Foto Lesebestätigung

25.05.18

To
Clemens Fuhrbach

From
Dubrovnik

Altstadt – Gemäuer – Klippen – Fels – Meer – Meer – mehr Meer – Pivo – Fisch – Boot – Sand – Salz – Haut – Sonne – Risotto – Balkon – Würfel – Ausblick – Stiche – Katze, Hund – Frechheit. Patka.

[BILD]

[Briefmarke, 5,80(?) – HRVATSKA –
Briefumschlagsymbol]

***

Postkarte ist: S/W, Grautöne, Gebäude hell; Rückseite bedruckt und beschriftet, adressiert, Briefmarke (4c), Stempel und Postzeichen in Neonorange.

Maße: 10,5 x 15,5 cm

Zu sehen: Hafen, Segelboote, kleinere Motorboote, altes Fort o.ä., Befestigung, Häuser, mehr kleine als große, Kirche (?); links fährt ein Boot in Richtung Norden – oder Süden; oder Westen. Also auf der Karte “nach oben” – nicht geographisch gesprochen.

Foto Lesebestätigung

 

Mauerstücke

  1. Stein
    Wir laufen jetzt seit gut zwei Stunden durch die Altstadt von Dubrovnik und die Sonne brennt dermaßen, dass man froh sein kann, wenn man nicht Hauttyp 0 oder 1 ist. In der analogen Welt gibt es ja immer mehr als die Schalteroption. Mehr als “An” oder “Aus”. Es ist ein fließender Übergang in der wirklichen Welt: Sonnenbrand oder nicht? Sonnencreme ist eine wunderbare Erfindung. Sie ist die Verzögerung, die ich jetzt brauche, um später nicht knallrot auf Insta zu gehen. Das wäre irgendwie unentspannt. Egal welcher Filter. Follower sehen, wenn die Haut spannt. Da hat keiner Bock drauf, auf so Probleme. Das ist too real. Man ist für die Sonne geboren – oder eben nicht. Gilt auch für Insta.
  2. Stein
    Ich habe meinen Hauttyp in den letzten Tagen durch tägliches eincremen um mindestens eine Stufe (sehr wohlwollend) gesteigert. Ich müsste nun also in etwa bei zweikommafünf sein. Allerdings nur an manchen Stellen und ich laufe natürlich nicht permanent nackt durch die Altstadt. Was in der Vorstellung, wäre es doch so, zwar seltsam bis lustig wäre, aber es würde die Blicke nicht nur auf mich ziehen. Sie würden sich sicher auch auf meine Gefährtin1 richten. Die Irritation wäre groß. Zu groß. Obwohl das Wetter hier Sauna ist. Keine Frage. Doch das wäre too real. Sowieso, zwei; und auch für Insta.
  3. Stein
    Klar, – wir2 kennen uns so. Aber so3 kennen wir4 uns dann doch nicht. Wir könnten beide dem ganzen Körper die volle Sonne ganz natürlich gönnen. Ganzkörperbraun. Aber auf Insta später zensiert. Oder gleich. Oder Konto gesperrt. Oder wir malen was drüber. Zu viel Haut ist schließlich – zu viel Haut. Zensur. Ganz ohne Filter. Nicht wegen der Hautfarbe, aber wegen der Geschlechter. Nicht das Braun. Aber die Geschlechter. Das geht zu weit. Zensur. Weil man die Grenzen in ihrer Aufhebung markiert. In beiden Welten ist das – scheinbar – irgendwie strafbar. Ich frage mich jetzt gerade sehr kurz, ob es da ein Nudisten-Insta im Darknet gibt. Aber da gehe ich nicht hin. Entgegen der Neugier. Das ist mir too real und gefährlich. Das wäre mir deutlich zu Porno. Und Porno ist ja noch mal was anderes. Es gibt das bestimmt. Beides. Irgendwo. Irgendwo da draußen – oder ist das eher drinnen? Es ist ja im Smartphone oder im Computer oder so. Irgendwo. Digital.
  4. Stein
    Wir sind hier nicht unter Nudisten unterwegs und schätzen die Kleidung. Sie bewahrt uns so etwas wie Intimität. Symbolisch. Natürlich nicht wirklich. Intimität ist ja auch irgendwie eher drinnen. Im – ja wo eigentlich? Also man kann sie nicht einfach dazukaufen oder so. Sie entsteht, existiert oder ist einfach da. Als Gefühl und Vertrauen. Unsere Kleider machen das nicht. Sie kommen von Amazon oder Zalando. Da gibt es keine. Ich hab eben noch einmal nachgeschaut. Kunden, die T-Shirt kauften, kauften auch… Hose oder so. Keine Intimität. Ich hab danach gesucht. Kein Treffer. Vielleicht ist das die Lücke. Google wird sie bald aber füllen. Dank künstlicher Intelligenz. Ich habe den Algorithmus ja eben gefüttert.
  5. Stein
