Flugverbindung von Köln oder Dortmund nach Kattowitz mit Wizzair

„POETUS LITERARUS“. Heinrich Böll zum 100. Geburtstag

Konferenzreise – Vom 18. bis zum 21. Oktober hatte ich die Möglichkeit, finanziert durch ein Reisestipendium im Programm a.r.t.e.s. international – for all der a.r.t.e.s. Graduate School for the Humanities Cologne, meine erste Konferenzreise seit Projektbeginn im letzten Herbst 2016 aufzunehmen. Anlass der Reise war die von der Schlesischen Universität Katowice organisierte Tagung POETUS LITERARUS“. Heinrich Böll zum 100. Geburtstag, die am 19. und 20. Oktober in der Biblioteka Śląska stattfinden konnte und an der ich mit meinem Beitrag Der private ›Böll‹ als Autor der Öffentlichkeit aktiv gestaltend teilnahm. Der Vortrag mit anschließender Diskussion (sowie Publikation 2018) bot einerseits die Möglichkeit, einem Fachpublikum erste Ergebnisse meiner Arbeit vorzustellen, andererseits war es für mich ein erster erreichter Meilenstein in der Projektarbeit. Besonders das Kennenlernen durch intensive Gespräche mit Kollegen*innen aus Deutschland und Polen sowie die Kontaktaufnahme mit wichtigen Vertreter*innen der Böll-Forschung und verschiedener Interessengruppen (Heinrich-Böll-Stiftung, Erbengemeinschaft) waren, neben den zahlreichen Vorträgen, grundlegend für weitere Kooperationsmöglichkeiten.  Damit war das Ereignis insgesamt nicht nur inhaltlich erfolgreich, sondern bleibt als positive Erfahrung in Erinnerung.

Erste Eindrücke aus Kattowitz

Die Stadt Kattowitz liegt im Süden Polens und ist mit ca. 300.000 Einwohnern als Hauptstadt der polnischen Woiwodschaft Schlesien ein vom ständigen Wandel geprägtes, wirtschaftliches und kulturelles Zentrum. Die Anreise ist dank einer kostengünstigen Verbindung von Köln oder Dortmund mit der Airline Wizzair und einem ebenso preiswerten wie unkompliziertem Bus-Transfer vom etwas abgelegenen Kattowitzer Flughafen in das Stadtzentrum (ca. 40 Minuten Fahrt) völlig unkompliziert. Preise für Unterkunft und Lebenshaltung sind insgesamt etwas günstiger als in Deutschland.

Schlesisches Museum (Katowice) – Der Neubau des 2014 fertiggestellten Museums wurde von den Architekten Riegler und Riewe aus Graz geplant und liegt in der Kulturzone der Stadt. Das neue Museum wurde auf dem Gelände des alten Bergwerks errichtet und umfasst Ausstellungen u.a. zur Malerei von Künstlern*innen aus Polen von 1800 bis in die Gegenwart und eine herausragende Ausstellung zur historischen Entwicklung und Geschichte Oberschlesiens (zur Website des Museums).

Die Stadt ist etwas kleiner als Köln und weist, neben einer deutlichen Atmosphäre der Gastfreundschaft, besonders in ihrer Architektur eine spürbare Spannung des Übergangs und des beständigen Wandels auf. An fast jeder Ecke wird irgendwo neu gebaut oder Altes restauriert. Als ehemalige Bergbaustadt ist das Stadtbild geprägt von der vergangenen Industrie- und Arbeiterkultur einerseits, andererseits hat auch hier die Zeit des Sozialismus ihre architektonische Handschrift hinterlassen. Bergbau und Schwerindustrie sind heute Vergangenheit. Es entwickeln sich neue Strukturen der Dienstleistungsbranche, Elektroindustrie und Informationstechnik. Gleichzeitig ist Kattowitz als Studentenstadt auch ein universitäres  Zentrum.

Universitäre Zusammenarbeit

Die Germanistik der Schlesischen Universität Katowice und das Institut für deutsche Sprache und Literatur I an der Universität zu Köln arbeiten seit diesem Jahr im Rahmen von ERASMUS zusammen. Da die gesamte Tagung in der Biblioteka Śląska stattfand, hatte ich während dieser Reise leider (noch) nicht die Möglichkeit, die Universität selbst und das Institut der Germanistik zu besuchen. Wir haben uns aber während der Veranstaltung gegenseitig darauf verständigt, dies zu einem späteren Zeitpunkt nachzuholen. Insgesamt zeigten sich bereits im Verlauf der Tagung Potentiale des Standortes sowie einer möglichen wissenschaftlichen Zusammenarbeit auf europäischer Ebene.

