Klappentext

Geboren Mitte der Achtziger entwickelte sich im Leben des Clemens Fuhrbach, der heute diesen Text schreibt, schnell eine Liebe zum Phantastischen. Wohlbehütet widmete ich die meiste Zeit dem Bauen mit Lego. Konstruktion führte zu Dekonstruktion, führte zu Konstruktion. Es tat mir manches Mal leid, allein wegen der begrenzten Verfügbarkeit an Material, meine frühen architektonischen Meisterwerke wieder zu zerstören, immer in der Ungewissheit, was als Nächstes folgen könnte. Doch die Schönheit des Neuen machte Zweifel vergessen.

Schließlich spielte ich unendliche Geschichten in unendlichen Varianten mit immer gleicher Inbrunst. Pathetische Heldengeschichten, meist in einer idyllischen Ritterwelt. Ich träumte von glänzenden Rüstungen und strahlendem Sonnenschein. Von Wohlstand und Liebe, von Konflikten, die allein der Dramaturgie dienten. Dem Bösen, als Zwilling des Guten. Kurz gesagt: Ich träumte in einer harmonischen Welt. Politische und soziale Dimensionen der Wirklichkeit kannte mein Spiel nicht.

In der Schulzeit ging es erst mal genauso weiter. Ich baute Kulissen und spielte Geschichten. Die Legowelt mischte sich unbemerkt in mein Leben. Nebenbei lernte ich Rechnen, Lesen und Schreiben. Diese Fähigkeiten brauchte ich später wieder in diversen Versuchen, etwas zu bauen, herzustellen, zu kalkulieren. Irgendwann verlagerte ich die kleinen Plastikgebäude in massive Dinge, die ich in mein Leben einband. Meine ersten gesellschaftlichen Gehversuche scheiterten kläglich. Ich vertrieb mir die Zeit irgendwann beim Fußball und dachte nicht mehr oft an meine alten Ritterkumpanen. Erfolge auf dem Platz waren bescheiden. Spaß hat es trotzdem gemacht und ich habe auch ein paar Dinge auf dem Spielfeld gelernt. Nebenher übte ich mich ein bisschen an Gitarre und Saxophon und hatte nie überdurchschnittlich viel Spaß daran. Im Malen versuchte ich mich auch – ich versuchte mich. Dann war die Luft raus, der Ball platt, die Schule irgendwann zu Ende. Und jetzt?

Zivildienst, Frauen, Feiern – all die Gedanken eines spät pubertierenden Schulabgängers folgten. Kurz war der Zivildienst, doch das exzessive Leben blieb noch eine ganze Weile Alltag. Schließlich kaufte ich von meinem Zivi-Geld meine Telecaster und noch einigen anderen Krempel zum Musizieren. Inzwischen hatte ich aus Langeweile angefangen, Lieder zu schreiben, was besser gelang als erwartet. Sogar Singen schaffte ich nach ein paar Bier. Die ersten Zuhörer fand ich in der Nachbarschaft. Als ich die Leute um mich herum begeistert hatte, beschloss ich in die weite Welt hinauszuziehen – natürlich mit keinem geringeren Anspruch, als sie erobern zu wollen. Ich begann ein – meine bardische Tätigkeit optimal unterstützendes – Biologie-Studium, das ich irgendwann doch als unpassend empfand und so wechselte ich der besseren Berufsaussichten wegen zu den Fächern Deutsch und Geschichte.

Inzwischen glaube ich, gänzlich aus der Pubertät erwachsen zu sein. Kind sind wir alle ein bisschen, ständig und immer wieder. Unser tägliches Spiel, das wir Leben nennen, schafft Freiheit und Freiheit macht den Menschen glücklich. Meine Triebe ziehen mich nach wie vor ins Phantastische. Trotzdem lebe ich nicht allein mit naiven Träumereien, sondern bewahre den Blick für die Realitäten des Alltags. Dinge hinterfragen, diskutieren und bei allem was man tut, bescheiden bleiben. Einfaches kann so viel schöner sein als Verschnörkelung. Dennoch braucht die Welt beides: komplexe und einfache Strukturen. Wie genau mein Tun da hineinpasst – ich weiß es ehrlich gesagt selbst kaum. Doch die Stimme des Herzens ist meist stärker als der Verstand und so mache ich, wozu es mich treibt: Kunst.