    Vielleicht sind Lücken wie Fugen. Ich bin kein Maurer. Aber Mauern auf Lücke ist doch eher gefährlich. Statik und so (provoziert Glück & Co.) – da muss man seriös bleiben und handeln. Festigung. Zusammenhalt schaffen. Zwischen den Steinen ist Mörtel. Oder Zement. Aber wie? Fertigung. Wohl eher im Winter! Die alten Gemäuer hier sind echt ultra heiß. Man kann sie nicht anfassen, sich nicht draufsetzen und wenn man an ihnen vorbeiläuft, muss das schnell gehen. Obwohl, – eigentlich nicht. Es ist hier so viel Stein vor der Küste, bis runter zum Hafen, dass es keinen Unterschied macht, wo man sich am Stein befindet oder auf ihm und wie schnell man wirklich darüber läuft. Heiß ist heiß. Das ist sicher. Der Ofen hat Ober- und Unterhitze. Manchmal auch Umluft. Schweißtreibend bleibt es so oder so. Schlussfolgerung und Fazit: Mein Opa war Maurer. Vielleicht habe ich da doch was gelernt. Vielleicht ist da doch noch eine (nur noch eine?) Lücke zu schließen. Forderung: Schönwettergeld!
  6. Stein
    Abkühlung verschafft nur ein Sprung von den Klippen. Aber wir trauen uns nicht. Beide. Beide nicht. Der Fels ist zu hoch und irgendwie steinig. Gut, man kann ihm das nicht vorwerfen. Was und wie er ist. Er ist ja nicht gemauert, sondern gewachsen. Fels ungleich Stein (im engeren Sinn). Gewachsen, so wie er ist. Er kann nichts dafür. So wie er ist. Heiß oder hoch, hart und/oder herzlos. Vielleicht würde er auch gerne mal den Absprung machen. Aber er kommt halt nicht weg. Kann nicht einfach so im Meer versinken. Nicht freiwillig. Nicht aus Lust. Nicht vor Erschöpfung. Nicht, um dann einfach wiederaufzutauchen. Ganz unverhofft. Gegen die Schwere. Gegen die eigene Zeit. Er schultert stattdessen und wacker die gesammelten Abtragungen seiner verstorbenen Brüder und Schwestern, muss stark sein und ist schlichtweg dazu bestimmt, sie und sich und die ganze Stadt vor dem Untergang zu bewahren. Das ist seine Funktion. Es drückt ihn nun von oben hinein in das Meer, aber er geht nicht unter. Er stämmt sich dagegen. Wie die orangefarbene Rettungsweste. Tapfer. Und v.a.: „alternativlos“.
  7. Stein
    Wir hatten eben kurz überlegt, ein Eis essen zu gehen. Gegen die Hitze. Oder wegen. Aber aus der Gaststätte mit Restaurant und Weitblick – mehr Meer geht wirklich nicht – hatte es einfach zu gut und aus der Küche gerochen. Kurzerhand setzten wir uns dann an einen der schüchternen Tische. Blasse Karten an Salz und Pfeffer. Holz vom Alter gezeichnet. Und von der Sonne. Wie wir. Heute und dann. Hier kein Sonnenschirm oder -schutz. Sonnenstich sicher! Sonnenstich? Sicher. Erklärung für leichten Sonnenbrand am Abend jetzt schon fix. Aber die Geschichte geht noch etwas weiter. Hier und heute.
  8. Stein
    Als wir da so in der Sonne saßen (oder sitzen, spätestens hier ist das Tempus egal) und sorgfältig am leichten Rot für den Abend arbeiteten – passiv, eigentlich wurden wir ja bearbeitet, behauen vom Licht und der Hitze, – da kam oder kommt eine fast noch junge Frau mit zwei Flaschen in der Hand aus dem Haus auf uns zu. Sie brachte uns, wie aus dem Nichts, ganz offensichtlich und unaufgeregt nüchtern sehr kaltes Bier. Eines, für jeden*n. Also zwei. Erinnerungen an Andiland waren spontan und sofort da, obwohl ursprünglich woanders und lange her, sehr. Jeden Tag länger, aber im Denken daran immer zeitlos. Es waren damals und heute braune Flaschen in der üblichen Form, aber etwas variiert. Prickelnd feucht wie – bekannt aus der Werbung. Etiketten waren darauf. Aber variabel in der Positionierung, durch die Feuchte des schmelzenden Eises, das zur Kühlung bestimmt. Oben auf Kronkorken. Aber schon halb geknickt. Flaschen geöffnet. Ohne Gläser. Keine dritte Hand frei. Nur das Nötigste. Wir sehen heute offensichtlich noch immer sehr durstig aus. Und irgendwie deutsch. Die fremde Frau begrüßt uns hier und jetzt freundlich. Glasklares Deutsch in anderem Land. Keine Fata Morgana und vor dem Alkohol! – Und wir? Wir staunen. Nicht schlecht. Wir staunen nicht schlecht und die Erklärung kommt prompt: Sie hat mal ein paar Jahre in Köln gelebt, als hier alles nicht so einfach war. Als Kind, Kindergarten, Schule und dann hatte sie ein Studium angefangen, sich im Urlaub in der Heimat verliebt und in sie. Jetzt ist sie für immer noch da. Hier, also am Hafen. – Und wir wussten längst, warum sie geblieben war. Sie brachte zwei Pivo und setzte sich zu uns. Und sitzt noch da.
  9. Stein