Tagungsort: Die Schlesische Bibliothek (Biblioteka Śląska)

Allgemeines zur Tagung

Die Tagung begann am Donnerstag zunächst mit der obligatorischen Begrüßung sowie der Ausstellungseröffnung. Nach den üblichen einleitenden Worten des Dankes wurde die Tagung durch Leszek Żyliński (Toruń) mit dem Vortrag „Der ethische Realismus Heinrich Bölls“ eröffnet. Żyliński  betonte die besondere Form des Böllschen Realismus, indem er zeigte, dass dieser über seine eigene Faktizität hinausreiche und dadurch eben kein Realismus im klassischen Verständnis sei. Darüber hinaus betonte er die besondere Gebundenheit der Autorschaft Bölls. Als Autor habe dieser das Schreiben als „demokratische[n] Vorgang“ und den Schriftsteller als „Bruder“ in Abhängigkeit des „gesamten Personals“ verstanden. Einmischung sei entsprechend eine ständige humanitäre Verpflichtung. Dadurch wurde m.E. nach auch deutlich, dass die Zeitgenossenschaft Bölls keine Räume für einen Rückzug des Einzelnen vorsieht.

Im Anschluss an den Eröffnungsvortrag folgte der erste Vortragsblock der Tagung. Paweł Zimniak (Zielona Góra) sprach auf Grundlage einer systemtheoretischen Vorlage (Luhmann) unter dem Titel „Leidende Körper“ zum Körper als systematischen Grenz- und Erfahrungsraum. Arletta Szmorhun (Zielona Góra) sprach zum Thema „Kirche und Gewalt. Heinrich Bölls De(kon)struktion des institutionellen Katholizismus“ und entwickelte ihre Ausführungen zur Darstellung von Weiblichkeit und struktureller Gewalt auf einem Gewaltbegriff nach Johan Galtung. Daran anschließend hatte ich zum Abschluss des ersten Vortragsblocks die Möglichkeit, meinen etwa 20-minütigen Vortrag vorzustellen. Im Abendprogramm wurden die jüngst erschienen Kriegstagebücher (Manchmal möchte man wimmern wie ein Kind, Kiepenheuer & Witsch: Köln 2017) durch René Böll einführend kommentiert und von Volker Venohr auszugsweise gelesen.

Eigener Vortrag

Wie schon im Schreib- und Arbeitsprozess während meiner Examensarbeit, war auch die Zeit zur Genese des Vortrags wieder eine sehr intensive. Ich hatte dieses Mal das Glück, in den zwei Wochen vor der Tagung vergleichsweise frei von Nebengeräuschen schreiben und arbeiten zu können. Dadurch war es gut möglich, in strukturierten Etappen effizient, aber ohne Hetze ans Ziel zu kommen. So war mein Skript bereits am Wochenende vor der Tagung grundlegend fertiggestellt und konnte noch zwei Tage ruhen. Montags konnte ich dann in die redaktionelle Korrektur einsteigen, sodass vor Kattowitz noch die notwendigen Leseübungen und Kürzungen erfolgen konnten. Dadurch war das Skript zum (ersten) Vortrag von präziser Länge, ausreichend strukturiert, sprachlich anspruchsvoll und dabei gleichsam verständlich. Mein Thema sowie meine ersten Ergebnisse konnte ich entsprechend zumindest skizzenhaft in wichtigen Punkten präsentieren. Hilfreich war es, dass mir das Lesen wie der Umgang mit Stimme und Mikrofon bereits aus anderen (auch literarischen) Kontexten vertraut war.

