristen der Stadt begegnen können, wo diese Begegnung dann zu einem Denkprozess führen kann, so bleibt das ›Stolpern‹ auf lyrische Art doch eines, das nicht völlig bewusst und dennoch nicht zufällig ist. Schließlich passiert es allenfalls den Leuten, die sich alltäglich aus Interesse oder Intention, also privat oder beruflich mit Literatur befassen und das ist nicht die breite Masse der Bevölkerung. Stellt man die Anzahl der Touristen gegenüber jener der Literaten, so handelt es sich doch mit hoher Wahrscheinlichkeit um eine ungleiche Proportion zweier Gebiete der komplexen Bewegung des Reisens, deren Mischungsverhältnis mehr ist, als eine Frage des Geschmacks.

Wie wir nun festgestellt haben, ist die literarische Verlegung der Stolpersteine also tatsächlich ein Verlegen als Tätigkeit im Sinne des Wortes, wie man es beispielsweise aus Krankenhäusern kennt.

“XY wurde von der Intensivstation auf die Station verlegt – ja, außer Lebensgefahr, auf dem Weg der Besserung.”

Handelt es sich nun um:
     a) Hoffnung auf Heilung und Grund zur Beruhigung
oder
     b) Ruhe vor dem Sturm und bedingungslosen Rückfall?

Anmerkung Nummer 2:
Überforderung im Diesseits und Perspektive der Täter von gestern und potentiellen Täter von morgen?

Ich kann und will die Modernität dieser Lyrik nicht beurteilen. Angesprochen fühle ich mich nicht, aber das ist keine Kategorie – dafür habe ich totales Verständnis. In meiner Welt ist Lyrik eine sehr private Angelegenheit und wenn ich mich dort mit der öffentlichen Frage nach dem sog. ›lyrischen Ich‹ konfrontiert sehe, dann kann ich keine Antwort geben, selbst nicht für die dilettantischen Versuche, die ich selbst unternehme. Ich kenne diese geschlossene Stimme nicht von der alle sprechen und mit der man in objektiver Gültigkeit spricht, was im Eigentlichen – so unterstelle ich – versucht den Menschen zu überwinden.

***

Es folgt daher eine technische Einschränkung als funktionale Beschränkung:

In dieser Disziplin räume ich mein Scheitern – auch auf die Gefahr hin, es handele sich in meinem Fall um Unwissenschaftlichkeit in Ausdruck, Haltung und Form (d.i. auf ganzer Linie) – jetzt schon ein.

***

Wenn ich nun also doch über2 das ›lyrische Ich‹ spreche, dann in zweierlei Hinsicht als funktionale Möglichkeit der Erfahrung von Fremdheit und Entfremdung:
   1) Spreche ich über einen Anderen als anderen und mich
   2) Spreche ich über mich als anderen im Ich

Die Maximierung der Perspektiven steht hier noch am Anfang und führt mich zum jetzigen Zeitpunkt zu einem einzigen Punkt der Erkenntnis, nämlich: Es handelt sich um ein Phänomen der Vielstimmigkeit und wenn ich spreche oder schreibe kommt es nur zu einem Ergebnis, d.i. mein Ausdruck als Konsens von all diesen Instanzen der Sprache, derer man als Suchender noch deutlich mehr finden wird, wenn man nur häufiger hört, sieht und – liest (im ganzen wörtlichen Sinne).

Mit meiner Stimme trug ich gestern vor, dass “Stimmen wie Jauche” (Schulz 2017, S. 10) und “Stimmen mit einem Galgen” (Ebd.) von einem Ich auf sprachlicher Ebene eingefangen werden, das sich zunächst sorgfältig den Schnürsenkel bindet (wie im Kindergarten gelernt und seitdem konsequent betrieben!), um sorgfältig nicht (!) zu stolpern und dann doch in einem Moment der erstarrten Bewegung sich selbst in den “Fensterscheiben von 1&1” (Ebd., S. 11) gegenübertritt und die Spiegelung als Fremden hinterfragt. Wer ist dieser “Smartphone-Mensch” (Ebd., S. 11), der Prothesen für fast alle Sinne braucht – ein Stock zum Tasten fehlt vielleicht.

Das Gegenüber wird diffamiert in seiner Erscheinung und durch seinen Ausdruck. Alles läuft nur noch über ein Gerät und dieser Mensch, der doch eigentlich immer dachte, selber zu lesen, zu schreiben, zu hören und zu sehen, was in der Welt um ihn herum passiert, fragt sich ganz plötzlich, ob und wie er all das um ihn herum Geschehene als Information verarbeiten kann, ob es das Gerät schafft, der Überforderung Herr zu werden, oder ob es sie noch potenziert und schließlich steht die Frage im Raum, wer hier noch schafft sich eine wirklich eigene Meinung zu bilden, die so etwas ist, wie frei und unabhängig, Produkt ganzheitlicher Bildung und Idee der Erziehung zur Mündigkeit.