    Wenig später kam ihr Mann als Koch aus der Küche. Er brachte zwei Teller mit frischem Fisch, Reis und etwas Gemüse. Und mit einem Lachen im Gesicht. Er folgte seiner Frau zu uns nach draußen. Wir aßen gemächlich und es ist wirklich erstaunlich: Wir hätten nicht gedacht, dass auch unser Lachen an diesem Tag noch steigerungsfähig gewesen wäre, aber im Urlaub erlebt man die tollsten Dinge. Sie erzählten uns ihre Geschichte. Fragmentarisch. So, wie sie uns an unsrige erinnerte. Und wir kamen uns für einen Augenblick gleich vor. Aber in zwei Welten, die nicht gegeneinander sind. Obwohl wir aßen und sie nicht, waren unsere Rollen alles andere als wichtig. Ein wenig gemeinsame Sprache wohl schon. Aber nur, um zu sehen, wie wir darüber hinaus miteinander verstanden durch andere Nähe und Empathie vergleichbar der Hitze. Das Essen war großartig und die Gesellschaft auch. Wir verquatschten uns eine Weile, ehe die ersten Gäste zum Mittag kamen. Wir waren offensichtlich früh dran gewesen und hatten so den ersten Fisch des Tages gleich vom Boot bekommen. Das war unser Highlight. Kollektiv. Ohne Filter und ganz ohne Insta. Was für eine verrückte Story?!
  10. Stein
    Am Abend saßen wir erschöpft im Hotel. Wir spürten den Sand in den Ritzen. Und in der Kleidung. Überall. Und wir schmeckten das Salz auf der Haut und spürten die Kraft aus der Sonne, die schon eine ganze Weile vor uns untergegangen war. Wir schmeckten noch einmal das Risotto vom Mittag auf unseren Lippen und sprachen durch unsere Stimmen hinein in die Fremde, hinaus in die Nacht. Einsam und glücklich, weil zusammen von unserem Balkon. Wir verstanden nicht, was wir da taten. Und was die letzten Wochen und Monate passiert war. Schon gar nicht die Jahre. Aber wir waren immer noch hier. Und jedes Mal neu. Und wieder waren am letzten Abend vor der Abreise die Würfel für diesen Ausblick gefallen. Unterstanden den Sternen im Pasch. Spürten Schnuppen wie Stiche und waren in der Summe der kleinste gemeinsame Teiler; – statt höherer Mathematik.
  11. Stein
    Katze, Hund oder irgendein anderer Hahnenersatz riss uns bellend aus dem Jammer des Abschieds. Kurz vor unserer Abreise erfuhren wir dann, dass etwas am Flughafen kaputt sei und wir könnten nicht mehr zurück nach Deutschland. Heute nicht, morgen wahrscheinlich auch nicht und übermorgen vielleicht, aber das sei nicht sicher. Manch einer hätte das für eine Frechheit gehalten. Keine feste Terminierung zu geben. Uns war es egal. Wir riefen in der Firma an, aber erreichten keinen. Ich schrieb in unseren Familienchat, dass hier alles gut sei, so gut sogar, dass wir verlängert hätten. Unfreiwillig. Vielleicht also zwangsweise, aber „man muss auch mal zum Glück gezwungen werden“ kam als direkte Antwort. Wir machten ein paar Selfies mit dem großartigen Wetter und dem besten Blick hinaus auf das Meer und ich schickte ein paar Emojis dazu. Hauttyp 5, ich neige zur Übertreibung, aber durch die Bilder hatten sie zu Hause ja den Vergleich und wir würden das alles ausdiskutieren, wenn wir mit dem nächsten Flieger wieder nach Deutschland kämen, sie uns abholten und in unsere Wohnung brachten, mitten in der Stadt, ein paar Meter weg vom Rhein, wahrscheinlich bei ganz gutem Wetter, aber eben in Köln.
  12. Stein
    Schließlich gingen wir heute wieder mittags runter zum Hafen und sprachen mit einem anderen Mann und seiner Frau. Er sagte, sie seien jetzt fast auf dem Weg, aber sie könnten noch Verstärkung brauchen und wir sähen so jung aus und das wäre sicher eine spannende Reise. Dann sprach die Frau zu ihrem Mann. Sie wollten uns einfach mitnehmen. Für einen Tag. Ganz einfach. Jetzt sofort. Wir kauften von dem letzten Geld in unseren Taschen noch ein paar Vorräte und stiegen auf das Segelschiff. Wir wussten, dass es länger dauern würde, aber auch, dass es nicht schief gehen könne. Wir würden schließlich wie immer nur unser Leben riskieren. Wir fragten nicht wohin es gehen sollte, aber ich, wie das Boot hieß. Da sagte er “Patka” und es fühlt sich so gut an. Hier, am Hafen. Dass wir vielleicht sogar bleiben. Zumindest bis die Sonnencreme leer ist.

Anmerkungen

  1. Die Grammatik der Geschlechter kann hier wahlweise und nach Gusto getauscht werden.

  2. Gesperrt.

  3. Gesperrt.

  4. Gesperrt.