Nach einer wahren Begebenheit
Stellvertretend für das eigentliche Geschehen
am 07. November 2018, gg. 21:56 Uhr

Wir sitzen im Café Storch in Köln. Nach einem längeren Spaziergang durch die Stadt, der zwar nicht zur Wanderung wird, aber länger ist, als erwartet. Eigentlich kennen wir uns hier aus, aber ehrlicherweise muss ich sagen: Alleine habe ich mich an dieser Stelle schon häufiger in der Abzweigung geirrt, die verborgenen Plätze schließlich dann aber doch stets gefunden. Gemeinsam stellen wir hier und heute fest, dass uns auch in der gewohnten Umgebung manchmal die Orientierung versagt. Nicht völlig, aber sie wird etwas ungenau.

„Ich erschließe mir Städte sowieso gerne laufend“, sage ich gestern und frage mich heute, ob man sich oder sein gegenüber mit dieser Art der Aussage wirklich beruhigt. Sie wirkt ja retrospektiv relativ egozentrisch und wenig empathisch, aber natürlich auch nur dann, wenn man sehr hart zu sich ist. Heute glaube ich selbstvertraut, dass ich gestern intuitiv den richtigen Tonfall getroffen habe, und ich weiß ja, dass es gestern gut gemeint war und hoffe, dass es so auch verstanden worden ist. Wiederum heute fällt mir der einschränkende Nebensatz ein, der die Situation ins Erzählerische hebt:

„Die Städte erschließen sich mir allerdings nicht immer laufend.“

Die Frage ist berechtigt, wie sich die Städte einem Menschen laufend erklären sollen. Und doch liebe ich sie auch gerade deshalb und gerade dafür. Ich weiß aber auch, dass das eine einseitige Angelegenheit ist. Mit dem großen Gefühl konfrontiert, bleiben sie dort wo sie sind. Laufen nicht weg. Können sie nicht. Selbst, wenn sie wollten – könnten sie nicht oder doch? Ich spüre die Angst und die Unsicherheit. Wenn überhaupt sind es die Menschen und Tiere, die in den Städten laufen, aber nicht nur das. Sie fahren, kriechen und fliegen sogar durch die Straßen, auf dem Asphalt und über die Häuser hinweg.

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In der Tat geht es mir in der Stadt um die Menschen

An Abenden wie diesen besonders. An diesem Abend sowieso. Ich schlage vor, dass wir in die Wohngemeinschaft gehen: „Dort war ich letzte Woche, das war eigentlich ganz schön da. Die Tische sind vielleicht etwas klein…“, doch das ist nach einigen Minuten nicht das Problem.

Anders als letzte Woche ist es relativ voll. Wir finden, entsprechend, keinen Platz, an dem wir halbwegs ordentlich sitzen könnten und sie sagt: „Es ist auch ein bisschen laut hier, um sich zu unterhalten“, was ich an sensiblen Tagen schon mal als Kritik gegen mich verstehen kann, heute ist das allerdings in zweierlei Hinsicht anders. Es ist zwar ein sensibler Tag, aber ich fühle mich nicht in der Kritik, sondern darüber erhaben, weil gemocht –

– Während ich schreibe fällt mir die Analogie in der aufgenommenen Aussage zur Beschreibung meines eigenen Verhaltens auf. Der Rückschluss ist dabei aber der des Lesers in eigener Sache. Man findet in solchen Dingen selten die letzte Gewissheit. Dennoch kann ich jetzt guten Gewissens eigenmächtig feststellen, dass uns von diesem Zeitpunkt des Abends an, ein gemeinsamer Konsens begleitet, den wir zumindest für die nächsten Stunden nicht mehr infrage stellen werden.

Dass die erste Anlaufstelle kein Erfolg war, ist weniger schlimm, als die schwer zu beantwortende Frage, wo wir denn „stattdessen hingehen“ können.

Wir gehen erst einmal in Richtung Aachener Straße und setzen den behutsamen Einstieg unserer Unterhaltung fort. Wir werden an diesem Abend viel über das Schreiben, das Sprechen und unsere unterschiedliche Arbeit sprechen. Verbunden sind wir in der Sprache. Wir lieben die Reflexion und die Kommunikation. Wir fühlen uns verantwortlich, persönlich gebunden und stellen Fragen an das Verhalten in der menschlichen Interaktion.

