Ich war neulich im Auto unterwegs. Wir wollten kurz halten. Haben wir aber nicht; nicht geschafft. Wollten nach Hause. Unbedingt. Ich wollte trotzdem kurz, nur kurz fragen, wer in dem Haus wohnt und ob man sich vielleicht mal treffen könne. Jetzt oder in baldiger Zukunft, wenn wir wieder hier lang kämen. Aber die anderen1 sagten, das sei eine blöde Idee und sowieso sei hier nicht damit zu rechnen, dass man mit offenen Armen empfangen würde. Hier sei nicht das Land der offenen Haustüren und fehlenden Schlösser. Schlösser fehlten mir nie. Das stimmt.

Ich zweifelte und wusste, dass das Hier dünnes Eis war. Aber ich forderte vehement weiter, weil ich nicht sehr an der asphaltierten Richtung hing. Im Verständnis für Passivität als Notwendigkeit wünschte ich, etwas abseits zu sehen und etwas anderes zu probieren. „Die Entdecker, – sind ja auch ins Risiko gegangen“, warf ich ein und beide Personen im Auto schüttelten den Kopf. Sehr synchron, – übrigens. Mein Einwand, es ginge ja nicht um ›Amerika‹ oder ›Indien‹, sondern um „Deutschland” und das sei ja im Prinzip schon entdeckt, blieb unbeachtet. Nach einer Pause schob ich hinterher: „Schon oft übrigens“, aber wusste gar nicht genau, was ich meinte, wenn das Land immer fremd geblieben war.

Man müsse es vielleicht gar nicht ent- sondern nur auf-decken, so wie man sich morgens aufdeckt, bevor man aufsteht und Kaffee kocht, vielleicht eine Kleinigkeit isst und dann zur Arbeit geht. Auf meine Erweiterung2 sagte der Beifahrer, er frühstücke gar nicht, gehe aber zur Arbeit. Gerade deshalb frühstücke er auch nicht, damit er rechtzeitig vor den Kollegen da sei. Die würden „einige Zeit liegen lassen“, sagte er und meinte damit wohl den Umweg über die KITA. „Ich schaffe das gar nicht“, kam dann bestätigend vom Fahrer. Ich verwies diesen darauf, wie man es nicht schaffen könne, vor der Arbeit zu frühstücken, wenn man nicht mal einen Weg dorthin habe, weil man zu Hause sein Büro habe.

Die Antwort war der Bäcker, der vor einigen Wochen insolvent gegangen war. Das Backwerk war drei Minuten weiter, aber kein Grund, überhaupt aus dem Haus zu gehen und ohne Brötchen kein Frühstück. Essen war später dann der gute Grund: Als die Sonne unterging, hielten wir bei Burger King, was schließlich gar keiner war, sondern McDonald’s. Wir hatten zwar vor, bei Burger King zu halten, aber es kam einfach Kilometer weit keiner. Wir schimpften kurz über die Burger und ich aß auch gar keinen, sondern bestellte mir nur einen Kaffee, der groß größer war als erwartet. Dass es schon später Abend war, schien mir dabei nicht in den Kopf zu kommen und an Schlaf war wohl die nächsten Stunden nicht zu denken.

Ich ärgerte mich über die verpasste Chance und bemerkte nicht, dass die Frau, die meinen Kaffee zubereitete, die Tür vorhin gar nicht hätte aufmachen können, weil sie eben hier ihren Dienst tat. Ihr Mann war schon seit mehreren Wochen auf Montage und die Kinder „aus dem Haus“, was hier in der Regel bedeutete: In der Stadt, irgendwo, wo es größer ist und „Hauptsache was los!“ – In der Scheune standen noch fünf letzte Rinder, die „für Burger zu gut“ waren. So hatte es Heinz stolz gesagt, als er ging und nicht mehr wiederkommen sollte.

Hinweis an BM: Dieser Dialog ist keine Nacherzählung und frei erfunden. Ich bitte Dich (sonst fällt es ja niemandem möglicherweise auf) alle möglichen Parallelen nicht auf die Wirklichkeit zu übertragen.

Hinweis an mich: Dieses moralische Kalenderblatt habe ich in sozialen Medien geklaut. Wo und wann, das weiß ich gar nicht mehr. Ich denke auch nicht, dass es dort jemand vermisst. Was ich bemerkenswert fand, als ich die Geschichte las, war, dass der Schreiber wohl offensichtlich ein großes Mitteilungsbedürfnis für seine Geschichte verspürte. Natürlich wusste man nicht genau, ob (a) eine Belehrung durch die Fabel im Märchen erfolgt oder ob (b) die Handlung wirklich so geschehen war. Aber bemerkenswert erschien mir (c) wie offen er sprach. Seine Freunde mussten sich doch darin erkennen oder zumindest wissen, wer aus dem Freundeskreis gemeint sein könnte. Für die räumliche Empirie sprach, dass zu seinem Post Geo-Daten hinterlegt waren. Sie stimmten zwar nur in etwa mit der Erzählung überein, denn er brauchte ja eine Weile von der Fertigung des Fotos und Finden des passenden Filters bis zum Posten des Beitrags später im Restaurant, aber es wäre ein Leichtes gewesen, den Weg zum Haus zu finden. Das Haus an dem ich jetzt klopfe.

 

Anmerkungen

  1. sic!

  2. ›Amplificatio‹ sagen Experten dazu. Experten sind manchmal auch vom anderen Geschlecht oder Frauen. Das geht mich aber nichts an.

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