Zwischen den Zeilen sammeln sich gelbe Markierungen und Seite für Seite kommen Dinge hinzu, andere fallen weg. Wer aufmerksam liest, nimmt das abstrakte Gegenüber ernst. Das ist eine Frage des Respekts. Das Gefühl, dass man zu wenig gelesen hat, das bleibt und wächst täglich. Dennoch kommt mit jedem geschlossenen Buchdeckel auch die Gewissheit hinzu, dass man immerhin ein nächstes Kapitel hinzugefügt hat – und man muss ja schließlich selbst auch immer wieder mal etwas schreiben. Und auch der Tag eines Autors hat nur 24 Stunden. In Worten: Vierundzwanzig.

Tatsächlich ist es so, dass mir das Klackern der Tastatur fehlt, wenn ich ein paar Tage aus dem Haus bin. Unterwegs fällt mir das gar nicht so auf. Aber wenn ich dann wieder am Schreibtisch sitze und die Finger auf die schwarzen Plastiktasten lege, dann kehrt eine gewisse Beruhigung ein. Manchmal schreibe ich ins Blaue hinein. Da fällt mir heute mal wieder Kommentar einer Professorin ein: „Vielen Dank für Ihren impressionistischen Vortrag.“ – Ich bin noch immer froh, dass ich im Plenum saß und nicht gemeint war. Obwohl es eine große Kunst ist, eine Situation sozial so würdevoll zu vermitteln, dass alle Beteiligten gut in der Sache aussehen, ohne ein kritisches Bild zu verhindern.

Foto Tagebuch 10. September 2019

Ich schreibe also manchmal ins Blaue hinein und manchmal plane ich sorgsam. Das wissenschaftliche Schreiben ist eine ganz andere Geschichte. Da wird jeder Satz noch einmal völlig anders geprüft. Es geht um die Rhetorik, die klare Argumentation und schließlich die gleichzeitige, fluide Vermittlung durch eine grammatisch sauber klingende Sprache. Manchmal ist das ein sehr radikaler Prozess, weil es am Ende um das reine Kondensat geht – nicht um den Weg ans Ziel. Da werden Sätzen gestrichen, Kapitel verworfen und nicht zuletzt Kompromisse zu Gunsten der Sache gemacht. Man stellt das Eigene hinten an, bestenfalls spielt es gar keine Rolle. Der Körper bleibt allerdings immer die Bedingung des Schreibens. Soweit würde sicher auch der gute Foucault mir zustimmen – hoffentlich.

Das literarische Schreiben ist anders. Es gönnt mehr Raum. Lässt einem freieren Lauf in der Handlung und die Figuren müssen sich nicht durch Fußnoten beweisen, sondern durch ihre widerspenstigen Stimmen und ihre eigensinnige Sprache. Dennoch passiert auch hier nicht alles aus dem Nichts. Je länger eine Geschichte einen begleitet und je konkreter der Text wird, desto mehr entsteht drumherum. Da liegen Entwürfe, Textfetzen, Fragmente und Zeichnungen. Hier ist was als Sprachmemo aufgezeichnet, dort findet man Fotos in der Cloud, die für diese oder jene Szene eine Erinnerung sein sollten. Irgendwann schreibt man dann das Kapitel endlich und hat die meisten Vorarbeiten gar nicht mehr direkt auf dem Schirm, aber irgendwo im sog. „Hinterkopf“ – das Schreiben ist und bleibt ein seltsamer Prozess des Atmens durch Zeichen.

Ich setze mich noch einmal an den Schreibtisch und gebe mich dem Klackern hin. Mal sehen was heute noch kommt. Es muss ja nicht immer gleich die Erfüllung des großen Konzeptes sein, die den Körper und die Figuren auf dem Weg dorthin trainieren.