Ich bin an dieser Stelle bewusst vorsichtig mit dem Wort ›Beziehung‹, das ja ein sehr ernst zu nehmendes ist! Das wissen wir beide. Auch, wie schwer es ist, das Zwischen im entscheidenden Moment und auf Dauer permanent zu verhandeln. Manchmal ist man die Schwierigkeit selbst, manchmal sind sie die anderen. Keine Variante macht es besser oder leichter. Es braucht immer beide in erster Instanz. Aber wir suchen, im Wissen, nicht den einfachen Weg, sondern den ehrlichen.

Den, für den man Mut braucht und den man geht, um aufrichtig zu bleiben. Prinzipien und Ideale sind unser Maßstab. Der, den wir an uns entwickeln und auch, wenn wir dabei im Prozess alltäglich an unsere auch physischen Grenzen stoßen. Manchmal fühlt man sich dann „schwer zu ertragen“, sagt sie und ich antworte so, wie meine gerade vor ein paar Wochen erst verstorbene Großmutter es früher vielleicht einmal getan hätte, hätte sie die Höhere Schule als Chance bekommen:

„Wenn du dich das nächste Mal nicht ertragen kannst, dann erzähle ich dir einfach eine Geschichte.“

– Mit Geschichte ist in diesem Fall natürlich vielleicht auch ein Märchen gemeint. So hart sind die Grenzen da für den Schreibenden nicht und für den Leidenden ist sowieso nur wichtig, dass man den Augenblick erträglicher fühlt.

Heute führt unser Weg zufällig am Sixpack vorbei, fast direkt an den Ort des Geschehens. An diesem Abend brauchen wir beide keine Geschichte, obwohl wir gerne erzählen!

***

Mittlerweile sitzen wir uns hier gegenüber

Ich sage zwischendurch und mitten im Satz einmal unsicher „ich verliere die Stringenz“ und vergesse zudem auffallend oft, was ich „eigentlich sagen wollte“ und weiß ja selbst, dass man sehr selten wirklich sagt, was man eigentlich sagen will. Auch nicht immer kann. Sie „weiß“ und bemerkt alles sorgsam und dass ich vielleicht doch noch etwas essen müsse an diesem Abend. Tatsächlich habe ich genau das heute vergessen. Manchmal stolpert meine Konzentration so auffällig und das könnte ursächlich auch darin physisch begründet liegen. Ich gebe ihr recht.

Das ist ihr sonst wichtig, aber nicht heute. Vielleicht bin ich auch überfordert mit unserem humanen Format und der Gänze. Doch entscheidend ist, dass das an diesem Abend keine wichtige Rolle spielt, weil wir keine Rollen spielen. Wir sprechen sehr viel und sehr intensiv. Ich habe manchmal die überflüssige Befürchtung, dass wir zu viel über mich und meine Arbeit sprechen. Wir sprechen auch viel über ihre. Und eigentlich sprechen wir viel über uns und das lässt sich nicht wiegen. Nicht immer so, dass es explizit wird, aber so, dass es implizit klingt. Und das tut man nur, wenn man Geborgenheit fühlt.

Wir teilen gemeinsam die Liebe zur Rhetorik und zum guten Gespräch, weil wir leidenschaftliche Menschen sind und große Emotionen kennen, aber der Größe wegen auch fürchten.

Die Sprache ist unsere Tarnung und in dem ›Wir‹ sprechen das ›Ich‹ und das ›Du‹ und die Stadt spricht durch uns durch. Sie spricht durch die Menschen und eigentlich sprechen die Menschen in der Stadt gar nicht mehr so viel miteinander. Alle reden darüber hinaus und möglicherweise mit allen und nur digital. Aber niemand spricht wirklich und wenn, dann sind Betroffene nicht selten irritiert und suchen die Flucht. Entweder physisch oder sie wenden ihren Blick in die Matrix und suggerieren, ihre ungeteilte Aufmerksamkeit passe zugleich in zwei Welten.

