Man erfährt erst über die Fremdheit, wie viel man nicht kennt oder anders machen muss.

Es ist nicht einfach so gesagt. Schon gar nicht erzählt. Wir haben uns oft getroffen, ich glaube es war ein – ein Dienstag. Ich war ganz anders und Du warst mir neu. Irgendwie kamen wir dennoch auf einen gemeinsamen Nenner. Eine dieser Aussagen der Mathematik, die den Alltag durchzieht. Auch bei den Menschen mit Mathe stets fünf ist das ein gängiges Bild. Warum auch immer. Was das heißt, weiß ich ja selbst nicht. Es ist eine Form des Hilfsbegriffs. Eine Substituente für das eigentlich Andere, um einmal im Fach zu bleiben.

Dass es dunkel war, trotz der sommerlichen Temperaturen, bemerkte man kaum. Die Leuchtreklame über dem Eingang warf ein Neonlicht auf Dein Gesicht. Es war das einer Unbekannten und ist es immer geblieben, denn man schreibt nie eine Geschichte nur über ein Mädchen. Mehr schreibt man die Geschichten über sich selbst. Als Autor ist man immer Narzisst und Egozentriker an erster Stelle. Man redet auch so viel über sich selbst und seine Welt, die überhaupt nichts Besonderes hat. Ich bin ein Wohlstandskind und so schmeckt meine Melancholie mehr nach unreifen Bananen, denn nach schimmelndem Brot. FirstWorldProblems ist der Begriff dafür in der neuen Welt, die digital ist. HashtagFWP. Wie Du in der Tür standest, mit der Tasche über der Schulter, neben Dir die Freundin, das war mehr als ein Schlagwort, wobei der Schlag in unikalen Momenten doch immer durch den Körper fährt. Manchmal merkt man es gar nicht, aber Vater Zeus hat immer noch was im Köcher. Köcher, Moment mal, das war doch Armor. Armor war an diesem Abend aber wo anders. Wir standen auf der Schwelle „Zum Goldenen Schuss“, aber der Wirt war ein unfreundlicher Mensch und wir waren schon längst nicht mehr nüchtern. Es war kurz nach halb elf, als wir vor der Tür spielen wollten. Das geht in keinem Wohngebiet hier in Deutschland. Da kommen Ordnungsamt, Polizei oder aufmerksame Bürger oder gleich alle zusammen. „Das fällt auf uns zurück“, sagte der Junge, fast Hipster, auf jeden Fall jemand, der was zu sagen hat und er fuhr fort: „Geht doch bitte woanders spielen.“ Mein Vorschlag, wir könnten ja zwei Lieder in der Bar spielen, wurde kalt abgewiesen, wobei ich den Aufseher mit einem provokanten Streicheln über den Bauch aus der Fassung bringen wollte. Es gelang nicht und uns war das auch zu dumm hier.

Es sagt einiges über die Musikkultur aus, wenn man lieber tote Bänder laufen lässt, als Menschen mit Gitarren, die scheiß Musik spielen, dafür aber ihr Leben geben würden. Wachstum und Leben hängen immer noch mit dem Verb leben zusammen. Egal, wir waren nicht premium und sind es bis heute nicht. Mit dem Kiosk-Bier in der Hand war der Abend noch lange nicht an das Ende gekommen. Das unbekannte Gesicht waren eigentlich zwei. Aber wie das immer so ist, man würdigt nicht alle entsprechend. Platz, Musik spielen, Ordnungsamt – um die Erzählung zu raffen. Wir sind in Deutschland, der Sommer ist kalt und der Regen ist dabei das kleinste Problem. Ich bin ja selber meist so ein Regelfeti. Das ist das eigentlich Schreckliche. Wenn man seinen eigenen Fetisch entdeckt und abartig findet, aber nicht so ganz. Es ist eine Hassliebe. Es ist gar keine Liebe, wenn ich so darüber nachdenke und ich habe auch keinen Fetisch, nur weil ich manche Regeln gutheiße.