Eingang mit Tagungsplakat (Biblioteka Śląska)

Zweiter Tagungstag

Den zweiten Tag eröffnete ein Beitrag René Bölls zur Geschichte und historischen Entwicklung der Familie Böll im Spiegel der globalen und insbesondere bundesdeutschen Öffentlichkeit. Thema waren hier u.a. die zahlreichen Diffamierungen im Kontext des Deutschen Herbst. Im Anschluss erfolgten zwei parallele Vortragsstränge (Deutsch, Polnisch). Im deutschsprachigen Teil wurde von Elsbeth Zylla (Berlin, Heinrich-Böll-Stiftung) die Verbindung zu Lew Kopelew auf Grundlage des Briefwechsels vorgestellt. Daran anschließend sprachen Paweł Piszczatowski (Warszawa) zu „Heinrich Böll und Paul Celan: zur Geschichte einer komplizierten Freundschaft“, Grażyna B. Szewczyk (Katowice) zum Gespräch zwischen „Heinrich Böll und Horst Bienek“ und zum Begriff der „Heimat“. Astrid Shchekina-Greipel (Freiburg) stellte in ihrem rezeptionsgeschichtlichen Ansatz „Heinrich Böll in den Augen des sowjetischen Kulturapparats“ dar. Ebenfalls zur Rezeptionsgeschichte trug Michal Skop (Katowice) vor und legte dabei den Fokus auf die Zeit in Polen nach 1989.

Leider fielen im Verlauf des Nachmittags zwei Vorträge kurzfristig aus. Der Beitrag von Krzysztof Okoński (Bydgoszcz) „’Wir müssen uns in Polen einmischen‘. Das Werk Heinrich Bölls und der gegenwärtige polnische Erinnerungsdiskurs“ schaffte es aufzuzeigen, dass man Böll durchaus auch mit neueren kulturtheoretischen Ansätzen produktiv diskutieren und neue Perspektiven generieren kann. In ähnlicher Weise schaffte es Bruno Arich-Gerz (Wuppertal) in seinem Beitrag „Von Wundern und Wirkungsmacht. Haus ohne Hüter (1954) und Sönke Wortmanns Spielfilm [Das Wunder von Bern; CF]“  in der Gegenüberstellung zu zeigen, wie sich die historische Perspektive in der Auseinandersetzung mit dem Thema Verlust der Vaterrolle im Zuge der Nachkriegszeit entwickelt und verändert hat. Tobiasz Janikowski (Kraków) beschloss den Vortragsteil mit seinem Beitrag „Die Gerichtsverhandlung als turbulentes Familientreffen. Die Eigen- und Fremdbilder in Bölls Erzählung Ende einer Dienstfahrt“. Im Anschluss folgte zur Veröffentlichung des Bandes Böll i Polska eine Lesung.

Fazit und Ausblick für das eigene Projekt

Der Besuch der Tagung in Kattowitz war insgesamt gewinnbringend. Es war wirklich sehr gut, einmal vor einem unbekannten Publikum mein Thema und erste Ergebnisse vorstellen und zur Diskussion bringen zu können. Ich bin mit meinem Vortrag gut in der Zeit geblieben und konnte auf Rückfragen entsprechende Antworten geben. Das Feedback im Anschluss war insgesamt positiv und ich konnte erste Kontakte knüpfen (u.a. René Böll, Erbengemeinschaft; Elsbeth Zylla, Heinrich-Böll-Stiftung; Ulrich Freitag, Köln-Kattowitz-Verein; Leszek Żyliński, Warschau und natürlich mit dem Tagungsteam rund um Renata Dampc-Jarosz vom Institut der Universität Kattowitz). Das Tagungsprogramm war inhaltlich zwar nicht so progressiv, wie ich es mir aus Sicht der Böll-Forschung erhofft hatte, aber insgesamt waren die beiden Tage anspruchsvoll, thematisch vielfältig, sehr gut organisiert und liebevoll gestaltet. Insbesondere der Eröffnungsvortrag war besonders aufschlussreich, wenngleich man für Details natürlich noch einmal in die Lektüre muss. Bis Ende des Jahres werden alle Beiträge dazu in schriftlicher Form gesammelt und im kommenden Jahr in deutscher und polnischer Sprache veröffentlicht.

Durch die Förderung seitens der a.r.t.e.s. international – for all Förderprogramms wurde mir so eine große persönliche Chance eröffnet, die für meine wissenschaftliche Arbeit einen Meilenstein darstellt. Darüber hinaus steht diese interkulturelle Erfahrung für ein Europa der Herzlichkeit und Gastfreundschaft. Als Erinnerung wird mich dies ein Leben lang in jeder weiteren Unterhaltung als Beispiel der Kostbarkeit des Friedens unserer Gemeinschaft grundlegend und über die Wissenschaft hinaus begleiten.