Einmal mehr muss ich an den einzigen Zukunftsfilm denken, der mich wirklich gepackt hat. Weil er so gar nicht weit weg schien und mittlerweile stehe ich im Gefühl oft mittendrin. Oder fahre in der Bahn auf der Grenze. – Da redet „Sie“ als System nur mit ihm, aber Vielen. Sie redet mit allen zur gleichen Zeit und er denkt, weil es nicht umgekehrt ist, sei er für sie genauso besonders wie sie für ihn ist, bis er es nur dachte.

Wir sind kommunikativ Handelnde und in der Realität, nicht in der Zukunft.

Noch nicht. Das wissen wir beide zu schätzen, weil wir die Probleme der Sprache der Gegenwart beim Gegenüber und in der geteilten Beobachtung gespiegelt erkennen. Wir geraten an anderer Stelle in Gespräche ohne Ausweg und stecken fest in der gemeinsamen Schwäche: Wir sind sehr nett. Vielleicht zu sehr. Bei aller Überzeugung des eigenen Handelns und der Selbstständigkeit im alltäglichen Leben sind wir davon überzeugt, dass man alleine nicht in der Welt bestehen kann und wollen den Fragenden antworten und den Suchenden helfen. Man kann aber niemandem helfen, wenn er sich selber nicht kennt und doch als Suchender sieht und sich dem Finden nicht stellt. Und man kann Fragen ein oder zwei Mal beantworten, danach ist es dann aber auch gut.

Wir kennen die Grenzen und Hürden der Sprache

Und wir erkennen sie im Verhalten bei uns und den anderen. Nicht als Helden geboren, weil wir gemeinsam nicht herrschen, sondern handeln: nicht alleine, zusammen – miteinander. Wir verhandeln Probleme in der Sache und in uns; durch uns durch. Mit uns sind wir stärker und das macht die Gewissheit jetzt aus. Und die Ruhe, die ungewohnt ist, weil ich mir unbekannt spreche, aber nicht fremd. Weil ich das Denken verliere und das – passiert selten und sonst nur, wenn ich schreibe.

An diesem Abend schreibe ich nicht. Wir schreiben schon. Erzählen uns. Manchmal an der Oberfläche und dann ganz bald schon darunter. Eingebrochen ins Eis verlieren wir die Luft nicht und vergessen das Atmen. Aber die Kälte dringt nicht an unser Herz und den Sauerstoff scheinen wir nicht mehr zu brauchen. Es herrscht nie Panik, sondern seltsam klare Gewissheit, dass es heute gut ist und das morgen noch keine Rolle spielt. Die Zukunft liegt uns nicht zu schwer auf den Schultern, sie ist – ganz im Gegenteil – leicht für den, der gewohnt ist, zu tragen.

Doch jede Arbeit braucht ihre Pause und wenn sie darauf kommt, was ich als Aussage eines Freundes seit etwa 2006 immer wieder mal mit mir herumtrage, dass die weniger Denkenden es einfacher in der Welt hätten, da gebe ich zu, dass das vielleicht so sein mag. Aber es sei ein mutiger Weg, den man einschlägt, wenn man sich bewusst dazu entscheidet, Entwicklung zu suchen, Erfahrung zu machen und schließlich den Maßstab an sich selber zu bilden.

Gleichwohl sollte man sich in Gesellschaft messen, aber nicht frustriert in die Welt blicken, an Tagen, wenn man manchmal am Eigenen scheitert: „Wenn man die ganze Zeit vorausläuft, braucht man sich nicht darüber ärgern, wenn man mal eine Pause braucht oder für eine Weile das Gefühl hat nicht vorwärts zu kommen“, sage ich etwas pathetisch und atme kurz durch. – „Man ist ja schließlich schon weiter, wenn man sich auf den Weg gemacht hat. Andere bringen den Mut dazu gar nicht auf und machen sich gar nicht erst auf den Weg.“

Ich glaube, mit der Aussage zu gefallen, aber darauf kommt es mir im Augenblick gar nicht an.