Ich kann mich heute – nach meiner gestrigen Reaktion durch Enthaltung im Anschluss auf eine an mich gerichtete, weiterführende Rückfrage zu einem von mir erbrachten, aber zum besseren Verständnis zukünftig doch noch zu präzisierenden Beitrags als Teil der mit 90 Minuten viel zu kurzen Seminarsitzung für solch ein großes Thema (für mehr sollte man sich allerdings auch zum Experten machen!) – gar nicht entscheiden, welche konkreten Antworten ich als Konsequenz dieser Sitzung nun gefunden habe und will es auch gar nicht. Ich gönne mir das Nebeneinander einiger Aspekte im harmonischen Gleichklang und als Dissonanz. Vielleicht muss man das mögen und manchmal ertragen, auch können.

Die ausformulierte Perspektive auf lyrischer Ebene, als Ich in einen digitalen Spiegel blickend, verwundert über sich und die anderen, bleibt in meiner Perspektive Produkt eines elitären Besserwissers, der glaubt Lösungen durch die Kategorien des wahr, richtig oder falsch zu kennen, weil und wie er sie innerhalb eines Erziehungssystems gelernt hat und sieht sich fragend als überforderter Zeitgenosse Menschen gegenüber, die genau so nicht denken wie er und die das Tabu begehen; sie betreten das Schweigen, vielleicht gebrochen, brüllend, laut und ganz konkret als Gewalt des anderen empfunden durch beide Seiten.

Und dann kommt mir die Pointe doch in den Sinn:
Hans Guck-in-die-Luft soll ja auf den Boden schauen, um nicht zu stolpern. Wenn nun die Stolpersteine damit kalkulieren, dass man nicht konkret-räumlich, sondern abstrakt-räumlich über sie stolpert, dann funktioniert das nur, wenn wir tatsächlich den Blick auf die Welt vor unseren Füßen werfen. Nun neigt sich der Blick dieser Tage aber nach unten und zwischen die Welt auf der wir laufen und uns bewegen tritt ein digitales Pendant. Wir blicken auf die Welt, aber sie ist eine andere und stolpern in beiden.

Wer auf sein Smartphone blickt, die Schuhe bindet, der kann nur dann trotzdem stolpern, wenn die Steine “richtig” verlegt sind, zum Stolpern, was bei der Abnahme durch den Auftraggeber als “zu korrigierender Fehler in der Ausführung” angemahnt werden würde und von der zur Verlegung beauftragten Firma nach der Abnahme zur Korrektur gebracht werden müsste.

“Zur Wahrung der Sicherheit im öffentlichen Raum
im allgemeinen Interesse.”

Belassen wir es dabei.

Die Verlegung der Stolpersteine als Verlegung der Stolpersteine in den Ort der Literatur ist ein wichtiger Hinweis, nämlich:
dass die Literatur Wirklichkeit durch Wirklichkeit
erfasst und bereichert.

Ende der Au(f|s)arbeitung
durch
Sprache

(In 3 Ebenen der Zeit)

a) vergessen b) verbleiben c) verlegen

Ausblick
***
offen

foto linie 5

Ziemlich genau gegen 05:03:48 Uhr

Es gibt keinen Anfang – ohne einen Anfang.

Es gibt keinen Anfang – ohne einen Anfang. Das klingt trivial, ist es aber nicht, denn als ich heute Morgen das Haus verließ, wusste ich nicht, dass ich abends nicht mehr heimkehren würde, weil ich es nicht mehr können würde und werde und ja, das Ende dieses Textes ist auch mein persönliches Ende und was übrig bleibt, sind allenfalls ein paar lateinische Zeichen, deren kombinatorische Bedeutung sich nur über das erschließt, was wir gemein das »Deutsche« nennen und dessen Natur sich gewaltsam der Schriftlichkeit widersetzt, die aber nur so überhaupt schafft zu zeigen, was Überzeitlichkeit sein könnte – wenn es sie gibt.

Vielleicht sollten wir noch einmal vorne Anfangen. Das ist dann natürlich kein echter Anfang mehr, sondern ein erzählter Anfang, aber nur so kommen wir vielleicht dazu, den entscheidenden Punkt im Verlauf des Heute und seiner Wendung verständlich zu entwickeln. Ich wachte gegen 05:03 Uhr und 48 Sekunden ziemlich präzise auf, drehte mich noch einmal um und merkte dann, dass die frische Luft, die durch mein Fenster zog kalt, aber angenehm war und ich beschloss jetzt schon aufzustehen, obwohl ich erst seit vier Stunden im Bett geschlafen hatte. Irgendwie wollte ich heute früher nach draußen als sonst. Manche würden jetzt – wenn man an das Ende denkt – von Schicksal oder göttlicher Fügung sprechen. Ich halte das für überflüssige Spekulation, denn ich kann es ja sagen: ich bin einfach aufgestanden, weil der Tag danach roch und im Erklären des Riechens habe ich mich erst drei Mal versucht, um zu erkennen, dass ich es wirklich besser lasse und einfach genieße, wenn es denn geht (es gibt ja auch sehr fiese Gerüche).