Die Wechselwirkung der Gedanken war an dem Abend, als das Neonlicht auf ihr Gesicht schien, ganz kurz vergessen. Alles war ganz kurz anders und die Europa herrschte mehr als ihr Mythos. Während Armor also Fernost war (so spricht man im Ghetto, wenn man erzählt, dass er einen Urlaub im Fernen Osten gemacht hat), die offiziellen und inoffiziellen Aufseher sich die Klinke in die Handgaben, obwohl keine Türen in Sicht, und als wir versuchten Musik zu machen, da begannen die surrealen Tage sich einmal mehr zu überwinden. Dass eine Steigerung möglich gewesen wäre, das hätte ich nicht geglaubt, aber in diesem kurzen Moment geht ein Blitzschlag durch wen oder was auch immer. Die Schwelle lässt uns nicht in den Raum gehen, sondern umkehren und wir gehen zum Kiosk kaufen Bier und was danach passiert, ist alles gesagt oder nicht zu erzählen. Nicht, weil es gegen ein Protokoll ginge, Geheimnisse enthüllen oder Menschen ins Verderben stürzen würde. Ganz bestimmt nicht.

Der Grund, warum man das eigentlich nicht erzählen kann ist viel einfacher. Es passiert so viel, wenn etwas neu ist und alle Worte die ich kannte oder kenne entstammen der Gewohnheit. Es ist alles Bekanntes und doch sind die Momente der kurzen Alterität so anders, so fremd. Man erfährt erst über die Fremdheit, wie viel man nicht kennt oder anders machen muss. Lieber Leser, an dieser Stelle muss ich um Entschuldigung bitten: Ich habe mich verloren. Eigentlich wollte ich eine ganz andere Geschichte erzählen. Viel einfacher und dann stürze ich immer wieder in dieses Nichts. Die Sprachlosigkeit und meine ganz persönliche Krise, dass ich die Worte nicht finde oder wenn, dann nicht gut. Ich will es noch einmal versuchen.

Also: Als ich Dich traf, es war auf der Schwelle „Zum Goldenen Schuss“, da war die Tage zuvor schon sehr viel passiert. Alles zu erzählen muss ich an anderer Stelle versuchen. Es fühlte sich dennoch alles so surreal an und ich war nach Jahren des Zweifelns endlich aus einem Tal der Suche im Aufstieg begriffen und musste feststellen, dass ich anscheinend immer nur auf einen der Berge gestarrt hatte. Und dieser Berg war nun nicht der, den ich besteigen sollte. Meine Berge sind blanke Phantasie, alle anderen – sie sind noch viel phantastischer. Als ich dann das Mädchen auf der Türschwelle sah und wusste: das ist Europa, da hatte ich keine Gedanken wie Macht und Besitz, schon gar nicht Gewalt. Ich bin auch nicht der Vater der Götter. Schon gar kein Grieche.

Dennoch verhielt sich das Ganze als Überraschung, von der ich insgeheim wusste, die mir aber dann doch frischer erscheinen sollte, als ich es hätte denken können. Das ist das Leben, denke ich Tage später, aber da sind wir noch nicht. Es gibt noch ein paar Dinge zu erzählen, denn wir verließen den Schuss, ohne darin gewesen zu sein. Gingen zum Platz und spielten Musik. Landeten im Stiefel ganz kurz und fuhren dann als Gruppe nach Hause. Noch bevor wir die Betten erreichten, sangen wir an der U-Bahn-Haltestelle, mitten in der Nacht war das mehr Kapelle als Kalk. Dann waren auch wir müde und schliefen schnell ein, wenn nur kurz. Du warst früh weg und ich kurz danach. Als wir uns abends wieder begegneten, war ich schon zu Hause und öffnete die Tür. Du sagtest: „Was war das denn?“ und fandest die richtigen Worte, ich wusste was sie meinen und kann es einfach so nicht schreiben, wie es wirklich war.