Wir sprechen darüber, dass man manchmal besser nichts sagen würde. Man sieht die Konflikte ja kommen und doch kann man die Dinge nicht unkommentiert lassen. Das liegt uns in der Natur. Den Streit müssen wir üben. Und es ist ja besonders die andere Meinung nicht nur zu kennen, sondern sie auch respektvoll zu behandeln und sie auch als unabhängige zu akzeptieren. Und man muss sich auch daran gewöhnen, dass man manchmal nicht im Konsens auseinander geht, sondern mit unvereinbaren Perspektiven. Das sagt sie. Es beeindruckt mich. Immer deutlicher wird an diesem Abend, was mir vor einiger Zeit schon einmal so klar war, dass es mir jetzt noch scharf unter die Haut fährt.

Es gibt die freien Momente, in denen sich die Menschen mit Würde und Haltung begegnen und sich darüber freuen, wenn sie sich in ihren Charakteren treffen. Die Strahlkraft solcher Augenblicke ist so groß, dass sie bleiben. Heute ist einer davon. Ganz ohne filmische oder anderweitige Dokumentation. Wir brauchen kein Selfie, um es mit anderen zu teilen, weil das, was hier ist, jetzt – sich im Gegenüber bestätigt und dazu keine Öffentlichkeit braucht. Und sie stellt fest, dass Menschen wie wir die Schrift nicht als Erinnerung brauchen. Es ist der private Rahmen, der sich durch diese Intimität zeigt. Wenn die spürbare Nähe so selbstverständlich im Raum herrscht, weil sie die respektvolle Beachtung der freien Individualität einer Einzelnen ist, die einem irgendwie ähnelt. –

Und dann passiert etwas inmitten unserer rege sich abwechselnden Stimmen und der zeitlichen Stille. Sehr leise klingend fällt ein Objekt auf den schwarzen Holzboden, der doch schon das Kerzenlicht so gierig schluckend absorbiert. Ihr Blick richtet sich vorbei an meinem rechten Bein und ich ahne was passiert ist noch bevor sie es ausspricht.

Der Ring mit dem sie in ihren Händen „gespielt“ hat ist aus ihren Händen geglitten und nun versunken im eigentlich doch verdichteten Erdreich der Bar. Sie ist kurz irritiert, ich bin es auch. Sie wird unruhig, ich sowieso und dann schaut sie und ich auch und wir finden nicht gleich wieder, was wir jetzt zunächst noch zurückhaltend suchen.

„Das passiert mir immer, wenn ich nervös bin“, sagt sie und ich bin es jetzt eigentlich auch, aber sage ganz nüchtern: „Es gibt doch gar keinen Grund nervös zu sein“, und das ist natürlich in der Situation irgendwie passend, aber vor allem auch an ihr vorbei. Es ist eine Schutzbehauptung und sie wirkt am nächsten Tag noch so distanzierend, dass ich mich jetzt noch deswegen unsicher fühle.

Das Problem wird durch den Satz ja weder ernst genommen, noch durch ihn gespiegelt und schon gar nicht gelöst. Und doch ist es situativ ja gut und vermittelnd gemeint. Wahrscheinlich hilft dem Gedanken jetzt nur, das Zitat im ganzen Kontext und im sich daran anschließenden Handeln zu begreifen. Wir suchen schließlich noch intensiver auf dem Boden: Dort, wo der Ring – das ist sicher – hingefallen ist. Die Richtung und der Verlauf der Bewegung, das alles ist unklar.

Ich gebe mein Bestes, um hier und jetzt zu bestehen

Sie sucht mit ihrem Handylicht. Mein Handy – ich weiß nicht mal, ob es Licht hat. Ich taste ein paar helle Punkte ab, aber – ganz ehrlich: Ich weiß da jetzt auch nicht, was wir machen sollen, wenn der Ring nicht irgendwie das künstliche Leuchten der Elektrizität reflektiert. Zumal sich mittlerweile schon drei oder vier Leute in die Suche freiwillig eingeschaltet haben.

Wir bleiben leider erfolglos. Ich glaube, ihr ist die Sache irgendwie auch etwas unangenehm und sie sagt, dass der Ring so kostbar nicht sei. Kein so „wertvoller Ring“. Ihren Augen nehme ich diesen Wortlaut nicht ab, aber ich weiß diese höfliche Zurückhaltung durchaus sehr zu schätzen. Bescheidenheit gefällt mir, weil ich sie oft ja vermisse! Schließlich gibt sie den Ring verloren und ich gehe auf die Toilette.