Nach dem Aufstehen stand ich länger als sonst unter der Dusche -. Nach dem Waschgang bei vierunddreißig Grad trocknete ich meinen nackten Körper mit dem Handtuch ab. Dabei fing ich wie immer zuerst am Kopf und bei den Haaren an, machte an den Armen weiter (erst Oberarm, dann Unterarm, dann Hände; erst linker Arm, dann rechter Arm), rieb mir den Bauch und den Rücken – in der Reihenfolge, fortlaufend nach unten – trocken und beendete das Ritual mich herabbeugend über die Beine bis hin zu den Zehen, zwischen denen ich sorgfältig gegen jede Feuchtigkeit vorging. Als ich mich wieder hoch gebeugt nackt im Spiegel ansah, stellte ich fest: Schönheit kommt von innen. In Zweifel geriet ich dann allerdings, als ich einen Pickel – nicht sehr groß, aber von dankbarer Gestalt, um ihn genussvoll auszudrücken und leer zu quetschen – auf meiner rechten Schulter entdeckte, dessen Substanz ich sogleich unter Druck zur Oberfläche durch die Haut verhalf. Es stellte sich dann Zufriedenheit ein und ich fragte mich, ob Eiter Schönheit ist. Währenddessen zog ich mich an und verließ das Haus.

Auf der Straße war noch nicht viel los, aber mehr als ich erwartet hatte – wobei: während ich darüber nachdachte, fiel mir auf, dass ich gar nichts erwartet hatte, sondern erst durch das Formulieren einer Erwartung darüber nachdachte, dass man etwas erwarten könne und das so eine Haltung möglich wäre, die mich voreingenommen hätte. Das erschien mir abwegig und ich stieg nach wenigen Metern an der frischen Luft in die Linie fünf ein, um bis zum Dom an den Hauptbahnhof zu fahren. [Ja, diese Geschichte spielt in Köln.] Dort hätte ich meinen Zug genommen, wäre ich wie immer irgendwo hingefahren, um abends wieder nach Hause zu kommen und zwischendurch ein paar Dinge zu erledigen, für die man mich bezahlte, damit ich sie nicht verstand, aber tat. Allerdings fiel heute nicht der Zug aus, wie manchmal im Winter, sondern mein übliches Leben. In der Situation, in der ich mich befand wurde mir ganz plötzlich klar, dass dieser achte April kein alltäglicher Tag in meiner Biographie sein wollen würde, was ich wiederum sympathisch fand, denn es machte ihn menschlich und als Mensch war ich davon überzeugt, dass es bestimmt ganz toll werden würde und stellte dann fest, dass ich den Tag menschlich machte, weil ich ein Mensch war und das war immerhin gut zu wissen.

Ich muss ein wenig ausholen, bevor ich wirklich zum Ende kommen kann.
***
Wem dies jetzt schon reicht, der kann folgende Optionen als Ende wählen:
a) Ich wurde von einem herbeieilenden Pendler vor einen einfahrenden Zug geschubst, den ich verpasst hätte, wäre ich nicht früher ins Büro gefahren, wo ich ja so gar nicht ankam.
b) Als ich ein wirklich schönes Mädchen sah, bekam ich spontane Atemnot – es wäre zu klären, ob aus Neid oder Freude – die sich im Herzversagen krönte.
c) Keine der Optionen gefallen mir, deshalb erschoss mich ein vorbeilaufender Jäger, weil er mich für einen stattlichen Krüppel aber gerade deshalb so kapitalen Festtagsbraten hielt.
***
Kommen wir nun also zu dem Punkt, der an diesem Tag die Veränderung bedeutete und – ich muss an dieser Stelle schon warnen: es wird verdammt kitischig und fast nicht zu ertragen – die entscheidende Wendung in meinem Leben markieren sollte:

Wir setzten uns gegenüber, ich fuhr nicht auf die Arbeit sondern mit in ihr Zimmer und blieb einfach dort und fühlte mich ganz edel als Nuttenkollege, denn ich bezahlte ihre Liebe mit meinem [alten] Leben und sie mit ihrem.

Nachwort:
Ach ja, ich hatte ja am Anfang versprochen, dass ich vom Ende erzählen würde: Ich bin am Ende und das ist jetzt wirklich überraschend: Es ist auch ein Anfang…