Es gibt keinen Anfang – ohne einen Anfang.

Es gibt keinen Anfang – ohne einen Anfang. Das klingt trivial, ist es aber nicht, denn als ich heute Morgen das Haus verließ, wusste ich nicht, dass ich abends nicht mehr heimkehren würde, weil ich es nicht mehr können würde und werde und ja, das Ende dieses Textes ist auch mein persönliches Ende und was übrig bleibt, sind allenfalls ein paar lateinische Zeichen, deren kombinatorische Bedeutung sich nur über das erschließt, was wir gemein das »Deutsche« nennen und dessen Natur sich gewaltsam der Schriftlichkeit widersetzt, die aber nur so überhaupt schafft zu zeigen, was Überzeitlichkeit sein könnte – wenn es sie gibt.

Vielleicht sollten wir noch einmal vorne Anfangen. Das ist dann natürlich kein echter Anfang mehr, sondern ein erzählter Anfang, aber nur so kommen wir vielleicht dazu, den entscheidenden Punkt im Verlauf des Heute und seiner Wendung verständlich zu entwickeln. Ich wachte gegen 05:03 Uhr und 48 Sekunden ziemlich präzise auf, drehte mich noch einmal um und merkte dann, dass die frische Luft, die durch mein Fenster zog kalt, aber angenehm war und ich beschloss jetzt schon aufzustehen, obwohl ich erst seit vier Stunden im Bett geschlafen hatte. Irgendwie wollte ich heute früher nach draußen als sonst. Manche würden jetzt – wenn man an das Ende denkt – von Schicksal oder göttlicher Fügung sprechen. Ich halte das für überflüssige Spekulation, denn ich kann es ja sagen: ich bin einfach aufgestanden, weil der Tag danach roch und im Erklären des Riechens habe ich mich erst drei Mal versucht, um zu erkennen, dass ich es wirklich besser lasse und einfach genieße, wenn es denn geht (es gibt ja auch sehr fiese Gerüche).

Nach dem Aufstehen stand ich länger als sonst unter der Dusche -. Nach dem Waschgang bei vierunddreißig Grad trocknete ich meinen nackten Körper mit dem Handtuch ab. Dabei fing ich wie immer zuerst am Kopf und bei den Haaren an, machte an den Armen weiter (erst Oberarm, dann Unterarm, dann Hände; erst linker Arm, dann rechter Arm), rieb mir den Bauch und den Rücken – in der Reihenfolge, fortlaufend nach unten – trocken und beendete das Ritual mich herabbeugend über die Beine bis hin zu den Zehen, zwischen denen ich sorgfältig gegen jede Feuchtigkeit vorging. Als ich mich wieder hoch gebeugt nackt im Spiegel ansah, stellte ich fest: Schönheit kommt von innen. In Zweifel geriet ich dann allerdings, als ich einen Pickel – nicht sehr groß, aber von dankbarer Gestalt, um ihn genussvoll auszudrücken und leer zu quetschen – auf meiner rechten Schulter entdeckte, dessen Substanz ich sogleich unter Druck zur Oberfläche durch die Haut verhalf. Es stellte sich dann Zufriedenheit ein und ich fragte mich, ob Eiter Schönheit ist. Währenddessen zog ich mich an und verließ das Haus.

Auf der Straße war noch nicht viel los, aber mehr als ich erwartet hatte – wobei: während ich darüber nachdachte, fiel mir auf, dass ich gar nichts erwartet hatte, sondern erst durch das Formulieren einer Erwartung darüber nachdachte, dass man etwas erwarten könne und das so eine Haltung möglich wäre, die mich voreingenommen hätte. Das erschien mir abwegig und ich stieg nach wenigen Metern an der frischen Luft in die Linie fünf ein, um bis zum Dom an den Hauptbahnhof zu fahren. [Ja, diese Geschichte spielt in Köln.] Dort hätte ich meinen Zug genommen, wäre ich wie immer irgendwo hingefahren, um abends wieder nach Hause zu kommen und zwischendurch ein paar Dinge zu erledigen, für die man mich bezahlte, damit ich sie nicht verstand, aber tat. Allerdings fiel heute nicht der Zug aus, wie manchmal im Winter, sondern mein übliches Leben. In der Situation, in der ich mich befand wurde mir ganz plötzlich klar, dass dieser achte April kein alltäglicher Tag in meiner Biographie sein wollen würde, was ich wiederum sympathisch fand, denn es machte ihn menschlich und als Mensch war ich davon überzeugt, dass es bestimmt ganz toll werden würde und stellte dann fest, dass ich den Tag menschlich machte, weil ich ein Mensch war und das war immerhin gut zu wissen.

Ich muss ein wenig ausholen, bevor ich wirklich zum Ende kommen kann.
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Wem dies jetzt schon reicht, der kann folgende Optionen als Ende wählen:
a) Ich wurde von einem herbeieilenden Pendler vor einen einfahrenden Zug geschubst, den ich verpasst hätte, wäre ich nicht früher ins Büro gefahren, wo ich ja so gar nicht ankam.
b) Als ich ein wirklich schönes Mädchen sah, bekam ich spontane Atemnot – es wäre zu klären, ob aus Neid oder Freude – die sich im Herzversagen krönte.
c) Keine der Optionen gefallen mir, deshalb erschoss mich ein vorbeilaufender Jäger, weil er mich für einen stattlichen Krüppel aber gerade deshalb so kapitalen Festtagsbraten hielt.
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Kommen wir nun also zu dem Punkt, der an diesem Tag die Veränderung bedeutete und – ich muss an dieser Stelle schon warnen: es wird verdammt kitischig und fast nicht zu ertragen – die entscheidende Wendung in meinem Leben markieren sollte:

Wir setzten uns gegenüber, ich fuhr nicht auf die Arbeit sondern mit in ihr Zimmer und blieb einfach dort und fühlte mich ganz edel als Nuttenkollege, denn ich bezahlte ihre Liebe mit meinem [alten] Leben und sie mit ihrem.

Nachwort:
Ach ja, ich hatte ja am Anfang versprochen, dass ich vom Ende erzählen würde: Ich bin am Ende und das ist jetzt wirklich überraschend: Es ist auch ein Anfang…