„Vielleicht finde ich den Ring ja dort“, sage ich erneut etwas nüchtern, doch was wenig empathisch erscheint ist sehr viel optimistischer gemeint als es klingt.

Ich will aber natürlich auch keine Hoffnungen schüren, wo ich selbst keine habe. Hoffnung nicht, aber Optimismus und eine positive Art, dafür bin ich bekannt – zumindest gefalle ich mir damit am besten. [– Deshalb schreibe ich das hier auch auf.]

Und als ich kurze Zeit später den Weg vorbei an der Theke zurück bis zum Tisch gehe, sehe ich links neben dem Hocker den Ring, nehme ihn schweigend auf und lege ihn still auf den Tisch. Es folgt liebliche Freude und eine Frage und ich gestehe, dass ich das Schicksal gebraucht habe, um mich zum Helden zu machen, weil mir der Lorbeer als Antrieb und der Triumphzug als Feier doch immer schon zu bitter waren.


Kurze Zeit später verlassen die gemeinsamen Helden der Handlung den Raum.

Gegen Viertel nach sieben gestehe ich „Geographie ist nicht meine Stärke“, und ich bin eigentlich ganz froh, erst einmal ein paar gemeinsame Schritte an der frischen Luft zu machen, – nachdem wir uns so lange nicht gesehen und auch nicht gesprochen haben.

Später werde ich sagen, dass die Geographie nur ein spielerischer Kommentar gewesen sei. Es verwundere mich nicht, dass wir uns ein wenig verlaufen hätten und nicht sogleich auf den geplanten Weg fanden. Ich sei schlichtweg nicht so sehr interessiert an der alleinigen Führung und sie sei schließlich ja abgelenkt gewesen, ihrer Begleitung wegen, womit ich natürlich selbstüberhöhend nicht nur vermeintlich über mich selbst als Figur spreche, sondern mich als Person eigentlich meine.

Was sie natürlich sogleich durchschaut, ohne es gleich zu benennen. Ich baue die abstrakte Figur eines Puppenspielers und gebe ich mich so zu erkennen. In beiden Instanzen. Als sprechender Spieler und als spielender Sprecher. Vielleicht als Erzähler und Autor im Wortlaut und doch auch als Mensch bestimmt durch die Sprache und sehr subtil in der Stimmung: sie schimmert, wie die Maserung des Holzes unter der Haut unserer heute gemeinsam frisch geschnitzten Marionette, die wir nun glücklich in die Freiheit entlassen.

„Abgelenkt waren wir wohl beide“, sagt sie dann und wir gehen zur Bahn und ich habe die Zeit nicht vergessen, die es gebraucht hat bis hierhin. Doch Zeit ist mir so nicht wichtig. Weil der Moment überdauert, wenn die Figur ihre Beine bewegt und das Laufen sich zum eigenen Stil formt. Ich verliere noch einmal kurz die Orientierung im Glück. Will bei grün über die Straße. Die falsche. Sie hält mich zurück. Die Linie 7 passiert uns. Dann ist alles kurz ruhig und ich vergesse das Morgen, das Planen und Denken.

Ich spreche nicht mehr und gebe mich so jetzt ganz zu erkennen

Entlarve die Phrasen. Bekenne die Worte, die ehrlich gemeint sind und verstecke mich nicht mehr in trainierter Rhetorik. Ich bin kurz still und spreche sehr laut. Meine Sprache verbirgt als Maske doch nur, was da eigentlich ist. Auch jetzt noch. Keine Struktur, sondern Chaos und große Empfindung. Nicht bloß für das Große, viel mehr für die Details, die manchmal, wie heute, so viele werden, dass ich plötzlich vor Müdigkeit gähne. Ich gebe meinen Schutzreflex jetzt zu erkennen und gestehe: Ich habe Angst…

„… aber das brauchst du doch gar nicht.“


Kein Text gibt ein Gespräch wieder und ersetzt die persönliche Begegnung. Und doch schafft er die Stellvertretung für die besondere Zeit der gemeinsamen Unterhaltung und der ehrlich geteilten Aufmerksamkeit. Dafür nichts weniger als dankend.

Der Autor